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Erdogan unbeirrt weiter auf seinem Weg… 20. April, 2011

Posted by Rika in islam.
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Was soll man dazu noch sagen?

Wozu soll ich mich aufregen?

Es wird sich nichts ändern!

Vor allem, er wird sich nicht ändern. Im Gegenteil. Jeder Schritt den er macht, alles was er oder seine Regierung tut, zeigt, dass er unbeirrbar an der eingeschlagenen Linie festhält, die Türkei immer weiter weg von Europa zu positionieren und sie  – neben dem Iran  – (wieder) zu einer einflußreichen  Führungsmacht im vorderen Orient  zu machen. Dabei, so scheint es, bereitet es ihm ein geradezu teuflisches Vergnügen, die europäisch-westlichen,   politischen und ethischen Standards (in diesem Fall)  nicht nur zu ignorieren, sondern sich ihnen vollkommen entgegengesetzt zu verhalten.

In der faz lesen wir heute:

Mit der Abrissbirne gegen Versöhnung

Das Urteil des Tayyip Erdogan: Der türkische Ministerpräsident lässt an der armenischen Grenze ein Friedensdenkmal des Künstlers Mehmet Aksoy zerstören, das für die Annäherung zwischen den beiden Völkern steht.

Die Autorin, Karen Krüger, bemüht einen ebenso faktisch falschen wie auch völlig  absurd erscheinenden Vergleich (siehe Beginn ihres Beitrags), um die Ungeheuerlichkeit des erdoganschen Vorgehens heraus zu stellen. Dabei hätte es dieses Vergleichs doch  gar nicht bedurft.

Jedenfalls nicht in Deutschland, das in den Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg mit der Arbeit der „Vergangenheitsbewältigung“ zu kämpfen hat, wobei ich hier klarstellen will, dass man seine Vergangenheit nicht „bewältigen“ kann, weil man das Geschehene nicht rückgängig machen, die Taten nicht ungeschehen, die Toten nicht wieder lebendig und das für immer Verlorene   nicht wieder erschaffen kann. Bestenfalls kann man sich der Vergangenheit stellen, sich anschauen, was man getan hat, die Motive erforschen, die zu den Taten führten, die Umstände betrachten, die dazu beigetragen haben, dass es zu dem kam, was man „zu bewältigen hat“: Unrecht, Verbrechen, Mord, Gräuel, Gewalt.  Das gilt, meiner Meinung nach, für den Einzelnen, wie für ein ganzes Volk. Im Fall Deutschland geht es um die Verantwortung des Staates und seiner Bürger für den  millionenfachen  Tod in Folge des von Deutschland angezettelten Krieges, für Zerstörung und Vernichtung, vor allem aber geht es im Fall Deutschland um den Genozid,  von Deutschen geplant und begangen an den europäischen Juden.

Man kann sein ethisches und moralisches Versagen eingestehen, man kann sich der Schuld bewusst werden und sie annehmen, man kann um Vergebung bitten (ohne das Recht darauf zu haben, dass sie gewährt wird), man kann die finanziellen Lasten, die den Opfern aus der Katastrophe erwuchsen, mit finanziellen Mitteln zu lindern versuchen, man kann Reparationskosten übenehmen, man kann die ehemals als „Feinde“ geächteten und auch  so behandelten rehabilitieren:

Nicht sie haben den Krieg angezettelt, wir waren es. Nicht sie haben die Welt ins Unglück gestürzt, wir waren es. Nicht sie waren moralisch verwerflich, wir waren es.

Und man kann darum bitten, dass Versöhnung geschieht. Kein schnelles „Vergeben und Vergessen“, nein, ein Aufeinander-Zugehen angesichts der Verbrechen.

Das braucht Zeit und Entschlossenheit – und auch Mut.

Dieser Prozess ist in Deutschland mühsam und langsam in Gang gekommen, er dauert an und wird auch hoffentlich weiter andauern und nicht in Vergessenheit geraten, wenn die letzten Veteranen des Krieges, die letzten Zeugen des Mordens gestorben sein werden.

Mahnmale können in so einem Prozess hilfreich sein.

Das dachte vermutlich auch der Künstler Mehmet Aksoy, der ein Mahnmal errichtet hatte, das an den blutigen Konflikt zwischen Türken und Armeniern erinnert, an die Tragödie des armenischen Volkes, an dem ein – von den Türken begangen –    entsetzlich grausamer Genozid verübt wurde.

Das Mahnmal soll nicht länger stehen bleiben:

Dort wird seit Anfang der Woche im osttürkischen Kars, das sechzig Kilometer vor der armenischen Grenze entfernt liegt, das „Denkmal der Menschlichkeit“ abgetragen – auf persönlichen Wunsch des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan. Der Abriss ist eine Ohrfeige – nicht nur für den Bildhauer Mehmet Aksoy und den türkischen Kunstbetrieb, sondern vor allem für die armenische Diaspora und das Nachbarland Armenien. Denn ihnen und all jenen Armeniern, die in den Jahren 1915 bis 1917 in Anatolien ermordet worden sind, hat der Bildhauer das Mahnmal gewidmet. Als kleine Sensation hatte man die Errichtung, mit der 2008 im Zuge der türkisch-armenischen Annäherung begonnen worden war, gefeiert: In der Türkei ist der Völkermord an den Armeniern bis heute ein Tabu, doch endlich schien Ankara für eine versöhnliche Geste bereit zu sein, auf die Armenier auf der ganzen Welt seit Jahrzehnten vergeblich gewartet hatten. Doch offensichtlich hat sich die türkische Regierung das nun anders überlegt. Wichtiger als das Verhältnis zum armenischen Nachbarn sind ihr wohl die Wählerstimmen der türkischen Nationalisten. Sie sieht das Mahnmal als Verrat an der Türkei. Der Bitte des armenischen Präsidenten an Ankara, die Abrissentscheidung noch einmal zu überdenken, wurde nicht entsprochen.

