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Kundschaft! 2. Februar, 2009

Posted by Rika in familie.
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Wenn man früher von  unzähligen „Königen“  sprach, als die die umworbenen   Kunden gern bezeichnet wurden, hatte man vor allem die mit Einkaufstaschen und -tüten überladenen Gattinnen vor Augen und / oder deren (überwiegend gut betuchten) Gatten die Packeseldienste verrichteten.

Der Kunde als König war vor allem in den Konsumtempeln anzutreffen – wobei man doch eigentlich nicht von Tempeln  sondern eher von Palästen sprechen müsste, Priester gehören  in Tempel, Könige in Paläste … nun ja, so genau hat man das damals nicht genommen…

Neben den Konsumköniginnen und -königen gibt es heutzutage Kunden, die man früher schlicht und ergreifend als „Schüler und ihre Eltern“ bezeichnet hätte – so jedenfalls liest man es in den Broschüren der „Dienstleister“  namens Schule, die für diese spezielle Kundschaft spezielle Angebote machen, die via Schul- und Jugenämter  an Schulen in freier Trägerschaft an den Mann, sprich das Kind gebracht werden sollen.  Über diese „Kundschaft“ schreibe ich später … vielleicht …

Heute geht es mir um die „Kunden“, die man in den Einrichtungen   freier Wohlfahrtsverbände und Diakonischer Werke antrifft, in den Alten- und Pflegeheimen nämlich.

Ich habe es nicht recherchiert –  und habe auch keine Lust dies zu tun -, ob der Begriff   „Kunde“ schon vor der Einführung der Pflegeversicherung verwandt wurde, wenn es darum ging,  alte und hinfällig gewordene Menschen, die auf Hilfe und Pflege angewiesen sind und ihre Belange und Bedürfnisse  zu beschreiben, kann mir aber mühelos vorstellen, dass das Eine mit dem Anderen zu tun hat.

Die Einführung der Pflegeversicherung brachte ein völlig neues Bewertungssystem zur Abrechnung der Pflegeleistungen mit sich –  und einen unerhört großen Dokumentations- und Verwaltungsaufwand gleich mit! Pflegerische Massnahmen werden gleichsam atomisiert – in ihre Minibestandteile zerlegt, minutiös aufgelistet und natürlich auch genauso minutiös zeitlich begrenzt, standardisiert und nach einem bestimmten Schlüssel abgerechnet.

Natürlich ist die „Kundschaft“ in diesem System aber nicht der König, die Königin! Und selbstredend sind die Pflegekräfte auch nicht die Dienstboten der königlichen Herrschaften sondern die modernen Sklaven der Dienstleister eines heiß umkämpften Marktes namens „Pflege“!  In den atomisierten Standards zur Pflege alter Menschen gibt es keinen Faktor „persönliche Zuwendung“, keine Zeit für tröstende Worte, für liebevolle oder wenigstens sachbezogene Gespräche mit den Bewohnern, den Kunden, keine Zeit für einen Klönschnack mit verängstigten Alten, die ein wenig Zuspruch so bitter nötig haben, keine Zeit für alles, was nicht im Abrechnungskatalog der Dienstleistungen vorgesehen ist.

Das Essen anzureichen entspricht keinesfalls einer „gesegneten Mahlzeit“ in der dafür nötigen Ruhe und Zeit, das Reinigungsprozedere hat  nichts mit der Pflege des Körper zu tun (wenngleich natürlich von Körperpflege in den Broschüren die Rede ist),  gehört doch zur Pflege der sorgsame Umgang mit dem Körper der alten Leutchen mit Behutsamkeit und nicht etwa die Schnellreinigung der Textilreinigungsdienstleister!

Was nach meiner Wahrnehmung jedoch am augenfälligsten und schwerwiegendsten ist, ist die Tatsache, dass die alten Menschen dem System „Pflege“ angepasst werden und nicht anders herum das „System“ den Bedürfnissen der Alten!

So muss ein Diabetiker zum Beispiel auch dann essen, wenn er mal keinen Hunger verspürt, weil er ja immer die gleiche Menge Insulin gespritzt bekommt! Undenkbar, dass man das Insulin dem Bedarf anpasst, denn das würde ja bedeuten, dass man mehrmals messen müsste, was einen höheren Bedarf sowohl an (teuren) Messstäbchen, wie an teuren und trotzdem unterbezahlten Pflegekräften bedeuten würde! Der individuelle Lebensrhythmus der Bewohner wird dem Takt des Hauses angepasst, dem Arbeitszeitraster und der Verfügbarkeit der Pflegekräfte. Alte  und zunehmend demente Bewohner müssen es hinnehmen, dass ihnen immer wieder neue Leute für die tägliche Pflege zugeteilt werden, die ihre jeweils eigenen Handgriffe und „Befehle“ haben und von denen viele nicht bereit oder in der Lage sind, SICH DEN BEWOHNERN ANZUPASSEN, die vielmehr erwarten, dass sich die Bewohner ihnen  anpassen! Alte und zunehmend mehr ihrem früheren Leben lebende Männer und Frauen werden von Personen gepflegt, die die deutsche Sprach nicht beherrschen, die sich nicht verständlich ausdrücken können und denen sich die Pflegebedürftigen hilflos ausgeliefert fühlen.  SCHNELL ist für viele Pflegerinnen und Pfleger das wichtigste (unausgesprochene) Adjektiv – und die am wenigsten zu leistende Anforderung für die Bewohner.

Der Druck, der auf den Pflegekräften lastet, ist enorm hoch.

Ich beobachte seit einigen Jahren die Menschen, die für die „Kunden“ in den Pflegeheimen da sind. Die meisten von ihnen bringen sehr viel Idealismus mit und versuchen immer wieder neu den Ansprüchen des Arbeitgebers an sich selbst und den Bedürfnissen der alten Menschen gerecht zu werden  –  und die meisten von ihnen werden an physischer und psychischer Kraft von ihren Arbeitgebern ausgebeutet – zum eigenen Schaden und zum Schaden der „Kundschaft“.

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