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Fromme Selbstverleugnung? 9. Mai, 2011

Posted by Rika in islam.
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In Ägypten, das gelangt erst so nach und nach ins (fromme) deutsche Bewusstsein , leben nicht nur Muslime, sondern auch Christen, und das seit beinahe 2000 Jahren. Ihre Tradition reicht zurück in die Zeit der „Ersten Christen“, ihre Gemeinden sind älter als die ältesten deutschen christlichen Gemeinden. Sie sind nicht im Zuge weltlicher Eroberungskriege entstanden und sind auch keine Folge von Kreuzzügen oder Kolonialismus. Ihre Geschichte ist die Geschichte des Evangeliums von Jesus Christus, das weitergesagt wurde, von Mund zu Mund, in privaten Häusern, bei den Händlern, auf den Märkten.  Die unwiderstehliche Macht des Wortes hat sie hervorgebracht, die Kraft des Wortes Gottes. Es bedurfte keiner gewaltsamen Überzeugung mit dem Schwert.

Und selbst als einige hundert Jahre später eine neue Religion mit Macht und Waffengewalt in die Region Ägyptens hereinbrach, blieben sehr viele Gemeinden der Christen standhaft in ihrem Glauben  und widerstanden der Gewalt und den Versprechungen der neuen Lehre.

Heute, so viele Jahrhunderte später, sind sie eine verloren kleine Minderheiten und bedroht   –  wie nie zuvor in ihrer langen Geschichte.

Zunehmend werden sie von der muslimischen Mehrheit als „Feinde“ wahrgenommen und unter scheinheiligen Anschuldigungen in blutige Auseinandersetzungen verstrickt.

Wie aber reagiert das „Christliche Abendland“ auf die so offensichtliche Bedrohung? Es formuliert ganz allgemein gehaltene Appelle an die Friedfertigkeit der beiden Religionen, beschwört die gemeinsame Sache der glorreichen „ägyptischen Revolution“ und Erneuerung und übernimmt weitgehend die Lesart von der „Religionsgewalt“, an der beide Seiten aktiv beteiligt seien.

Nun verwunderte es mich nicht sonderlich, wenn man solche Begriffe in den linken areligiösen Massenmedien fände, es irritiert mich aber zutiefst, wenn ein „christliches Magazin“ mit solchen Formulierungen umgeht:

„Nach Religionsgewalt Ausgangssperre in Kairo“

titelt evangelisch.de      und berichtet weiter:

Bei Straßenschlachten zwischen Muslimen und koptischen Christen in Kairo sind zwölf Menschen getötet und 230 weitere verletzt worden. Das berichtete das staatliche ägyptische Fernsehen am Sonntag. Auslöser der Auseinandersetzungen in der Nacht war ein Angriff gewalttätiger Muslime auf eine koptisch-christliche Kirche im Kairoer Armen-Viertel Imbaba. Die Muslime vermuteten, dass dort eine erst kürzlich vom Christentum zum Islam konvertierte junge Frau festgehalten wird. Das ägyptische Militär schritt ein und trennte die kämpfenden Seiten.

Das Magazin übernimmt vollkommen unreflektiert die geäußerte Vermutung als „Begründung“ für die Gewalt, ohne auch nur im Ansatz eine kritische Distanz zu erkennen zu geben. Es weist nicht auf den furchtbaren und  menschenverachtenden Umgang mit vom Islam konvertierten Christen hin, es scheint  im Einklang zu sein mit  der „muslimischen Lesart“, wonach eine vom Christentum konvertierte „Muslima“ in einer Kirche gefangen gehalten werde. Kein kritisches Nachfragen, NICHTS!

„evangelisch.de“ nimmt das Geschehen nicht zum Anlass, deutliche Kritik an der  überall in islamischen Ländern herrschenden Praxis zu üben, Christen wegen falscher Beschuldigungen  anzugreifen, sie zu misshandeln, ihre Kirchen zu zerstören und sie so mehr und mehr einzuschüchtern, so dass sehr viele von ihnen früher oder später ihre angestammten Wohngebiete, ja sogar das Land verlassen.

