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„Kind und Karriere gut vereinbar…“ 19. Januar, 2011

Posted by Rika in aus meinem kramladen, familie, meine persönliche presseschau.
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Wow!  Was für eine Aussage unserer Familienministerin!

Zweifelt irgendein Mensch etwa daran, dass Kind und Karriere für die Mütter (meistens sind es die Mütter, die beides unter einen Hut bringen) „gut vereinbar“ sind?

Mitnichten!

Frauen, die „Karriere“ machen, tun das in aller Regel nicht an der Kasse im Supermarkt, nicht als einfache Büroangestellte,  auch nicht als Erzieherin im Kindergarten oder als Lehrerin in der Schule. Allein der Begriff „Karriere“ deutet darauf hin, dass wir es nicht mit der Normalfrau und Normalarbeitnehmerin zu tun haben. Im Normallohnsektor macht man keine Karriere, wie viel weniger im Leichtlohn- oder Niedriglohnsektor. Da kann man froh sein, überhaupt eine Anstellung zu haben, die einem bei hoher Arbeitsbelastung wenig Lohn einbringt.

Wer „Karriere“ macht, dem winkt bei hoher Arbeitsbelastung auch eine hohe finanzielle Entschädigung und davon kann man leicht die nötigen Dienstleistungen bezahlen, die in einem Haushalt mit zwei berufstätigen Elternteilen und Kind anfallen. Haushaltshilfe und Kinderfrau, Tagesmutter und Babysitter zu jeder Tages-, Abend- und Nachtzeit sind da gar kein Problem. Wie es Kindern von Karriere-Müttern geht, darüber will ich hier nicht reden und auch nicht darüber spekulieren. Die Aussage bezieht sich weniger auf das Kind oder die Kinder, als vielmehr auf die mütterlichen Fähigkeiten, Kind und Karriere gut zu vereinbaren.

Ganz anders sieht es bei dem Satz aus:   Kind und Berufstätigkeit der Mutter sind gut vereinbar.

An diesem Satz kann man getrost zweifeln und vermutlich gibt es sogar viele, die daran verzweifeln.

Die Wirklichkeit berufstätiger Mütter – noch dazu wenn das Kind noch sehr klein ist – gleicht doch eher dem berüchtigten endlosen Endspurt im Hamsterrad oder dem nicht minder frustrierenden Kampf gegen  Windmühlen. Für sehr, sehr viele Frauen ist es ein aussichtsloser Kampf um eine irgendwie vernünftige Verteilung von Arbeit innerhalb und außerhalb der Familie, von Verantwortung für Beruf und Kinder, für Ehe und Familie. Nicht selten  leiden Kinder und Familie und ist auch  der einstmals gerne ausgeführte Beruf nichts weniger mehr, als das notwendige Übel zur Beschaffung der nötigsten Einnahmen, um das finanzielle Überleben zu sichern. Frauen bleiben auf der Strecke.

Mich hat es schon immer erbost, wenn in Interviews mit prominenten Müttern, die einer hoch dotierten Arbeit nachgehen, mit ehrfürchtigem Staunen gefragt wird: „Wie machen Sie das bloss, Familie und Beruf zu vereinbaren?“

Ja, wie macht sie das bloss? Meistens erfährt man dann, dass die Oma immer für die lieben Kleinen da sind, die „gute Seele“ im Haus absolut zuverlässig ist, der Gärtner den prächtigen Garten pflegt und die Freundin jederzeit bereit ist, auch mal einzuspringen, wenn die Oma mal krank oder der Babysitter unabkömmlich sein sollte.

Kein Problem.

