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Die Paranoia des Westens … 7. April, 2011

Posted by Rika in islam, israel.
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…insbesondere die der Linken,

wird in der deutschen Übersetzung  eines sehr lesenswerten Artikel deutlich, den –  anläßlich der Ermordung des jüdisch-palästinensichen Schauspielers und Küntlers Mer-Khanis  –  der Israeli  Ari Shavit geschrieben und bei Ha’aretz veröffentlicht hat. Hinweis und Übersetzung liefert achgut:

Mord ist nicht Mord

Ari Shavit befasst sich mit der Reaktion der israelischen Linken auf den Tod Juliano Mer-Khanis‘, beschreibt die seltsame Ruhe, die ausbleibenden wütenden und anklagenden Reaktionen der Linken, die wohl unweigerlich gekommen wären, wenn die Mörder jüdische Israelis gewesen wären. So aber, mit Tätern, die im palästinensischen Umfeld zu finden sind, herrscht eine gespenstische Sprachlosigkeit.

Er schreibt:

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was geschehen wäre, wenn Juliano Mer-Khamis von Juden ermordet worden wäre. Der Mord hätte eine Riesen-Schlagzeile in Ha’aretz erhalten. …
Ausgewählte rassistische Zitate wären aus primitiven rabbinischen Schriften herausgenommen und geschichtliche Vergleiche mit den Morden an Emil Gruenzweig, Yitzhak Rabin und Martin Luther King erstellt worden. Innerhalb eines Tages wäre Mer-Khamis zu einer Symbolfigur geworden. An Samstagabenden wären Tausende zusammengekommen, hätten Fackeln hochgehalten, den Friedenshelden beweint und wären gegen die Mächte der Dunkelheit aufgestanden. Wäre Mer-Khamis durch Juden ermordet worden, hätte das die Linke wieder aufgebaut, sie hätte sich vereinigt und wäre in einen neuen Kampf gegen mörderischen jüdischen Faschismus ausgezogen.

Aber Juliano Mer-Khanis wurde nicht von Juden ermordet, und so fährt Ari Shavit fort:

Deshalb bekam er anstelle einer Riesen-Schlagzeile eine Geschichte unter ferner liefen. …   Niemand sprach über Rassismus, Fanatismus oder Faschismus. Niemand sprach über ein Bildungssystem, das Hass verbreitet, und über primitive Geistlichkeit. Mer-Khamis wurde nicht zur Symbolfigur und es demonstrierten nicht Tausende von Menschen. Der Mord an Mer-Khamis verursachte weder Protest, noch Empörung, noch heiligen Zorn. ….

Der Mord an einem Friedenshelden durch Palästinenser hat keinen Platz auf dem emotionalen und ideologischen Plan der Linken. Der Mord an einem Freiheitshelden durch Palästinenser ist ein Dogma untergrabendes, Paradigma zerrüttendes Ereignis für die Linke. Der Mord an Mer-Khamis durch Palästinenser ist ein Mord, der zur Verdrängung verurteilt ist.

Das sonst übliche Aufbegehren der grün-roten Linken in Deutschland blieb ebenso aus, sieht man von einigen wenigen zahmen Besürzungs-Bekundungen der erklärten Freunde des palästinensischen Freiheitskampfes ab, die  in der Bloggerszene zu finden sind. Eine Dokumentations der Betroffenheitslyriker soll hier aber nicht sein.

Am Beispiel der Reaktion der Linken auf einen Mord, dessen Täter  nicht in das Klischee der ‚faschistischen Feinde des Friedens‘ passen, die nicht aus dem ( üblicherweise  bei den ‚Zionisten‘ ausgemachten)   Lager des Bösen kommen, zeigt Ari Shavit eindrucksvoll die Situation „des Westens“ im Umgang mit der „arabisch-muslimischen Welt“.

Er schreibt:

Dies ist ein tiefes und umfangreiches Thema, das über die israelische Linke hinausgeht. Eine der herausragendsten Charakteristiken der westlichen Aufklärung des 21. Jahrhunderts ist die Unfähigkeit, die Mächte des Bösen in der arabisch-moslemischen Welt zu verurteilen. Westliche Aufklärung liebt es, den Westen zu kritisieren. Sie liebt es besonders, die westlichen Alliierten im Osten zu kritisieren. Doch wenn es um das Böse geht, das seinen Ursprung im Osten hat, dann bleibt sie still. Sie weiß nicht, wie sie damit umgehen soll. Es ist leicht, gegen den pro-westlichen Hosni Mubarak aufzustehen, doch es ist schwer, sich gegen die Moslembruderschaft zu wenden. Es ist leicht, gegen Benjamin Netanyahu aufzustehen, doch es ist schwer, sich gegen Bashar Assad zu wenden. Der aufgeklärte Westen ist unfähig, in dem Maß gegen Irans Ahmadinejad vorzugehen wie er gegen Amerikas Bush, Südafrikas Botha oder Serbiens Milosevic vorging.

Das Ergebnis dieses westlichen Verhaltens ist eine lange Reihe von Verzerrungen und Verdrehungen. Das Blut der Toten der Marmara-Flotte ist dicker als das Blut derer, die im Iran ermordet und gehängt wurden. Das Blut der Menschen, die in Gaza getötet wurden ist dicker als das Blut derer in Damaskus und Dara’a. Ein post-kolonialer Komplex lässt die westliche Aufklärung systematisch die Ungerechtigkeiten anti-westlicher Kräfte ignorieren. So verliert die westliche Aufklärung die Fähigkeit, die historische Realität als Ganzes zu sehen, in ihrer Komplexität. Sie agiert außerdem unfair und ungerecht.

Sie unterscheidet zwischen verschiedenen Arten des Bösen, verschiedenen Blut- und Opfertypen. Sie behandelt Dritte-Welt-Gesellschaften, als ob diese nicht den Maßstäben universaler moralischer Werte unterstellt wären.

Es ist noch nicht klar, wer Mer-Khamis ermordet hat. Das Motiv könnte finanzieller, persönlicher, religiöser oder kultureller Art sein. Doch es ist klar, dass er nicht ermordet wurde, weil er ein Besatzer, Unterdrücker oder Siedler war. Mer wurde ermordet, weil er ein freier Mann war, der die Freiheit in einer Gesellschaft verbreitete, die nicht frei ist.

Das ist die harte Wahrheit, mit der wir umgehen müssen. Das ist die harte Wahrheit, der wir ins Auge schauen müssen. Die westliche Aufklärung und die israelische Linke können nicht fortfahren, die dunkle Seite der nahöstlichen Realität zu ignorieren.

Hervorhebung von mir.

Sollte der Tod Juliano Mer-Khanis‘ einen Sinn haben – wir fragen immer nach dem Sinn unbegreiflicher Ereignisse -, so sicherlich auch den, unser Augenmerk darauf zu richten, wie wir im aufgeklärten Europa, in der aufgeklärten Welt des Westens künftig umgehen wollen mit den „Früchten“ der Aufklärung, wie  mit unserer Verantwortung für die Weiterentwicklung einer Gesellschaft, die der Aufklärung die Freiheit des Denkens  und die Freiheit demokratischer Gesellschaften verdankt und die aus dieser Freiheit  dazu verpflichtet ist, es nicht zuzulassen, dass  die Finsternis eines religiös-ideologischen, mittelalterlichen   Herrschaftssystem Macht gewinnt über unsere demokratischen Gesellschaften – im alten Europa, wie überall dort, wo sich im Geist der Aufklärung Menschen auf den Weg der Freiheit aus religiös begründeter und ideologischer Unterdrückung machen.

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