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„Wir setzen den Weg zu unserer Demokratie weiter fort!“ 31. März, 2011

Posted by Rika in islam, meine persönliche presseschau.
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verspricht Herr Erdogan und lässt sich kein bisschen durch die Nachfragen der EU aus dem „Tritt Marsch“ bringen, wie die taz anläßlich  der Verhaftung des Journalisten und Buchautors  Ahmet Sik berichtet:

Der Fall ist selbst für türkische Verhältnisse beispiellos: Seit Tagen fahnden Sonderstaatsanwälte und ganze Polizeieinheiten nach einem Buch, das es noch gar nicht gibt. Ein noch unveröffentlichtes Manuskript zu verbieten, den Besitz unter Strafe zu stellen und Druckereien und Buchläden schon einmal präventiv massive Strafen anzudrohen, falls sie auf die Idee kommen sollten, das Manuskript tatsächlich zu veröffentlichen, das, so Ragip Zakarolu, Verleger und altgedienter Kämpe für Meinungsfreiheit, „hat es in der Türkei noch nicht einmal nach dem Putsch 1980 gegeben“.

.

„Unsere Demokratie“ des Herrn Erdogan erweist sich immer mehr als unvereinbar mit den in Europa unveräußerlichen Rechten der Presse- und Meinungsfreiheit, zu denen es auch gehört, Bücher zu schreiben und zu veröffentlichen, die sich kritisch mit den politischen und religiösen Gegebenheiten einer Gesellschaft auseinandersetzen.  Der bisherige Weg zu EU, so scheint es, ist für Herrn Erdogan und seine Gesinnungsbrüder nur noch die „falsche Fährte“, die er gelegt hat, um von seinen wahren Absichten abzulenken.

Denn

Bei dem „gefährlichsten Buch des Landes“ handelt es sich aber nicht um Anleitungen zum Bombenbau oder andere Tipps für Terroristen, sondern um eine journalistische Recherche über die derzeit einflussreichste islamische Sekte des Landes, der Gülen-Bewegung, deren Chef Fetullah Gülen in den USA lebt. Das Manuskript mit dem Titel „Die Armee des Imam“ beschreibt nach Angaben von Freunden des Autors, die die Gelegenheit hatten es zu lesen, bevor es konfisziert wurde, wie die Sekte schrittweise die türkische Polizei und Justiz unterwandert.

Die Offenlegung der eigentlichen Ziele der nach außen hin sich moderat gebenden Fetullah-Gülen-Bewegung und die Verbindung mit dem HEUTIGEN politischen Establishment der Türkei, könnte der Islamisierungs-Debatte in Europa weitere Nahrung geben und den Widerstand gegen den Beitritt der Türkei zur EU  mit neuen  Fakten weiteren Auftrieb.

Bereits im Jahr 2008 veröffentlicht Necla Kelek in der faz einen Artikel über den türkischen Islamismus, in dem sie auf die Fetullah-Gülen-Bewegung eingeht.

Sie schreibt unter anderem:

Gülen hat einen weltweiten Verbund von Stiftungen und Schulen gegründet, der vor allem die neue muslimische technische Intelligenz heranbilden soll und wie eine Art Geheimsekte agiert. Deren öffentlicher Arm wird durch auflagenstarke Zeitungen wie die türkische „Zaman“ repräsentiert. Nach außen hin vertritt er eine Art Islam light, nach innen propagiert er einen machtbewussten islamischen Chauvinismus.Dem Westen gegenüber versucht er zum Beispiel in der „Welt-Ethos“-Bewegung des katholischen Schriftstellers Hans Küng durch Friedensappelle internationales Renommee zu erlangen. Er vertritt jedoch unverblümt die These von der Überlegenheit des Islams gegenüber jeder anderen Religion. Seine Bewegung ist in Japan über Russland bis Deutschland und in der Türkei aktiv; sie verfügt über Universitäten, Fernsehsender, eine Bank, Versicherungen, Zeitungen, einen Unternehmerverband und Gewerkschaften. Fethullahci, wie sich Gülens Anhänger nennen, haben inzwischen Positionen bis in höchste türkische Regierungskreise.

Was auf den ersten Blick – und in Analogie zu katholischen Erneuerungsbestrebungen – wie eine Modernisierungskampagne  des Islam und der Türkei gleichermaßen erscheinen mag, wird mit der weiteren Beschreibung durch Frau Kelek ins Gegenteil verkehrt, sie führt aus:

Der Ansatz der Bewegung scheint auf den ersten Blick durchaus modern. Es geht darum, dass die Muslime alle Errungenschaften der Wissenschaft in sich aufnehmen, damit sie mit dem Westen konkurrieren können. Daran ist nichts Falsches, und die Bewegung könnte als Vorzeigeobjekt eines Reformislams gelten, der sich ja sonst der Moderne verweigert. Betrachtet man aber die Schriften von Fethullah Gülen, zeigt sich eine zutiefst dogmatische und reaktionäre Denkweise. Er schreibt: „Koran und Hadith sind wahr und absolut. Wissenschaft und wissenschaftliche Fakten sind wahr, solange sie mit Koran und Hadith übereinstimmen. Sobald sie aber eine andere Position einnehmen und von der Wahrheit von Koran und Hadith wegführen, sind sie fehlerhaft. Selbst zweifelsfrei etablierte wissenschaftliche Fakten können nicht die Säulen sein, auf denen die Wahrheiten des imam (Glauben) ruhen. Nicht die Wissenschaft lässt die Wahrheit erkennen, sondern der Glaube an Allah, aus der Rechtleitung Gottes . . .“

Diese Art des Denkens führt zu der Erkenntnis, dass im Koran bereits alles steht, dass alles vorherbestimmt ist. …

(Hervorhebung von mir)

Mit diesem Denkansatz entfernt sich der Islam weiter denn je von Ansätzen, die hierzulande die Befürworter eines wie auch immer gearteten „Euro-Islam“ so hoffnungsvoll als Zeichen einer „islamischen Aufklärung“ sehen möchten und gibt damit denjenigen Grund und Anlaß zu Besorgnis, die vor einer „Islamisierung Europas“ skeptisch und kritisch  warnen.

