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alles erlaubt …? 4. August, 2008

Posted by Rika in Allgemein.
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In der schöpferischen Pause nach dem Frühstück heute Morgen blätterte ich in der neuen Ausgabe ( August 2008 ) von

zeitzeichen – Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft“ (im link die Juli-Ausgabe, der August ist noch nicht online)

und blieb an der Überschrift hängen: „Eine Frage der Ehre – Verletzte Gefühle: Was darf die Kunst im Umgang mit Religion?“

Petra Bahr, die Kulturbeauftragte der EKD, nimmt in dem Aufsatz Stellung u.a. zu der Frage: „Wo verläuft die Grenz zwischen kalkulierter Kritik und der reinen Lust an der Provokation?“

Ihr nachdenklich stimmender Beitrag ist ein Plädoyer für die Kunstfreiheit. Zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen macht sie den „geschichtsträchtigen Prozess“ um den Maler George Grosz, der  mit der Darstellung des „sterbenden Christus am Kreuz, die Gasmaske vor dem Gesicht“ für Empörung unter seinen Zeitgenossen gesorgt und sich die Anklage, gegen den Blasphemie-Paragraphen verstoßen zu haben, eingehandelt hatte. Der Prozess dauerte drei lange Jahre; Kurt Tucholsky war sein berühmtester Beobachter und Berichterstatter. In dem Prozess ging es , so Frau Bahr, in letzter Konsequenz um die Frage der künstlerischen Freiheit.

„Wieviel Satire verträgt die Religion?“, differenziert Frau Bahr diese Frage aus, und

„Wo läuft Kunst zu Recht Sturm gegen problematische religiöse Festlegungen und Interpretationsverbote, um so den verschütteten Sinn religiöser Grundfragen aus dem Geröll bürgerlicher Gewohnheiten zu befreien und wo spielt sie, um der Effekte willen, leichtfertig und unernst mit Stoffen, die Menschen der letzte Sinn Im Leben und Sterben sind? …

Und wo verläuft die Grenze zwischen kalkulierter Kritik und der reinen Lust an der Provokation, bei der die öffentliche Erregung nicht nur billigend in Kauf genommen wird, sondern die Erregung selbst das Ziel der Aktion ist?“

Das Gericht entschied damals zugunsten des Künstlers.

Bittere Ironie der Geschichte: unter den Nationalsozialisten musste Grosz sich des Vorwurfs der „entarteten Kunst“ erwehren, seine Bilder wurden aus den Museen entfernt (er selbst hatte Deutschland bereits verlassen).

„Jetzt ist nicht mehr das Christentum beleidigt, jetzt verletzt seine Kunst das Deutschtum.“ (Bahr)

Der Blasphemieparagraph ist inzwischen abgeschafft und „das Problem der Blasphemie schien selbst zu den Geschichtsakten gelegt zu sein, wie der alte Paragraph“, sagt Frau Bahr und weist darauf hin, dass sich das in den letzten Jahren dramatisch verändert und mit dem Karikaturenstreit eine neuerliche Zuspitzung erfahren habe und angesichts der Ermordung van Goghs die alte Debatte neu entbrannt sei, „ob die Gefühle religiöser Menschen nicht besser geschützt werden müssten“.

Spannend ist für mich dieser Aufsatz ..

…vor dem Hintergrund der in diesen Tagen auch in der „Blogwelt“ veröffentlichten und diskutierten Aktion Paul Zachary Myers, der ein „Müllkunstwerk“ produzierte aus einer Hostie, einigen Koranseiten, Bananenschalen und Kaffeesatz und dies alles öffentlich mitteilte, wohl mit dem erklärten Ziel, Reaktionen der durch die „Schändung“ betroffenen Religionsgemeinschaften herauszufordern. Katholiken reagierten empört, Muslime ließ das alles kalt, was was zu den wildestens Spekulationen hinsichtlich der Ausprägung religiös begründeten Fanatismus führte.

Aber genau dies, die augenfällige Lust an der Provokation einerseits und die (dadurch) verletzten (religiösen) Gefühle andererseits nimmt Petra Bahr näher in Augenschein, weist u.a. auf die ungehaltene Rede Christine Schirrmachers hin (Muslime hatte die Rede verhindert), auf den Protest der Aleviten gegen einen „Tatort“, in dem sie sich in einem negativen Licht dargestellt sahen, auf eine verbotene Kunstperformance zum öffentlichen Sterben und schreibt:

„Die Fälle haben nur auf denersten Bllick nichts gemeinsam. Auf den zweiten Blick gibt es zwischen ihnen einen unheimlichen Konsens. Im Zentrum steht nämlich das religiöse Gefühl, das verletzt ist. Nie waren religiöse Gefühle so öffentlich wie zurzeit.

