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Der Völkermord an den Armeniern … 22. April, 2010

Posted by Rika in aus meinem kramladen, meine persönliche presseschau.
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„muss von den Historikern bewiesen werden“ bevor man in einer deutschen Kleinstadt darüber öffentlich reden darf.

Die, die sich dieser „türkischen“  Argumentation beugen, sind Mitglieder des Mindener „Integrationsausschusses“, die ursprünglich eine öffentliche Veranstaltung anschieben wollten, die der Versöhnung dienen sollte.

Karen Krüger  berichtet in einem Artikel der FAZ über das Vorhaben, seinen Ursprung und seine Umsetzung. Ich werde einige Passagen davon  hier einstellen, durch die blaue Schriftfarbe als Zitate kenntlich gemacht:

„Keine vier Wochen ist es her, da postierte sich ein Grüppchen türkischstämmiger Demonstranten vor der Redaktion des „Mindener Tageblatts“, um mit türkischer Flagge und Plakaten mit dem Konterfei des türkischen Staatsgründers Atatürk gegen die angeblich einseitige Berichterstattung der Zeitung zu demonstrieren. Der Auslöser: Ein Leserbrief über die Aufarbeitung des Völkermordes an den Armeniern in den Jahren 1915 bis 1917. Offenbar beeindruckt von der Belagerung druckte das „Mindener Tageblatt“ daraufhin einen Artikel, der versöhnlich gemeint war und das gegenüber der Redaktion vorgebrachte Anliegen der Demonstranten, genannt „Mindener Vorschlag“, beschreibt: „Wie in einem Gerichtsprozess“ solle von Türken und Armeniern der Sachverhalt der damaligen Ereignisse geprüft und bewertet werden.“

Vor knapp zwei Wochen berichtete die ARD zur später Stunde in einer filmischen Dokumentation   „Aghet“ über den Völkermord an den Armeniern, der nach türkischer Darstellung keiner war.

Türkische Migranten schließen sich in der Regel der offiziellen Lesart an – auch hier in Deutschland – oder schweigen zum Thema.   Wie konfliktbeladen das Thema für türkische Mitbürger ist, zeigt der Mindener Vorgang:

Man (türkische Migranten) antwortet nicht nur mit einem Leserbrief auf einen Leserbrief, dessen Inhalt einem nicht gefällt, man zettelt gleich eine „Demonstration“ gegen die Zeitung an.

Und was macht die Zeitung? Sie reagiert! Aber nicht etwa mit einer deutlichen Klarstellung der historisch belegbaren Fakten und weist den Protest entsprechend entschieden zurück, nein, sie macht einen „Vorschlag“ zur Prüfung des Sachverhaltes, was doch konkret nichts anderes bedeutet als freundliches Entgegenkommen für die Demonstranten und bereits im Ansatz gezeigte Distanzierung von den Armeniern.  An dem Sachverhalt  des Genozids an den Armeniern gibt es seitens der Zeitung eigentlich nichts zu prüfen. Der ist historisch belegt durch glaubwürdige Zeugenaussagen. Zu prüfen gibt es allenfalls die  Verneinungsstrategie und die Verschleierungs-und Beschönigungstaktik seitens der türkischen Regierung und die ebenfalls seltsam anmutende „ruhige Zurückhaltung“ seitens der deutschen Regierung, die es bisher ja auch unterließ, allzu deutlich im Beisein der „türkischen Freunde“  von Völkermord an den Armeniern zu sprechen, obwohl sie dank der Akten, wie sie auch  dem Film Aghet zugrunde liegen, doch bestens informiert ist und eigentlich gar keine Unklarheiten bestehen sollten!

Das Anliegen der Zeitung, zwischen den Parteien zu vermitteln, war zwar ehrenhaft, aber schon vom Ansatz her methodisch falsch.

Es passt aber auch ins Bild, dass die türkische Zeitung Hürriyet den Mindener Vorgang aufgreift – wie Frau Kramer berichtet:

„Auch die Europaausgabe der türkischen Zeitung „Hürriyet“ reagierte – die Demonstranten hatten sie gleich mitgebracht -, nämlich mit einem Text, der sich als Aufruf liest, nach dem Beispiel des „Mindener Vorschlags“ eine europaweite Lobby gegen die Aufarbeitung des Völkermords zu gründen. Darin wird einer der Demonstranten zitiert: „Die türkische Geschichte ist rein. Wir müssen in Europa eine Einheit bilden. Der Kampf hat begonnen. Die Archive sind geöffnet. Wenn sie die Wahrheit erfahren wollen, sollen sie kommen und lesen und nicht vor einer Konfrontation weglaufen. Der Türke hat in seiner Geschichte nichts gemacht, wofür er sich schämen müsste.““


Dass die türkische Geschichte „rein“ ist, wollte uns ja während der Bildungsreise im März auch unser Reiseleiter mit einer anschaulichen Parabel versichern.

