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Pause … 29. Mai, 2009

Posted by Rika in Allgemein.
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Ich wollte immer schon mal darüber schreiben, immer dann nämlich, wenn wieder einmal öffentlich über Gewalt an Schulen geschrieben wurde, über Mobbing oder Ausgegrenztsein,  über Cliquenbildung und Streit und böses Spiel auf den Schulhöfen während der Pausen an vielen öffentlichen Schulen…  Während meiner Aufsicht heute dachte ich wieder daran …  ein Schüler war zu mir gekommen mit einem Anliegen …

Denn an meiner Schule ist das so:

Zwei große Pausen  von je 20 Minuten gliedern den Schultag  in drei Unterrichtsblöcke, kleine Pausen während der Blöcke werden je nach Situation in den Klassen intern geregelt.

Unseren 135 Schülern stehen drei Schulhöfe zur Verfügung.

Der „Coolhof“ ist den „Großen“ (Mindestalter 15 Jahre oder  Ausnahmeregelung) vorbehalten.  Der Name wurde in einem Wettbewerb von den Schülern selbst erfunden und  da stehen sie dann lässig und cool beieinander oder spielen Fußball oder Torwandschießen, je nach Laune, Lust und Wetter. Natürlich ist eine „Aufsicht“ für den Coolhof zuständig.

Die „Kleinen“ (Schüler des Grundschulbereichs) treffen sich im rückwärtigen Gartenbereich der Schule,  Klettergerüst und Sandkasten samt Spielzeug werden intensiv genutzt oder auch  der Innenraum der „Spieleaufsicht“, wie wir intern diesen Bereich nennen. Dort können die Kinder Karten oder andere „ruhige“ Spiele  spielen. Und da die quirligen Kleinen natürlich auch betreut werden müssen, sind jeweils zwei KollegInnen für die Spieleaufsicht zuständig.

Für alle anderen Schüler gibt es den Schulhof mit Schaukel , Klettergerüstlandschaft, Basketballkorb und Bänken. Und weil eine Aufsicht unmöglich alle Kinder im Blick haben kann, teilen sich drei KollegInnen den Bereich auf, an der Tür – damit ist gleichzeitig die Aufsicht für die Toiletten verbunden, die bei uns jeweils nur von einem Kind genutzt werden darf (zu jedem  Klassenzimmer gehören auch sanitäre Anlagen, so dass entsprechende Bedürfnisse nicht unbedingt in der Pause erledigt werden müssen!) -,  in der Mitte und  vor dem sogenannten Westtrakt.

Da an unserer Schule aber Kinder unterrichtet und intensiv betreut werden, die mit sich und vielen anderen Menschen häufig Schwierigkeiten haben und es an schlechten Tagen einfach nicht auf den diversen Schulhöfen aushalten können, haben wir vor einigen Monaten das sogenannte  „Schmolland“ eingeführt:  In einem Klassenraum werden die Schüler, die akut Probleme damit haben mit den Mitschülern klar zu kommen, von zwei KollegInnen betreut

Das bedeutet, dass wir in jeder Pause mit 8 KollegInnen die Aufsicht für unsere 135 Schüler führen. Hinzu kommt noch die „Frühaufsicht“ vor Unterrichtsbeginn, zu der  ebenfalls  drei KollegInnen gehören und zum Schulschluß die „Taxenaufsicht“, die von einer Kollegin, einem Kollegen  übernommen wird und dafür sorgt, dass alle Schülerinnen und Schüler stressfrei den Heimweg antreten können. (Die überwiegende Mehrheit unserer Schüler wird in Minibussen und Schülertaxis zur Schule und wieder nach Hause gebracht.)

Zusätzlich gibt es an drei Tagen der Woche „Streitschlichter-Angebote“ durch pädagogische Mitarbeiter und entsprechend ausgebildete Schüler während der Pausen und die Möglichkeit für Schüler, sich in die Bücherei zurückzuziehen, die natürlich auch von einer Kollegin betreut wird.

Die Schulordnung regelt neben vielen allgemein üblichen Dingen auch den Umgang mit- und untereinander.

Gewalt wird strikt geahndet, dazu gehören schon so „einfache“  wie Beleidigungen, Drohungen   oder ähnliche verbalen Formen der Gewalt. Die Schüler müssen sich  – auch für scheinbar „normale“ –  Beleidigungen entschuldigen, eine Wiedergutmachung leisten für Attacken auf die persönliche Integrität des Angegriffenen.   Auf verbale Gewalt mit körperlichen Attacken zu reagieren, geht natürlich gar nicht! Das zieht Gespräche mit der Schulleitung und den Eltern nach sich … Sozialleistungen (im Bereich der Schule) müssen neben Entschuldigung und Wiedergutmachung erbracht werden.  Es ist ein langer und manchmal auch mühsamer Prozess des sozialen Lernens den unsere Jungen und auch Mädchen durchlaufen  …  (es sind überwiegend Jungen, die in den normalen Schulen auffällig werden)

