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Zum Nutzen und Frommen der Kinder? 11. Februar, 2010

Posted by Rika in Allgemein.
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Wenn das Bundesverfassungsgericht sich dieser Tage mit der Frage beschäftigt hat, ob die Regelsätze des Hartz IV  ausreichend sind, um die Teilhabe der Kinder am Schulleben sicher zu stellen, so ist das zweifellos eine lobenswerte Angelegenheit, offen bleibt aber nach wie vor die Frage, wie und auf welche Weise das Mehr an Zuwendung auch garantiert den Kindern zugute kommen wird. Dabei wäre die Sache doch so einfach:

Zu Beginn meiner Berufstätigkeit als Lehrerin in Hessen wurden den Schülern ausnahmslos alle Schulbücher gestellt.  Als ich 2o Jahre später und nach einer langen Kinderpause wieder anfing als Fachlehrerin in der Schule zu arbeiten, war das auch in Niedersachsen der Fall. Darüberhinaus wurden auch alle Lernmaterialien – also Hefte, Bunt- und Bleistifte, Malkästen, Füllfederhalter, Knete und was sonst noch so an Gebrauchsmaterialien im Unterricht benötigt wurde, durch die Schule gestellt, wobei ich hinzufügen muss, dass ich an einer Schule in privater Trägerschaft arbeitete.  So fiel es überhaupt nicht ins Gewicht, ob Eltern in der Lage waren, die Dinge selbst zu kaufen oder nicht,  ich muss allerdings  zudem hinzufügen, dass die meisten Eltern meiner Schüler zu denjenigen gehörten (und auch heute noch gehören), die ohne Zuwendungen des Staates nicht oder kaum „lebensfähig“ wären.

Wenige Jahre nach meinem Wiedereinstieg änderte die Region Hannover die Regelsätze und von einem Tag auf den anderen wurden die Schulmaterialien nicht mehr von der Schule gestellt und auch sorgsam verwaltet, sondern war die Beschaffung in die Verantwortung der Eltern gegeben, mit der Folge, dass Kinder wochenlang und trotz zahlreicher Ermahnungen OHNE die notwendigen Dinge in die Schule kamen, dass Kollegen viel Zeit darauf verwenden mussten, immer wieder Materialien und / oder Materialgeld   (für den Werk-, Kunst- und Hauswirtschaftsunterricht) anzumahnen.

Wie oft wurden wir auf den nächsten Monat vertröstet, wenn wieder einmal kein Geld da war, doch auf die Frage:  „Raucht deine Mutter?“ war in 9 von 10 Fällen die Antwort positiv: „JA!“  Hatte ich anfänglich noch oftmals aus Mitleid stillschweigend den Obolus der Kinder aus der eigenen Tasche gezahlt, so unterließ ich es später aus Frust über eben diese Erfahrung:

Geld für Zigaretten ist IMMER da, ebenso für Piercings, Tattoos, abenteuerlich gefärbte Haare und kunstvoll verlängerte Fingernägel (der Mütter),   Mutter kocht das bekannte Nudelgericht aus der Packung, statt für die Hälfte des Preises selbst Nudeln mit Tomatensoße zuzubereiten, Tiefkühlpizza ersetzt das Mittagessen, dafür bekommen die Schüler kein Schulbrot mit in die Schule, Kartoffeln kennen die Kinder nur in Form von Chips – das aber in allen Variationen und nahezu im täglichen Verbrauch -,  und selbst an nassen, trüben und kalten  Wintertagen und bei deutlichen Minustemperaturen werden Kinder in Turnschuhen und dünnen Trainingsanzügen in die Schule geschickt, dafür aber mit einem teuren Handy ausgestattet.   Spielkonsolen mit zahlreichen dazu gehörenden (teuren!!!) Spielen und MP3-Player gehören zur Grundausstattung selbst der bedürftigen Schüler, dafür fehlt der Füller oder  eben wieder einmal das Geld für den Hauswirtschaftsunterricht oder das Materialgeld für Werken. Muss ich hier erwähnen, dass keines unserer vier Kinder je eine Spielkonsole hatte, dafür aber für einen geringen Jahresbeitrag im Fußball- oder Turnverein unseres Ortes aktiv war?

