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Ägyptens glorreiche Demokratiebewegung… 6. August, 2011

Posted by Rika in meinungsbild.
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Ich weiß nicht, ich kann mir nicht helfen, aber die, die jetzt sorgenvoll auf die Entwicklung der „Demokratie“ in Ägypten blicken, hätten doch genauso gut wie ich diese Befürchtungen schon zu Beginn der Revolution hegen können.

Doch damals waren die meisten Berichterstatter trunken vor revolutionärer Glückseligkeit! Die Demokratiebewegung, so war fast in allen Kommentaren zu lesen, habe den Pharao (und wer von uns christlich sozialisierten Leuten denkt bei dieser Begrifflichkeit  nicht an den bösen Pharao, der das Volk der Hebräer nicht in die Freiheit entlassen  wollte ….  ‚let my people go!‘) endlich entmachtet, die Diktatur beendet, Ägypten gehe der Freiheit entgegen…

Nun, gut 6 Monate später, zeigt sich, dass „die Demokratie“ gleich einem scheuen Reh ist, das das Feld lieber denjenigen überlässt, die schon immer im Hintergrund lauerten.

Man hätte es doch wissen können, dass die gut strukturierte Muslimbruderschaft irgendwann die vornehme Zurückhaltung aufgeben und ihre eigenen Zielvorstellungen offen legen würde. Zwar schreibt der Autor, dass die Organisation nicht das Präsidentenamt anstrebe, macht aber gleichzeitig deutlich, dass das pures Kalkül für den Fall des Falles ist:

Ihre „Partei für Gerechtigkeit und Freiheit“ wird keinen Präsidentschaftskandidaten nominieren; überhaupt wird sie nur in höchstens der Hälfte der Wahlkreise Kandidaten aufstellen – das hat zwei Vorteile: Sie kommt nicht in die Verlegenheit, plötzlich vor einer absoluten Mehrheit zu stehen. Und falls ihr Potential doch niedriger sein sollte als angenommen, fällt es nicht so auf.Die Sprachrohre der Muslimbrüder betonen unterdessen, wie pragmatisch sie sind. „Wir brauchen keine Moscheen, wir brauchen Fabriken“, erklären sie etwa. Die am Boden liegende Wirtschaft und soziale Gerechtigkeit sind ihre großen Themen.

Im Hintergrund geht es freilich auch um die Identität Ägyptens. Die Brüder sehen sich als Korrektiv zu den Liberalen und Säkularisten , was deren Misstrauen schürt. Mit einer starken Fraktion im Parlament, so hoffen die Brüder, können sie massiven Einfluss auf die zu schreibende Verfassung nehmen. Viele Liberale waren dafür, erst eine Verfassung ausarbeiten zu lassen – aus demselben Grund.

Die Muslimbrüder sind jedoch nicht die einzigen, die eine engere Orientierung am Koran für die sinnvolle Basis ägyptischer Politik halten. In direkter Konkurrenz zu ihnen stehen die Salafisten, deren Radikalität jedoch bei vielen Ägyptern Bedenken hervorruft, wie man dem Artikel Yassin Musharbashs entnehmen kann. In diesem Vergleich können sich die Muslimbrüder als „liberal“ und „gemäßigt“ empfehlen, was auch immer das heißen mag; es könnte der „Vorteil“ sein, der ihnen zu mehr Einfluß und Macht verhelfen würde.

An den „Brüdern“ gehe wohl kein Weg vorbei, ist dem Bericht zu entnehmen. Und das haben auch die Militärs erkannt, die übrigens zu Zeiten des „Pharao“ ganz offiziell entschiedene Gegner der Muslimbrüder waren. Aber was tut man nicht alles für den Erhalt der Macht?

Und so möchte Herr Musharbash auch in dieser Kooperation einen Vorteil für Ägyptens „Demokratie“ sehen, wenn er ausführt:

Die Brüder bieten sich gezielt als moderate und politikfähige Alternative an. Beobachter vermuten, ihnen könnte ein türkisches Modell vor Augen stehen – freilich mit freundlicheren Beziehungen zum Militär. Auch der ägyptische Militärrat scheint keine Einwände gegen eine zentrale politische Rolle der Muslimbruderschaft zu haben. Beide Institutionen teilen wichtige Werte wie Stabilität und Ordnungsliebe. Wenn sie eine taktische Koalition eingehen, könnte es zu beider Nutzen sein – etwa, wenn die Brüder zulassen, dass das Militär eine Art Beschützerrolle für die Demokratie in die Verfassung geschrieben bekommt.

„Demokratie“, so lässt sich leicht schlußfolgern, ist eine Marke ohne eingetragenes Warenzeichen. Das, was wir für „Demokratie“ halten, hat nur wenig zu tun mit der Demokratie ägyptischen Zuschnitts, wenig mit „Demokratie“ in islamisch geprägten Ländern, wie man am Beispiel Iran allzu gut sehen kann.

Warum westliche Politiker und Journalisten immer noch von der „ägyptischen Demokratiebewegung“ schwärmen   reden und alle damit verbunden Unwägbarkeiten einfach ausblenden, war mir schon im Februar ein Rätsel und wird es wohl auch weiterhin bleiben.