Die Schülerinnen und Schüler wissen, dass sie sich jederzeit an die Erwachsenen  und eben auch während der Pause an die Aufsicht wenden können wenn sie in Schwierigkeiten verwickelt werden und sie diese nicht selbst lösen können. Und so kommt es in beinahe jeder Pause vor, dass  ein Kind sagt:  „Frau / Herr Sowieso, ich habe eine Beschwerde gegen … “ oder  „Hansi provoziert mich“ oder „Können Sie mir mal helfen“ …   so wie heute (siehe oben) …  ein Kind, das vor einigen Monaten – als es neu zu uns kam –  noch den Konflikt „auf seine Weise“ gelöst hätte ….   Es  gelingt es uns  durch Nachfragen bei  Beteiligten, durch Vermitteln und Verständnis  eine Situation zu entschärfen bevor ein schwerwiegender Konflikt entstehen kann. Die Schüler lernen so Schritt für Schritt wie sie mit Konflikten besser und konstruktiver umgehen können, als sie es bisher zu Hause oder an ihrer Regelschule erfahren haben.

Meistens sind die Pausen ruhig und friedlich, spielen die Kinder  und Teenies  miteinander.

Manchmal fällt ein Kind auf, das sich zurückzieht und von den anderen fern hält. Wir fragen nach, haken nach: „Was ist mir dir?“ oder fragen den Kollegen, die Kollegin: „Weißt du was mit Hans / Franzi ist?“

Manchmal braucht ein Kind einfach etwas Ruhe und manchmal eine Streicheleinheit.

Manchmal muss auch bei einem (allzu) heftigen Rollenspiel (wir sagten früher „Räuber und Gendarm“ zu solchen Spielen) nachgefragt werden: „Spaß oder Ernst?“ oder „Bist du damit einverstanden, dass dich  ein Mitschüler ‚gefangen nimmt‘?“

Kinder kommen und erzählen über ihre kleinen Freuden oder ihre Kümmernisse,  wir trösten sie oder lachen mit ihnen…

Wir sind da, kennen unsere Schüler,  haben sie im Blick, nehmen sie ernst…

Doch manchmal können selbst wir nicht verhindern, dass ein Problem zu einem Konflikt wird und ein Streit zu einem Schlagabtausch nicht nur mit Worten führt. Aber das ist die Ausnahme, die absolute Ausnahme. Das ist nicht selbstverständlich an einer Förderschule mit Schwerpunkt „Soziale und  Emotionale Entwicklung“

Jeder von uns Mitarbeitern (LehrerInnen / päd. MitarbeiterInnen)  hat  eine Aufsicht pro Tag  …  und andere Pausen werden für Gespräche (mit Schülern, Eltern) ( mit Kollegen über Schüler, Eltern und deren Probleme) „genutzt“.

Ja, und „manchmal“ hat man auch das Vergnügen, die Pause einfach nur im Lehrerzimmer in Ruhe zu verbringen…

…. und man kann es gerne hochrechnen wieviel LehrerInnen an aner „normalen“ Schule mit 300 – 800 Schülern täglich Aufsicht führen müssten …

Bedenkenswert  wäre es vielleicht schon angesichts vieler Kinder und Jugendlicher, die unter verbaler und/oder  körperlicher Gewalt in den Pausen an ihren Schulen leiden …

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Kommentare»

1. Blond - 31. Mai, 2009

Klingt super – hat bloß den Fehler, dass draußen in der Erwachsenenwelt ständig Kämpfe stattfinden – ohne Aufsicht und meist sehr viel brutaler:
wie „überlebt“ jemand dann sowas mit Eurer Schulerziehung? Ein gewisses Maß an „Robustheit“ gehört zum Leben !

2. Julia - 31. Mai, 2009

Blond, du meinst also, es ist besser, erst gar keine Techniken zu lernen, wie man einen Konflikt auch anders als mit den Fäusten austragen kann (und z.B. zu einem unparteiischen Erwachsenen zu gehen und ihm die Situation zu erklären ist so eine Technik)? Ich finde das toll, und das Engagement der Lehrer bewundernswert, schließlich geben sie ihre wohlverdiente Pause dafür her, schade, daß das nicht überall so möglich ist.

3. Rika - 2. Juni, 2009

Da draußen finden leider nicht nur in der Erwachsenenwelt heftige Kämpfe statt, auch schon in der vermeintlich so friedlichen Welt der Kinder.
Und leider gibt es viel zu viele Kinder, die entweder an dieser Welt verzweifeln und resignieren noch bevor sie überhaupt erwachsen sind oder das Muster der gewalttätigen Erwachsenen, denen sie leider oft in der eigenen Familie schon hilflos ausgesetzt sind, unreflektiert übernehmen und selber gewalttätig werden, weil sie nie etwas anderes gelernt haben.

Julia, ja, Du hast Recht, es ist sehr viel besser frühzeitig Techniken zu erlernen, wie man Konflikte regeln kann. Außerdem erfahren die Kinder sich selbst und merken, dass sie sich anders verhalten können.

Wie dauerhaft wirksam das sein wird, kann ich nicht sagen, aber ich hoffe, dass der alte Lateinerspruch sich bei vielen unserer Schüler bewahrheitet: Non scholae sed vitae discimus … nicht für die Schule,
FÜR DAS LEBEN lernen wir … Ich lerne immer noch!


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