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Perfekt organisierte Gottesdienste sind irgendwie gefährlich… 22. Juni, 2010

Posted by Rika in aus meinem kramladen.
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… für die plurale und freiheitliche Gesellschaft, weshalb sich die großen Kirchen auch von den perfekt organisierten Großveranstaltungen der „christlichen Eventmanager“ von ProChrist distanzieren.

Evangelikale rüsten zur Missionierung Deutschlands und scheuen sich dabei nicht, Rockbands, Theatergruppen und Prediger  in Gottediensten auftreten zu lassen, die als Großereignisse auch nicht in normalen Kirchen, sondern in riesigen Hallen stattfinden, die sonst nur die Rolling Stones oder Leute vom Schlag Robby Williams füllen würden. Und das Perfide ist, dass diese Gottesdienste via Satellit auch im hinterletzten hintertupfigsten Dorf mitverfolgt werden können. Zwangsmissionierung  droht, niemand entgeht dem evangelikalen Missionierungsdrang, keiner wird verschont. Es droht die Verdummung der Menschheit, die nach dem Willen „der Evangelikalen“ Darwin und der Evolutionstheorie abschwören muss und  ihre Kinder zu verklemmten Seelenkrüppeln erzieht.

Das alles wäre aber für das D-Radio nicht eine Sendeminute wert, würde nicht im Kuratorium der evangelikalen Eventmanager von ProChrist ausgerechnet der Kandidat für das höchste Amt im Staate sitzen: Christian Wulff!

DAS ist ein Skandal, hat der Bundespräsidentkandidat doch auf alle gesellschaftlichen Positionen Rücksicht zu nehmen und Evangelikale stehen bekanntermaßen doch eher außerhalb der Gesellschaft von ordentlichen Christen, Atheisten, Pazifisten, Maoisten, Feministen (müsste eigentlich …nistinnen heißen) Kommunisten, Faschisten, Islamisten, Neonazisten, Emanzipisten, Pädophilisten, Kapitalisten, Sozialisten, Hartzzisten, Liberalisten, Unionisten, Niebelisten und was es sonst noch so an gesellschaftlich relevanten Bürgeristen gibt.

Die überaus bekannte Theologin und Journalistin  Kirsten Dietrich gibt ihrer Besorgnis über Herrn Wulff in Kombination mit ProChrist Ausdruck:

Die Vereinigung „ProChrist“ sei eine fundamentalistische Bewegung, erklärt die Theologin und Journalistin Kirsten Dietrich. Sie hält es für nötig, dass der für das Bundespräsidentenamt kandidierende Christian Wulff seinen Kuratoriumsposten dort aufgibt.

Für diejenigen unter uns, die noch nie etwas von ProChrist gehört haben, klärt Frau Dietrich bereitwillig auf:

Ja, „ProChrist“ ist keine irgendwie fest umrissene Gemeinde, sondern eine Art christlicher Eventmanager. Und darin unternehmen sie es, mehrmals im Jahr oder auch in einzelnen Veranstaltungen, kleineren Veranstaltungen, größere Veranstaltungen, Missionsveranstaltungen für jede Gemeinde, für jeden Bedarf zu organisieren. Am bekanntesten ist alle zwei bis drei Jahre das sogenannte „ProChrist“-Festival. Da finden mehrere Tage hintereinander Großgottesdienste in einer deutschen Stadt statt und werden dann per Video, Satellit übertragen in ganz viele beteiligte Gemeinden. Das sind also ganz perfekt organisierte Gottesdienste mit Rockband, Theater, Prediger. Das muss man sich wirklich so vorstellen wie so amerikanische Erweckungsgottesdienste, wie man sie aus dem Film kennt. Und daher kommt „ProChrist“ auch. Das ist, als es vor 20 Jahren gegründet wurde, hatte es als Starprediger immer den amerikanischen Prediger Billy Graham, das ist sozusagen einer der Urväter des amerikanischen Evangelikalismus.

