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„Bildungsprogramm“ Teil III … 23. August, 2008

Posted by Rika in judentum.
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Mein Erstaunen war groß als ich heute ein Päckchen aus dem Briefkasten fischte, dessen Inhalt sich nach dem Öffnen als „DAS“ Bildungsprogramm entpuppte, das Anlass zu heftiger Kritik gewesen war und über dessen „Katalog-Auftritt“ ich erst vor ein paar Tagen hier berichtet hatte …

Noch größer war mein Erstaunen als sich laut Lieferschein herausstellte, dass dieser Lieferung eine (angebliche) Bestellung vom 17.01.2008 zugrunde liegt – ich kann mich nämlich beim besten Willen nicht daran erinnern, einen derartigen Lieferauftrag getätigt zu haben, schon gar nicht bei dem Versand (pädexpress), der mir das Päckchen heute zustellen ließ … ich kaufe nämlich nahezu ausnahmslos alle meine Bücher entweder in einer meiner beiden Lieblingsbuchhandlungen vor Ort oder bei der Versandbuchhandlung des Oncken-Verlags in Kassel!

Wie dem auch sei, der im Januar / Februar verfügte Lieferstopp scheint nun aufgehoben und das Buch liegt mir vor.

Das Buch selbst ist allem Augenschein nach völlig unverändert

– und auch die beanstandete Methode zur Aufarbeitung des christlich begründeten Antisemitismus ist nach wie vor und unverändert Teil des Bildungswerkes. Dem Buch beigelegt ist aber eine 13 Blatt/Seiten starke Lose-Blatt-Sammlung, die auf der ersten Seite einen insgesamt ACHT ZEILEN kurzen Hinweis auf den Fehler auf den S. 52/53enthält, verbunden mit der knappen Bemerkung „zu unserem Bedauern“ und der Feststellung, dass die Arbeit mit Jugendlichem zu dem Thema Antisemitismus „pädagogische Sicherheit erfordert“ und nicht „ohne Einarbeitung und Sachkenntnis erfolgen sollte“.

Die Blätter 2,3 und 4 widmen sich grundsätzlichen ergänzenden „Erläuterungen zum Einsatz der Methoden“ (Bl.2) und liefern „Ergänzende Hinweise zu einzelnen Methoden“ (Bl. 3 und 4)

Bl. 5 – 9 enthalten die vollkommen neue Überarbeitung der berüchtigten „Matthäus-Passion-Methode“, die sehr ausführlich auf die „historische Situation in Judäa zu Beginn der (christlichen) Zeitrechnung“ eingeht, Bezug nimmt auf den „Ursprung des Christentums aus dem Judentum“ und die „Trennung des Christentums vom Judentum“.

Es wird in den Erläuterungen deutlich, dass die Evangelien als historisch authentische Quelle untauglich sind und die Darstellungen der Bibel über das Geschehen um die Kreuzigung Jesu auch keinem journalistischen Tatsachenbericht entsprechen. (Die Intention des NT ist ja nicht die eines Geschichtsbuches oder eines theologischen Sachbuches!)

Nach jüdischem Rechtsverständnis, so der Text der zusätzlichen Erläuterungen, kann der im NT geschilderte Prozess, in dessen Verlauf Jesus zum Tode verurteilt wurde, so nicht stattgefunden haben. Dieser Argumentation kann man mühelos folgen und sie trägt nicht unerheblich zur Entkräftung des (alten christlichen) Vorwurfs bei, die Juden hätten Christus umgebracht.

Für gläubige Christen andererseits, die im Tod und der Auferstehung Jesu Gottes Wirken und seinen Heilsplan für die gesamte Menschheit sehen und auch für sich in Anspruch nehmen, geht mit dieser Argumentation nichts von der „Botschaft vom Kreuz“ verloren.

Doch der in vielen Jahrhunderten gepredigte Vorwurf des Heilandsmordes, der zu blindwütigem Hass gegen die Juden führte und sich in Gewalttaten und Morden austobte und einem antisemitischen Rassenwahn Vorschub leistete, der zur beinahe völligen Vernichtung der europäischen Juden führte, dieser Vorwurf, das machen die Erklärungen deutlich, muss mit Entschiedenheit zurück gewiesen werden. (Das war ja die ursprüngliche Intention der Methode, die aber in ihrer Darstellung und Ausarbeitung so kläglich an ihrer Zielsetzung scheiterte!)