Herr Erdogan höchstselbst hat verfügt, das Mahnmal zu entfernen.

Das Denkmal sei „monströs“ und „abartig“, urteilte er und befahl den sofortigen Abriss. Erdogans nachgereichte, offizielle Begründung entspricht der muslimisch-konservativen Linie seiner Partei, der AKP: Das Mahnmal überschatte die Grabstätte des Sufi-Heiligen Hasan Harakani und eine Moschee. „Es ist undenkbar, dass dieses Ding dort stehenbleibt“, sagte der Ministerpräsident.

In der nachgereichten Begründung mag tatsächlich  die „eigentliche“ Ursache für die Abrissverfügung genannt sein. Sie ist aber keineswegs weniger empörend und beleidigend als die augenscheinlichere Version: Die Türkei erkennt bis heute nicht den Völkermord an den Armeniern als von ihr verübtes Unrecht an, demzufolge kann und darf es auch ein „Friedensmal“, das daran erinnert, nicht geben.

Nicht zuletzt spielt sicher auch die Tatsache  für die Zerstörung des Denkmals eine Rolle, dass die Armenier Christen sind. Denkmäler für getötete und misshandelte Christen in direkter Nachbarschaft zu einer Moschee ist von daher sicher eine zu große Zumutung für muslimische Türken, die den Mord an Christen immer noch tabuisieren.

(Dass ein Mahnmal zum Völkermord  unmöglich die Grabstätte eine Sufi-Heiligen überschatten darf und noch viel weniger eine Moschee, sollten darüberhinaus hierzulande alle sonst so laizistisch gesinnten Menschen bedenken, die kein Problem damit haben, das Großmoscheen in deutschen Städten das Gesicht eines ehemals rein christlichen Stadtteils vollkommen verändern und beherrschen.)

Die Zerstörung des Denkmals passt jedoch in das Bild, das die Türkei im Umgang mit Christen unter Erdogans Führung abliefert. Ich erinnere hier an den Rechtsstreit um das uralte christliche Kloster „Mor Gabriel“, in dem erst vor wenigen Monaten entschieden wurde, dem Kloster die Ländereien abzuerkennen.

Die Solidarität deutscher Politiker mit Mor Gabriel dürften an dem langfristigen Verlust des Klosters wohl nicht mehr viel ändern.

Die politische Situation der Türkei verändert sich weiter.

Erdogan,  soviel ist sicher, hat trotz öffentlich bekundeter Beitrittswilligkeit, aber völlig im Einklang mit inoffiziellen Verlautbarungen,  keinerlei Interesse mehr an einer türkischen EU-Mitgliedschaft.

Dass er dennoch nach außen hin an den Beitrittsforderungen festhält, hat wohl eher mit dem Geschäftssinn der türkischen Regierung zu tun, wie man mit einem Blick auf diesen Bericht unschwer selber feststellen mag:

Türkei erhielt 2009 mehr als eine halbe Milliarde Euro

Eine Studie der euroskeptischen Organisation Open Europe belegt nun, dass weniger als die Hälfte der Gelder aus Brüssel wirklich armen Ländern zugute kommen. So führt die Türkei im Jahr 2009 mit rund 550 Millionen Euro die Rangfolge der Hilfsempfänger an.

// Allerdings sind dabei auch Gelder aus den Töpfen eingerechnet, die Brüssel EU-Kandidaten zur Vorbereitung auf die Mitgliedschaft bereitstellt.

Würde Herr Erdogan ganz offen auf den EU-Beitritt verzichten, könnte er ja auch nicht länger die schöne „Beitrittshilfe“ einstreichen. Und den möchte ich sehen, der freiwillig auf eine halbe Milliarde Euro verzichtet. So verlangt er weiterhin den Beitritt und macht gleichzeitig eine Politik, die sich immer weiter von der EU entfernt.

Ich bin gespannt, wann  das   – außer Herrn Kauder  – auch den zuständigen Verhandlungspartnern in Europa endgültig klar wird und wüsste zu gerne, was Cem und Claudia dazu sagen…

NACHTRAG

 welt-online   berichtet heute, 21. 4. 2011 und schreibt:

So wird die Welt jetzt Zeuge eines barbarischen Akts, der die Türkei auf eine Stufe mit den afghanischen Taliban stellt. Die zerstörten vor zehn Jahren, im März 2001, die 1400 Jahre alten Buddha-Statuen von Bamiyan. Den wegen islamistischer Umtriebe 1998 zu zehn Monaten Gefängnis verurteilten Tayyib Erdogan dürfte dieses Vorbild nicht wirklich beunruhigen.

(Hervorhebung von mir)

Es sollte aber die beunruhigen, die immer noch meinen, die Türkei unter der Führung Erdogans gehöre zu Europa. Und darüberhinaus sollte es denen zu denken geben, die kein Problem damit haben, dass türkische Kinder in Deutschland von Imamen aus der Türkei in diesem islamistischen Sinn erzogen werden.

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Kommentare»

1. curioustraveller - 20. April, 2011

Tja, was soll man da sagen … herzlich willkommen in der EU??

Was Cem und Claudia sagen? Vermutlich, dass das Denkmal eine Provokation war …


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