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Nicht alle(s) in einen Topf werfen! 9. März, 2010

Posted by Rika in aktuell, Kinder - Famile.
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Ganz ohne Frage, die Missbrauch-Debatte ist dringend geboten.

Doch nicht alles, was jetzt in (blindem?!) Aktionismus von echten und selbsternannten Experten in den Medien als Verhaltensstrategie zur Verhinderung oder Entdeckung von Missbrauch angeboten und gepriesen wird, ist auch wirklich hilfreich.

So entdeckte ich heute bei der morgendlichen Lektüre meiner (inzwischen käseblättchengleichen) Tageszeitung das Beispiel für solch ein übereifriges   „Achtung – Vorsicht –  Lehrer – Missbrauch!“

Die Geschichten ähneln sich: von Sportlehrern, die nach dem Unterricht in Umkleidekabinen platzen oder gemeinsam mit den Schülern duschen. Von Mathelehrern, die Schülerinnen im Vorbeigehen durchs Haar streicheln. „Das sind typische Vorbereitungshandlungen für sexuelle Übergriffe in der Schule“, sagt die Expertin. (Hervorhebung von mir !)  Sie wundert sich, „dass man nun so tut, als gebe es so etwas an staatlichen Schulen gar nicht“.

Wäre es der Sache nicht sehr viel dienlicher zu sagen:  Das können Vorbereitungshandlungen sein.? Aber die Expertin sagt: „Das sind typische Vorbereitungshandlungen für sexuelle Übergriffe in der Schule.“

War sie je als Erwachsene  in einer Schule? Vielleicht, vielleicht auch nicht, das entzieht sich meiner Kenntnis.

Führen wir uns den Vorwurf / das Beispiel „in Umkleidekabinen platzen“ doch mal vor Augen:

Hat die Expertin eine Ahnung davon, was in Umkleidekabinen mitunter vor sich geht und dass man dem Lehrer/ der Lehrerin eher eine massive Verletzung der Aufsichtspflicht zum Vorwurf machen kann, wenn sie nämlich NICHT in einer Kabine nach dem Rechten sieht, aus der nicht nur fröhliches Schülerlachen erklingt…  Weiß sie vielleicht gar nicht, dass auch junge Kinder andere Mitschüler bedrohen und misshandeln können? Ist ihr eigentlich klar, dass auch Schüler Schüler missbrauchen und daher die Vergewisserung der Lehrkraft, dass alles in Ordnung ist, geradezu ein Gebot der Stunde ist?  Der Aufsichtserlass sagt ganz klar, dass alle Bereiche der Schule der Aufsicht unterliegen, er sagt allerdings ebenso deutlich, dass der / die  Aufsichtsführende  u.a. Alter und auch  Situation berücksichtigen müsse. So wird in diesem Sinn „die Aufsicht“ vermutlich erst anklopfen, bevor die Umkleidekabine betreten wird und vermutlich wird sich die Aufsicht das Betreten ganz ersparen, wenn es sich um junge Damen  handelt, nicht zu verwechseln mit kleinen Mädchen im Grundschulalter, die mitunter sogar  noch Hilfe beim Anziehen brauchen. In dem Fall wird eine „männliche Aufsicht“ entweder eine Kollegin oder eine Mitschülerin bitten, Hilfe zu geben.

Aber so einfach zu unterstellen, gar zu behaupten,  dass das Betreten der Umkleidekabinen eine  „typische Vorbereitungshandlung für sexuelle Übergriffe“ sei, dass ist reichlich starker Tobak, geht an der Schulwirklichkeit total vorbei und verunglimpft viele, viele  Lehrerinnen und Lehrer, die nichts, aber auch gar nicht mit Missbrauch am Hut oder im Sinn haben, sondern nur schlicht und einfach ihrer Dienstpflicht nachkommen. (Es würde mich nicht wundern, wenn im Zuge dieser Debatte etliche Lehrerinnen und Lehrer   sich aus Angst oder Sorge vor Missbrauchsvorwürfen  weigerten, überhaupt noch Sportunterricht zu erteilen, bei dem man ja möglicherweise auch Schülerinnen und Schüler wegen einer notwendigen Hilfestellung ANFASSEN MUSS!!!