Ein großer Teil der Eltern, deren Kinder zu denen gehören, die nun besser ausgestattet werden sollen, sind einfach nicht in der Lage, sinnvoll, sparsam  und planvoll zu wirtschaften. Das jedenfalls ist meine bittere Erkenntnis aus mehr als 16 jähriger Berufstätigkeit an einer Schule, deren Schüler zu den genannten Problemfällen gehören. Wie oft haben wir im Kollegium nicht ohne Sarkasmus gesagt, dass nicht die Kinder, sondern die Eltern unsere Schule besuchen müssten. An deren „Vermögen“ bzw. Unvermögen scheiden sich die Geister, wobei „Vermögen“ nur in dritter oder vierter Linie eine Frage des Geldes ist.

Ich bezweifle, dass eine bessere „Bezahlung“ auch nur das Geringste an den Zuständen ändern wird. Meiner Meinung nach kann es nur über Ganztagsbetreuung durch Schule, Hort oder entsprechende Einrichtungen gelingen, dass Kinder dem Kreislauf aus Bedürftigkeit und Versagen und Abhängigkeit von staatlicher Hilfe entkommen können und sie tatsächlich teilnehmen können an Bildung und Ausbildung, an Kultur und Sport, an einem lebensfrohen Alltagsleben.

Wenn wir so weiter machen wie bisher, tradieren wir das Elend in die nächste und übernächste Generation.

Denn auch das gehört zum reichen Erfahrungsschatz im Umgang und aus Gesprächen mit meinen  Schülern:

Die meisten Eltern haben  sich „in Hartz IV“ häuslich eingerichtet, nichts und niemand motiviert sie, aus eigenem Antrieb einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen, schon gar nicht einer Arbeit, die kaum mehr oder gar weniger einbringt, als Hartz IV Monat für Monat sicher gewährleistet. Ich weiß natürlich, dass es Menschen gibt, die aus unterschiedlichen Gründen nicht arbeiten können, sei es, weil sie körperlich oder von ihrer intellektuellen Situation her dazu nicht in der Lage sind oder weil sie tatsächlich in einem strukturschwachen Gebiet wohnen, in dem Arbeitsplätze äußerst dünn gesät sind. Sicher muss es für diesen Personenkreis Hilfen geben.  Aber genauso muss es erlaubt sein, nachzufragen, wie groß tatsächlich das Bemühen um eine Erwerbstätigkeit ist und es muss meiner Ansicht nach auch möglich sein, Menschen, die dauerhaft von Unterstützung leben, zu ehrenamtlichen Tätigkeiten, die dem Gemeinwohl zugute kommen, heran zu ziehen.

So, aus dieser Erfahrung heraus, schließe ich  mich ausdrücklich dem bedenkenswerten  Fazit an, das Jan Fleischhauer auf der Achse zieht:

„Zu den Fragen, die das Verfassungsgericht leider nicht beantwortet hat, gehört die, warum Hartz-IV-Familien offenbar nicht gelingt, was in Familien mit dem Einkommen einer Verkäuferin oder eines Möbelpackers selbstverständlich angenommen wird, nämlich den Nachwuchs mit den nötigen Schulmaterialien auszustatten. Es spricht in jedem Fall sehr viel mehr für die Annahme, dass eine Erhöhung der Regelsätze sofort der Haushaltskasse zufließen würde (vulgo Schnaps, McDonalds und Unterhaltungselektronik) als in Investitionen in eine erfolgreiche Schulkarriere. Das scheint übrigens auch den Richtern in Karlsruhe bewusst zu sein, deshalb haben sie in ihrem Urteil dem Gesetzgeber ausdrücklich den Weg eröffnet, den festgestellten Mehrbedarf statt durch Geld- auch durch Sach- oder Dienstleistungen zu sichern. Man kann sich jetzt schon auf den Aufschrei der Sozialstaatsfraktion vorbereiten, sollte sich die Bundesregierung diesen Hinweis zu Herzen nehmen – dem vielbeschworenen Kindeswohl wäre es zweifellos dienlich.“

Herr  Sarrazin  lässt grüßen … aber auch das darf man nur  hinter gut geschlossenen Türen sagen!