In den neuen Konflikten … treten sie anders auf: als kollektive Erregungszustände und als gemeinschaftliche Empfindlichkeiten, auf die man sich mit Macht bezieht. Die Gefühle, die verletzt sind, brauchen nicht einmal eine argumentative Erklärung. Was beleidigt und warum, muss nicht erklärt werden. Es reicht der empörte Hinweis auf die beleidigte Seele, und schon ist der Skandal da. (Hervorhebung von Rika)

Diese Entwicklung vollzieht sich allmählich, sollte aber Grund zur Sorge sein. Die neue Lust an der Eskalation verschärft nämlich die Konflikte einer multireligiösen Gesellschaft. (Hervorhebung von Rika)

Im weiteren Text versucht Petra Bahr eine Deutung der Entwicklung; sie vermutet in einer Gesellschaft, die sich wechselseitig verletzte Gefühle vorwirft, einen „Ehrdiskurs, „der zu keiner Relativierung mehr fähig ist“ und führt weiter aus:

„Die Kategorie der Ehre ist aber nicht individuell. Sie ist eine Kategorie, die sich ursprünglich auf Sippe und Familie und heute zunehmend auf Gruppen und Gemeinschaften bezieht. Im Western ist die Sache klar: Auf Beleidigung folgt Gegenbeleidigung, auf gekränkte Ehre eine Gegenkränkung – und dann kommt das Duell.

Wir ach so Modernen mögen uns die Augen reiben, aber dieser Mechanismus greift immer mehr um Raum. …zeigt die verbotene Rede Christine Schirrmachers, wie sehr Angst und die Vorwegnahme möglicher Folgen inzwischen auch unser Handeln regieren. Kunst rüttelt an Tabus, Reden können provozieren, Bilder ans Allerheiligste rühren.“

Und dann zitiert sie den Historiker Timothy Garton Ash, der den Aufstand um die verletzten Gefühle „als ‚Tyrannei des Gruppenvetos‘ bezeichnet hat“. (Hervorhebung von Rika)

„‚Man vereinigt alle Tabus und man erhält eine gewaltige Herde heiliger Kühe. Nun lasse man den verschreckten Kindermädchenstaat all diese Tabus in neue Gesetze oder bürokratische Verbote einschließen, und heraus kommt ein drastischer Verlust an Freiheit:'“

Kunst- und Redefreihei, meint Frau Bahr, sei auch für nichtreligiöse Menschen mitunter eine große Zumutung.

Die Herausforderung, der wir alle uns stellen müssen, ist aber die, diese Zumutungen nicht in Verbote zu überführen, die zu einer stetig anwachsenden Beraubung unserer geistigen und tatsächlichen Freiheiten führen würde.

Frau Bahr plädiert dafür, der Aufgeregtheit mit „alten Tugenden“ zu begenen, inne zu halten, den Affekten keinen Raum zu geben, sie vielmehr zurück zu drängen durch nüchterne Besonnenheit, „Distanz vom eigenen Gefühl“ zu erlangen und so, so habe ich sie jedenfalls verstanden, den virulenten Kreislauf von verletzten Gefühlen, Angst und Affekten zu entschleunigen.

Und sie hofft:

„Respekt und Freimut, aber auch Gelassenheit und Humor könnten die neuen Tugenden werden, mit denen sich unsere Gesellschaft aus den Fängen der Angst und Gruppenerregung befreit.“

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Kommentare»

1. germanpsycho - 10. August, 2008

Sie wissen doch: Es MUSS in diesem Land doch mittlerweile auch erlaubt sein, wieder Kritik an den Juden üben zu dürfen, weil sie ja nunmal objektiv gesehen am Übel der Welt schuld sind. Durch ihre Existens. Diese Drecksäcke! 😉

Man kann es einfach drehen und wenden wie man will, Israel könnte Mutter Theresa nachahmen, aber selbst dann würde man anprangern, daß sie das nur aus Propagandagründen täten.

2. Rika - 11. August, 2008

Mhhh,
in dem von mir zitierten Beitrag geht es nicht um die Kritik an Israel …

Vielmehr geht es darum, achtsam zu sein, damit nicht eine religiös motivierte und / oder begründete Zensur jegliche freie Meinungsäußerungen unmöglich macht … und das zielt in erster Linie auf den fundamentalistischen Islam, meinem Verständnis nach, und in zweiter Linie auch auf extrem fundamentalistische Positionen kleiner christlicher Gruppierungen.

Vielleicht haben Sie sich mit ihrem Kommentar im Beitrag geirrt?
Der Kommentar passt vom Tenor her nämlich mehr zu „Es hätte mich auch sehr gewundert“.

Inhaltlich stimme ich Ihnen allerdings vollkommen zu!

3. germanpsycho - 11. August, 2008

Verdammt. Ich habe mich in der Tat verklickt und meinte den anderen Beitrag. Naja – lassen wir doch dieses als Beweis meines momentan untragbaren Geisteszustandes stehen…

Interessanterweise bemerke ich gerade, daß ich diesen Beitrag noch gar nicht gelesen habe. Äh. Ich bin verwirrt. Daran sind aber auch die schuld 😉


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