Wer hätte das gedacht, dass Christen alle zwei bis drei Jahre an mehrern Tagen hintereinander Großgottesdienste veranstalten!? Das muss einem ja den Angstschweiß in die Achselhöhlen treiben!

Der Herr Meyer vom Deutschlandradio Kultur (das ist der Sender, der das bekannte Afghanistan-Interview unter die Leute brachte!) fragt vorsichtshalber nach, was denn die zentralen Glaubenssätze der Evangelikalen seien und wie das mit dem Darwin und seiner Theorie sei  (nur damit auch alle wissen und erfahren können, wie gefährlich die Lehre der Evangelikalen sein könnte…)   und erhält diese erhellende Antwort:

Ja, das sind natürlich jetzt nicht, die haben da keine festen Glaubenssätze, die da irgendwo so auf gebotsähnlichen Tafeln niedergelegt sind, aber „ProChrist“ steht für eine Strömung, die – ich würde sie mit dem Fachbegriff der evangelikalen Strömung bezeichnen -, steht für eine Strömung, ein Christentum, die genau nach diesen Grundlagen die Bibel interpretiert und versucht, ihr Leben zu leben.

Das ist natürlich sehr verdächtig, wenn Christen versuchen, nach den Grundlagen der Bibel zu leben. Schon die 10-Gebote sind ja eine einzige Kriegserklärung an den modernen Menschen – und dann noch die ausdrückliche Aufforderung, seinen Nächsten zu lieben – wie weit man damit kommt, hat neulich der Herr Mixa – nein, das ist aber jetzt ein anderes Thema! Auch seine Feinde sollte man lieben – und das ist ja echt schwer, geht nicht, geht gar nicht. Ehebruch wird auch nicht so gerne gesehen, wenngleich Jesus mit der Ehebrecherin doch sehr freundlich umgeht und sich einfach weigert, sie nach der damals üblichen Praxis zu steinigen… könnten die Scharialeute noch von lernen … wäre vielleicht nicht so schlecht, so ein evangelikales Megaevent… mein ich jetzt mal so … Aber ich schweife ab, sorry!

Nach der Sache mit dem Missionsanspruch fragt der Herr Meyer, da lenkt  die Frau Dietrich ein bisschen ab:

Na ja, im Prinzip hat das natürlich jede christliche Gruppe, das steht so in der Bibel am Ende des Matthäusevangeliums.

meint dann aber doch, dass die Evangelikalen die Mission ganz ernst nehmen, was man auch an dem Missionsehepaar im Jemen sehen könne. Ein Knackpunkt sei auch die Mission unter russischen Spätaussiedlern, die seien ja häufig jüdisch und die jüdischen Gemeinden hätten ihre Schwierigkeiten mit den Missionaren. (Den Punkt müsste man genauer unter die Lupe nehmen, ich halte auch nichts von Mission unter Juden!)

Gefragt nach der Größenordnung evangelikaler Bedrohung, sprich nach der Anzahl der Leute, die sich zu diesem Kreis zählen, macht Frau Dietrich diese Angaben:

Na ja, „ProChrist“ wie gesagt selber ist ja nur dieser Verein, der diese Missionsveranstaltungen organisiert. Zu diesem evangelikalen Christentum kann man sagen, weltweit schätzt man ungefähr ein Viertel aller Christen und wachsend, in Deutschland ist der Anteil geringer, da schätzt man – die Zahlen sind wirklich sehr, sehr schwer zu bekommen -, man schätzt ungefähr, 1,5 Millionen Christen gehören dazu, wobei das auch wieder ganz vielfältig sind. Die Hälfte davon ist organisiert in irgendwelchen kleinen Freikirchen, die andere Hälfte ist organisiert in der EKD, also in der Evangelischen Kirche Deutschlands und ihren verschiedenen Landeskirchen.