NACHTRAG:

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Kommentare»

1. yael1 - 11. Februar, 2010

„Aber genauso muss es erlaubt sein, nachzufragen, wie groß tatsächlich das Bemühen um eine Erwerbstätigkeit ist und es muss meiner Ansicht nach auch möglich sein, Menschen, die dauerhaft von Unterstützung leben, zu ehrenamtlichen Tätigkeiten, die dem Gemeinwohl zugute kommen, heran zu ziehen.“

Zunächst einmal kontrollieren die Jobcenter die Bewerbungen, wie oft, wo, usw.(Stichwort Eingliederungsvereinbarung). Die Jobcenter vermitteln Menschen nicht einmal einen Job auf dem 1. Arbeitsmarkt, was eigentlich deren Aufgabe ist und was geplant war. Da passiert nämlich niente.
Dann bitte vorsichtig mit Forderungen wie Ehrenamtlich. Es gibt schon genug 1 Euro-Jobs, in die man gezwungen werden kann, ganze Firmen überleben nur mit der Vermittlung von 1 Euro-Jobs, sprich: Arbeitslose finanzieren sozusagen, dass diese nicht Pleite gehen, bekommen aber keinen Job auf dem 1. Arbeitsmarkt, weil es ja so bequem ist, andere billig für sich arbeiten zu lassen, was ich extrem pervers finde. Es gibt 7 Millionen Hartz IVler, und die überwiegende Mehrheit will arbeiten oder mehr in ihren Sklavenjobs verdienen.
Ich spreche nicht von denen, die keinen Berufsabschluss haben, sondern auch z.B. von Akademikern, die keine Chance mehr bekommen.
Ich befürchte, erst wenn man selber betroffen ist oder war, kann man das im Ganzen beurteilen, auf Arbeitslosen wird mir in diesem Land schon genug herabgesehen und auf sie herumgetrampelt. Es ist immer so einfach etwas zu fordern, wenn man nie in dieser Mühle war.

2. curioustraveller - 11. Februar, 2010

Tja, passt zum STERN-TV Beitrag von gestern abend. Da wurde eine Familie mit 2 Kindern mit Hartz IV verglichen mit einer Familie, in der der Vater als Elektriker arbeitet (1 Kinde) Ergebnis: 270 Euro Unterschied im Gesamteinkommen. Klar, man kann das unterschiedlich rechnen, aber das fand ich schon stramm.

Unsere unmittelbaren Nachbarn sind Hartz IV-Emfpänger mit Zugang zur Tafel in unserer Stadt. Was ich da jeden Tag an kompletten Mahlzeiten von gutem und noch verwertbaren Essen in der Bio-Mülltonne finde, das geht auf keine Kuhhaut. Und: Jedes der Kinder hat einen Laptop, Handy u.ä…

Natürlich weiß ich, dass man davon nicht unbedingt auf die Mehrzahl der Hartz-IV-Empfänger schließen kann und es viele gibt, die auf Arbeitssuche sind und keine Arbeit finden. Oder die, die aus Krankheitsgründen arbeitsunfähig sind. Und das ist Mist, gar keine Frage – zumal da oft das Gros des Einkommens für Medikamente draufgeht.

Trotzdem: Ich habe gelernt, mir den einzelnen Fall anzusehen und nicht per se kollektives Mitleid zu üben…

3. yael1 - 11. Februar, 2010

„Herr Sarrazin lässt grüßen“

Ich weiß nicht, ob du dich gern auf Sarratin berufst, wenn dir klar ist, was Sarazzin über Jobsuchende von sich gegeben hat. Dieser Mann ist der menschenverachtenste und zynischste Politiker, den ich kenne. Seine zynischen Äußerungen, arbeitssuchende sollen sich warme Pullover anziehen, damit sie zu Hause Heizkostensparen oder man könne sich von circa 3.50 Euro wunderbar am Tage gesund!! ernähren und vieles andere, sprechen für sich und nicht für einen Menschen, der einen Charakter besitzt.

4. yael1 - 11. Februar, 2010

„Oder die, die aus Krankheitsgründen arbeitsunfähig sind.“

Die bekommen auch kein Hartz IV, sondern die alte Sozialhilfe. Hartz IV bekommt nur der, der mindestens 3 Stunden am Tag arbeiten kann.

5. Rika - 11. Februar, 2010

Yael,
danke für deine Richtigstellungen!

Ich weiß, dass ich ziemlich „grobmaschig“ geschrieben habe, aber meine Erfahrungen in der Schule sind nun mal so bedrückend negativ, wie ich es geschildert habe und diese Zustände machen mich ziemlich wütend … ohnmächtig fühle ich mich sowieso!

Zu Sarrazin: „Inhaltlich“ gebe ich ihm an vielen Punkten Recht. Seine zynische Arroganz teile ich allerdings nicht.
Es ist ihm aber zu „verdanken“, dass er die Dinge auch öffentlich beim Namen genannt hat, über die man doch sonst eher hinter verschlossenen (Lehrerzimmer- und ähnlichen)Türen sehr vorsichtig redete!

