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Nur eine Frage der Wahrnehmung? 1. April, 2011

Posted by Rika in aus meinem kramladen.
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Ich sagte ja schon, dass ich derzeit lahm gelegt bin durch meine Fuß-OP und die damit verbundenen Folgen, die in erster Linie darin bestehen, den betroffenen Fuß hoch zu legen, immer mal wieder zu kühlen und nur ab und zu kleine Wanderungen im Haus zu unternehmen 😉

Ich habe also Zeit, viel Zeit, liege oder sitze in meinem schönen bequemen Sessel am Fenster, ruhe, schaue in den Garten, stricke ein wenig und lese. Lese Zeitungen, Bücher, Losungen und Bibel und die unglaublich vielen Einträge, die das Internet zu allen nur möglichen Themen bietet. Ab und zu schreibe ich bei anderen Blogs einen Kommentar oder gebe Laut bei dem bekannten Buch der Gesichter.

Heute nun entdeckte ich zwei sehr unterschiedliche Berichte zum gleichen Ereignis. Das ist ja eigentlich nicht weiter ungwöhnlich, passiert ständig und differenzierte Wahrnumg und Berichterstattung gehört unbedingt  zum öffentlichen Diskurs über anstehende Fragen und Probleme.

Ausnahmsweise geht es in den Berichten weder um die CDU, noch um Herrn Westerwelle und die FDP, es geht auch nicht um Fukushima und die Frage wann und ob und wie in Deutschland die Atomkraftwerke abgeschaltet werden sollen.

Es geht um ein Event für Jugendliche mit der (für Nichtchristen sowieso) etwas ungewöhnlichen Bezeichnung „JesusHouse„.

Was ist darunter zu verstehen?

Eine überregionale riesige Party, bei der sich alles um Jugendliche und Jesus dreht, sehr verkürzt und sehr vereinfacht ausgedrückt.

Geht das überhaupt? Jesus und Party? Ist das nicht vollkommen unvereinbar?

Umgekehrt könnte man natürlich auch fragen: Geht das überhaupt? Jugendliche und Jesus?  Ist das nicht vollkommen unvereinbar?

Oder auch: Geht das überhaupt? Jugendliche ganz ohne Party? Ist das nicht vollkommen unvereinbar?

Nun, es fügt sich überaus glücklich, dass es diese Vereinbarkeit gibt:

JESUS – JUGENDLICHE – PARTY  oder

PARTY – JUGENDLICHE – JESUS  oder

JUGENDLICHE – JESUS – PARTY  oder

JUGENDLICHE – PARTY – JESUS  oder

JESUS – PARTY – JUGENDLICHE  oder

PARTY – JESUS – JUGENDLICHE

So unterschiedlich werden es die JesusHouse-Besucher, die Partygänger, die Teilnehmer empfunden haben, für die einen war es die große Party mit ein bisschen Jesus, für die anderen war es Jesus und ein bisschen Party.

Jesus und Spaß haben ist kein Gegensatz   –   und Partyspaß haben und dabei singen und beten auch nicht. Wer je einen fetzigen Jugendgottesdienst miterlebt hat, wird überhaupt keinen Zweifel daran haben. Wie sangen wir schon in meiner frühen Jugend mit Lust, Spaß und Inbrunst und dennoch ganz ernst:

„Lasst und miteinander, lasst uns miteinander singen, beten, loben den HERRN. Lasst uns das gemeinsam tun, singen, beten, loben den HERRN.“

Schon damals war das gemeinsame Singen und Beten nicht nur eine fromme Pflicht, sondern auch eine lustvolle und fröhliche Angelegenheit. Ich habe es jedenfalls (fast) immer so empfunden. Das galt vor allem für Jugendgottesdienste und Freizeiten, „christliche Events“ also, nur, dass die damals noch nicht so hießen. Und selbstverständlich ging es auch schon damals den Verantwortlichen nicht nur darum, den Jugendlichen „Spaß“ anzubieten, es ging auch damals immer um die Kombination: JESUS – JUGENDLICHE -SPASS

Jesus den Jugendlichen so nahe zu bringen, dass sie – wie es im, Psalm 37, 4  heißt, „Lust am HERRN haben“. Jesus und Gott nicht als Hirngespinst oder  dröge Pflicht des christlichen Lebensstil zu erfahren, sondern als eine beglückende und stärkende Kraft, die zu einer unauflöslichen Verbindung  für das und „zum Leben“ wird.