„Evangelisch.de“ gibt folgende „Vermutungen“ wieder:

Unklar blieb zunächst auch, inwiefern sogenannte Salafisten – besonders fundamentalistische und zur Gewalt neigende Muslime – die Zusammenstöße provoziert haben. Tatsächlich leben in Imbaba fromme Muslime und Christen nebeneinander. Muslimische Nachbarn der angegriffenen Kirche und säkulare Blogger, die zum Schauplatz geeilt waren, behaupteten, dass sie keine Salafisten gesehen hätten. Stattdessen seien Schläger und Kriminelle, wie sie oft vom Geheimdienst des Mubarak-Regimes gedungen und eingesetzt worden waren, die Rädelsführer der Ausschreitungen gewesen.

Nein, nein, die Ausschreitungen haben nichts, aber auch gar nichts mit dem Islam zu tun. Man hat keine Salafisten gesehen, also kann man auch nicht von einem religiös motivierten Angriff auf die Christen reden.

Es ist ja auch viel einfacher und dient sicherlich dem „Religionsfrieden“ auch in unserem Land, wenn man die Schuld an den Ausschreitungen Kriminellen in die Schuhe schieben kann, die mit Sicherheit mit dem Islam sowenig zu tun haben, wie der Koran mit Mohammed, dem Gesandten Allahs.

Und die neue Regierung Ägyptens, die sich möglicherweise der gleichen Methoden bedient wie das alte Mubarrak-Regime, hat natürlich auch gar kein Interesse daran, gegen Christen vorzugehen. Warum aber dann Schläger und Kriminelle? Warum dann ein Angriff auf eine Kirche? Um einen Hebel gegen mögliche fromme Muslime zu haben? Nun ja, das könnte man irgendwie ja glauben, wenn sich die neue Regierung, bzw. die Übergangsregierung zu einer Trennung von Staat und Religion bekennen würde, das aber ist meines Wissens nicht passiert und nach allem, was bisher berichtet wurde, wird das auch nicht passieren.

Warum aber ein „christliches“ Online-Magazin  sich nicht deutlich an die Seite der bedrohten Christen stellt, warum es diesen neuerlichen Angriff auf Christen in Ägypten nicht zum Anlass nimmt, um grundsätzlich auf die extrem schwierigen Verhältnisse von Christen in muslimischen Ländern aufmerksam zu machen, ist mir ein Rätsel.

Die fromme Selbstverleugnung der Christen hier in Deutschland nimmt inzwischen bizarre Formen an. (Von der Haltung vieler Areligiösen hier im Land will ich erst gar nicht reden!)  Religiös motivierte Missstände in muslimischen Ländern werden gar nicht oder nicht laut genug benannt und beklagt, Veranstaltungen hier in Deutschland,  in denen offen zum Kampf gegen Israel aufgerufen wird, werden nur von wenigen    Christen (oder gar nicht) offen zur Diskussion gestellt (meine Bemühungen im Fall des Palästinenser-Kongresses in Wuppertal liefen ins Leere), in Köln steht ein antisemitisches Machwerk vor einem der imponierensten Gebäude der Christentheit – ohne dass die frommen Christen dagegen Sturm liefen  und von den Kanzeln vieler Kirchen wird gepredigt, den Islam nicht zu verunglimpfen und die Muslime nicht zu beleidigen durch Kritik an dem, was ihnen „heilig“ ist.

Es liegt mir fern, Muslime zu beleidigen, ich denke aber nicht, dass es zu meinen Pflichten als Christin gehört, in frommer Selbstverleugnung zu den offensichtlichen Missständen und zu beängstigenden Entwicklungen in Deutschland und Europa zu schweigen.

Jesu Wort von der Selbstverleugnung seiner Nachfolger bedeutet für mich nicht, mich aus religiösen und / oder politischen Fragen rauszuhalten. Es ist mir  (selbstkritischer) Anspruch und Forderung zugleich:

„Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern: ‚Wenn jemand mein Jünger sein will, muss er sich selbst verleugnen, sein Kreuz auf sich nehmen und mir nachfolgen. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. Was nützt es einem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen, wenn er dabei selbst unheilbar Schaden nimmt?'“

(Neue Genfer Übersetzung)

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Kommentare»

1. Ägypten: Salafisten greifen Christen an - 9. Mai, 2011

[…] Noch ein interessanter Artikel zum Thema: http://himmelunderde…. […]


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