Frau Kramer berichtet eindrucksvoll, wie es den Mindener türkischen Migranten gelang, im Sinne dieser „Reinheitslehre“ einen auf Versöhnung zielenden Abend umzufunktionieren:

„Fast zweihundert mehrheitlich türkischstämmige Zuhörer lauschten dem Hauptredner, besagtem Ali Söylemezoglu, Autor eines Buches, das die 1,5 Millionen getöteten Armenier als bedauernswertes, doch kriegsbedingtes Unglück darstellt. Einen Völkermord hat es ihm zufolge nie gegeben. Einleitend sprach Söylemezoglu, wie Teilnehmer berichten, von der „schwierigen Geschichte“ zwischen Armeniern und Türken, später habe es geheißen, schwierig seien die Armenier selbst und ihr vorurteilsbeladener Umgang mit den Türken. Und auch die Dolchstoßlegende wurde aufgetischt: Die Armenier hätten die Türkei vernichten wollen und versuchten nun, ihre eigene Schuld am massenhaften Tod den Türken anzuhängen.“

Das Hin und Her zwischen Türken, Armeniern, Mindener Tageblatt und Integrationsrat gleicht schließlich einem unwürdigen Possenspiel, das Frau Kramer so beschreibt:

„Minden sollte nicht in die Geschichte eingehen als ein Ort, an dem Geschichtsrevisionisten auf offene Tore und Türen stoßen“, sagte Madlen Vartian dieser Zeitung. Statt dessen bemühen sich Mitglieder des Integrationsrates seit Wochen um eine Anschlussveranstaltung für den Abend im Dezember, bei der diesmal der Völkermord und nicht dessen Leugnung im Mittelpunkt stehen soll.

Doch anders als noch vor vier Monaten, als es um die Veranstaltung von Ali Söylemezoglu und Ümit Rahmi Tuncel ging, tut sich die Verwaltung der Stadt mit der Organisation des für den 30. April anberaumten Abends schwer. So schwer, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, man wolle die Geschichte aussitzen – um sich die zu befürchtenden Proteste von türkischer Seite zu ersparen: Mal passte der Termin nicht, dann verabschiedete sich jemand in den Urlaub, bestellte Stühle wurden nicht geliefert, Einladungen zu spät versendet und Scheingefechte über den Titel der Veranstaltung geführt: Selbst innerhalb des Integrationsrats herrscht keine Einigkeit darüber, ob das Wort Völkermord in der Einladung stehen darf oder nicht. Denn ob es sich tatsächlich um einen solchen handele, müsse von Historikern schließlich erst bewiesen werden.“

Hervorhebung von mir.

Frau Kramer kommentiert die beiden letzten  Sätze  folgendermaßen:

„Klingelt es da nicht in den Ohren? Genau – es ist das Argument, mit dem auch offizielle Verlautbarungen der türkischen Regierung arbeiten. Und es wird auch gern von jenen Deutsch-Türken verwendet, deren Ziel die Leugnung des Genozids und dessen Nichtanerkennung ist, und die sich deshalb den Ergebnissen der internationalen Forschung verschließen.“

Ich bin gespannt, wie weit die Verleugnung deutscher Politikerinnen und Politker – und sei es nur auf der kommunalen Ebene – noch gehen wird, wie lange lassen wir es zu, dass ein offensichtlich gefälschtes Geschichtsbild auch hierzulande Verbreitung finden wird und unwidersprochen bleibt.

Wann wird sich auch die Bundesregierung endlich dazu durchringen, den Mord an den Armeniern als das zu bezeichnen, was er ist: Völkermord.