In Bezug auf die Stabilität im arabischen Raum   mag Ägypten zu einem neuen Machtfaktor werden können, für Israel, das zeigen die vielen Hinterhältigkeiten der letzten Monate, bedeutet es nichts Gutes. Und für die christlichen Minderheiten in Ägypten, auch das beweisen die letzten Monate, sind die Zeiten weder besser noch demokratischer geworden – und eine Veränderung zum Positiven ist weit und breit nicht erkennbar!

 

………………………………..

Zitate entommen aus:

Revolutionäre der zweiten Stunde

 

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Kommentare»

1. boxi - 7. August, 2011

einen diktator los zu sein, ist schonmal eine große veränderung ins positive.

2. Rika - 7. August, 2011

Boxi,
nach dem Schah kamen die Mullahs –
worin unterscheiden sie sich in ihrem diktatorischen Anspruch vom Regime des Schahs und welchen Nutzen hat das für die Leute in Iran?

Und was gibt uns Hoffnung, dass nicht auch nach Mubarak die Mullahs kommen und eine Diktatur islamischer Prägung aufrichten?

Die jungen Revolutionäre wollen vermutlich wirklich nur eine Verbesserung der allgemeinen und ihrer speziellen materiellen Verhältnisse und machten das an der Abkehr von dem starren „Pharao-Regime“ fest, das ihre persönliche Entwicklung verhindert hatte.
Wie böse wird das Erwachen sein, wenn sich die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht ändern, Korruption und Küngelei weiter bestehen bleiben, der Einzelne sich auch unter der neuen Regierung benachteiligt fühlt und über allem dann auch noch das Scharia-Recht herrscht???

Vielleicht sehe ich das mit meiner europäisch sozialisierten Einstellung ja auch absolut falsch und viel zu pessimistisch, aber nach den „Erfahrungen“ mit den „neuen“ islamisch revolutionierten Regierungen in allen Teilen der Welt, habe ich wenig Hoffnung für ein modernes, demokratisches Ägypten.

Es ist doch mehr ein Salto mortale, zumindest ein Salto rückwärts, den wir da „bewundern“ können!

Die klammheimliche politische Islamisierung der Türkei tut ein Übriges zu meiner pessimisstischen Einschätzung….

3. boxi - 7. August, 2011

natürlich kann das leben unter einem diktator sogar besser sein als das leben in einer demokratie. und ja, vieles ist in ägypten noch nicht in trockenen tüchern und in manchen punkten verschlechtert sich die situation bestimmt auch. aber ein erster schritt wurde gemacht, ein erster schritt für mehr freiheit.

vielleicht sehe ich die dinge auch zu positiv, vielleicht ist auch noch nicht die richtige zeit. ich bin ja auch kein hellseher. aber wenn ich so in „fremden“ ländern bin, sehe ich auch soviel positives, was vor 20 jahren niemand für möglich gehalten hat. wieviele frauen heute auch in sehr islamischen staaten arbeiten, studieren, wie weltoffen man dort zum teil ist. schau nach istanbul, beirut selbst teheran (ok, in der letzten staat war ich selbst noch nie). und dann schau wie vor 50 jahren unser frauenbild hier in deutschland noch war, … ich glaube immer noch an eine bessere welt, auch wenn ich weiß, dass das vielleicht naiv klingt.
und ja, da gibt es auch viele gegenbewegungen. viele steine, die uns in den weg gelegt werden… aber man brauch sich nur die welt anschauen… wir haben bei uns eine frau als bundeskanzlerin, einen schwarzen präsidenten der usa… und beides ist in beiden ländern eine besonderheit gewesen, obwohl wir uns als so freiheitsliebend und gleichberechtigt (blabla) einschätzen. wie schwer mag das dann noch in anderen ländern sein, die noch nie eine gelebte demokratie hatten.

es braucht vielleicht auch einfach „nur“ zeit und so seh ich all die proteste auch als einen schritt in die richtige richtung, auch wenn es defintiv nicht sofort alles perfekt ist. aber der übergang von einer diktatur zu einer demokratie war schon immer schwer und steinig.

4. Rika - 8. August, 2011

He, Moment mal,

ich habe an keiner Stelle gesagt und es entspräche auch nicht meiner Einstellung, dass man „unter einem Diktator besser leben könne als in einer Demokratie“!

Mein Einwand gilt den Journalisten, Politikern und allen anderen Leuten, die die „Revolution“ an sich bejubeln, ohne die Hintergründe näher zu beleuchten oder über die auch möglichen negativen Folgen nachzudenken.
Und ich habe als Beispiel den Iran genannt, der von der Diktatur des Schah in die der Mullahs überging und in dem Zusammenhang meine Befürchtung geäußert, dass es in Ägypten sehr ähnlich laufen könnte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnte man gut beobachten, wie ein Teil Deutschlands nahtlos in die nächste Diktatur glitt, während der andere Teil mühsam und mit großer Unterstützung demokratischer Staaten „Demokratie einübte“…

Den Leuten in der DDR wurde aber auch eingebleut, ihr Staatswesen sei eine Demokratie und viele ehemalige DDRler glauben das bis heute!

Ich stimme zu, dass die politischen Verhältnisse in Deutschland (Rechte der Frauen usw.) sich auch erst langsam zu den heutigen Standards entwickelt haben und an vielen Stellen durchaus „weiterentwicklungsbedürftig“ sind!

5. Yael - 8. August, 2011

Momentan regiert das Militär (Militärdiktatur). Von einer Demokratie ist Ägypten noch weit entfernt. Man muss abwarten.


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