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Bildungsgipfel … 24. Oktober, 2008

Posted by Rika in meine persönliche presseschau.
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Eine Veranstaltung einen „Gipfel“ zu nennen, die sich lediglich einem Maulwurfshügel gleich aus der öden Ebene erhebt, das ist in der Tat ein Gipfel, der Gipfel der Unverschämtheit und der Volksverdummung nämlich, womit er das Gegenteil dessen darstellt, was er vorgibt sein zu wollen!

Bildungsgipfel

Bessere Kitas, bessere Schulen, bessere Lehrpläne, bessere Ausbildungsbedingungen, bessere Unis, bessere Professoren, bessere Studienbedingungen, bessere Schüler, bessere Eltern, bessere Lehrer ….

Ich kann es nicht mehr hören!

Haben sich die, die den Bildungsgipfel bestiegen, je in die Niederungen deutscher Bildungseinrichtungen begeben? Wissen sie überhaupt, wovon sie reden, wenn sie davon schwadronieren, Bildung auch für Kinder „bildungsferner Schichten“ möglich machen zu wollen? Ist es nicht vielmehr ein Armutszeugnis ersten Ranges für das „Bildungsland Deutschland“, dass es diese „bildungsfernen Schichten“ überhaupt (noch) gibt und dass diese in den letzten Jahren trotz aller Bemühungen nicht weniger geworden sind, sondern eher zugenommen haben – und das liegt nun wirklich nicht NUR an den Migranten, auf die man ja so gerne entschuldigend verweist, wenn Schulen unter dem „Durchschnitt“ liegen.

Kennen die Bildungspolitiker die maroden Schulgebäude, die man Kindern und Jugendlichen zumutet, haben sie je in letzter Zeit ihre Notdurft auf einem ekelhaft stinkenden Schulko verrichten MÜSSEN? Haben sie eine Ahnung davon, wie wenig einladend die Pausenhöfe, Gänge und Klassenräume sind, in denen Kinder und Jugendliche ihr mitgebrachtes Pausenbrot zu sich nehmen müssen? – Davon, dass es viel zu viele Kinder gibt, deren Eltern sich gar nicht um das Essen kümmern, das ihre Kinder während eines 6 oder 7 oder 8 Schulstundentages dringend brauchen, will ich gar nicht erst reden.

Wie viele Kitas haben sie besucht? Was wissen sie von der Belastung der Erzieherinnen und Erzieher, die zu zweit 20 bis 25 Kleinkinder eben nicht nur tagsüber „hüten“, sondern einen anspruchsvollen „Bildungsauftrag erfüllen sollen und auch wollen, aber nur selten wirklich können, weil die Bedingungen es einfach nicht hergeben, sich intensiv um die Kinder, die ja bekanntlich „unsere Zukunft“ sind, zu kümmern und individuell zu fördern – wie man es so schön in den hochtrabenden Plänen lesen kann!

Wann hat je ein Bildungspolitiker vor einer Klasse mit 25 – 30 Schulanfängern gestanden und versucht, dem Bildungsauftrag gerecht zu werden, der damit beginnt, Kindern zunächst die elementarsten Dinge des Alltags zu vermitteln, bevor man überhaupt daran denken kann, das einzuüben, was man gemeinhin „Kulturtechniken“ nennt, also Lesen, Schreiben, Rechnen als Grundvoraussetzung für alles andere? Oder wann hat ein Herr / Frau Bildungspolitiker mal eine Woche oder wenigstens einen einzigen Schultag lang in einer ganz normalen Schule um die Ecke hospitiert? Hat einer von ihnen mal eine Sportstunde in einer völlig herunter gewirtschafteten Turnhalle gehalten, in der einem schon in der Umkleidekabine das Mittagessen des letzten Tages hoch kommt …?

Was wissen sie von Förderschülern, die es trotz aller Mühe niemals schaffen werden, einen berufsqualifizierenden Schulabschluss zu erreichen und was von Studenten, die in überfüllten Hörsälen schlecht ausgebildeten Professoren ausgeliefert sind? „Zu lernen wie man lernt“ hieß einmal ein hehres Ziel deutscher Pädagogen, aber setzt das nicht voraus, dass Professoren auch „lehren müssen, wie man lehrt“? Was nützen denn die 100sten Aufsätzchen und Veröffentlichungen der Professoren, wenn sie im Hörsaal an den Studenten vorbeireden? Wozu Forschung in vielen Gebieten (von der Anwendung in Betrieben, der Wirtschaft oder Medizin mal abgesehen), wenn sie nicht auch adäquat an den Mann, die Frau gebracht werden kann, weil einfachstes Grundwissen der „Lehre vom Lehren“ nicht vorhanden ist? Doch Frau Schavan hält es nicht für erforderlich, die Exzellensinitiative an den Universitäten auf die LEHRE auszudehnen , so jedenfalls ging es aus einem Interview hervor, dass ich gestern oder vorgestern im D-Radio zum Thema „Bildungsgipfel“ verfolgte!

Nachwuchs fehlt allenthalben, hört man. Aber um die bereits vorhandenen Kinder und Jugendlichen schert man sich einen Dreck!