Ich hatte das große Glück, 15 Jahre lang zu Hause bei unseren vier Kindern bleiben zu können, natürlich mit kleinen finanziellen Eintrübungen, aber doch ohne Probleme. Als ich wieder in meinen Beruf zurückkehrte, war unser jüngstes Kind 8 und das älteste 15 Jahre alt. Mein Mann konnte sich seine Zeit so einteilen, dass er morgens zu Hause war, bis alle Kinder unterwegs zur Schule waren; wir hatten eine nette Hilfe, die einmal in der Woche sauber machte – wobei das eher eine psychologische Entlastung für mich war, denn bei 6 Personen ist es sehr schnell – binnen Stunden! –  nach dem Saubermachen wieder nötig, sauber zu machen, von der Wäsche ganz zu schweigen. Es ging mir als in Teilzeit  berufstätiger Mutter vergleichsweise gut. Dafür war ich immer sehr dankbar, obwohl ich fast immer auch mit Gewissensbissen zu kämpfen hatte, weil oft genug die Kinder meinem Empfinden nach zu kurz kamen, manchmal auch der Partner und manchmal eben auch die Schule.  Bewundert habe ich die Frauen, die arbeiteten, weil die Familie auf ihr Einkommen angewiesen war, und zwar nicht, um sich irgendeinen Luxus leisten zu können, sondern für das ganz profane alltägliche Überleben!  Deren Berufstätigkeit war nicht „gut vereinbar mit Kind“, aber sie kriegten es mit großem Einsatz irgendwie geregelt.

Unsere Familienministerin, die sich erst vor wenigen Wochen in – für meine Begriffe – sehr unziemlicher Weise über Frauenemanzipation und Feminismus geäußert hatte, sollte ihre Zunge hüten!   Statt über die gute Vereinbarkeit von Kind und Karriere zu schwadronieren, was sich in ihrem sehr persönlichen Fall ja auch erst noch zeigen muss und  wird, sollte sie sich zum Beispiel mit aller Kraft dafür einsetzen, dass Kitas geschaffen werden für die Kinder, deren (oftmals sogar allein erziehende)   Mütter sich eine „Kinderauszeit“ nicht leisten können und arbeiten MÜSSEN.  Und dafür, dass die Gruppengröße in den Kitas deutlich verkleinert wird und die  Erzieherinnen und Erzieher, die die ihnen anvertrauten Kinder mit großem Einsatz betreuen und erziehen (im besten Sinne des Wortes!)  auch entsprechend gut bezahlt werden. Denen steht  in der Regel auch kein gut geölter Apparat zur Verfügung, wie ihn Frau Minister in ihrem  Ministerium vorfindet, der die wesentlichen Arbeiten schnell und geräuschlos erledigt, während Frau Minister „nur“  noch den partei- und regierungspolitischen  Aspekt zu bewältigen  und die „Arbeit des Ministeriums“ nach außen zu repräsentieren  hat.

Vielleicht könnte sie sich auch dafür einsetzen , dass an Schulen neben den dort arbeitenden Lehrerinnen und Lehrer auch verpflichtend ausreichend viele Sozialpädagogen / Pädagogen / Psychologen angestellt werden, die die  Erziehungsarbeit bewältigen, die die berufstätigen Eltern nicht mehr leisten können (und die man heute trotz großer Belastung gerne den Lehrerinnen und Lehrern zusätzlich zur Wissensvermittlung glaubt überlassen zu können!)  und dass  Pädagogen und Sozialpädagogen, die in den Krisenstäben der Jugendämter zunehmend mehr mit  der erheblichen  Mehrbelastung durch zu wenig Personal für zu  viele „Fälle gestörter Kinder, Jugendlicher und Familien“  konfrontiert sind, durch mehr Mitarbeiter entlastet werden und für diese Arbeit auch anständig bezahlt werden!

Der Frau Ministerin will ich deutlich sagen:   „Es gibt viel, sehr viel zu tun im Bereich Jugend und Familie. Packen Sie es endlich an!“

Persönlich  wünsche ich ihr einen guten Schwangerschaftsverlauf, eine leichte Geburt, ein gesundes Kind und viele positive Erfahrungen mit Mutterglück und Muttersein!