1,5 Millionen Christen, die ihren Glauben ernst nehmen und weitersagen. Das ist in einem immer noch christlich geprägten Land allerdings besorgniserregend!

Darum fragt Herr Meyer wohl auch nach, ob denn die EventChristen von der Landeskirche unterstützt werde. Darauf Frau Dietrich:

Inzwischen tut sie es, oder man muss genauer sagen, man hat sich angenähert. In den 70er-, 80er-Jahren, da haben die evangelischen Landeskirchen, die waren politisch, und die Evangelikalen haben gebetet, da hat man wenig sich zu sagen gehabt. Und das hat sich geändert so seit, ja, dem Jahr 2000 ungefähr, seit 2005, 2006 hat man sich aneinander angenähert. Die evangelische Kirche macht sich „ProChrist“ auch zu eigen – nicht unbedingt, weil man da jetzt Heerscharen von Menschen missionieren möchte, denn Untersuchungen zeigen, „ProChrist“ predigt vor allen Dingen zu den schon Bekehrten, also zu den Menschen, die dieser Bewegung sowieso nahestehen, und stützt die eher, als dass es neue Mitglieder gewinnt. Aber eben um dieses Stützen der etablierten Mitglieder, darum geht es den evangelischen Kirchen, da hat man ein Potenzial erkannt, das man lange Jahre vernachlässigt hat. Und deswegen nähert sich die Evangelische Kirche in Deutschland diesen frommen Christen sehr deutlich in den letzten Jahren wieder an.

Das ist ja mal ne Ansage: Die Kirche war politisch und die Evangelikalen haben gebetet!  Hab ich’s doch gewusst. Und nun haben die L-Kirchen gemerkt, dass sie mit der Politik die Kirchen nicht mehr so richtig voll kriegen und beten wieder mehr und nähern sich den frommen Christen wieder an, oder wie?

Und geradezu dramatisch gefährlich sind die Veranstaltungen, weil sie sich vor allem an die wenden, die ohnehin irgendwie schon zum fromm-christlichen Spektrum  gehören. Diesen armen Menschen wird so jede Chance genommen, sich anderen religiösen oder ideologischen Gruppen zuzuwenden, praktizierenden Schamanen, zum Beispiel oder der Esoterik, dem alten Germanenkult oder den Fußballgöttern, dem Turbokapitalismus oder einfach dem „Gar nichts“. Schlimm ist das, wirklich!

Herr Meyer möchte gerne wissen, ob denn irgendeine politische Gefahr für das Land von den Evangelikalen ausgehe. Das wohl nicht wirklich, meint auch Frau Dietrich:

Politisch gefährlich würde ich so direkt nicht sagen, denn sie halten sich am Rand des Parteigeschehens. Also ich denke, Tagespolitik gehört da nicht unbedingt zu den Dingen, die im Namen Jesu wichtig, nützlich und richtig zu tun sind. Ich glaube eher, es ist schwierig für Menschen, die in diesen Gruppierungen drin sind und aber nicht direkt ins Raster reinpassen, also natürlich ganz eklatant für Menschen, die zum Beispiel homosexuell sind. Die finden in evangelikalen Gemeinden keinen Ort, die finden niemanden, der sie so akzeptiert, wie sie sind. Die werden konfrontiert mit Beispielen von bekehrten Homosexuellen, von Homosexuellen, die durchs Gebet geheilt wurden und jetzt ein glückliches Familienleben führen. Also da bleibt dann nur, entweder an seinem eigenen Sein zu zerbrechen oder diese Gemeinschaften zu verlassen.