Jahr für Jahr werden hochqualifizierte Lehramtsstudenten nach dem 1. Staatsexamen in die Warteschleife verschoben, bevor die Glücklichen unter ihnen einen Platz im Ausbildungsseminar und ergattern und als Referendar in einer Schule den zweiten Abschnitt ihrer Berufsausbildung beginnen können, und Jahr für Jahr werden fix und fertig ausgebildete Lehrinnen und Lehrer nach dem zweiten Staatsexamen in die nächste Warteschleife geschickt oder mit sogenannten „Feuerwehrverträgen“ abgespeist, die sinnvoller Weise so ausgelegt sind, dass die (Sommer)Ferienzeiten nicht bezahlt werden, weil die Verträge nur die reine Unterrichtszeiten umschließen. Was ist das für eine Volkswirtschaft, die meint, sich den Luxus leisten zu können, junge Menschen auszubilden und dann in die Arbeitslosigkeit zu entlassen? Lehramtsstudenten fahren ein hohes Risiko, sind sie doch für einen Beruf ausgebildet, der ihnen wenig Möglichkeiten in der sogenannten freien Wirtschaft bietet, wenn sie NICHT in den Schuldienst übernommen werden. (Davon, dass sie, wie Studenten anderer Fachrichtungen auch, in etlichen Bundesländern Semester für Semester 500 Euro zusätzlich zu den ohnehin immer schon anfallenden Kosten nun an Studiengebühren zahlen müssen, will ich gar nicht erst sprechen! Und auch nicht davon, dass viele auf einem Riesenberg an Schulden sitzen, weil sie ihr Studium nur mit Hilfe von Krediten finanzieren konnten (und Lehrergehälter nicht so besonders üppig sind, dass man die Schulden in zwei drei Jahren mal eben so abbezahlen könnte!).

Andererseits rekrutiert man in einigen Bundesländern Hausfrauen, Pensionäre und Quereinsteiger, um den immer wieder in regelmäßigen Zyklen anfallenden und überhaupt nicht vorhersehbaren Lehrermangel zu beheben – und wundert sich dann über schlecht ausgebildete und völlig demotivierte Schüler.

Eine Exzellenzinitiative muss her.

Sicher. Schön und gut. Ich bin ja damit einverstanden, dass hochbegabte und talentierte junge Leute besonders gefördert werden, aber muss nicht im gleichen Umfang auch „in die Breite“ gearbeitet werden? Nicht jeder Schüler verlässt die Schule als Supermann und nicht jeder wird ein Crack in seinem Beruf. Nicht jeder Medizinstudent kann Chefarzt werden und nicht jeder begabte Ingenieur Chefentwickler bei der Motorenabteilung von Porsche oder Mercedes, nicht aus allen BWL-Studenten wird mal ein Spitzenmanager und nicht jeder Jurastudent landet am Bundesgerichtshof . Ob die oder der Einzelne(r) das wirklich wollen, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, aber gerade darum müssen ALLE Studenten Bedingungen vorfinden, die es ihnen erlauben, ihren Möglichkeiten entsprechend EXZELLENT zu sein!

Und dann gibt es noch das schöne alte Argument, dass früher ja auch in großen Klassen unterrichtet wurde und aus diesen Schülerinnen und Schülern schließlich auch etwas geworden sei. Klar, ich bin auch gemeinsam mit 53 weiteren Schülern eingeschult worden, aber damals waren die Zeiten anders. Wer von uns möchte denn zurück in die Fünfziger Jahre – ohne PC, ohne moderne Kommunikationssysteme, ohne Fernsehen, ohne, ohne ohne …?

Kinder von heute wachsen anders auf als es diejenigen taten, die heute über die Bildungschancen der heutigen Kinder und der Erwachsenen von morgen bestimmen. Sie haben die Veränderungen zwar miterlebt, aber noch nicht so verinnerlicht, dass sie daraus die richtigen Schlüsse für ihre Entscheidungen ziehen.

So werden beispielsweise junge Mütter geradezu gedrängt, so schnell wie möglich in den Beruf zurück zu kehren, aber es gibt gar nicht genug Einrichtungen, denen die jungen Mütter guten Gewissens ihre Kinder anvertrauen könnten, und nicht jede Oma ist vor Ort oder hat Kraft, Lust dazu und auch Freude daran, eine weitere Generation groß zu ziehen!!! Viele junge Kinder bleiben sich selbst überlassen und das „wichtigste“ Bildungsinstrument ist der Fernseher oder der PC mit Internetanschluß. Viele Eltern können nicht Schritt halten mit den Erfordernissen der Zeit, können ihren Kindern nicht helfen, sind selbst mit den Anforderungen überfordert die ihnen und ihren Kindern von einem mit viel zu viel „Stoff“ überfrachteten Schulsystem zugemutet werden. Aber die Erkenntnis, dass Eltern und Kinder Hilfe brauchen ist doch nicht neu, das haben wir doch schon in den siebziger und achtziger Jahren diskutiert. Es gab mal eine Forderung, dass an jeder Schule mindestens ein Schulsozialarbeiter angestellt sein solle – ein Witz, wenn man bedenkt, wieviel Zeit pro Schüler zur Verfügung stehen würde, selbst wenn es NUR eine kleine Schule mit ca 150 Schülern beträfe -, doch selbst davon ist man aber immer noch weit entfernt, obwohl es an gut ausgebildeten Sozialpädagogen und Sozialarbeitern nicht mangelt!

