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Wie bitte? 16. Februar, 2011

Posted by Rika in meine persönliche presseschau.
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„Rosen, ‚Birnen‘, Nelken, alle drei verwelken … “ und Spinat und Pflaumen machen vermutlich auch einen guten Kompott!

Mische fröhlich, was sich gar nicht mischen lässt, irgendjemand wird das Zeug schon „fressen“.

So oder ähnlich hat es  sich vermutlich der Herr Bozic bei diesem bemerkenswerten Vergleich gedacht:

Was hätten die DDR-Bürger wohl gesagt, wenn man ihnen 1989 eröffnet hätte: Okay, also Bananen, Helmut Kohl und die D-Mark könnt ihr haben, aber die Mauer bleibt! So ähnlich müssen sich die Tunesier fühlen, die nun, da sie ihren Despoten aus dem Land gejagt und das Regime tapfer niedergerungen haben, gerne ihre neue Reisefreiheit nutzen möchten. Doch während man den DDR-Bürgern seinerzeit ein Begrüßungsgeld in die Hand drückte, da hetzt man den Tunesiern heute eine „Grenzschutzagentur“ auf den Hals.

Da hat doch der Herr Bozic irgendwie etwas verwechselt: Denn zuerst fiel die Mauer und dann das Regime! Sicher, die Maueröffnung war ein dummer Fehler im System, wie sich im nachhinein herausstellte, aber als die Mauer erst mal offen war, gab es nicht nur für die reiselustigen DDR-Bürger kein Halten mehr , sondern auch und erst recht nicht für ihre Regierung.

Mauer weg und Tschüsssss!

Mir scheint, Herr Bozic hat einen weiteren Tatbestand des Mauerfalls nicht wirklich zur Kenntnis genommen:

Die Mauer, die fiel, stand ja nicht zwischen Deutschland und der Schweiz, oder zwischen Holland und Belgien,  nein, sie teilte ein Land und Leute, die zusammengehören, Deutschland und Deutsche!

Sicher, mit dem Fall der Mauer gerieten auch alle anderen Ländern hinter dem „eisernen Vorhang“ ins Wanken, Grenzen wurden durchlässig, und die Länder, Völker, Staaten Europas sortierten sich neu! Aber eben in Europa! Und nicht in  Afrika oder Australien.

Doch während man den DDR-Bürgern seinerzeit ein Begrüßungsgeld in die Hand drückte, da hetzt man den Tunesiern heute eine „Grenzschutzagentur“ auf den Hals.

Wie hat man  sich das vorzustellen  mit dem Begrüßungsgeld?

Und überhaupt,  wer ist  „man“?

Wir hier in Deutschland?

Meint Herr Bozic, Guido Westerwelle, bzw. seine Beamten aus dem AA sollten sich mit einem großen Geldkoffer nach Lampedusa begeben und jedem Neuankömmmling 50 Euro Begrüßungsgeld in die Hand drücken  (und die Einbürgerungsurkunde gleich mit)?

Ich verstehe ja, dass man leicht Äpfel mit Birnen verwechseln kann und auch ganz leicht in Versuchung gerät „historische Situationen“ miteinander zu vergleichen, aber bitte, es sollte dann auch bei einem Vergleich zu einer realen Erkenntnis der Situationen kommen und nicht fälschlicherweise die gleichen Schlussfolgerungen aus – in letzter Konsequenz – doch völlig verschiedenen Tatsachen gezogen werden.

Das aber, so scheint es mir, hat der Herr Bozic irgendwie nicht wirklich versucht, wenn er schreibt:

Während Hans-Dietrich Genscher 1989 nach Prag reiste, um als eine Art Schlepper den Republikflüchtlingen den Weg nach Westen zu ebnen, da erklärt Guido Westerwelle nun frech in die ZDF-Kamera: “Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen im eigenen Land bleiben.”