(Miteinander duschen halte ich allerdings nur dann für gegeben, wenn sich Lehrkräfte und Schüler in einer Großraumdusche in Badeanzug / Badehose unter die Dusche stellen, um sicher zu stellen, dass wirklich alle Schüler vor der Benutzung des Schwimmbades geduscht haben.  Es soll ja auch Erwachsene geben, die das Duschen vor dem Schwimmen für eine völlig überflüssige Aktion halten und auch ihre Kinder in diesem Sinn   „erziehen“…!)

Auch das Beispiel des Mathelehrers, der einem Kind (einer Schülerin)  im Vorübergehen über den Kopf streichelt, sollten wir uns etwas näher ansehen:

Ist es nicht durchaus denkbar, dass ein Mädchen (wieso erwähnt die Expertin an dieser Stelle nicht auch die kleinen Jungen???) – also ein Kind – in Mathematik mit großen Problemen zu kämpfen hat (ich war so ein Kind!!!) und der Lehrer, in Kenntnis der Probleme und der oftmals damit verbundenen Ängste, einem Kind aufmunternd auf die Schulter klopft oder über den Kopf streicht, OHNE die Absicht damit zu verbinden, das Kind in naher Zukunft zu vernaschen!!??

Ich stelle nicht in Abrede, dass ein Streicheln über den Kopf eines Kindes ein Hinweis auf mögliche Missbrauchtendenzen eines Lehrers, einer Lehrein sein KANN, aber ich wehre mich ganz entschieden dagegen zu behaupten, gar zu unterstellen, wie es die „Expertin“ tut,  es sei eine „typische Vorbereitungshandlung“ für sexuellen Missbrauch, wenn ein Lehrer, eine Lehrerin sich in empathischer, freundlicher Haltung einem Kind  zuwendet.

Zumindest hätte ich von der „Expertin“ erwartet, dass sie nach Alter und Schultyp differenziert, wenn sie schon von „typisch“ redet.

An meiner ehemaligen (Förder)Schule – ich bin jetzt im Ruhestand – hatten viele (auch schon ältere) Kinder ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Nähe, nach Wärme, Zuwendung und  Streicheleinheiten, die sie zu Hause nicht bekamen.  Diese Kinder suchten (auch) den Körperkontakt zu den Erwachsenen, Lehrerinnen und Lehrern, pädagogischen Mitarbeitern. Sollten (tröstende) Umarmungen oder übermütiges Balgen  in Zukunft unter die Rubrik „typische Vorbereitungshandlung für sexuelle Übergriffe in der Schule“ fallen und damit jeder Lehrer, der nicht strikte körperliche Distanz wahrt, sich  als potentieller „Missbraucher“  so rechtlich angreifbar macht, wären die Schulen noch viel kälter und noch weniger kindgerecht, als sie es ohnehin schon sind.  Dann könnten wir auch getrost zu den  großen Klassen der 50er Jahre zurückkehren, zu Frontalunterricht und eiserner Disziplin.

Nochmals,

ich bin ganz und gar für die Aufklärung und Aufarbeitung der bekannt gewordenen Missbrauchsfälle oder Verdachtsfälle, ich bin für Prävention und für Programme, die Kinder stark machen und ihnen helfen, „NEIN“  zu sagen, wenn ihnen Erwachsene zu nahe kommen oder auf die Pelle rücken oder ihre Persönlichkeit nicht respektieren.

Ich wehre mich aber entschieden dagegen, einen ganzen Berufsstand zu verunglimpfen oder in Misskredit zu bringen, wie es die „Expertin“ tut, wenn sie unterschiedslos von „typischen Vorbereitungshandlungen“ spricht. Das ist eine Form von geistigem Missbrauch an Lehrerinnen und Lehrern, die oft genug mit den Versäumnissen leben müssen, die die ihnen anvertrauten Kinder in ihren Elternhäusern erfahren.

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