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Informationsbedarf und Pressefreiheit … 18. März, 2009

Posted by Rika in Allgemein.
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Heute leben wir von und mit der schnell und umfassend verfügbaren Information über alles und jedes nur Denkbare. Das beginnt für viele Menschen schon frühmorgens  mit dem Radiowecker und/oder der Zeitung zum Frühstück – respektive Frühstücksfernsehen und Frühstücksradio -,  setzt sich während des Tages bis in die Nacht  fort mit Dauerberieselung aus hunderten Kanälen.  Natürlich ist „man“ auch online ebenfalls bestens informiert.

Neben „notwendigen“  Informationen über Verkehrsstaus auf den Autobahnen und neue Regelungen im Gesundheitswesen und bei den Renten oder über die Bankenkrise und die vielen Versuchen ihrer Herr zu werden, gibt es die nicht minder „notwendigen“ Infos über das Leben der Promis, die Fehlbarkeit des Papstes, die neuen Modehits oder die angesagten Filme, über den Erfolg der Lieblingsfußballmannschft in diversen Pokalwettbewerben und das Abschneiden der Biathleten.

Nachrichten und Bilder über die Krisenherde dieser Welt liefern den nötigen Input für Grusel und  Schrecken über das Schlimme, was bedrohlich, aber zum Glück weit weg ist und (für) das Mitleid mit denen, die von diesem Schrecken heimgesucht werden, menschliche Regungen allemal, die zum eigenen Wohlbefinden ebenso unverzichtbar sind wie die puren Glücksmomente über den Anblick des ersten Schmetterlings im Frühling.

Es ist sicher zu simpel zu sagen, dass mit der Flut der Nachrichten und ihrer begleitenden Bilder  –  der guten wie der schlimmen –   ein Abstumpfungseffekt eintritt und  die Reize, die unser Mitgefühl ankurbeln, mit der Zeit immer stärker sein müssen, um  aus dem normalen Nachrichten-Bilder-Chaos heraus zu ragen. Aber es ist genau dieser simple Effekt, der die Jagd nach  „der“  Nachricht immer weiter anheizt.

Wem die Nachrichten allein nicht ausreichen, sich den nötigen Gemütskitzel zu verschaffen, hat die Gelegenheit, sich bei Gerichtsshows zu ereifern, Familienkrisenbewältigung via Fernsehen hautnah peinlich  zu erleben oder eine Gruppe tollkühner und/oder einfach nur dummer Menschen zu beobachten, die sich freiwillig in ihrem Container von Millionen dabei begaffen lassen, wie sie ihren „Alltag gestalten“ oder anderen dabei zuzusehen, wie sie zum Superstar mutieren  oder als Topmodell fortan durchs Leben staksen wollen …

Nichts unter Gottes Sonne, was sich nicht vermarkten ließe zum Wohle eines informations- und sensationssüchtigen Publikums.

Wie kann man da annehmen, dass Presse und Medien, die von der Bereitstellung dieser „Informationen“ leben und das unter „Pressefreiheit“ abbuchen, ausgerechnet bei einer Tragödie, die sich (auch in unvorstellbaren Ausmaßen)  ereignet, ausgerechnet da Stift und Kamera ruhen lassen und lediglich mit wenigen Sätzen die Mitteilung als solche veröffentlichen, dass sich eine Tragödie ereignet hat und auf alles andere –  die  Details ebenso wie die Spekulationen über Motiv, Hergang, Ursache und mögliche Schuld  –  verzichten  zugunsten der  Betroffenen und zur Wahrung der Würde derjenigen, die zu Schanden wurden?

Aber würde es ihnen, den Medienleuten nicht besser anstehen, sich der Gier des Publikums nach Sensationen zu versagen, wenn menschliches Leid zur Befriedigung dieser Gier herhalten soll? Wäre es nicht besser, den Süchtigen das Suchtmittel vorzuenthalten auch und gerade im Hinblick auf solche menschlichen Tugenden wie Mitleiden und Anteilnahme, die man eben nicht inflationär „strapazieren“ sollte durch das Drehen an der Infoschraube mit noch mehr schmerzerfüllten Gesichtern und Betroffenheitsstatements?

Es kann doch nicht sein, dass man ein Publikum mit Bildern und Reportagen über das Unglück anderer Menschen „bedient“, weil das Publikum – aus welchen Gründen auch immer – danach verlangt, so und nicht anders bedient zu werden!  Es würde den Werteverfall noch weiter beschleunigen und Dieter Bohlen wäre nicht mehr die Ausnahme der Geschmacklosigkeit sondern die Regel des Umgangs mit  menschlichen Schwächen und auch „Leiden“!

Sicherlich, der Markt reagiert auf die Sucht-Bedürfnisse der Kunden – sei es bei den „legalen“ Süchten nach Alkohol und Nikotin oder bei den illegalen nach Pornographie und harten Drogen. Die öffentlichen Personen, die  zur Selbstbeschränkung auffordern oder diese einfordern sind zu schwach und ihre Mittel sind untauglich im Kampf gegen Süchte aller Art.

Umso dringender daher der Appell an diejenigen, die es in der Hand haben, die „Vergabe“ der Suchtmittel zu regeln, auch bei der „Pressefreiheit“ genau hinzusehen, ob das alles mit rechten Dingen zugeht oder man nicht mit Hilfe des  (oder eines noch zu schaffenden?) Gesetzes  den Schutz der Betroffenen höher einschätzt und entsprechend gewährleistet als die Befriedigung der Gier des Publikums nach sensationellen Bildern und Berichten.

Das    „abhängige Publikum“ wird am wenigsten in der Lage sein, sein Suchtverhalten zu verändern,  man muss die „Beschaffungsindustrie“  zur Mäßigung und freiwilliger Selbstkontrolle auffordern – notfalls auch per Gesetzgebung.

Ich weiß, der Ruf nach dem Staat ist nicht besonders originell und der Staat ist bei der Bekämpfung illegaler Suchtmittel nicht eben supererfolgreich,   aber auf die „Kräfte des Marktes“ zu vertrauen, ist ganz sicher nicht geeignet, dem Dilemma zu begegnen, dass aus Unvernunft und Kommerz ein Medienmonster ermöglicht wird, das die Grenzen von Anstand und Anteilnahme längst weit überschritten hat und immer weiter überschreiten wird.

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Kommentare»

1. Perry - 18. März, 2009

Seit dem Gladbecker Geiseldrama, welches ich noch gut in Erinnerung habe, wird die Presse immer wieder mal zu mehr Ethik und Anstand aufgerufen. Ich persönlich finde, dass sich jeder Katastrophen- und Unglücksjunkie, aber auch die Journalisten selbst, mal bewußt machen sollte, dass sie auch jederzeit selber mal in den „Breaking News“ oder den „tragischen Enthüllungsstories“ als Schlagzeile auftauchen könnten.

2. julia - 20. März, 2009

Toll geschrieben, danke, Rika!


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