NACHTRAG

Als ich meinen Beitrag schrieb, hatte ich noch keine Ahnung von den ministeriellen Besonderheiten über die der focus berichtet:

Als Bundesministerin steht Kristina Schröder in einem öffentlich-rechtlichen Amtsverhältnis. Einen Arbeitgeber im klassischen Sinne hat sie nicht. Und damit laufen sämtliche arbeitsrechtlichen Schutzvorschriften ins Leere.

Im Kabinett geht’s rund

Beispiel: Mutterschutz. Während das Gesetz schwangeren Angestellten zumindest in den letzten sechs Wochen vor der Niederkunft eine Schonzeit gewährt (bei vollen Bezügen), fehlt eine vergleichbare Regelung im Bereich der Kabinettsmitglieder. „Da Minister keinen festen Arbeitszeiten unterliegen, sondern ihr Amt nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen haben, gibt es für sie auch keine Sonderregelungen im Bereich des Mutterschutzes“, erläutert Janbernd Oebbecke, Professor für Verwaltungsrecht an der Universität Münster.


Das ist bitter für die junge werdende  Mutter und eigentlich vollkommen an allen Mutterschutzvorschriften vorbei. Doppelt bitter, weil, folgt man dem focus,  auch der Vater nicht unter den „Elternzeitparagraphen“ fällt. Ich kann nicht wirklich glauben, dass Regierungsmitgliedern nicht die gleichen Rechte auf Mutterschutz und Elternzeit zustehen, wie bspw. den Beamten in den Ministerien, denen sie vorstehen,  oder allen anderen Arbeitnehmern im öffentlichen Dienst.

Wieso Frau Schröder  unter diesen Umständen  von „Kind und Karriere sind gut vereinbar“ redet, ist mir allerdings ein einziges Rätsel oder ein Zeichen für absolute Naivität und vollkommene Ahnungslosigkeit der Ministerin, was die Realität und die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und „Mutter-Kind-Beziehung“ nicht nur in den ersten Wochen, sondern in all den Wochen, Monaten und Jahren danach angeht!  Wie lautet noch einmal die Bezeichnung ihres Ressors? Aber vielleicht ergibt sich ja bei den „offenen Arbeitszeiten“  auch die Möglichkeit für eine „hausinterne“ Stillgruppe und einen Spielkreis durch drei, vier  andere Karrierefrauen und ihren Nachwuchs? Und ich meine das jetzt überhaupt nicht zynisch!

Wie dem auch sei,   wird es nicht höchste Zeit, dass sich die Feministinnen dieser vorsintflutlichen Regelung, die noch aus der Zeit stammt als Minister grundsätzlich gebährunfähige Männer waren,  einmal annehmen? Vielleicht könnte Frau Minister Schröder doch noch Gefallen an dem Einsatz feministischer Emanzen für die „Gleichberechtigung“  finden, diesmal allerdings unter dem Motto:

Gleiches Mutterrecht für alle Mütter!

Wäre doch gelacht, wenn sich da nicht was ändern ließe!



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Kommentare»

1. um - 21. Januar, 2011

Diese Frau als Ministerin ist schlicht unerträglich.

2. Was darf es denn kosten? | himmel und erde - 28. Mai, 2015

[…] Wenn in den Medien immer mehr Kritik an den Streikenden geübt wird, so macht das doch deutlich, wie wenig Wertschätzung der Arbeit der Streikenden zuteil wird, wie wenig im öffentlichen Bewusstsein der Wert “unserer Kinder” wirklich verankert ist und dass es leider auch den Eltern, die jetzt mit zunehmender Kritik reagieren, doch in erster Linie um den eigenen Arbeitsplatz geht und nicht um das Wohl der Kinder. (Die Einschränkung dieser etwas provokanten Formulierung findet sich hier: “Kind und Karriere gut vereinbar” ) […]


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