6. yael1 - 11. Februar, 2010

Ich weiß, dass ich ziemlich “grobmaschig” geschrieben habe, aber meine Erfahrungen in der Schule sind nun mal so bedrückend negativ, wie ich es geschildert habe und diese Zustände machen mich ziemlich wütend … ohnmächtig fühle ich mich sowieso!

Ich habe hier vollstes Verständnis, nur denke ich, auch wenn solche Leute, die ihre Kinder vernachlässigen, würden das auch tun, wenn sie einen Job haben. Die wird es leider immer geben und hier hilft nur, dass jeder für sich genau hinschaut. Es wird auch immer Menschen geben, die das soziale Netz ausnutzen, keinen Lust haben, etwas zu tun und auch die, die betrügen werden.
Das Problem in dieser Gesellschaft ist, dass 1-Euro-Jobber Arbeitssplätze belegen müssen, die nie mit einem Vollzeitjob in Zukunft besetzt werden, es ist halt billiger mit denen zu arbeiten als neue Arbeitsplätze zu schaffen. Es gibt soviele Zweige, die zusammenbrechen würden, gebe es die 1 Euro-Jobs nicht mehr,Altenheime, Krankenhäuser, Kinderbetreuungsstätten etc.
Dort werden auch völlig Unfähige auf Kinder und alte und kranke Menschen losgelassen. Ich kenne jemanden, der mit seiner Firma 1-Euro-Jobs vermittelt, dort werden alle hingeschickt, egal, ob sie etwas können oder nicht. Da geht es einfach nach dem Namen im Alphabet im System.
Sie vermittelt auch z.B. 1-Euro-Jobber an Kindereinrichtungen, dort hatte man jemanden hingesetzt, der ein Atomkraftwerk mit den Kindern basteln wollte oder bei einem, der Kinder betreut hat, haben die Mitarbeiter später erfahren, dass er als Vergewaltiger verurteilt wurde. Ich kann dir Dinge erzählen, da kommt kein normaler Mensch drauf. Das liegt nicht an den Leuten, die diese 1-Euro-Jobs vermitteln, sondern an den Arbeitsvermittlern bei den Jobcentern, die sich nicht dafür interessieren, wen sie für was vermitteln, Hauptsache die Statistik stimmt, denn jeder 1-Euro-Jobber gilt offiziell nicht mehr als arbeitslos, sogar wenn man eine simple Weiterbildung in Englisch macht oder einen PC-Kurs belegt, ist das so.
Daher sind viel mehr Menschen arbeitssuchend als die Statistik je hergibt. Wundern tut mich das auch nicht, bei dem Druck die die Jobcenter haben, dort sitzen kaum noch Leute, die diesen Beruf gelernt haben, sondern werden z.B. ehemalige Telekommitarbeiter in einem 6 Wochen Crash Kurs getrimmt und das wars. Dass die Probleme haben, nicht nur was die Kompetenz mit den Paragraphengewimmel bei Hartz IV angeht, sondern auch keine Kompetenz haben, mit Arbeitssuchenden umzugehen. Woher sollen sie es auch haben?
Man könnte noch mehr darüber schreiben, wenn man möchte, es ist einfach unerträglich was hier teilweise abgeht. Und wenn dann noch Ehrenamtliche eingesetzt werden, die dann ebenso willkürlich verteilt werden, dann sage ich Gute Nacht.

7. yael1 - 1. März, 2010

Sarrazin mal wieder in Hochform: „Als Sparmöglichkeit nannte Sarrazin das Duschen: „Kalt duschen ist doch eh viel gesünder. Ein Warmduscher ist noch nie weit gekommen im Leben.“

8. Rika - 1. März, 2010

@ „„Kalt duschen ist doch eh viel gesünder.“

Deshalb guckt der immer so verkniffen (verfroren) aus der Wäsche.

Aber vielleicht hat man ihn ein bisserl zu heiß gebadet…. und das sind jetzt die Spätfolgen… er ist ganz einfach traumatisiert … könnte doch sein … man weiß ja nie, was in der Kindheit so alles passiert!
😉

9. yael1 - 1. März, 2010

Zu heiß gebadet hat der Gute sicherlich. Aber etwaige Kindheitstraumata hätte er bei einem Therapeuten behandeln lassen müssen oder aber der Therapeut war vorher arbeitslos und nun hat er erneut ein Trauma. 😀


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