Oh ja, Menschen die nicht ins Raster passen, für die ist es schwierig! Und wer passt nicht ins Raster, fällt uns da auch was ein? Ach ja, Leute mit homosexuellen Neigungen, die finden keinen Ort, werden nicht akzeptiert, müssen die Gemeinschaft verlassen oder an ihrem eigenen Sein zerbrechen.  Da steht es wieder, das Totschlagargument.  Seelsorge, Beratung, liebevolle Aufnahme – gibt es nach Meinung von Frau Dietrich bei praktizierenden Christen wohl nicht. Aber in Fußballvereinen und Moscheeverbänden, Managerseminaren und bei Lieschen Müller auf dem Dorf. Genau!

Dann möchte Herr Meyer noch wissen, wie denn die ProChrist-Leute Politiker wie Herrn Wulff oder Herrn Beckstein in ihr Kuratorium locken.

Naja, so genau weisss die Frau Dietrich das auch nicht, da gibt es eben diese Netzwerke und so…

Aber der Herr Wulff, der muss aus dem Verein austreten, sonst kann er nicht Bundespräsident werden. (Herr Wulff sollte meiner Meinung nach besser Ministerpräsident in meinem schönen Bundesland bleiben.)

Und wenn es nicht so bezeichnend für das Ansehen heutiger Christen und gleichzeitig so  erbärmlich entlarvend und  traurig wäre, dieses Interview mit der  Journalistin und Theologin, hätte ich von Herzen über so viel „Kenntnisreichtum“ und aufgeblasene Wichtigtuerei gelacht…

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Kommentare»

1. Juebe - 23. Juni, 2010

Wenn es Spätaussiedler sind, dann sind es keine Juden und umgekehrt. Es handelt sich um zwei ganz unterschiedliche Gruppen von Menschen aus der ehemaligen UdSSR, für die unterschiedliche gesetzliche Grundlagen im Hinblick auf die Übersiedlung in die BRD greifen.

2. Rika - 23. Juni, 2010

Hier noch einmal das Zitat der betreffenden Textstelle:

„Das Gleiche in jüdischen Gemeinden: Da beklagen sich die jüdischen Gemeinden in Deutschland, dass christliche Missionare vor allem unter russischen Spätaussiedlern tätig sind, die aus Russland kommen, wenig verwurzelt sind im jüdischen Glauben und von den Christen dann mit vor allen Dingen auch materiellen Versprechungen, aber auch mit dem Versprechen von Gemeinschaft gelockt werden.“

Natürlich sind es zwei völlig unterschiedliche Gruppierungen, die Frau Dietrich da in einen Topf wirft! Soviel zu ihrem „Sachverstand“!

Übrigens haben „Spätaussiedler“ häufig Schwierigkeiten mit den hier etablierten Freikirchen, weil diese nicht dem (strengen) Frömmigkeitsstil der Spätaussiedler entsprechen. Darum bilden gerade bei Baptisten die „russischen“ Baptisten ihre eigenen Gemeinden.
Und ich kann nichts Verwerfliches daran finden, den Glaubensbrüdern und / oder auch deren „ungläubigen“ Verwandten und Freunden auch materiel unter die Arme zu greifen. Christsein ist eben immer auch praktizierende Nächstenliebe – Finanzhilfen inbegriffen!
Daraus den Gemeinden einen anklagenden Strick zu drehen (locken mit materiellen Versprechungen), wie es bei Frau Dietrich anklingt, halte ich für absolut unredlich!

3. curioustraveller - 25. Juni, 2010

… FeministInnen (mit großem I in der Mitte), wenn ich bitten darf …

steht für eine Strömung, ein Christentum, die genau nach diesen Grundlagen die Bibel interpretiert und versucht, ihr Leben zu leben. … ich bin ja echt schon geneigt, das aus ihrem Munde als Kompliment zu verstehen.

4. Rika - 26. Juni, 2010

@ … FeministInnen (mit großem I in der Mitte), wenn ich bitten darf …

Oh, wie konnte ich nur diesen Fehler machen… 😉

„Geneigt es als Kompliment zu sehen“ – das ist eine Betrachtungsweise, die ich mir zueigen machen werde!


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