Die restlichen ergänzenden Blätter liefern ein gutes und ausführliches Verzeichnis der weiter führenden Literatur zu den verschiedenen Schwerpunkten des Bildungsprogramms!

Völlig klar ist aber auch, dass das Bildungsprogramm KEIN Sachbuch zum Thema Antisemitismus im herkömmlichen Sinn ist, sondern tatsächlich „NUR“ eine Methodensammlung, eine Handreichung für Leute, die, bereits am Thema interessiert, über ausreichend gute Informationen zum Antisemitismus und zur jüdischen Geschichte – und zum speziellen „christlichen Antisemitismus“ auch über Kenntnisse des Neuen Testaments und der christlichen Geschichte – verfügen,

und die reichlich Erfahrung sowohl im Umgang mit Jugendlichen und/oder Schülern, wie auch mit dem Einsatz solcher oder ähnlicher Methoden aus der Erarbeitung (selbst völlig) anderer Themengebiete haben. Für diesen Personenkreis bietet das Bildungsprogramm Anregungen, die sich mit einigem eigenen Engagement gut in die Praxis umsetzen lassen. (In etwa vergleichbar den Stundenentwürfen für Lehrer verschiedener Schulformen, die ja auch kein Lehrbuch über den INHALT der jeweiligen Unterrichtsstunden ersetzen können und die die Grundkenntnisse des Lehrenden zum Thema eines Unterrichtsentwurf voraussetzen!!!)

Es ist aber überhaupt nicht für Leute geeignet, die mit Hilfe der dargestellten Methoden erstmalig in das derart komplexe Thema „Antisemitismus“ einsteigen wollen!

Für „Einsteiger“ sind die Literaturangaben interessant – aber lesen müssten sie die Bücher schon, vermittelt sich doch auch der Inhalt eines Buches nicht über den Titel!

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Kommentare»

1. Yael - 25. August, 2008

„sondern tatsächlich “NUR” eine Methodensammlung, eine Handreichung für Leute, die, bereits am Thema interessiert, über ausreichend gute Informationen zum Antisemitismus und zur jüdischen Geschichte – und zum speziellen “christlichen Antisemitismus” auch über Kenntnisse des Neuen Testaments und der christlichen Geschichte – verfügen.[…].“

Die Frage ist dann, ob sich diese Pädagogen auch daran halten.
Du weißt doch, LehrerInnen wissen immer alles besser. ;))

2. Rika - 26. August, 2008

@
„Die Frage ist dann, ob sich diese Pädagogen auch daran halten.
Du weißt doch, LehrerInnen wissen immer alles besser. ;))

äääähhh, jein 😉
Das hängt mit der dichterischen, respektive pädagogischen Freiheit zusammen, die man als Lehrerin IMMER 😉 anführen kann, wenn man ein bisschen vom Weg abweicht —
ist natürlich auch ganz sinnlos nicht, weil ja nun mal jede Schulklasse und jede Schülergruppe anders ist und nicht immer und in jedem Fall ins Raster der „NORM“ passt. Bei Menschen funktioniert es eben mit der „Deutschen Industrie Norm“ nicht so furchtbar gut … eigentlich nämlich ganz und gar nicht!
Und das ist auch richtig G U T so!

In diesem Sinn Grüße und Bitte um Erbarmen von einer, die immer alles besser … na, Du weißt schon!

3. Yael - 26. August, 2008

„In diesem Sinn Grüße und Bitte um Erbarmen von einer, die immer alles besser … na, Du weißt schon!“

Na sooo war es nun nicht gemeint. Mich erinnern LehrerInnen immer wieder daran, dass sie mir immer erklären wollten, wie ich meinen Job als Krankenschwester zu machen hätte. Gut, dass das vorbei ist. 😉

4. Sven Ruprecht - 28. August, 2008

Ein Programm ist eben nur ein Programm! Papier, sorry Text ist gedultig man muß ihn auch lesen. Erstes großes Problem! Wenn man diese Hürte genommen hat kommt man zum zweiten fast unerreichbaren Problem „Nachdenken“. Wenn man feststellt das es zu spät ist sollte man anfangen das Ganze umzusetzen. Wie man sieht sind Kriege leichter zu entfachen.


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