Und natürlich geht es auch um das Gemeinschaftserleben: Wir alle gemeinsam glauben und bezeugen Jesus und es geht uns gut damit und dabei!

Für Dennis Sand von der Zeit war es aber wohl eine unverständliche und vor allem eine verdächtige Aktion , die er miterlebte und über die er nun kritisch berichtet:

Ziel von JesusHouse ist es, Jugendliche zu animieren, sich mit ihrem Glauben auseinanderzusetzen. „Mach dich auf die Suche nach dem Echten – und gib dich nicht mit dem zweitbesten zufrieden!“, heißt es auf der Homepage von JesusHouse. Doch was ist der echte Glaube? Die evangelikale Bewegung ProChrist steht hinter der Veranstaltungsreihe und findet die Antwort nach dem echten Glauben in einem sehr eng ausgelegten Bibelverständnis. ProChrist stand mit seinen konservativen Ansichten schon mehrfach im Fokus medialer Kritik.

Und weil sich Herr Sand sicher gut auf die Berichterstattung vorbereitet und dabei vermutlich auch im Internet gründlich über „ProChrist“ als Veranstalter geforscht haben mag, ist er auch auf die unvermeidliche Frau Lambrecht gestoßen, die schon zum Christival und ähnlichen Veranstaltungen  ihren warnenden Zeigefinger erhoben und ein Buch geschrieben hat über die  ihrer Meinung nach sehr gefährlichen „Evangelikalen“:

Oda Lambrecht, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Christian Baars das Buch Mission Gottesreich – Fundamentalistische Christen in Deutschland geschrieben hat, warnt vor einigen Ausprägungen der evangelikalen Bewegung. Ein wesentliches Ziel dieser Gruppen sei die Missionierung. „Deutschland ist Missionsgebiet“, verkündete die evangelikale „Lausanner Bewegung“ 1990 und das Motto gilt noch immer. Der evangelikale Theologe Stephan Holthaus erklärt, die Vielfalt der Evangelisationsformen kenne kaum Grenzen und verweist auf Events für Kinder und Jugendliche sowie auf Jugendcamps.

Da steht es wieder, das böse Wort: Mission!Hütet Euch, Ihr Menschen in Deutschland, Ihr sollt missioniert werden. Wehrt Euch gegen die Praktiken der bösen Christen, sie wollen Euren Geist vernebeln und Euch Eure freie Entscheidung nehmen. Am Ende könnt Ihr Gott und Jesus nicht widerstehen und dann, dann wartet die Hölle auf Erden auf Euch.“ So ähnlich, stelle ich mir vor, muss die Warnung vor Mission bei den naiven Deutschen ankommen.

Gäbe man den Jugendlichen moderne Partydrogen, wäre die Warnung vermutlich nur halb so laut. Sollten sie bei einem Jugendcamp der Grünen oder der Falken oder freien deutschen Jugend  mitmachen, fiele sie vollkommen aus, wären am Ende die Neonazis die Einladenden, könnten Abscheu und Erregung  kaum größer sein.

Leute, es sind CHRISTEN, die Ihr so heftig attackiert, keine Bombenbastler, keine Autonomen, keine kriminellen Jugendbanden, keine esoterischen Weltverdreher, die mit Psychotricks arbeiten, es sind nur Leute, die GOTT für eine Realität halten und davon reden.

Frau Lambrecht spricht aber ein noch viel größeres Problem an:

„Das ist das eigentlich Problematische“, sagt Lambrecht. „Man gibt sich modern, vertritt aber durch und durch reaktionäre Werte.“ Und die werden den Jugendlichen langfristig vermittelt. Zwar spricht man offen über Sex – aber nur um für die Jungfräulichkeit vor der Ehe zu werben.

Oh, ja! Das ist reaktionär. Kein Sex vor der Ehe! Schlimm ist das. Schlimmer noch als sexuelle Freizügigkeit in ehedem hochgelobten Kinderläden und Eliteinternaten wie der Odenwaldschule, die heute mit Missbrauchsvorwürfen zu kämpfen haben!

Das muss die armen Kinder ja traumatisieren. Rettet sie um Himmels Willen aus der Hand evangelikaler Christen. Ihr Weltbild könnte durch das Bibellesen nachhaltig und für immer beschädigt werden.

