jump to navigation

Vom Original… 4. April, 2011

Posted by Rika in islam.
Tags: , ,
trackback

… und was man daraus machen kann.

Wie gesagt, ich liege / sitze immer noch lahm gelegt im Sessel am Fenster und arbeite mich durch meine Blogroll oder Linkliste. Dabei stoße ich immer wieder auf unglaublich wirklichkeitsnahe, nette und heitere Geschichten, zum Beispiel bei frl. krise, auf die interessanten „politischen“, die „persönlichen“, die „professionellen“ und auch die „frommen“ Bloggerinnen und Blogger. Bei meinem Streifzug treffe ich auch immer wieder gleiche Themen oder den Bezug auf Veröffentlichungen in Presse und / oder Nachrichtenagenturen.

Spannend ist es dann zu sehen, wie die entsprechende „Lektüre“ weiter verarbeitet und zum Nutzen und Frommen der eigenen An- und Absichten verwurstet wird.  Aber natürlich nehme ich mich von dem Geschäft des „Verwurstens“ überhaupt nicht aus, wie käme ich auch dazu, ist doch eine Nachricht schon die halbe Miete für einen Beitrag, mindestens! 😉

Natürlich beherrsche auch ich die Kunst des Auswählens und Weglassens,  für deren Anwendung ich heute ein hübsches Beispiel fand:

Der Staat steht in der Bringschuld

UN-Religionsexperte kritisiert Deutschland wegen mangelnder Kooperation mit den Muslimen

Der UN-Sonderberichterstatter zur Religionsfreiheit, Heiner Bielefeldt (Bild), forderte Deutschland auf, sich für eine Kooperation zwischen Staat und Religionsgemeinschaften einzusetzn und so sich dem religiösen und weltanschaulichen Pluralismus zu öffnen. «Es ist nicht richtig, wenn Muslime nur dann partizipieren können, wenn sie sich nahtlos in die gegebenen Strukturen einpassen, wenn sie sich also im Grunde verkirchlichen», sagte Bielefeldt am Freitag in Berlin in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Der Staat stehe «in einer Bringschuld». Weil er sich zur Religionsfreiheit bekenne, müsse er auch die Strukturen öffnen.

liest man bei islam.de

Weil ich genauer wissen wollte, was der Herr Bielefeldt unter „müsse die Strukturen öffnen“ versteht, suchte ich nach dem Link zur Quelle, der aber nicht gegeben war, lediglich der Hinweis (KNA)  tauchte im angegebenen Text auf.  Nun bereitet es dem Suchmaschinchen mit den bunten Buchstaben gar keine Schwierigkeiten, das Originalinterview zu finden und siehe da, da taucht der Text zwar ganz genauso, wie richtig zitiert,  auf, jedoch stellt sich ein völlig anderer Zusammenhang dar, was schon in der Einleitung  des Interviews sichtbar wird:

„Situation mancher Minderheiten dramatisch“

Der UN-Berichterstatter Bielefeldt zur Lage der Religionsfreiheit

Der UN-Sonderberichterstatter für Religions- und Glaubensfreiheit sieht viele Minderheiten weltweit in ihrer Religionsfreiheit bedroht. Als „dramatisch“ beschreibt Heiner Bielefeldt die Situation – und kritisiert Deutschland für seine Kopftuchverbote.

Es ist natürlich geschickt, bereits in der Einleitung diejenigen zu besänftigen, die möglicherweise sonst wieder ganz arg beleidigt reagieren könnten, deshalb der kluge Hinweis auf das Kopftuchverbot schon an dieser Stelle.

Die „dramatische Lage der Minderheiten“ bezieht sich indes nicht auf die Kopftuchträgerinnen in Deutschland, wie man dann doch erfährt:

Mir ist die dramatische Situation mancher Minderheiten neu bewusst geworden. Eine Gruppe, die hierzulande wenig im Gespräch ist, möchte ich einmal exemplarisch nennen: die Zeugen Jehovas. In vielen Ländern werden sie massiv bedrängt und sind Opfer von allerlei Verschwörungsphantasien.

„In vielen Ländern werden sie massiv bedrängt“, der Herr Bielefeldt möchte die Länder nicht nennen und ich will nicht spekulieren, doch aus der Bemerkung „hierzulande wenig im Gespräch“ mag ich doch schlussfolgern, dass die Zeugen Jehovas hier in Deutschland nicht massiv bedrängt werden. Sie sind hierzulande wohl eher eine belächelte Randgruppe unter „Sektenverdacht“ und nur die wenigsten von uns wissen, dass sie während der NS-Zeit allerdings sehr massiv bedroht waren, ins KZ gesteckt und umgebracht wurden. Seit einiger Zeit haben die Zeugen Jehovas in Deutschland  den Status einer „Körperschaft des öffentlichen Rechts„, wie ihn beispielsweise die großen Kirchen in Form der „Staatskirchlichen Körperschaft“ genießen, aber auch  einige Freikichen, so auch „meine“ Baptisten in Anspruch nehmen können. (Über die juristischen und steuerlichen Vorteile der K.d.ö.R. bitte selber nachlesen, sprengt sonst diesen Beitrag.   😉 )   (Vor einigen Jahren wurde heftig debattiert, ob man etwa Scientology den Körperschaftsstatus verleihen solle oder nicht.)

