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Skifahren und Nostalgie… 14. Januar, 2010

Posted by Rika in aus meinem kramladen.
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Viele nostalgische Erinnerungen kamen mir beim Lesen eines netten Artikels in der faz.net mit der schönen Überschrift „Zauberberg der Langsamkeit„.

Ich dachte an unseren ersten Skiurlaub  als frisch verheiratetes Ehepaar am Kronplatz  in Südtirol –  in den Weihnachtsferien 1973 …

Mit einer 50 Personen fassenden Gondel geht es  auf den Berg, etwa 30 Minuten dauert die „Fahrt“ – einmal umsteigen  an der Mittelstation  in eine 25-Mann-Gondel mit Wartezeit  inbegriffen.  Wenn wir nicht so lange an der Gondel warten wollen, fahren wir  über  Olang  zum „Marchner“ und nutzen den Schlepplift, was in der Gesamtzeit von Autofahrt und Schlepplift zwar länger dauert, aber eben nicht so langweilig ist wie das Anstehen an der Gondel…

Lange Wartezeiten unten an der Gondelstation,  lange Wartezeiten auch oben an den Lifthäuschen…

Nette „Liftmänner“ nehmen die Punkte entgegen, die man mit steif gefrorenen Fingern von der Punktekarte abreißt, ebenso nette Liftmänner halten einem den „Teller“ oder „Anker“ hin, den man sich HINTER – nicht UNTER –  Gesäß  oder Oberschenkel klemmt um dann langsam damit  bergauf gezogen zu werden.  Dass es „hinter“ und nicht „unter“ heißt, ist wirklich entscheidend,  als Anfängerin mache ich nämlich, trotz des deutlichen Hinweises des erfahrenen Begleiters, den Fehler, Anker oder Teller als Sitzgelegenheit zu betrachten, was natürlich den sofortigen Plumps in den Schnee  zu Folge hat und erstmal den Liftbetrieb für einige Sekunden oder Minuten unterbricht, muss man  doch meistens nach so einem Plumps die „Aufstiegshilfe“ loslassen – die meisten Neulinge klammern sich aber geradezu verzweifelt an das Seil und werden so noch einige Meter mitgeschleift -,    die Skier an den Füßen „sortieren“ und so schnell wie möglich aus der Liftspur robben … hinter dem Stürzenden  purzeln nicht selten die nächsten über den Unglücksraben, der nicht schnell genug aus der Spur kommt und noch weiter hinten unken die Wartenden über den Pechvogel oder werden ungeduldig, weil es ja ohnehin schon immer ewig dauert, bis man endlich am Haken hängt…

Die „Fahrt“  im Schlepper bergan ist bei Sonnenwetter wunderschön  idyllisch, die Spur führt ( meistens)  neben den Bäumen hinauf in die waldlose Zone  –  neben einigen Spuren  fließt gurgelnd ein kleiner Bach – , das Zugseil surrt  leise und an den Masten klickern die Rollen  in vertrautem Ton (den ich heute oftmals vermisse), unter den Skiern knirscht der Schnee oder kleine Steine und Eisbrocken, die im Laufe des Tages immer stärker an die Oberfläche geschabt werden. Alle paar Meter steht ein netter Liftmann und schippt eine Schaufel Schnee vor die Ski, damit die Steine nicht so bald erscheinen. Die Sonne scheint  einem ins Gesicht, man hört die Vögel in den Bäumen und riecht diesen unvergleichlich,  unverkennbar wunderbaren und guten „Winterurlaubsduft“ aus Schnee, Bäumen und Holzfeuerrauch, der aus irgendeiner nahe gelegenen Hütte kommt…

Einige Liftspuren sind so steil, dass man glaubt, direkt in den Himmel gezogen zu werden …

Bei schlechtem Wetter hingegen ist die Fahrt alles andere als ein Vergnügen, der Wind pfeift einem um die Ohren, die Kälte beißt ins Gesicht und in den ungefütterten,  knöchelhohen Skischuhen erfrieren langsam aber sicher die Zehen. Wenn man endlich oben am Ausstieg angekommt, scheint man gänzlich zu Eis erstarrt zu sein. Doch dann beginn das eigentliche Abenteuer Skifahren …