Und was die Ausstattung von Schulen angeht, welcher Architekt oder Ingenieur arbeitet heute noch ausschließlich mit dem Rechenschieber? Aber in deutschen Schulen wird immer noch mit Kreide an die (allerdings nun doch nicht mehr aus Schiefer bestehende) Tafel geschrieben. Moderne Medien sind in den meisten Schulen nicht zu finden! Schlecht ausgestattete Physik- und Chemieräume ermöglichen nun mal keinen erstklassigen Unterricht, der naturwissenschaftliches Denken fördert und Jugendliche für ein entsprechendes Studium begeistert. Schlecht ausgestattete Musik- und Kunsträume ermöglichen nun einmal nicht die Entdeckung und Förderung musisch-kreativer Begabungen auch der Kinder, die zu Hause kein Klavier stehen haben und deren Eltern mit ihnen nicht regelmäßig in Kunstausstellungen und oder Konzerte gehen, für die Musik, Kunst, Theater und Literatur nun mal nicht zu wichtigen Bereichen des Lebens gehören. Große Klassen ermöglichen nun einmal nicht die individuelle Förderung der Begabungen, die jeder Mensch von Natur aus hat und lassen viele Lehrerinnen und Lehrer viel zu vorzeitig resignieren und nur noch gerade so das Soll des Lehrplans erfüllen – auch wenn sie mal mit viel Idealismus in ihr Lehrerdasein gestartet sind

Die Welt – zumal die Wirtschaft und ihre gesellschaftlichen Bedingungen – verändern sich rasant. Nur im deutschen Bildungssystem soll alles so (dreigliedrig) bleiben, wie es war.

Ach nein, der Bildungsgipfel will ja gerade bessere Schulen, bessere Kindergärten, bessere Universitäten …

Aber das kostet natürlich Geld, viel Geld.

Wer das bezahlen soll und will?

Könnte nicht die Bundesregierung ihr Milliardenrettungspaket für die Banken an die Auflage knüpfen, in Zukunft Patenschaften zu übernehmen für Kitas, Schulen, Berufsschulen, Fachschulen, Fachhochschulen und Universitäten? Nein?

Nein!

Bildung muss immer und unbedingt Aufgabe des Staates bleiben – das sind wir alle -, und der Staat muss investieren in die Zukunft unserer Kinder, schließlich hängt auch unsere Zukunft davon ab, wie gut und sorgfältig junge Menschen gebildet werden – nicht nur und in erster Linie ausgebildet für die Bedürfnisse der Wirtschaft, sondern ausgerichtet an den Bedürfnissen ihres und unseres Menschseins!

Ach ja,

in den Zusammenhang passt auch die Nachricht gut hinein, dass das ZDF die streitbare und manchmal etwas vorlaute Journalistin Elke Heidenreich gefeuert hat – Lesen bildet zwar, bringt aber halt weniger Quote als ein Moderator, der sich als Hanswurst in ein Senffass tauchen lässt …

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Kommentare»

1. curioustraveller - 24. Oktober, 2008

Wir in Hessen hatten unter der bald vergangenen Landesregierung eine Posse, die sich „Unterrichtsgarantie Plus“ nannte. Das bedeutete, dass nicht oder nur unwesentlich mehr Lehrer eingestellt wurden, und dass anstattdessen Ehrenamtliche oder sogar die Eltern in der Grundschule im Unterricht ran mussten. Was ja eigentlich keine schlechte Idee ist, aber das Ganze den Menschen als Bildungsinitiative des Landes zu verkaufen, das finde ich schon dreist…

Was die KiTa anbelangt, da bin ich Gott sehr dankbar für die KiTa meiner Ältesten. Die kümmern sich wirklich um die Kinder, und die vorschulische Erziehung bzw. Bildung ist bemerkenswert (immerhin spricht meine Tochter schon die ersten Sätze auf englisch, ohne, dass wir in der Hinsicht irgendwelchen Druck auf sie ausgeübt hätten), und auch die Kreativität kommt nicht zu kurz. Ich weiß auch sehr den Einsatz der Erzieherinnen zu schätzen, die mit Herzblut ihren Dienst tun.

Was mir zu Deinem Post noch einfällt ist die Veranwortung der Eltern (du hast es ja auch angesprochen). Die Schule kann mit noch so viel Elan und einem noch so ausgefeilten Konzept nicht korrigieren, was im Elternhaus schon pädagogisch und bezüglich der vorherrschenden Denk- und Verhaltensmuster schief gelaufen ist. Wenn Kinder nur versorgt werden, aber nicht erzogen, dann übernimmt eben die Glotze die Erziehung. Oder die Playstation. Und das betrifft nicht nur die Unterschicht – ich habe Jugendliche dieser Art schon bei mir im Biblischen Unterricht gehabt, aus gut situierten Familien…


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