Gefragt nach besonders heftig verfolgten Religionsgemeinschaften, antwortet Herr Bielefeldt so:

Bielefeldt: Ich halte es nicht für sinnvoll, solche Rankings durchzuführen. Es gibt außerdem ganz unterschiedliche Verfolgungsmuster – angefangen von bürokratischen Gängelungen über Missionsverbote bis zur Bedrohung an Leib und Leben. Nach wie vor sehr bedrohlich ist etwa die Lage der Bahai im Iran und der Ahmadis in Pakistan, auch christliche Minderheiten erleben in vielen Ländern des Nahen Ostens massive Diskriminierung. Besonders betroffen sind dabei protestantischen Gruppen. Denn sie gelten als Missionskirchen, und Missionstätigkeit stößt in den meisten Ländern des Nahen Ostens auf massive Widerstände des Staates.

Es wundert sich vermutlich niemand darüber, dass diese Passage bei islam.de nicht auftaucht!

Bahai werden verfolgt (übrigens genießen die Bahai in Israel nicht nur Asyl, sondern alle staatlichen Rechte!!!), muslimische Splittergruppen leiden unter den Mainstream-Muslimen und werden immer wieder durch Anschläge muslimischer Banden drangsaliert und / oder oder durch SMA gemordet und verletzt. Christen werden massiv diskriminiert, wobei es mich persönlich stört, dass Herr Bielefeldt mit dem Hinweis auf Mission  indirekt die Christen für ihre Notlage verantwortlich macht, eine Argumentation, die das unveräußerliche Recht auf Leben völlig außer Acht lässt und die ich deshalb nicht akzeptieren kann.

Gefragt nach den religiösen Freiheiten für Christen in der Türkei antwortet der UN-Religionsexperte so:

Die Religionsfreiheit steht immer im Zusammenhang aller Menschenrechte. Wer Ja sagt zur Religionsfreiheit, sagt implizit auch Ja zur Meinungsfreiheit, zur Versammlungsfreiheit und zu anderen Freiheitsrechten, auch wenn das nicht immer allen klar ist.

Und erst im Anschluß an dieses Statement nimmt Herr Bielefeldt Stellung zu dieser Frage:

Inwieweit können Politiker, die hierzulande für ein Kopftuchverbot etwa für muslimische Lehrerinnen an staatlichen Schulen eintreten, Religionsfreiheit anderswo glaubwürdig einfordern?

deren Beantwortung bei islam.de zu der schönen Schlagzeile (s.o.) und den weiteren Ausführungen geführt hat.

So kann man sich die Welt passend machen!

Es verwundert darum ganz sicher nicht, dass islalm.de den Link zur Quelle vergessen hat und es nimmt auch nicht wunder, dass das Ende des Interviews, so wenig wie sein Anfang, bei islam.de veröffentlicht wird…

Ich hole das hier nach:

KNA: Inwieweit ist die Religionsfreiheit auch durch Kirchenkritiker bedroht?
Bielefeldt: Religionsfreiheit heißt nicht Schutz vor Kritik und Satire, auch dann nicht, wenn es in einer freiheitlichen Gesellschaft einmal ruppig zugeht. Denn Religionsfreiheit ist nicht eine Art Ehrschutz der Religionen, sondern ein Freiheitsrecht der Menschen.

Aber das müssen  viele Menschen  ja auch erst noch lernen:

Religionsfreiheit ist nicht eine Art Ehrschutz der Religionen, sondern ein Freiheitsrecht der Menschen.

NACHTRAG:

Ein Artikel der muslimischen Zeitung greift ebenfalls auf das Interview zurück, man findet ihn hier.

