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aufgelesen … 8. Dezember, 2008

Posted by Rika in aus meinem kramladen.
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… und nachgedacht…

in der Broschüre des evangelisch-freikirchlichen Sozialwerks Hannover entdeckte ich in einem Artikel (S.7)  ein Zitat aus einem Buch, das den bemerkenswerten Titel:

„Liebe dich selbst und freu dich auf die nächste Krise“

trägt und von Eva-Maria Zurhorst verfasst wurde.

Nein,

denke ich, wie kann man sich auf eine Krise freuen, nö, da mache ich nicht mit  –  und außerdem,  finde ich, ist es eine Zumutung für Leute, die gerade in einer tiefen Krise stecken, sich so eine Aufforderung anhören zu müssen. Nein, auf Krisen kann man sich nun wirklich nicht freuen, es sei denn, man sei so etwas wie ein feuerlegender Feuerwehrmann, der nur glücklich ist, wenn es ordentlich brennt, damit er ordentlich mit seiner Feuerwehr durch die Gegend tatütatafahren und viel Wasser verspritzen und sich ungeheuer wichtig fühlen kann … nö,  denke ich, so ein Feuerwehrmann möchte ich eigentlich nicht sein.

Der Titel ist eine ganz schöne Provokation –  aber das Zitat,    das  entspricht  tiefen Erfahrungen, die ich im Laufe meines Lebens gemacht habe:

„Wenn wir leise werden und aufhören, uns gegen die Krise zu wehren, dann ist sie ein heilsames Geschenk von unglaublicher Präzision. Wir müssen sie nur mit aller Hingabe studieren und ihre Botschaft wahrzunehmen lernen, dann hilft sie uns zu wachsen und weiterzugehen und lehrt uns Fähigkeiten, von denen wir nicht einmal ahnten, dass sie in uns schlummerten  …  durchgestandene Krisen führen uns zu unserer wahren Lebensaufgabe.“

Mit kleinen Einschränkungen unterschreibe ich diese Aussage.

Die erste Einschränkung bezieht sich auf den Zeitpunkt der „Erkenntnis“. Jemand, der in einer tiefen und wirklich existentiellen Krise steckt, wird das Potential, das sich daraus entfalten kann, nicht oder nur schwer erkennen können. Meistens gewahren wir erst in der Rückschau auf die durchlebten und durchlittenen Schwierigkeiten die Chance, die sich uns gleichzeitig mit der problematischen Situation   aufgetan hat. Selten nur nehmen wir in krisenhaften Zeiten schon die Hoffnung auf Neues oder gar das Neue selbst wahr.

Daraus ergibt sich die nächste Einschränkung: Es macht überhaupt gar keinen Sinn, diesen kurzen Text als „Appell“ demjenigen in den Weg zu stellen, der noch im Dunkeln, in Schmerz und Verzweifelung ist und selbst noch gar keinen Hoffnungsschimmer sieht oder schon einen winzigen Ausblick auf  auf bessere Zeiten hat.

Die dritte Einschränkung bezieht sich auf  das Resümee:    „durchgestandene Krisen führen uns zu unserer wahren Lebensaufgabe“

Das KANN so sein, das ergibt sich in vielen Fällen, aber das ist nicht zwangsläufig das sich zuverlässig einstellende Ergebnis einer Lebenskrise.  Wenn es aber gelingt, Krise, Verzweifelung, Not zuzulassen, „die Botschaft zu erkennen“, dann kann das die beglückende Erfahrung   sein:   Ich bin mir ein bisschen besser auf die Spur gekommen, habe mich genauer kennengelernt und erlebt, dass mir bis dahin unbekannte Fähigkeiten und Kräfte erwuchsen und ich einen neuen und frischen Blick auf den Sinn meines Lebens bekomme.

Und ich erfahre, dass ich nicht bei meinen alten Mustern stehen bleiben muss, dass ich „unentdecktes Land“ in mir nutzbar und urbar machen kann und mein Leben eine neue Richtung, einen neuen Sinn, einen weiten Horizont bekommen kann.

Diese Prozesse des „sich einlassen auf das Unabänderliche“, des Wahrnehmens der „Botschaft“ erfordern Geduld und Kraft, sind anstrengend und oftmals mühsam und frustrierend – aber es lohnt sich, diesen Weg zu gehen.

Ein Freund hat mir einmal in einer Lebenskrise geraten:  „Wehre dich nicht gegen den Berg, passe dich seiner Natur an.“

Ich konnte diesen Rat mit konkreten Erfahrungen, die ich  in den Bergen gemacht hatte, verbinden.  Seit mehr als 35 Jahren fahre ich leidenschaftlich gern Ski. Meistens macht es Spaß, ist Vergnügen  pur, aber manchmal gerät man in einen plötzlichen Wetterwechsel, bläst ein eiskalter Wind, Schneetreiben macht  blind, lässt  nicht mehr erkennen, wo die Piste, der Himmel oder der Abgrund ist. Es hilft aber gar nichts, mitten auf der Piste zu verharren und noch weniger hilfreich ist es, sich schimpfend und hadernd gegen Wind und Wetter zu wehren. Jeder Skifahrer weiß, dass das unweigerlich die Muskeln verkrampft und zu zusätzlichen Unsicherheiten führt.  Den Wind akzeptieren, das Schneetreiben, das einem den Atem nimmt, hinnehmen und in den Beinen den Berg „fühlen“ und achtsam sein für alles um einen herum und langsam Fahrt aufnehmen und sicher ins Tal fahren … klar ist das anstrengend, aber gibt es einen anderen, besseren Weg? (Hmm, ja, man könnte mit dem Handy die Rettung rufen … und manchmal muss man das vermutlich sogar tun!)

Manchmal braucht man tatsächlich die Hilfe eines erfahrenen „Bergführers“, der einen  sicher aus der Gefahrenzone herausbringt …

oder einen Menschen, der einem hilft, die Botschaft zu enträtseln und der Mut macht, die Krise auszuhalten, nicht dagegen zu rebellieren … damit man wachsen kann … und weiter gehen …

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Kommentare»

1. theomix - 11. Dezember, 2008

Liebe Rika,

ich möchte dich in der Kritik unterstützen. Die gute Botschaft des Textes: Eine Krise ist ein ein heilsames Geschenk. Das erschließt sich, wie du auch sagst, meist erst im Nachhinein. Schon die „unglaubliche Präzision“ bezweifle ich. Ein furchtbarer Ausdruck, so arbeiten Roboter.

Und dann diese Zwangsläufigkeit (WENN… DANN…, WIR MÜSSEN NUR…), die zwängt die Erfahrungen in ein Korsett, und manche fallen raus. Nach der Krise, manchmal, wenn es gut geht, sogar mittendrin, kann ich ihre Botschaft verstehen. Manchmal dauert es sehr lange.

Ich glaube auch, dass wir daran wachsen. Aber ob wir dadurch unsere wahre Lebensaufgabe entdecken? Das KANN so geschehen, aber verallgemeinern kann ich es nicht.
Gutes Gelingen, für das Tagwerk und das Skilaufen 🙂
herzliche Grüße
Jörg


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