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Der Wille zählt… 18. Juni, 2009

Posted by Rika in aktuell, familie.
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… der Wille des Patienten nämlich!

Heute verabschiedete der Bundestag ein Gesetzt zur Patientenverfügung, das vorsieht, dem Patienten die größtmögliche Entscheidungsfreiheit zu lassen.

Liegt der Patientenwille schriftlich vor, gilt er auch – und zwar völlig unabhängig von Art und Stadium der Erkrankung. Das bedeutet, dass beispielsweise ein Motorradfahrer für den Fall eines Komas das Abschalten des Beatmungsgeräts festlegen kann, wenn ihm beide Beine abgenommen werden müssten. Fehlt die Verfügung, muss wie bislang der mutmaßliche Wille des Patienten ermittelt werden. Sind sich Betreuer und Arzt in dieser Entscheidung nicht einig, wird ein Vormundschaftsgericht eingeschaltet.

Wie schwierig die Entscheidung zu diesem Gesetz war und wie schwer es trotz des Gesetzes  für Betroffene sein wird, dem Willen des Patienten und dem Gesetz Rechnung zu tragen und Geltung zu verschaffen lässt sich an der lange und engagiert geführten Debatte schon im Vorfeld der  heutigen Entscheidung und wohl auch am Abstimmungsergebnis ablesen.

Gut sechs Jahre lang hat die deutsche Politik um eine Regelung zum Umgang mit Sterbenden gerungen. Jetzt ist ein Gesetz zur Patientenverfügung beschlossen, das vor allem den Willen der Betroffenen gelten lässt. In der vorangehenden Debatte traten die Abgeordneten angespannt und leidenschaftlich wie selten auf.

Das Gesetz mag den einen zu weit und den anderen zu unpräzise erscheinen, es hat sicher Schwachpunkte und vermutlich kommt es – wie bei nahezu allen Gesetzen – letztlich auf die Auslegung an, aber dennoch ist es gut, dass nun eine gesetzliche Regelung vorliegt.

Dabei trieb die Abgeordneten nicht die Fraktionsdisziplin zur Abstimmung. Quer durch alle Parteien hatten die verschiedenen Anträge für ein Gesetz zur Patientenverfügung im Vorfeld Unterstützer gefunden – da unterzeichnete Angela Merkel einen Entwurf in einer Reihe mit Linken-Politiker Diether Dehm, CSU-Mann Norbert Geis unterschrieb einen anderen gemeinsam mit Volker Beck von den Grünen, Linken-Chef Oskar Lafontaine einen dritten zusammen mit FDP-Fraktionsvize Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Schwer war abzusehen, wie die Entscheidung ausgehen würde – jede Stimme zählte.

Am Ende fand ein Vorschlag einer Gruppe um den SPD-Abgeordneten Joachim Stünker eine doch überraschend deutliche Mehrheit: 317 Parlamentarier stimmten für den Entwurf, 233 Parlamentarier votierten dagegen, fünf enthielten sich. Stünker hatte schon vor der Abstimmung die meisten Unterstützer aus den verschiedenen Fraktionen gewinnen können, darunter allerdings keine aus der Union.

Die gesetzliche Regelung zur Patientenverfügung beendet (zunächst) die Diskussionen um die Rechtswirksamkeit bisheriger Verfügungen,  auch wenn es  in der nächsten Zeit sicher zu Debatten darüber kommen wird, wie gut das Gesetz sich im Alltag von kranken, alten, dementen Menschen, von Koma-Patienten und sterbenskranken Patienten  in den Krankenhäusern, Pflegestationen und in der häuslichen Pflege bewähren wird.

Durch die schwere Erkrankung meines Vaters vor 6 Jahren bin ich endgültig mit der Frage konfrontiert worden, wie ich mir mein eigenes Sterben wünsche, unter welchen Bedingungen ich mir ein Leben als mögliche schwerst pflegebedürftige Patientin vorstellen kann und was ich unter keinen Umständen an Maßnahmen der Lebensverlängerung oder Wiederbelebung für mich will.

