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Feige oder weise…? 20. September, 2010

Posted by Rika in israel.
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Gestern fand in meiner Gemeinde ein „Abend der Begegnung“ statt. Abende der Begegnung sind regelmäßige Veranstaltungen  bei denen wir über interessante Themen mit Gästen ins Gespräch kommen und auch unsere Baptistengemeinde in der Öffentlichkeit mehr bekannt machen wollen. Meistens wird ein Referent, eine Referentin eingeladen, es finden Lesungen statt oder Konzerte. Immer folgt nach dem „darbietenden Teil“ ein offenes Gespräch und / oder eine Diskussion über das Gehörte (Gesehene).

Gestern hatte der Arbeitskreis, der die Abende organisiert, eine bekannte „Palästinenserin“ eingeladen.

Ich hatte vor Jahren ihr Buch „Thymian und Steine“ gelesen – und es mir im Vorfeld der Veranstaltung erneut stichprobenartig zu Gemüte geführt. Das Buch berührt mich,  weckt sehr ambivalente Empfindungen in mir: Mitgefühl und Mitleid, aber auch Unverständnis und Abwehr, ja, sogar kaum zu zügelnden Widerspruchsgeist bis hin zu  Zorn. Einerseits lösen die romantisch verklärenden Bilder eines wild-schönen Landes und der melancholischen Erinnerungen ganze Wogen empathischer Anteilnahme aus, andererseits    macht mich die Einseitigkeit, der subjektive Faktor, die unverhohlenen Anklagen und Anschuldigungen wütend, werden doch –  mal unterschwellig, mal offen  –   die Schuldigen nur auf der einen Seite gesehen: Es sind die Israelis  – die „Fremden“ – wie Frau Farhat-Nurser in ihrer Einleitung sagt, die, die ihrer Meinung nach  nicht in „ihr“ palästinensisches Land gehören.   – Ich weiß, dass ich hier sehr verkürze! –  Und ich ärgere mich zusätzlich darüber, wie leicht es  ist, der Betroffenheitslyrik zu verfallen, und wie sehr es Frau Farhat-Naser darauf anlegt, mit  brilllanter Technik auf der Klaviatur der Propaganda ihren Lesern und Zuhörern den Verstand zu vernebeln  und sie einzulullen und blind zu machen für andere als „ihre“ Tatsachen und Argumente.

Gestern nun las Frau Farhat-Naser aus ihrem Buch „Verwurzelt im Land der Olivenbäume“  und ich hätte die Möglichkeit gehabt, die Autorin persönlich kennenzulernen und meine Vorbehalte (und Vorurteile) an der  (für mich) bis dahin „virtuellen“ Person abzugleichen mit dem realen Menschen und seiner Wirkung auf mich. Aber schon die im Internet lesbaren Hinweise auf ihr Buch ließen mich aufhorchen und ich fragte mich, wieso diese Frau sich immer noch als Friedensaktivistin „feiern“ lässt, wird doch in der öffentlichen Darstellung  ihrer „Friedensarbeit“ der Konflikt reduziert auf den „Schuldigen“ Israel (von den wenigen „positiven“ 😦  Ausnahmen der israelischen Linken abgesehen) und die für den Frieden kämpfenden „Palästinenser“.   Die Machtkämpfe innerhalb der palästinensischen Gesellschaft, die zunehmende Radikalisierung islamischen Lebens durch sukzessive Einführung Scharia konformer Gesetzte (durch die Hamas),  das Leiden der arabisch-palästinensischen Christen in einer islamischen Umgebung, die Christen ausgrenzt und benachteiligt,  die drakonischen Strafen für Palästinenser durch die palästinensischen Behörden bei dem Verdacht der Kollaboration mit dem Feind, das alles kommt nicht hinreichend zur Sprache.

Ein weiterer Blick ins Internet förderte diesen Brief zu Tage und raubte mir endgültig die Fassung! Wie kann ich jemanden, der  über Arafat – Israel das Folgende schreibt, als ernsthaft  Friedensbemühte begreifen?

…. Der gewählte Präsident sollte gelähmt werden und in diesem Zustand für alles Übel verantwortlich gemacht werden. Er wurde benutzt, damit die israelische Politik, Fakten am Boden schafft, die Mauer und damit die Landnahme manifestiert und die Verhandlungen blockiert. Sein Volk sollte ihn disqualifizieren und beseitigen, um mit ihm den eigenen Traum zu zerstören. Je mehr das beabsichtigt wurde, umso mehr erwachte die Solidarität und das Mitgefühl, umso mehr empfanden wir, dass der Beistand zu Arafat ein Teil unseres Kampfes für Selbstbestimmung ist. Wir allein entscheiden über! unsere politische Gegenwart und Zukunft, und wollen es durch demokratische Prozesse schaffen. Arafat sollte eingehen, womöglich durch seine eigenen Leute. Das wäre die Rache. Aber je mehr die israelische Führung das anstrebte, desto mehr gewann er an Beistand, und politisch gerieten wir in ein Dilemma. Die Sicherheitssysteme waren vom Militär zerstört, normales Regieren und Kontrollieren war nur begrenzt möglich. …

