So eine dumme Überschrift… 13. Juli, 2009
Posted by Rika in aktuell, gesellschaft.trackback
… im Verhältnis zum Artikel selbst habe ich lange nicht gelesen!
Da schreibt Spon lang und breit über den neuen Vertrag zu „Nabucco“ – womit natürlich nicht die gleichnamige Oper gemeint ist, sondern ein neues Pipeline-Projekt - und er titelt den Artikel geradezu übermütig (folgt man den weiteren Ausführungen) mit „Europa emanzipiert sich vom russischen Gas“. „Toll! Klasse, prima!“, mag man da denken, „Emanzipation ist etwas Wunderbares“, mag man glauben. In meinem früheren Leben an einer hessischen Sonderschule habe ich zur zweiten Lehrerprüfung als pädagogisches Thema „Erziehung zur Emanzipation“ gewählt, was damals vor über 30 Jahren ungeheuer fortschrittlich war
, meinen Schulrat aber auch zu der Bemerkung verleitete, dass streng genommen die Übersetzung aus dem Lateinischen nichts anderes bedeutete, als „aus der Hand geben“, womit die alten Lateiner in erster Linie die Entlassung eines Sohnes oder eines Sklaven aus der väterlich-hausherrlichen Verfügungsgewalt in die Selbstständigkeit meinten! (Die Emanzipation des Mädchens / der Frau hatte damals wohl noch keine Mensch im Sinn!)
Nun kann und wird es in der Pädagogik ja durchaus sinnvoll sein, dass man Kinder und Schüler „aus der Hand gibt“, sie ermutigt, ermuntert und dazu befähigt, das Leben in die eigene Hand zu nehmen, und auch in anderen Felder des Lebens und des Umgangs mit Problemen ist die Übernahme von Verantwortung für das, was im eigenen Zuständigkeitsbereich liegt, sicher sehr empfehlenswert. So gesehen mag auch die Emanzipation vom russischen Gas sinnvoll und wichtig sein. Folgt man aber dem Spiegelartikel weiter, so erfährt man, dass zwar die Pipeline als emanzipatorischer Akt gebaut werden soll – ganz ohne Russland natürlich -, aber es noch völlig offen ist, woher denn das Gas eigentlich kommen soll.
Woher soll das Gas für Nabucco kommen? Die Europäer hoffen auf zentralasiatische Quellen, zum Beispiel aus Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan. Feste Zusagen gibt es aber nicht – zumal auch China, Pakistan und Indien großes Interesse an den zentralasiatischen Vorkommen haben.
Mit auf der Kandidatenliste für mögliche Lieferungen stehen neben dem Iran – ja, genau DER IRAN!!! – so politisch wie wirtschaftlich zuverlässige und stabile Länder wie Turkmenistan, Kasachstan, Usbekistan.
Sicher dabei ist nur Aserbaidschan. Die Lieferungen aus dem kleinen Land dürften aber kaum ausreichen, um die Pipeline zu füllen. Langfristig soll Nabucco jährlich 31 Milliarden Kubikmeter Gas aufnehmen – Aserbaidschan kann aber vermutlich nur vier Milliarden Kubikmeter bereitstellen. Ein möglicher Partner wäre Iran – das Land verfügt über enorme Gasvorkommen. Wegen der angespannten politischen Beziehungen gilt Iran aber nicht gerade als Wunschlieferant.Immerhin: Turkmenistan kommt den Nabucco-Betreibern immer stärker entgegen. Das energiereiche Land verfügt nach jüngsten Untersuchungen von Geologen über genug Erdgas, um sich an möglichen Lieferungen nach Europa zu beteiligen. Das habe der turkmenische Präsident Gurbanguly Berdymuchammedow in der Hauptstadt Aschchabad gesagt, meldete die Agentur RIA Nowosti am Samstag.
Da freut man sich doch über die gelungene Emanzipation von Russland, kann man doch nun getrost in die Abhängigkeit sehr solider Gaslieferländer eintreten. (Das mit der Hintertür, der in beide Richtungen möglichen Lieferungen – der Spiegel meint, es könne ja auch Gas aus Norwegen nach Usbekistan geliefert werden, oder so ähnlich -, ist doch einfach nur Augenwischerei, die die extrem hohen Kosten für den Bau der Pipeline als „Geschäft“ erscheinen lassen soll oder kann!)
Aber es geht mir in diesem Beitrag nicht in erster Linie über die überaus schwierigen und komplizierten Versuche, die Energieversorgung der Zukunft zu sichern – z.B. wäre es ja auch eine Art von Emanzipation, alternative Energiekonzepte mit den Unsummen zu fördern, die diese Pipeline kosten soll, von der man ja nicht mal sicher zu wissen scheint, ob jemals Gas durch die dicke Röhre fließen wird -, es geht mir um die Redlichkeit in der Berichterstattung und darum zu zeigen, wie mit Worten jongliert wird, um eine positive Stimmung zu erzeugen, völlig unabhängig davon, ob Schlagworte mit Inhalt und Gehalt der eigentlichen Aussagen kompatibel sind, darum, dass eine kritische Distanz zu dem Projekt selbst nicht genügend erkennbar ist und aus welchen (politischen?) Gründen auch immer über ein Vorhaben in einer Weise berichtet wird, die die möglichen Risiken und Gefahrenquellen in der Zukunft einfach ausblendet. Vielleicht bin ich aber einfach nur ziemlich kleinkariert und bringe nicht genug Phantasie und Begeisterung für die Emanzipation vom russischen Gas, äh, für die schlagkräftig-überzeugende Berichterstattung eines Spon-Artikels auf.
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So geht es übrigens auch!
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PS Selbstkristisch bis zur Selbstaufgabe beschleicht mich die leise Sorge, ob denn wohl meine Überschrift zum Blog-Beitrag nicht auch … na, Ihr wisst schon….
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