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Weihnachten ganz ohne „Stille Nacht, heilige Nacht“… 8. Januar, 2011

Posted by Rika in Allgemein.
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Ungewohnt der Ort, ungewohnt die Liturgie, ungewohnt die Zeit.

Und doch ein Weihnachtsgottesdienst!

Allen Drohungen zum Trotz haben die koptischen Christen in Deutschland ihren Weihnachtsgottesdienst gefeiert – auch die Christen der „St. Athanasious  – Koptische Orthodoxe Kirche“ in Lehrte.

Wegen der Drohung auch gegen die Koptischen Christen in Lehrte haben wir (evangelische und katholische Christen in Ahlten, gemeinsam mit einem Ahltener Verein) in aller Kürze trotz zunächst geäußerter Bedenken einiger Kommunalpolitiker eine Solidaritätsaktion für die koptischen Christen organisiert und haben die Weihnachtsgottesdienstbesucher als Zeichen unserer Verbundenheit mit Kerzen begrüßt. Wir wurden von der Koptischen Gemeinde herzlich eingeladen,  der Zeremonie in der Kirche beizuwohnen.

So kam es, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben anteilnehmen konnte an einem Weihnachtsgottesdienst, der so ganz, ganz anders war als alle Weihnachtsgottesdienste, die ich bisher kennen gelernt hatte.

Als evangelisch-freikirchlich  (baptistisch) sozialisierter Christenmensch ist man in aller Regel OHNE eine grundsätzliche liturgische Ordnung für Gottesdienste gleich welcher Art aufgewachsen. Zwar gibt es in jeder Baptistengemeinde an jedem Sonntag einen „gottesdienstlichen Rahmen“ in dem Begrüßung, Lieder, Gebete, Predigt, Ankündigungen und Segen aufeinander abgestimmt werden, aber die Reihenfolge  der einzelnen Elemente und der gottesdienstliche Ablauf  ist nicht festgelegt und kann von Sonntag zu Sonntag verschieden ausfallen, von Gemeinde zu Gemeinde sowieso.

Mit Ausnahme des „Vater unser“ gibt es bei Baptistens normalerweise  keine festgelegten Gebete oder Gebetstexte. Manchmal liest die Gemeinde im Wechsel mit dem Pastor oder derjenigen Person, die den Gottesdienst leistet, Psalmen, andere ausgesuchte biblische Texte oder Liedverse. In Gebetsgemeinschaften (während des Go-di) kann jeder Gottesdienstbesucher  laut beten (nicht gleichzeitig, obwohl es freikirchliche Gemeinden gibt, in denen auch das üblich ist!), meistens sind die Gebete frei und spontan formuliert. Unsere Lieder stammen zum Teil aus dem „Schatz“ alter Kirchen- und Gemeindelieder,  meistens werden heutzutage aber moderne und zeitgemäße Lieder gesungen, wobei in vielen Gemeinden der Gesang mit einer Instrumental- und/oder Lobpreisgruppe begleitet wird. (In meiner Gemeinde gibt es viele begabte Musikerinnen und Musiker.)  Wesentlicher Bestandteil des Gottesdienstes ist die Predigt, die auch schon mal das „normale“ Maß von ca 25 bis 30 Minuten überschreiten kann. Baptistische Gottesdienste dauern in der Regel länger als eine gute Stunde. Menschen, die noch nie in einem freikirchlichen Gottesdienst waren, finden unsere Art, Gottesdienst zu feiern, meistens etwas gewöhnungsbedürftig.

Und umgekehrt gilt das natürlich auch.

Ich kann mich noch gut an mein Erstaunen erinnern, als ich als Schülerin zum ersten Mal an einem evangelischen Schulgottesdienst teilnah. Beinahe alles war mir vollkommen fremd. Ähnlich erging es mir bei meinem ersten Gottesdienstbesuch in einer katholischen Kirche und später auch in einer jüdischen Gemeinde.

Ich   wusste nicht wirklich genau, was ich mir unter einem koptisch-orthodoxen Gottesdienst vorstellen sollte – ich hatte wohl schon die Übertragung eines griechisch-orthodoxen und eines russisch-orthodoxen Gottedienst im Fernsehen gesehen, mit eindrucksvollen Gesängen, prunkvollen Gewändern, reich ausgeschmückten Kirchen. so ähnlich hatte ich vermutet, würde es wohl auch bei den Kopten sein.