Zwar sind ( auch damals schon)  die Pisten als solche zu erkennen, aber von „gepflegt“ kann noch keine Rede sein. Eisplatten, Steine, das Wurzelwerk niedriger Alpenrosen oder auch kleiner Büsche tauchen unversehens vor einem auf, der Schnee  – zu Buckeln zusammengeschoben oder von der Sonne in wässerigen Matsch verwandelt -, macht das Skifahren zu einer spannenden Herausforderung … jedenfalls für mich, die ich,  noch gänzlich neu in diesem Metier,  auf den Pisten unterwegs bin. Nicht in dem modernen, wind- und wasserabweisenden Schnee- und Skianzug von heute und erst recht nicht auf den leichtgängigen Cavern, die heutzutage alle Welt benutzt (mit Ausnahme meines Liebsten, der immer noch auf den alten K2-Brettern unterwegs ist, allerdings schon mit moderner Bindung und Bremse ausgerüstet 😉  ) und in Schuhen, mit denen man genauso gut eine meilenweite Winterwanderung machen könnte!

Gleich im ersten Winter am Kronplatz bleibe ich mit der Spitze meines Skis unter einer der kleinen tückischen Wurzeln hängen und purzel kopfüber in den Schnee. Zum Glück bricht der Ski und nicht das Bein!

(Die nächsten Skier haben schon eine moderne Fersen- und Sicherheitsbindung, allerdings benutzt man statt der heute üblichen Bremsen noch sogenannte Fangriemen, die die Bretter, wenn die Bindung bei einem Sturz aufgegangen waren, davon abhalten, eigenmächtig zu Tal zu sausen, allerdings schlagen einem dann schon mal die mit Stahlkanten versehenen Skier um die Ohren und hinterlassen ihre Spuren…)

Mit den besseren Schuhen, den neuartigen Skiern und der wetterfesten Bekleidung und natürlich auch  durch die mit der wachsenden  Fangemeinde intensive Werbung,    wird das Skifahren für immer mehr Leute attraktiv und so passen sich die Skiregionen der größeren Nachfrage an. Pisten werden erweitert oder ganz neu in die Wiesen und Wälder geschoben,  eine schnelle Gondelbahn mit vielen Einzelkabinen schaufelt immer mehr Menschen auf den Berg, die Schlepper werden durch Sessellifte und später durch kleine schnell fahrende Gondeln abgelöst, immer mehr Hütten bieten immer mehr Menschen Wärme und Verpflegung für den Einkehrschwung, immer mehr Pensionen werden in den Ortschaften ringsum gebaut, immer mehr, immer mehr, immer mehr.

Wenn ich aber  die  relativ wenigen Skifahrer von damals mit den Menschenmassen von heute, den reibungslosen Transport Tausender von Menschen heute,  mit den damaligen wenigen, aber schon als „viel“ empfunden Skifahrern vergleiche, so trauere ich oft den alten Zeiten nach – wenngleich ich wohl erfrorene Zehen und die Bekleidung von damals heute ganz bestimmt nicht mehr in Kauf nehmen würde – und das liegt sicher nicht nur am Alter!

Aus einem Wintervergnügen für wenige ist ein Hype für viele geworden. Man kann das bedauern, man kann aber auch den Fortschritt für die Region in Südtirol sehen, den Wohlstand, der in den Ortschaften eingezogen ist. Seit 1973 fahren wir regelmäßig nach Südtirol und haben dabei die rasante Entwicklung mitbekommen, sowohl den technischen Fortschritt bei den Anlagen und bei der Pflege und Bereitstellung der Pisten, wie auch die Veränderungen bei den Wintersportlern selbst, die nicht nur bei der Bekleidung und im Material sichtbar wird, sondern auch im Verhalten auf den Pisten, auf den Hütten, in den Gondeln und nicht zuletzt unten an der Talstation, wenn viele, die kaum eine blaue Piste fahren können, umso ausgelassener dem Apres Ski huldigen…

Der Kronplatz von damals hat nicht mehr viel gemeinsam mit dem Kronplatz von heute – aber ich bin ja auch nicht mehr die Rika der Siebziger Jahre und auch meine Umgebung hier zu Hause im Hannöverschen hat sich an vielen Stellen so verändert, dass mir manchmal Zweifel kommen, ob das alles soooo gut ist….

Das grandiose Panorama am Kronplatz aber, das hat sich zum Glück gar nicht verändert – die Zillertaler Alpen, die Dolomiten, die ewig gleichen majestätischen Berge ringsum – Herz, was willst du mehr!

Und das Skifahren?

