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Ein hervorragender Vortrag – und was „DIE ZEIT“ daraus macht… 7. Oktober, 2009

Posted by Rika in Allgemein.
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Anlässlich des Jubiläums  der „Barmer Theologische Erklärung“ von 1934 hat Dr. Michael Bertrams,  Richter des Verfassungsgerichts in NRW,   einen sehr differenzierten Vortrag gehalten, der sich  mit der gegenwärtigen Bedeutung der „Barmer Erklärung“  für die gesellschaftliche Relevanz der christlichen Kirchen in Deutschland befasst.

Dr. Bertrams beschäftigt sich in seinem Vortrag in erster Linie mit dem Verhältnis von Kirche und Staat in Bezug auf die „Barmer Erklärung“ und liefert dazu eine Fülle interessanter Informationen, die sowohl den historischen Zusammenhang betreffen, als auch die juristischen Aspekte gerade  für interessierte Laien verdeutlichen – dabei weist er ausdrücklich auch auf Positionen hin, die seiner eigenen widersprechenden.  Er greift dabei (natürlich) vor allem die juristischen Aspekte auf, die  sowohl das Kirchenrecht – als innerkirchliche Rechtsgrundlage – wie das Staatskirchenrecht betreffen.

Da das Staatskirchenrecht aber nicht nur die rechtlichen Grundlagen zwischen  den (christlichen) Kirchen und dem Staat regelt, sondern ausdrücklich alle Religionsgemeinschaften betrifft, die als „Körperschaft des öffentlichen Rechts“  in Kooperation und „Partnerschaft“   zum Staat in einer Rechts-Beziehung stehen (Herr Bertrams nennt neben den Neu-Apostolischen Christen auch die Jüdischen Gemeinden als Beispiel für die genannten Körperschaften),  wird auch kurz auf die Notwendigkeit hingewiesen, die verfassungsgemäße Beziehung islamischer Gemeinden zu Staat und Gesellschaft in der gegenwärtigen Diskussion stärker zu beachten.

Herr Bertrams tut das in einer – wie ich finde – wohl überlegten und ausgewogenen Argumentation, verhehlt dabei allerdings nicht, dass er seine Zweifel habe, ob die Grundlage für eine allgemeine Anerkennung muslimischer Gemeinden als Körperschaft des öffentlichen Rechts zum gegenwärtigen Zeitpunkt wirklich gegeben  sei.  Dies macht er aber nicht aus irgendwelchen dubiosen Bauchgefühlen heraus  (wie es mir passieren könnte 😉  ) sondern führt nachvollziehbare Argumente an.

Sein Anliegen  – so wie ich es verstanden habe – ist in diesem Vortrag aber nicht die Auseinandersetzung der Kirche mit dem Islam, sondern die  bewusste Auseinandersetzung der Kirche mit ihrem gesellschaftlichen Auftrag einerseits und der Rückbesinnung auf die  „Basics“ andererseits, auf das was sie ausmacht und worauf sie sich gründet als  Zentrum  christlichen Glaubens.

Er fasst  so zusammen:

IV. Schluss
Das in der Barmer Erklärung vom 31. Mai 1934 thematisierte Spannungsverhältnis
zwischen Kirche und Staat war geprägt von der Auseinandersetzung mit den
Deutschen Christen und ihrer Anpassung an einen verbrecherischen Staat. Bei dem
Spannungsverhältnis zwischen Kirche und Staat geht es heute um die Positionierung
der Kirche im freiheitlichen Rechtsstaat des Grundgesetzes, um die Positionierung in
einer pluralen Gesellschaft. Wie schwierig diese Positionierung ist, zeigt nicht zuletzt
die Auseinandersetzung mit dem Islam, der seinen Frieden mit dem Verfassungsstaat
noch nicht geschlossen hat. In dieser -zunehmend an Bedeutung gewinnenden -Auseinandersetzung laufen die Kirchen meines Erachtens Gefahr, ihr unverwechselbares Profil und damit zugleich ihre Überzeugungskraft zu verlieren.

Ich sehe diese Gefahr zum einen, weil es die Kirchen – in den Worten von Josef Isensee
– mit ihre Neigung zur Säkularisierung häufig übertreiben. Die Kirchen formulieren
mit anderen Worten gerade nicht mit Entschiedenheit diejenigen Zumutungen
an die Adresse des Staates, die der Indikativ des Evangeliums im Sinne Eberhard
Jüngels eigentlich erwarten lässt. …

Und schließt mit den Worten:

Will sich die Kirche in der pluralen Gesellschaft nicht aufgeben, muss sie ihre ureigene
Botschaft klar formulieren und mit Anspruch auf Verbindlichkeit glaubhaft
vertreten. Sie muss mit anderen Worten zu jener Entschiedenheit zurückkehren, mit
der die Verfasser der Barmer Theologischen Erklärung im Jahre 1934 auf das Evangelium
verwiesen haben.

Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich spätestens mit dieser Bemerkung den mir
einleitend selbst verordneten Standpunkt des Juristen verlassen habe. Aber so viel
persönliches Bekenntnis musste sein.

Nachlesen kann man den Vortrag hier:

Der Vortrag wird zwar auch in dem Artikel der Zeit als Quelle benannt, aber ganz offensichtlich war der kritische Kommentator nicht in der Lage, die Rede Sinn entnehmend zu lesen, anders kann ich es mir nicht erklären, dass er den Kontext der beanstandeten Äußerungen so völlig außer Acht lässt und bei seiner Betrachtung die Priorität  den wenigen, dem Islam geltenden Sätzen zukommen lässt und  dabei vor allem  die Position   der  seiner Meinung nach  zu Unrecht kritisierten Muslime vertritt und  (wohl) deshalb den Referenten so heftig attackiert.   Wobei ich den Tenor sehr viel spannender finde, den nämlich Herr Bertram  – nach meiner Ansicht – auf das Verhältnis der (christlichen) Kirchen zu Staat, Verfassung und gesellschaftlicher Entwicklung  legt und damit  (mehr oder weniger)  die  Legitimierung der Kirche als gesellschaftliche Größe im Deutschland nach der Jahrtausendwende  in einer zunehmend säkularen Gesellschaft darstellt, bzw. den Anstoß dazu gibt, diese Diskussion INNERHALB der Kirche verstärkt zu wagen.

Die polemische Aufbereitung und Anklage der Zeit findet sich hier

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