Bisher hielt sie sich damit vornehm zurück, Zitat:

„Die deutsche Bundesregierung antwortete am 25. Februar 2010: „Die Bundesregierung begrüßt alle Initiativen, die der weiteren Aufarbeitung der geschichtlichen Ereignisse von 1915/16 dienen. Eine Bewertung der Ergebnisse dieser Forschungen sollte Wissenschaftlerinnen/Wissenschaftlern vorbehalten bleiben. Dabei ist die Bundesregierung der Auffassung, dass die Aufarbeitung der tragischen Ereignisse von 1915/16 in erster Linie Sache der beiden betroffenen Länder Türkei und Armenien ist. Vor diesem Hintergrund zollt die Bundesregierung sowohl der türkischen als auch der armenischen Seite Respekt für die mutigen Schritte, die sie bereits zur Normalisierung ihrer bilateralen Beziehungen unternommen haben. Sie ermutigt beide Seiten in ihren Gesprächen regelmäßig, den laufenden Annäherungsprozess, der auch die Bildung einer Historikerkommission einschließt, beharrlich fortzusetzen.“[152][153]“

Ich empfinde es als ausgesprochen feige und unverantwortlich, zugunsten von wirtschaftlichen Vorteilen in und militärischen Bündnissen mit der Türkei keine Stellung zu beziehen und die eigenen Erkenntnisse über  „die tragischen Ereignisse“ den Ansichten der türkischen Verbände unterzuordnen.

Und ich bin sehr gespannt, wie die Stellungnahme unserer neuen Sozialministerin aussehen würde oder aussehen wird, ist sie doch ein Kind türkischer Migranten und seit neuestem zuständig für Migranten in Niedersachen … Minden liegt ja nur einen Steinwurf weit weg  –  in NRW  und es ist zu vermuten, dass sich Herr Rüttgers in Wahlkampfzeiten „wegen Terminschwierigkeiten“  mit so einer „Lappalie“   ganz sicher nicht befassen wird …  und  man will es sich ja ganz sicher auch nicht mit den vielen, vielen Wählern der „Reinheitslehre“  verderben…

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Kommentare»

1. Rika - 24. April, 2010

Zum heutigen Gedenktag des Völkermordes an den Armeniern schreibt Daniel Huber in seinen Beitrag:

„Die planmässige Vertreibung und Ermordung der Armenier begann dann am 24. April 1915 mit einer Welle von Verhaftungen in Istanbul. Zahllose Hinrichtungen auf öffentlichen Plätzen folgten. Nach dieser Dezimierung der städtischen armenischen Elite begannen die Vertreibungen, Deportationen und Massaker im anatolischen Osten, wo die meisten Armenier lebten. Verbände der «Spezialorganisation» (Teskilat-i Mahsusa) — Banden von Kurden und eigens für diese Aufgabe begnadigten Häftlingen — trennten zusammen mit türkischen Einheiten die Männer von ihren Familien; die meisten wurden in der Nähe …“

zu lesen hier:
http://www.20min.ch/wissen/history/story/Der-verdraengte-Voelkermord-21361152
gefunden über die achgut

Und bei FAZ diesen Beitrag entdeckt, der sich mit der notwendigen Bereitschaft zum Dialog zwischen Türken, Kurden und Armeniern beschäftigt und die Hoffnung ausdrückt, dass es zu einer gemeinsamen Verständigung über den Genozid an den Armeniern kommt.
zu lesen hier:
http://www.faz.net/s/Rub5C2BFD49230B472BA96E0B2CF9FAB88C/Doc~E7D635AD355B04AA88327ADB3B3B5F688~ATpl~Ecommon~Scontent.html

2. Schmeichler mit gespaltener Zunge… « himmel und erde - 28. Februar, 2011

[…] der Vertriebenen,  wird der „Konflikt der Erinnerung„. Nicht der Tod der Armenier ist das Problem, sondern die unterschiedliche Erinnerung an die Vorgänge, die zum Tod führten. Ein Volk wird […]

3. Erdogan unbeirrt weiter auf seinem Weg… « himmel und erde - 21. April, 2011

[…] Nicht zuletzt spielt sicher auch die Tatsache  für die Zerstörung des Denkmals eine Rolle, dass die Armenier Christen sind. Denkmäler für getötete und misshandelte Christen in direkter Nachbarschaft zu einer Moschee ist von daher sicher eine zu große Zumutung für muslimische Türken, die den Mord an Christen immer noch tabuisieren. […]

4. Die „tragischen Ereignisse“ in der Türkei… « himmel und erde - 22. Dezember, 2011

[…] Krieges schon abzusehen war, Deutschland doch noch den Krieg erklärte, und zum Dritten, dass der Einfluss des Türkentums in Deutschland heutzutage so weit fortgeschritten ist, dass man schon den Gedanken an eine […]


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