Das Skifahren macht mir immer noch sehr, sehr viel Spaß, wobei ich gerne zugebe, dass mir die gepflegten Pisten besser gefallen als die alten naturbelassenen und dass ich es bequem und gut finde, an den Liften eben NICHT lange zu warten oder eben nicht mit erfrorenen Zehen bei langer Schleppfahrt rechnen zu müssen…

Um doch noch auf den Artikel zu kommen (siehe oben): Der Autor fragt sich, ob es sich rechnen werde, wenn nur 500 Skifahrer pro Tag die Schatzalp bevölkern.  Vielleicht – so denke ich – werden die Leute bereit sein, viel mehr Geld für die Einsamkeit und die Nostalgie zu bezahlen, als sie es für den Massenskitourismus und die vielen negativen Begleiterscheinungen heute schon ausgeben – Skifahren ist teuer, unbestritten!

Und so werden einige wenige sich das Vergnügen gönnen, wie in alten Zeiten Pisten und Bergwelt zu genießen –  auf den Komfort bei Bekleidung und Ausrüstung muss man ja nicht verzichten – und sie werden unter sich sein in einem Paradies dieser Erde,  wie sie ja auch schon andere Paradiese für sich entdeckt und eingenommen haben.

Aber ob ich dann zu denen gehören werde, die das  bezahlen können …

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Kommentare»

1. Flash - 18. Januar, 2010

Danke für die schöne Reminiszenz an vergangene Zeiten. Seit ich selber mehrmals in den Alpen war, mache ich mir auch Gedanken um das Phänomen „Massenwintersport“.

Das „Massenhafte“ ist abstoßend, daran gibt es nichts zu rüttlen. Jedoch kann und draf sich keiner, der selber daran teilnimmt, von dieser Masse ausnehmen, denn er bildet sie ja gleichermaßen wie alle anderen, die mit gleichem Recht und froher Erwartung in die Alpen fahren.

Den Regionen ist auch kein Vorwurf zu machen, denn sie bieten einfach an, was die Nachfrage hergibt, und profitieren davon. Ganz menschlich.

Selbst damals in den 70ern ist der eigene Anteil an der Entwicklung zum Massentourismus nicht weg zuleugnen, denn man nutzte das Vorhandene, brachte Geld in die Kassen und trieb damit den Ausbau der Angebote und die Erweiterung des Torurismus mit voran. Masse summiert sich eben nun mal aus den vielen Einzelnen.

Übrigens kenne ich genau diese (guten, erhebenden) Gefühle beim Liftfahren, die Ruhe, Entrücktheit, die frische Luft und das viele Weiß. Das gibt es ja auch heute noch.

Dank dem herrlichen Winter hier kann ich derzeit auf die Alpen auch verzichten und bin mit dem Auto in 15 Minuten an einem schönen Skihang mit Schlepplift. Ich plädiere für die Verstetigung dieser Art von Winter!

2. Rika - 18. Januar, 2010

@
„Jedoch kann und draf sich keiner, der selber daran teilnimmt, von dieser Masse ausnehmen, denn er bildet sie ja gleichermaßen wie alle anderen, die mit gleichem Recht und froher Erwartung in die Alpen fahren.“

Das stimmt natürlich und ich bin mir dessen auch bewusst !
In selbstkritisch-ironischer „Verzweifelung“ habe ich im letzten Urlaub laut darüber nachgedacht (im Beisein meiner Familie und auf der Piste), warum an einzelnen Gondeln oder Pisten nicht ein riesengroßer Hinweis steht: RESERVIERT FÜR RIKA VON HIMMELUNDERDE!“
Und natürlich ist mir absolut klar, dass ich anderen nicht das vorenthalten kann oder will, was ich selbst gerne mag: Skifahren!

Ich bin ein Teil des Zirkus und ich übertöne mein schlechtes Gewissen über den Raubbau an der Natur damit, dass ich sage: Besser ein Gebiet „industriemäßig“ ausbauen und alle anderen umgebenden und geeigneten Berge „verschonen“!
Im „Industriegebiet Skizirkus“ ist dann aber eben Massenbetrieb, das ist der Preis, den man in Kauf nimmt!

Leider gibt es bei uns im Hannöverschen keinen wirklichen Berg – selbst für Langlauf (den ich persönlich aber nicht mag) reicht es hier bei uns mit dem Schnee so gut wie nie, von diesem Winter mal abgesehen (heute taut es schon wieder!) und im Harz gelten im Prinzip die gleichen Mechanismen wie in den Alpen: Massentourismus versus unberührte Natur…

Danke für den Kommentar! 🙂

3. Viel zu kurz …. « himmel und erde - 10. Januar, 2012

[…] von Hand „entwertet“ wird und darum Wartezeiten von gut 35 Minuten das Normale sind. Nein, das alles brauche ich nicht (mehr)  – so schön es auch (damals) immer  […]


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