Die Ahltener katholische Kirche, in der sich die koptischen Christen treffen, ist eher modern als prächtig gestaltet. Sie ist nach dem Krieg gebaut worden, als durch Flucht und Vertreibung viele Deutsche, überwiegend katholische Christen aus den ehemaligen Ostgebieten, sich hier niederließen und  für sie eine Möglichkeit geschaffen werden sollte, die Messe regelmäßig besuchen zu können. Dieser Landstrich wurde bis dahin überwiegend von evangelischen Christen bewohnt, so dass sich  die Katholiken in Hannover und Umgebung eher als Diaspora-Gemeinde empfinden und verstehen.

In der Kirche herrschte eine ruhige Feierlichkeit. Ich weiß nicht, ob der Weihnachtsbaum  auch von den Kopten aufgestellt worden wäre, wenn sie die alleinigen Nutzer des Hauses wären, wohl eher nicht. Männer in liturgischen Gewändern verrichteten für mich ungewohnte rituelle Handlungen, sangen und beteten in einer Sprache, die ich nicht verstand. Die Gemeinde – Frauen und Männer – stimmten immer wieder in die Gesänge und Gebete ein. Der feine Geruch von Weihrauch erfüllte das Haus. Ich hatte den Eindruck, dass alle Anwesenden sehr konzentriert der Liturgie folgten, aber wohl doch sehr unter dem Eindruck des Attentats von Alexandria mit den vielen Toten standen. Diese kribbelige Freude, die sonst die Weihnachtsgottesdienste, an denen ich teilgenommen hatte, prägte, sie schien mir nicht spürbar. Aber das kann auch an den deutlichen zeremoniellen, rituellen und auch kulturellen Unterschieden in der Gestaltung und Zelebrierung der Weihnachtsgottesdienste liegen und speziell für mich auch daran, dass „unser“ Fest ja schon hinter uns lag, Weihnachten, sozusagen, schon gefeiert und „gefühlt“ war.  Ich stellte mir vor, mit welchen Gefühlen von Trauer und Sorge die Männer und Frauen wohl belastet waren und wie ganz anders das Fest zum Fest geworden wäre, wenn es die Toten von Alexandria nicht gegeben hätte und die Terrordrohung ausgeblieben wäre… und die Gemeinde im Anschluss an die Liturgie auch hätte feiern können, miteinander, so wie sie es gewohnt ist.

Mir persönlich ist klar geworden – und das hatte ich eigentlich gar nicht erwartet -, dass sich „Weihnachtsfreude“ bei mir nicht nur angesichts der eigentlichen zentralen Weihnachtsbotschaft einstellt: CHRISTUS IST GEBOREN!  sondern  ich darüberhinaus auch nicht unerheblich abhängig bin von vertrauten Symbolen, Liedern und Ritualen…

Vielleicht, habe ich überlegt, sollten wir das nächste Fest mal ganz ohne Symbole und feierlich Vertrautes feiern, ohne Tannenbaum, ohne „Oh, du fröhliche“, ohne „Stille Nacht“…  wäre das dann aber noch „Weihnachten“ ?  Wäre es nicht viel eher das große Fest zu Christi Geburt…

Der Weihnachtsgottesdienst der Kopten verlief ohne Störungen, schreiben die Zeitungen. Natürlich war die Presse da und wohl auch das Fernsehen, wurden Leute interviewt und fotografiert… das ist wohl auch gut so. So wie es gut war, dass wir da waren … und eben nicht nur die „offiziellen Vertreter“ von Kirche und Staat.

Berichte gibt es hier, hierhier und hier.

In den Berichten gibt es unterschiedliche Angaben zu den Besucherzahlen, viele Gläubige kamen erst, als die Pressevertreter längst abgezogen waren. Ab 20.15 waren die Kirchenbänke  fast ganz besetzt. Einige Gottesdienstbesucher und Gäste standen. Ich habe selber keine Fotos gemacht – es ging mir ja nicht um Bilder…

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Kommentare»

1. donralfo - 8. Januar, 2011

Schön, daß ihr das getan habt! Danke.

2. theomix - 8. Januar, 2011

Eine gute Aktion. Und interessant, wie du die Liturgie beschreibst. Auch der Vergleich…


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