Nach bundesrepublikanischem Verständnis hatte  ohnehin immer schon  jeder DeutscheDemokratischeRepublik-Bürger das Recht,  sofort  Bürger der BundesRepublikDeutschland zu werden bzw. galt als Bürger der BRD im Sinne des GG   – ohne lange Asylanträge oder langwierige Aufnahmeverfahren. Und selbstredend steht jedem BRD-Bürger das Recht zu, dort zu wohnen wo er will und zu arbeiten, wo er Arbeit findet. (Und jeder Staatsbürger Deutschlands gilt gleichzeitig als Bürger der EU.  Wobei ich für Herrn Bozic ausdrücklich auf denUnterschied zwischen Bürger und Einwohner des Staates „Bundesrepublik Deutschland“ aufmerksam machen möchte!)

Das verhält sich mit den Bürgern Tunesiens im Verhältnis zur BRD und damit auch zur EU (und vermutlich sehen die Leute das in Holland und Frankreich ganz ähnlich!!!) doch ein bisschen anders!

Ich bin wahrlich kein Fan von Guido Westerwelle, aber in diesem Punkt stimme ich ihm absolut zu, war es doch schon immer auch die Zielvorstellung von Entwicklungshilfe und Entwicklungspolitik, die Menschen in ihrem Land und Staat dabei zu unterstützen, das eigene Auskommen durch eigene Arbeit sicher stellen zu können.

Aber Herr Bozic meint, aus seinen völlig absurden Vergleichen das Recht der Tunesier auf die beliebig freie Einreise nach Europa begründen zu können:

Und der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Hans-Peter Uhl, kann das auch erklären: Gerade jetzt nach der Revolution gebe es keinen Grund für Tunesier, ihr Land zu verlassen. Das hätte man den DDR-Bürgern damals natürlich auch raten können, nachdem Erich Honecker aus seinem Häuschen in Wandlitz hinausgeschmissen worden war und man sein Privatvermögen von 218.000 DDR-Mark eingezogen hatte, aber kaum war die Mauer weg, schoben sich die Ossis auch schon durch die Kaufhäuser am Kudamm, quartierten sich bei der Cousine in Detmold ein und drängelten sich in Mallorca an den Stränden. Offenbar gab es doch Gründe, die blühenden Landschaften zu verlassen, vielleicht, weil das gleißende Blumenmeer noch nicht in seiner vollen Pracht erblüht war.

Es ist zynisch und vollkommen an der Realität vorbei, die Ereignisse nach dem Mauerfall 1989 mit der Situation Tunesiens  oder Ägyptens  (und möglicherweise Algerien, Libyens und Marrokos als weitere „Reisewillige“ aus Nordafrika) zu vergleichen.

Es verkennt die deutsche Geschichte und  wird auch den Menschen in Tunesien  nicht gerecht!

Und was den Arbeitsmarkt in Europa angeht, speziell den in Deutschland, für den unsere Arbeitsministerin ja den sich abzeichneten „Fachkräftemangel“ beklagt, so kann man doch nicht ernsthaft der Ansicht sein, die „Fachkräfte“ aus Tunesien abwerben zu wollen zu unserem Nutzen und zum Schaden der eigenen, heimischen tunesischen Wirtschaft! Schlecht oder gar nicht ausgebildete Arbeitslose gibt es aber auch bei uns schon zuhauf, die müssen wir nicht zusätzlich aus Nordafrika importieren.

Reisen, im Sinne von Tourismus, ist aber nicht das Problem, das Europa angesichts der reisewilligen Tunesier bewegt, auch wenn Herr Bozic das in seinem Artikel  geschickt so darzustellen versucht. Es sind die Menschen, die ihre Heimat verlassen wollen, weil sie sich in Europa eine bessere Zukunft erhoffen, die sie  in ihrem Land nicht zu finden glauben.

Sollten die Staaten Europas deshalb nicht in erster Linie für die Zukunft Tunesiens als demokratischen Staat mit einer besseren Wirtschaftsstruktur arbeiten und aus einem „Begrüßungsgeld“ lieber eine „Heimzulage“ machen?

Ach ja, gefunden habe ich die schöne Glosse, denn als solche will ich sie betrachten, bei achgut!

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