-Daraus will ich kurz den letzten Absatz aufgreifen:

„In Deutschland haben die größeren Religionsgemeinschaften den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. An muslimische Verbände werden immer Forderungen einer stärkeren Institutionalisierung gerichtet, damit sie etwa beim Religionsunterricht ein verbindlicher Partner des Staates sind.“

Was hier mit einer gewissen unterschwelligen Kritik geäußert wird, berührt aber das oben genannte Körperschaftsrecht, das eine verbindliche Struktur in der Organisation der „Körperschaft“ vorsieht. Für Kirchen und Gemeinden bedeutet das zum Beispiel, dass sie eine Rechtsordnung vorlegen können, aus der  z.B. klar hervorgeht, wer verbindliches Mitglied ist und in der  geregelt ist, wer die „Körperschaft“ nach außen vertritt, wie die Leitungsfunktionen definiert sind, nach welchen Regeln Kirchenvorstand und Gemeindeleitung z.B. gewählt werden, welche „Leitlinien“ (so nennt man das heute) Orientierung bieten  usw. usw..

siehe  dazu diese Erklärung und daraus:

Die Anerkennungsvoraussetzungen

Gemäß Artikel 140 Grundgesetz in Verbindung mit Artikel 137 Abs. 5 Satz 2 und Absatz 7 Weimarer Reichsverfassung sind Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften auf ihren Antrag hin die Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zu verleihen, wenn sie durch ihre „Verfassung und die Zahl ihrer Mitglieder die Gewähr der Dauer“ bieten. Für die Bewertung im konkreten Einzelfall haben sich seit den fünfziger Jahren im Konsultationsprozess der Kultusministerkonferenz und der für Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zuständigen Länderdienststellen sowie durch Verwaltungsgerichtsentscheidungen folgende konkretere Verleihungsvoraussetzungen herausgebildet:

– Mit „Verfassung“ ist der qualitative Gesamtzustand einer Religionsgemeinschaft gemeint: Er muss die Gewähr der dauerhaften Stabilität bieten. Dazu gehören
das Vorliegen einer Organisationsordnung, die in Form und Inhalt mindestens der
Satzung eines eingetragenen Vereins entspricht (einschließlich Regelungen über
Erwerb und Verlust der Mitgliedschaft) und Vermögensverhältnisse, die diese Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft in die Lage versetzen, ihren finanziellen Verpflichtungen auf Dauer nachzukommen.

– Die Zahl der (Voll-) Mitglieder muss in einem Bundesland so groß sein, dass die Organisation eine gewisse Bedeutung im öffentlichen Leben erlangt hat. Als Richtzahl für die Untergrenze gilt in der Verleihungspraxis der Bundesländer ein Tausendstel der Bevölkerung des jeweiligen Bundeslandes. Dabei ist auch die soziale Struktur des Mitgliederbestandes (z.B. ihre räumliche Verteilung und örtliche Dichte, ihre Zusammensetzung nach Alter und Geschlecht) von Bedeutung.

– Eine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft bietet auf Grund ihrer Mitgliederzahl und ihres Gesamtzustandes erst dann die Gewähr dauerhafter Stabilität, wenn sie sich im allgemeinen Rechtsleben des Landes als gefügte Organisation zeitlich bewährt hat, d. h. über einen Zeitraum von mindestens 30 Jahren.

– Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner Entscheidung zum Körperschaftsstatus der Jehovas Zeugen vom 19. Dezember 2000 darüber hinaus erklärt, dass die Verleihung der Körperschaftsrechte ein rechtstreues Verhalten der antragstellenden Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft voraussetzt.

Eine Liste der in Berlin als Körperschaft anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften findet sich hier.

……………………………………………………………………………………………………………….

Vielleicht meint ja Herr Bielefeldt, dass wir die Strukturen unseres Körperschaftsrechts ändern sollten, damit muslimische Gemeinschaften sich nicht zu organisieren brauchen hinsichtlich Mitglieder, Leitungsfunktion, Offenlegung der Gelder usw..
Wenn in Deutschland schon jeder sprichwörtliche Kaninchenzüchterverein Mitglieder, Vorstand, Kassenwart und Schriftführer vorweisen muss, um als Verein registriert werden zu können, werden doch wohl die Muslime sich so organisieren können, dass sie nach innen und außen erkennbar eine Institution bilden, der man die Körperschaft zusprechen kann.
Warum sollte der Staat an einer bewährten Rechtsform irgendetwas ändern? Zumal es den Muslimen doch offen steht, sich entsprechend zu organisieren. Wer oder was hindert sie daran?

Advertisements

Kommentare»

1. curioustraveller - 5. April, 2011

Hm, seltsam. Immer, wenn ich Zeugen Jehovas an der Tür habe, muss ich zugeben, bin ich derjenige, der sich bedrängt fühlt.

Und wofür der Alarm, dass Muslime hier nicht ausreichend berücksichtigt werden würden? Was sollen wir machen? Burkapflicht für Frauen einführen? Den Freitag zum Feiertag machen? Das Grundgesetz abschaffen und die Sharia einführen?

Manchmal frage ich mich bei den Verfassern solcher Texte, ob der Grundtonus der Texte auch dran liegen kann, dass sie einfach nicht genug Sinnvolles zu tun haben …


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: