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STRICKEN …. als Therapie! 21. Oktober, 2010

Posted by Rika in aus meinem kramladen.
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Vor gefühlten 100 Jahren, als  Ökobewegung,  Anti-Atom-Bewegung,  Friedensbewegung und ausklingende Studentenbewegung mein Leben nicht unwesentlich beeinflussten, waren Stricker und Strickerinnen an der Tagesordnung – in Seminaren, bei Vorträgen, in der Vorlesung, in den Lehrerzimmern während der Pause und beim gemütlichen Tee und Plausch mit Freunden und Freundinnen. Pullover, Socken, Mützen, Schals und Jacken entstanden und manch exotisches Gebilde, das sich keiner herkömmlichen Kategorie zweifelsfrei zuordnen ließ.

Mein Arbeitsleben verlagerte sich in den häuslich-pädagogischen Bereich und die Strickaktionen waren von da an vor allem „nur“ praktischer Natur, in Form von unzähligen Pullöverkes (wie wir in Westfalen sagen würden) Jäckchen, Mützen und allerlei anderem Nützlichen.

Als die lieben Knaben und das liebste Töchterlein dem Alter entwuchsen, in dem man ohne Zweifel oder Scheu mütterlich Selbstgestricktes GERNE trägt, ließ auch meine Produktion an Stricksachen deutlich nach und versiegte schließlich ganz.

Der liebste Gatte berichtete allerdings, dass bis  Ende der 80er  / Anfang der 90er Jahre das Stricken in Seminaren noch gang und gäbe war und mitunter so heftiges Nadelklappern zu hören war, dass er sich mehr oder weniger deutlich das Fabrizieren von Stricksachen in seinen Seminaren verbat. (Für alle Seminar-Unerfahrenen muss hier angemerkt werden, dass das Stricken während der geistigen Tätigkeit an der Hochschule vor allem der Konzentration auf das Wesentliche diente, der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Problemen der Zeit oder denen, die der Professor als wesentlich vorgab! Das war auch schon zu meinen Göttinger Unijahren so…)

Doch irgendwann hatte der allgemeine Strickboom ein Ende – ich vermute, dass es mit dem allegemeinen Wandel einfach vollkommen uncool geworden war, zu stricken und die vielen Leute, die wie ich, unentwegt die Nadeln geschwungen hatten, einfach „überstrickt“ waren und es kaum oder  keinen Bedarf mehr an Handgefertigtem gab.

Jedenfalls fiel mir irgendwann auf, dass es so gut wie keine Wollgeschäfte*** mehr gab, die man zu „meiner Zeit“ noch an jeder Ecke finden konnte.

Stricken schien absolut „out“ zu sein!

Vor 4 – 5 Jahren begann der  Babyboom in meiner Großfamilie und ich besann mich auf die alte Tradition, Babymützchen, Jäckchen und Socken zu stricken, als sozusagen „persönliches Geschenk“ an Neugeborenes und Eltern. Es machte einfach viel Spaß, in Erwartung des angekündigten Nachwuchses für die kleinen Wesen quasi mit jeder Masche auch gute Wünsche und Gedanken einzustricken. Die Strickarbeiten blieben aber dennoch überschaubar – so ein Söckchen strickt man mal so eben nebenbei während eines Tatorts!

Die Strickfrequenz erhöte sich jedoch deutlich zu Beginn des vergangenen Jahres, als sich einerseits unser erstes Enkelkind angekündigt hatte, und ich andererseits sehr viel Zeit  bei meinen Eltern verbrachte, am  Bett meiner Mutter saß  (die, wie wir wussten, bald sterben würde)  kleine Babysocken strickte, ihr dabei in ihren wachen Phasen vorsang, aus der Bibel vorlas oder Geschichten von früher erzählte und davon, dass sie bald Urgroßmutter sein würde, mit ihr lachte und für sie betete und sie so begleitete bis zu ihrem letzten Atemzug.  Auch meinen Vater, der nicht einmal 5 Monate nach ihr starb, habe ich so begleitet. Konnte ich anfänglich noch vergleichsweise viel mit ihm reden, so wurde er im Laufe dieser Zeit immer passiver und ruhiger und ich hatte den Eindruck, dass er sich mehr und mehr in eine Welt zurückzog, zu der ich keinen Zugang mehr fand. Er reagierte immer  seltener auf die Andachten, die ich ihm vorlas, es schien, als sei er schon weit gegangen … und es war eine große Gnade, als er an einem späten Augustabend  mit dem Amen nach dem Vaterunser in den Frieden Gottes einging…

Ich hatte nicht gemerkt in der intensiven Zeit der Begleitung meiner Eltern bis zu ihrem Ende, wieviel Kraft es mich gekostet hatte und dass ich psychisch  völlig am Ende war. Ende November  brach ich in der Schule zusammen und wurde bis zum bereits feststehenden Termin meiner Freistellungsphase der Altersteilzeit von meinem Arzt krank geschrieben. Ich hatte zu nichts Lust, keine Kraft, keine Energie, konnte kaum Menschen um mich herum ertragen und mied sogar meine Freunde. Einzig per Internet hielt ich „Kontakt“ zu anderen.

Aber ich strickte.

Strickte, strickte, strickte!

Pullover um Pullover für unser erstes Enkelkind, das auf den Tag genau 8 Wochen nach dem Tod meines Vaters geboren worden war.

Ich saß auf dem Sofa und strickte.

Jeden Tag.

Ein bisschen Haushalt nebenher, ab und zu fuhr mein Mann mit mir in die Therme oder nahm mich mit sanftem Zwang mit auf einen Spaziergang.

Das Stricken, denke ich heute, war wie eine Therapie, ich tat nichts – und „machte“ doch etwas, ich war kraftlos – und doch irgendwie kreativ, ich war faul und fleißig zugleich – und ich konnte meinen Gedanken und Gefühlen nachgehen, Masche um Masche mit nichts anderem beschäftigt als den Faden mit der Nadel durch eine Masche ziehen und dabei nichts oder an alles denken, was in den letzten Monaten gewesen und passiert war. Zum Glück waren Sohn und Schwiegertochter dankbare Abnehmer für die vielen kleinen Babysachen, die so entstanden – und die Lieblingstochter freute sich über Stulpen und Kragen…

Im Frühling ging es mir schon deutlich besser, das Gärtchen lockte und mit ihm die vielen Aktivitäten draußen, das Stricken ruhte ein wenig, ich  strickte allerdings einige Babysachen für die neuen Babies der Großfamilie und viele kleine bunte Mützchen  – wie Eierwärmer – für die Frühchen in der MHH.

Jetzt, da die Tage wieder kürzer und es zu Hause so schön gemütlich ist, nimmt auch meine Stricktätigkeit wieder zu …

… wie man an diesem Bild gut sehen kann…. Die Abnehmer warten schon …

Und neue Wolle liegt bereit!

Ich stricke am liebsten mit Holznadeln und verarbeite für die kleinen Pullover vorwiegend Sockenwolle mit „Mustermix“. Die Pullover sind pflegeleicht und „kleckerfreundlich“, so dass nicht jeder Möhrenkleckerer  als Flecken für die Ewigkeit sofort gut sichtbar ins Auge fällt!

*** Ach ja, Wollgeschäfte gibt es auch wieder mehr – und manche von ihnen sind die reinsten Wohlfühl-Oasen, inklusive Schmökerecke und Kaffeeangebot!

Und Wolle, Wolle gibt es! Das Angbot ist riesig, wunderbare reine Wolle, aber auch ein Mix von Wolle und Seide oder mit anderen Naturfasern wie Bambus oder Leinen, alle Qualitäten und Farben, das man geradezu in einen Wollrausch verfallen könnte….

Den konkreten Hinweis auf ungefähr 10000 Internetseiten mit Woll-, Muster- und Stricknadelanbietern  verkneife ich mir…

Übrigens gibt es heutzutage auch  herzallerliebste Knöpfe und andere Zutaten ….

Bei den Strickjäckchen  waren die Knöpfe insgesamt (deutlich) teurer als die Wolle  … hier im Bild  die kleinen Knöpfe für Kindersachen … Knöpfe gibt es, unglaublich!

Eine kleine Werbung will ich aber doch machen:

Eine riesige Auswahl an Knöpfen gibt es hier

Mein Lieblingswollgeschäft ist dieses

NEIN, ich kriege keine Prozente – ich mag einfach die Geschäfte!

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Kommentare»

1. StrickCommunity - 27. Oktober, 2010

Hallo ihr Lieben,

es gibt eine neue deutschsprachige Strickcommunity unter

http://www.strickcommunity.net

Wir freuen uns auf Euch und Eure Freunde!

Helft uns bitte mit sie aufzubauen! Danke!

P.S.: Wir sind auch auf facebook, einfach nach „Strickcommunity“ suchen…bis bald!


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