Und bei einer erst vor wenigen Tagen stattfindenden Lesung äußerte sie diese Ansichten :

Der Frieden, so verdeutlichte die Referentin im Laufe ihres gut einstündigen Vortrags, das ist für sie das „Nebeneinander und Miteinander“ von Israelis und Palästinensern: die Zweistaatenlösung. Doch dafür, klagte sie, sei die Zeit noch nicht reif: „Die Verhandlungen werden scheitern“, prognostiziert sie schonungslos, „weil es für den israelischen Ministerpräsidenten Nethanjahu zu früh ist.“ Israel brauche Land. Die Besatzungspolitik ziele auf die Einschränkung der Mobilität und als Folge der Produktivität der Palästinenser, so die Ansicht der palästinensischen Christin. „Unsere Situation ist schrecklich und wir sind traurig, wütend, zornig und viele verzweifeln.“

(Hervorhebung von mir)

Polemik pur und eine völlig unverhohlene eindeutige Schuldzuweisung. Kein Wort über die Hamas und kein Wort über die bekannte unnachgiebige Haltung selbst der als gemäßigt geltenden arabischen Brüder in Jordanien und Ägypten, von den Scharfmachern ganz zu schweigen … kein Hinweis auf Nasrallah, kein Hinweis auf den Iran!  Ich war vollkommen entsetzt!

Darum blieb es dann doch bei dem…

Hätte!

Ich bin zu Hause geblieben.

Heute wurmt es mich – irgendwie , aber gestern fühlte sich  die Entscheidung richtig an. Im vergangenen Jahr, als der AK „Abend der Begegnung“ Frau Rohlfs zum Themenabend „Israel“ eingeladen hatte, habe ich mich mit nahezu allen Mitgliedern des Arbeitskreises angelegt, um den Auftritt der bekennenden „Friedensaktivistin“ und größten lebenden „kritischen Israelfreundin“ zu verhindern. Frau Rolfs wurde wieder ausgeladen, aber ich bin ziemlich sicher, dass das ohne den massiven Protest etlicher anderer hannoverscher Christen nicht passiert wäre, weil ich nämlich mein „Kritikerkonto“ nicht nur in Sachen Antisemitismus und Israelkritiker überzogen habe (und Kritik bei Christens ohnehin ein schwieriges Thema ist!!!) und man mich demzufolge gut und gerne in die Nörglerecke stellen und damit meine kritischen Anmerkungen zu Frau Farhat-Naser oder Frau Rohlfs getrost überhören kann.

Gestern schien es mir nicht möglich, in „meiner“ Gemeinde einem Vortrag zu folgen ohne mich im anschließenden Gespräch einzumischen und gleichzeitig wusste ich, dass mein Einmischen total kontraproduktiv gewesen wäre, weil ich eben nicht in wohlgesetzter Rede lediglich Fragen an oder Anmerkungen zu Frau Farhat-Naser gemacht hätte, sondern vermutlich (ich kenne mich gut genug) meine Emotionen nicht unter Kontrolle gehabt hätte und man leicht mein engagiertes Eintreten für Israel als „agressiv“ wahrgenommen und/oder missverstanden hätte.  Ich beherrsche leider nicht die Leichtigkeit der scharf gewürzten Rede, die inhaltlich überzeugt, trotz der Worte! Bei mir hört man vor allem  immer auch den „Ton“, der bekanntlich die Musik macht,  und „leise Töne“ wollen mir einfach nicht gelingen.   Ich bin von Natur aus mit einer kräftigen Stimme gesegnet und wenn ich über ein Thema diskutiere, das mir sehr am Herzen liegt, klingt meine Stimme auch sehr nachdrücklich … übrigens geht das anderen Mitgliedern meiner Herkunftsfamilie ganz ähnlich… 😉

So hielt ich es für weiser, zu Hause zu bleiben. Mein Mann bestärkte mich darin und meinte auch nach dem Abend, an dem er teilgenommen hatte, ich hätte gut daran getan.

Trotzdem fühle ich mich heute nicht wirklich gut … es tröstet mich ein wenig, dass Markus und ein paar andere Leute mit einer Flugblatt-Aktion die Sache Israels vertreten haben. Markus hatte mich gefragt, ob ich mitmachen würde und ich habe ihm aus den oben genannten Gründen abgesagt… leider!

AUSDRÜCKLICHER HINWEIS:

Markus hat inzwischen einen Bericht über die Flugblattaktion (und die Reaktion darauf 😦   ) und über Vortrag und Diskussion geschrieben. Grund für  eine Unterhaltung mit meinem Pastor, ist doch das Selbsverständnis unserer Gemeinde „christusorientiert, menschenfreundlich und weltoffen“ zu sein … und der Abend der Begegnung gedacht, mit den Menschen dieser Welt freundlich ins Gespräch zu kommen !

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Kommentare»

1. Ehre, wem Ehre gebührt? « himmel und erde - 22. Februar, 2012

[…] des “Versöhnungspastors”  an eine andere, bei deutschen Christen beliebte “Versöhnungsarbeiterin“. Auch ihr huldigt man ob ihrer mutigen Arbeit im Schatten der Mauer, doch wer ihre Bücher […]


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