Und so sehen die Jugendlichen aus, die an einer JesusHouse-Party teilgenommen haben:

Eine Stunde lang wirkt es fast wie ein perfekt gestyltes, aber beliebiges Jugendevent, was da in der mit 3.500 Leuten gut gefüllten Halle abläuft: teils rappende, teils rockende Livemusik von der riesigen Bühne, mit Gags gewürzte Videoeinspielungen, Interviews und Liveschalten. Ungewöhnlich sind zunächst nur zwei Dinge: ein effektvoll aus Neonröhren und Profilblechen zusammengesetztes großes Kreuz neben der Bühne und die fröhliche Harmonie, in der alles abläuft: am Einlass und auch sonst kein Gedrängele, nirgends fallen böse oder unflätige Worte – für die zahlreichen ehrenamtlichen Ordner ist es ein extrem ruhiger Abend.

Nun aber sitzen die Teenager, die gerade noch jubelten, die am Eingang verteilten Fähnchen schwenkten und bei den Liedern mitsangen, still und aufmerksam da, die meisten auf dem blanken Hallenboden, und hören einer Predigt zu.

„Fröhliche Harmonie“, stille und aufmerksame Zuhörer, die sich auf eine Predigt konzentrieren – das mag einigen Erwachsenen Beklemmungen verursachen, keine Randale, keine Gewaltaktionen, keine Exzesse, mit den Jugendlichen kann etwas nicht stimmen!

Und dann dieses Fazit:

Am Ende sind, wen man auch fragt in Stuttgart, alle zufrieden bis glücklich mit dem Abend. Viele der Jugendlichen sind begeistert, Kritik beschränkt sich auf nicht eingeblendete Liedtexte und die Dauer des Abends: „zu kurz“, ist hier und da zu hören. Und auch Jesus-House-Sprecher Brand sagt, die Erwartungen seien „voll erfüllt“. Insgesamt habe man deutschlandweit 29.000 Besucher gezählt. Und, sagt Brand weiter: „Von den Übertragungsorten weiß ich es nicht, aber hier in Stuttgart sind Jugendliche bei dem Aufruf nach vorn gekommen.“ Andere hätten am Platz mitgebetet, und nach der Veranstaltung habe es sehr viele gute Gespräche gegeben. „Offenbar haben viele den Abend nicht als reine Party gesehen.“

„Gottes Segen mit dir“

Erreicht so eine Party mit Gott junge Menschen, die sonst keine Berührung mit Kirche haben? Als Matthias Clausen bei der Assoziationsübung am Anfang seiner Predigt Gott ins Spiel bringt, brandet jedenfalls gleich Jubel auf, und am Ende des Abends verabschieden sich die Jugendlichen hier und da mit „Gottes Segen mit dir“. Auch bei einer kleinen Umfrage am Eingang war niemand zu finden, der nicht zu einer christlichen Jugendgruppe oder Gemeinde gehört. Anderswo oder auch an den kommenden Abenden, gerade am Wochenende, mag das anders aussehen.

Für Oda Lambrecht mag das doch beruhigend sein, dass es nicht mehr als  „deutschlandweit 29000 Besucher“ waren  – so viele wenige Jugendliche sind es nicht mal am Wochenende in den Fußballstadien, junge Leute, die oft genug nach den Spielen  lärmend, gröhlend und alkoholisiert durch die Gegend ziehen –   und die angesprochenen Jugendlichen bereits  zu einer Jugendgruppe oder Gemeinde gehören, die meisten jedenfalls.

Die da missioniert werden sollen, sind eh schon in den Fängen evangelikaler Christen, andere Jugendliche scheinen – Dank Zeus –  noch nicht betroffen. Aufatmen bei den fürsorglichen Christenkritikern.

Meine Bitte an Menschen wie Frau Lambrecht:

Lasst uns Christen doch bitte einfach mal unseren Jugendlichen etwas Gutes tun!

Ja und auch dieser Wunsch:

„Gottes Segen mit dir“

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Kommentare»

1. Nun jammern sie… | himmel und erde - 6. März, 2014

[…] unternommen, wenn ausgerechnet die “Events”, die Jugendliche begeistern,  in den Medien heftigst kritisiert wurden? Nichts, ist mein Eindruck. Was hat “die Kirche” unternommen, […]


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