Meine Eltern haben sich damals ebenfalls sehr intensiv mit den Fragen auseinander gesetzt und eine sogenannte „Christliche Patientenverfügung“ abgeschlossen und mir zusätzlich eine notariell beglaubigte Generalvollmacht erteilt. Wir glaubten damals,  für alle Fälle gut gerüstet zu sein. Und nach der neuen Gestzeslages scheint es auch so zu sein, denn

Die Gültigkeit der bereits verfassten Patientenverfügungen steht durch das neue Gesetz nicht in Frage. Sie müssen nicht neu verfasst werden.

Dann mussten meine Eltern ihre Wohnung in der weit von hier  entfernten Stadt aufgeben und gegen ein Appartement in einem Pflegeheim hier in der Nähe eintauschen, weil meine Mutter die Pflege meines Vaters beim besten Willen nicht mehr bewältigen konnte – trotz Hilfe im Haushalt und ambulantem Pflegedienst.

Die Zeit im Pflegeheim lehrte uns, dass der „eigene Wille“ nicht nur ein hohes, sondern vor allem ein durch Vorschriften, Pflegedokumentation, Pflegerinnen und Pfleger höchst gefährdetes Gut ist, für dessen Erhalt gestritten und gebettelt werden muss, so kam und kommt es mir jedenfalls bisweilen vor.

Die Pflegevorschriften legen zum Beispiel fest, wie viel ein alter Mensch täglich „einführen“ (das heißt tatsächlich so!!!) muss, an Flüssigkeit vor allem, aber auch an mit der Nahrung aufgenommenen Kalorien. Meine Mutter war eine sehr selbstbestimmte Frau und konnte freundlich bestimmt sagen, was sie wollte und was nicht und ebenso bestimmt auch die Rechte ihres Mannes verteidigen. Seit dem Tod meiner Mutter erlebe ich es immer wieder, dass meinem Vater das Essen aufgenötigt wird und sein energisches „Ich will nicht!“  mit dem Hinweis ignoriert wird, dass er essen und trinken  MUSS!!, weil ihm sonst die Zwangsernährung drohe, da ja der kommunale medizinische Dienst die Dokumentationen überprüfe und dem Heim Ärger ins Haus stehe, wenn ein Bewohner nicht die Norm erfülle und durch Unterernährung oder Flüssigkeitsmangel in eine lebensbedrohliche Situation kommen könne.  Zum Glück habe ich mit einer verständnisvollen Ärztin und mit einigen der Pflegekräfte ausmachen können, dass der Wille meines Vaters respektiert wird, ohne gleich den Tropf bereit zu stellen, wenn er seine Tagesration nicht erreicht.  Aber die Pflegedienstleitung hat mir dabei sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass wir uns allesamt damit in einer Grauzone bewegen und Ungemach drohen könne.

Mein Vater, dauerhaft bettlägerig,  weiß sehr genau was es bedeutet, wenn er nicht genug isst oder trinkt. Sein Verstand arbeitet nämlich noch ganz ordentlich, wenn er auch nicht mehr so wortgewandt wie in früheren Jahren seine Interessen vertreten und seine Ansichten darlegen kann. Ich bin gefordert, seine berechtigten Interessen und seinen Wunsch, respektiert zu werden bei den wenigen Dingen die er noch selbst bestimmen kann, durchzusetzen. Dazu gehört es nun einmal, dass er sagen kann: „Ich will nicht essen und ich will auch heute nichts mehr trinken!“  Bisher ist ein lebensbedrohlicher Zustand noch nicht eingetreten, darüber bin ich froh, dafür bin ich dankbar.

Aber ich möchte selbst dann den Wunsch meines Vaters respektieren, wenn absolut klar ist, dass die Konsequenz aus seiner Entscheidung dazu führt, dass er in einen Mangelzustand kommt, der sein Sterben bedeutet.

Die Begleitung meiner Mutter auf ihrer letzten Wegstrecke hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, der Sterbenden den Rhythmus zu überlassen, ihr die Ruhe zu geben, Abschied nehmen zu können, nicht durch technische Geräte oder medizinische Dauerbehandlung den Zeitpunkt weit und weiter hinaus zu schieben. Eine sehr einfühlsame Ärztin hat sie gut versorgt mit dem was nötig war, um keine Schmerzen zu erleiden oder in Panik zu geraten. Es war ein ruhiger, langer und intensiver Prozess des langsamen Loslassens.