Frau Kelek widmet sich nicht nur (in Ansätzen) den inhaltlichen Aspekten der Gülen-Bewegung, sie verdeutlicht auch die Strategie der Anhängerschaft, sich quasi im „Marsch durch die Institutionen“ in die notwendigen Machtpositionen zu bringen:

Gülens Gefolgsleute sind die intellektuellen Vordenker der AKP. Sie arbeiten mit dem Wissen des Westens; Freiheit und Demokratie sind dabei Instrumente zur Erlangung und Bewahrung von Einfluss und Macht. Die türkischen Parteien insgesamt sind keine Organisationen von Demokraten, sondern Lobbyisten, die das demokratische System benutzen, um ihre Gruppen- und Einzelinteressen durchzusetzen. Seit Bestehen der Türkischen Republik wurden Dutzende Parteien, Bewegungen oder Orden gerichtlich verboten oder vom Militär zerschlagen. Die AKP muss sich aktuell mit einem Verbotsantrag von kemalistischen Staatsanwälten auseinandersetzen. Die Fethullahcis haben sich auf diese Situation eingestellt, sie arbeiten konspirati und warten, bis ihre Zeit gekommen ist.

So ist es kein Wunder, dass die inzwischen mächtig gewordenen Anhänger des Herrn Gülen mit allen Mitteln verhindern müssen und wollen, dass es zu einer Offenlegung des Prinzips Gülen kommt.

Es mag hoffnungsvoll stimmen, dass sich Widerstand gegen die Verhaftung Ahmet Siks regt, vorallem im Inland, aber auch im Ausland, wie die taz berichtet:

och mit dem Fall Ahmet Sik und seinem Buch „Armee des Imams“ haben AKP-Regierung und Sonderjustiz jetzt wütende Proteste im ganzen Land ausgelöst. Eine Plattform für Presse- und Meinungsfreiheit ruft regelmäßig zu Demonstrationen auf. Auf einer Website, die dazu aufruft, sich zu dem Besitz des Buchs zu bekennen, haben sich bereits 50.000 Menschen registrieren lassen. Ehemals überzeugte liberale Unterstützer von Ministerpräsident Erdogan sind entsetzt, wie demokratische Rechte immer mehr mit Füßen getreten werden.

Auch die Kritik aus dem Ausland wird lauter. Angefangen von internationalen Journalisten und Menschenrechtsorganisationen bis hin zum Erweiterungskommissar der EU und dem US-Botschafter in Ankara, wird die Verletzung von Meinungs- und Pressefreiheit mittlerweile scharf kritisiert. Selbst der türkische Präsident Abdullah Gül sah sich genötigt, seine Besorgnis darüber zu äußern,

Wobei ich nicht sicher bin, ob es zur Strategie der güleschen Unterwanderung gehört, dass „selbst der türkische Präsident Aabdullah Gül sich genötigt san, seine Besorgnis darüber zu äußern“. Es passte jedenfalls hervorragend ins Bild, zumal Herr Erdogan sich gar nicht aus der Ruhe bringen ließ und von allen Protesten „völlig unbeeindruckt“ blieb:

Nur Ministerpräsident Tayyip Erdogan ist von der Kritik völlig unbeeindruckt. „Die EU soll sich an ihre eigene Nase fassen“, sagte er auf dem Weg in den Irak, „wir setzen unseren Weg zu unserer Demokratie weiter fort.“

„Unsere Demokratie“ des Herrn Erdogan ist unvereinbar mit „unserer Demokratie“ nach der wir in Deutschland und Europa politisches und gesellschaftliches Miteinander gestalten, Erdogans Demokratie ist unvereinbar mit unserem europäisch-abendländischem  Verständnis von Demokratie, Menschenrechten, Meinungs-, Presse- und  Religionsfreiheit …

Eine „Demokratie“ türkischer Prägung gehört nicht in die EU und ein Islam in der Ausdeutung eines Fetullah Gülen  gehört nicht zu Deutschland, nicht in der Vergangenheit, nicht in der Gegenwart und erst recht nicht in der Zukunft.

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Kommentare»

1. Rika - 5. April, 2011

Das Thema wird nun auch vom Spiegel aufgegiffen:

„Gülen-Bewegung in der Türkei
Die unheimliche Macht des Imam

Der islamistische Prediger Fetullah Gülen gilt als einer der mächtigsten Männer der Türkei. Seine Anhänger scheinen weite Teile der Ordnungsmacht im Land unterwandert zu haben, Kritiker werden aus dem Weg geräumt. Jetzt wurden zwei Journalisten verhaftet – doch deren Umfeld weiß sich zu wehren. …“
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,754909,00.html

2. Unbeirrt weiter auf seinem Weg… « himmel und erde - 20. April, 2011

[…] allem, er wird sich nicht ändern. Im Gegenteil. Jeder Schritt den er macht, alles was er oder seine Regierung tut, zeigt, dass er […]


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