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kinder … so verloren 28. März, 2007

Posted by Rika in aktuell.
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über sternstunden schrieb Lila in ihrem blog

ja, die gibt es, gibt es auch an meiner schule. und wenn sie sich ergeben, leise, unspektakulär, zart und schön, bin auch ich glücklich. wer wäre es nicht!

die sternstunden an meiner schule sehen jedoch anders aus und auch die wirklichkeit meiner schüler ist eine andere. es sind junge menschen, die an anderen schulen immer wieder gescheitert sind, die mit ihren emotionen nicht klar kommen, die zuschlagen oder abtauchen, wenn man ihnen zu nahe kommt, denen die harten worte leichter über die lippen kommen als ausdrücke der freude oder der zärtlichkeit. für die es ein guter tag ist, wenn sie mal nicht in konflikte verwickelt sind, wenn sie sich nicht von mitschülern bedroht fühlen – sie fühlen sich fast immer bedroht, weil sie in ihrem leben von eltern und geschwistern schon so viel gewalt, verbale wie körperliche, erlebt haben, dass sie nahezu jede form der kontaktaufnahme schon als bedrohung wahrnehmen, empfinden, auch wenn das gegenüber eindeutig nicht mit bösen oder schlechten absichten kommt.

die kinder meiner schule erleben den mangel hautnah, den mangel an liebe, an zuwendung, an zärtlichkeit, mangel an gespräch und mangel an zuhören, an verständnis, an offenheit für ihre sorgen, ängste, nöte. die kinder meiner schule leiden not, seelische not, soziale not, emotionale not. sie sind bei uns „gelandet“ und und wir hoffen, dass sie es tatsächlich als landung erleben und nicht als ein gestrandet sein, ein scheitern, ein endgültiges aus! landung bedeutet für schiffe und seefahrer sicherheit. und auch unsere schüler brauchen Sicherheit mehr als alles andere. verlässliche beziehungen, zuverlässige erwachsene, regeln, auf die sie zurückgreifen können, menschen, die ihnen zuhören, sich ihrer annehmen, auch dann noch ansprechpartner bleiben, wenn sie, die mitarbeiter der schule,  übel beschimpft werden, verantwortlich gemacht werden, für den frust den die kinder der schule wegen empfinden.

es war am letzten schultag vor den osterferien. ich wollte mit meiner hauswirtschaftsgruppe muffins backen und schickte zwei schüler zum nahegelegenen supermarkt, um noch buttermilch und bananen zu kaufen. die schüler waren mit den einkaufsregeln vertraut und ich vertraute ihnen. die zeit verging und die schüler kamen nicht zurück. stattdessen ein anruf im sekretariat der schule vom marktleiter des supermarktes. als ich im büro des marktleiters eintraf, standen sie da, zwei unglückliche zwölfjährige. der eine, schüler A, hatte den anderen, B, zum diebstahl überredet – und ließ dann den dieb im regen stehen, behauptete, er habe den mitschüler zum kaufen einer kassette aufgefordert und der habe sie dann eingesteckt, was von dem anderen wieder und wieder bestritten wurde. er war von A so unter druck gesetzt worden, dass er die kassette, die A aus dem regal genommen hatte, schließlich einsteckte. der „dieb“ war nur noch ein häufchen unglück, vom detektiv des hauses beim klauen erwischt, vom mitschüler hängengelassen. er hatte auch gegen alle schulregeln verstoßen und wußte das. der markt wird eine anzeige erstatten, ich muß einen bericht schreiben, die akte wird noch dicker werden.

ich wußte nicht was mich mehr entsetzte, traurig machte, ärgerte, der diebstahl oder der gemeine verrat des einen schülers am anderen. mir war zum heulen, und wieder einmal fühlte ich die ohnmacht, nichts, aber auch gar nichts langfristig erreicht zu haben. wochenlang war alles gut gegangen, wochenlang hatten die beiden gut gearbeitet. und nun das.

es ist so fürchterlich frustrierend, kraft und energie und hoffnung und zuversicht jeden tag neu einzubringen – und am ende werden doch sehr viele unserer schüler stranden, auf der straße, in der prostitution, im knast. und dann wird es keine einrichtung wie unsere schule mehr geben, in der lehrer und pädagogische mitarbeiter immer wieder neu versuchen, die destruktiven strukturen, die die kinder schon im elternhaus kennengelernt und verinnerlicht haben, aufzuweichen, zu verändern, positiv zu wenden. neue verhaltensweisen aufzubauen, den selbstwert zu stärken, soziales handeln zu üben, einen freundlichen umgang miteinander zu ermöglichen und ihnen beizubringen, dass regeln auch schutz bedeuten und nicht nur dazu da sind gebrochen zu werden.

am gleichen tag war eine ehemalige schülerin mit ihrer kleinen tochter bei uns in der schule zu besuch. sie lebt mit ihrem freund zusammen, ohne arbeit mit hartz 4 … kann ich von einer sternstunde sprechen, weil ich gesehen habe wie liebevoll die junge mutter mit ihrer kleinen tochter umgeht? oder ist auch das hoffen gegen alle sonstigen erfahrungen?

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Kommentare»

1. Ich mag den Kerl nicht… « himmel und erde - 2. Oktober, 2009

[…] will nicht verhehlen, dass ich jederzeit eine Lanze breche für die, die im Leben nicht auf der Sonnenseite stehen, die nicht mit der nötigen Power und Intelligenz gesegnet sind, um im alltäglichen Leben […]


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