Mir ist natürlich bewusst, dass andere Leute mit anderen Bedürfnissen und Erfahrungen zu anderen Schlüssen kommen und ein viel stärker begrenztes Patientenrecht für sinnvoll erachteten. Mir ist auch bewusst, dass die größere Freiheit des jetzt beschlossenen Rechts auch die Gefahr des Missbrauchs in sich birgt – und mir liegt viel daran, diesen so weit wie möglich auszuschließen.

Mir steht aber auch eine Veranstaltung im Pflegeheim meiner Eltern vor Augen, in der eine sehr eloquente Anwältin die Segnungen der anwaltlichen Beratung und eine vom Anwalt aufgesetzte Patientenverfügung anpries, dabei die Gefahren in den düstersten Farben malte und und schon den Terminkalender bereit liegen hatte, um Beratungsgespräche für eine anwaltlich-rechtlich einwandfreie Patientenverfügung zu führen – das mehrseitige Papier konnte nicht eingesehen werden, die anwaltlich korrekt aufgesetzte Verfügung war natürlich nicht kostenlos!

Das mag ein Einzelfall sein – wobei die Anwältin sehr sympathisch und nett „rüberkam“ – aber würde nicht der Zwang zu einem Beratungsgespräch mit Anwalt und / oder Arzt, wie es der Entwurf  Wolfgang Bosbachs vorsah, vor allen Dingen diesen Berufsständen eine neue und (staatlich) garantiert krisenfeste Einnahmequelle sichern, denn wer möchte nicht abgesichert sein für die Einhaltung seines  Willen  bei seinem letzten Weg? (Ich bitte meine kleinen gemeinen Hintergedanken zu verzeihen…!)  Und andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass man nicht mit dem Arzt seines Vertrauens über die medizinischen Belange redet, wenn man sich mit dem Gedanken trägt, eine Patientenverfügung für den Fall seines Sterbens oder eines langen, zum Tode führenden Leidens aufzusetzen.

… Dass ein Gesetzt vermutlich immer  an Grenzen stößt bzw. Fragen offen lässt, machte mir mein Bruder, seines Zeichens Prof. Dr. med.,  klar, als wir über die möglichen Begleitumstände beim Sterben unserer Eltern redeten und er auf den Umstand zu sprechen kam, dass Ärzte ihrem hippokratischen Eid verpflichtet sind und selbst bei einer schon sehr explizit festgelegten Patientenverfügung, die regelt,  was in welchem Fall getan, bzw. unterlassen werden solle die Situation sehr diffiziel sein kann  …

Der folgende Satz erinnert mich daran:

Das Problem beim Aufsetzen einer Patientenverfügungen ist aus Sicht von Experten, genau eine spätere Situation und die eigenen Wünsche vorauszuahnen. Viele Verfügungen waren bisher nicht exakt genug, wenn sie zum Beispiel anwiesen, „unwürdiges Dahinvegetieren“, „qualvolles Leiden“ und „Apparatemedizin“ zu beenden.

So kann man sich doch eigentlich nur einen    „gnädigen Tod“   zu Hause wünschen, wie es früher oft in Todesanzeigen zu lesen war, der Tod fragt nämlich nicht nach einer Patientenverfügung – auch wenn man sie natürlich bereit halten sollte für den Fall der Fälle!

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Kommentare»

1. curioustraveller - 19. Juni, 2009

Hm, nicht einfach, das Thema. Mein Vater hatte nach langer Krankheit eine Patientenverfügung verfasst, die besagte, dass er nur noch Schmerztherapie haben wollte, aber keine lebensverlängernden Maßnahmen. Als er das letzte Mal ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wurde meine Mutter sogleich informiert, dass sie die Verfügung außer Kraft setzen könne. Worauf sie antwortete, dass sie das gar nicht vorhabe. Einen Tag später starb er dann.

Theologisch-praktisch habe ich das noch gar nicht so intensiv ausgeleuchtet, aber mein Bauch (und meine mit einem Dorf in Süddeutschland verbundene Lebenstradition) sagen mir: „Lass die Leute in Frieden und Würde sterben“. Mal abgesehen davon, dass ich mich bei Patienten, die an Maschinen hängen, wirklich manchmal frage, ob da das Leben verlängert wird oder nur die Körperfunktionen… Wie gesagt, nicht einfach, das alles…


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