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Angst fressen Seele auf… 18. August, 2011

Posted by Rika in vermischtes.
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Während die wichtigsten westlichen Staaten, darunter auch Deutschland, den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad wegen der Gewalt gegen sein eigenes Volk zum Rücktritt auffordern, steht die evangelische Kirche weiter hinter dem umstrittenen Machthaber. Dieser biete der christlichen Minderheit im Land Schutz, sagte der zuständige Pfarrer Jonas Weiß-Lange am Donnerstag in einem Gespräch mit Deutschlandradio Kultur.

 

Das kann doch nicht wahr sein! So meine erste Reaktion nach flüchtigem Lesen dieses Absatzes.

Nicht schon wieder!

Christen auf der „falschen Seite“!

Kann tatsächlich jemand, der sich Christ nennt, „hinter Assad stehen“, hinter einem Präsidenten, der mit brutaler Gewalt gegen sein eigenes Volk vorgeht?

Nein, denke ich, das geht nicht. Das kann nicht wahr sein.

Aber es gibt auch die andere Sicht auf die Lage in Syrien – wie der weitere Bericht zeigt. Christen in muslimischen Ländern, so erläutert Pfarrer Weiß-Lange, seien darauf angewiesen, dass sie  einen „Schutzherren“ haben:

„Offiziell ist das ein säkulares Land“, sagte Weiß-Lange in dem Radiogespräch. „Aber von der Geschichte her, die orientalische Christen in muslimischen Ländern haben, muss es immer jemand sein, der sie beschützt in diesem Land – das Staatsoberhaupt, und das ist in dem Sinne eben in Syrien heute der Präsident.“ …

Während seiner Gespräche hätten syrische Christen deutlich gemacht, dass sie aus Gründen der eigenen Sicherheit hinter dem Regime von Präsident al-Assad stünden, so der Pfarrer weiter. „Der Wunsch ist schlicht zu überleben“, sagte er. Bei aller Kritik am Regime gebe es den Wunsch, dass sich nicht so viel ändern möge. Viele Gläubigen sorgten sich, dass in Syrien Zustände wie im Irak nach dem Sturz von Ex-Staatschef Saddam Hussein oder wie im Libanon während des Bürgerkriegs herrschen könnten.

(Hervorhebung von mir)

Die Angst, dass Christen nach dem möglichen Sturz Assads unter gewaltigen Druck geraten könnten, ist nicht unbegründet. Schließlich liefert der benachbarte Irak bis heute den unwiderlegbaren Beweis, dass es Christen in der Minderheit, unter einer instabilen Regierung / Verwaltung und in unmittelbarer Nachbarschaft muslimischer Aufrührer nicht gerade gut ergeht. Tausende Christen sind seither aus dem Irak geflohen.

Und auch die Entwickelung in Ägypten bietet wenig Anlass zu Hoffnung, dass demokratische Strukturen einkehren und sich damit auch ein größeres Maß an Religionsfreiheit für die Minderheiten ergeben wird. Vielmehr muss man doch befürchten, dass radikale Kräfte die Oberhand gewinnen werden und damit die Rechte der Christen noch weiter eingeschränkt werden.

[Einschub: Das heutige Attentat in Israel wird von einigen Beobachtern auch so gedeutet, dass die Regierung in Kairo die Sicherheit auf dem Sinai und die Abkommen mit Israel nicht mehr gewährleisten kann.]

Ist es daher nicht verständlich, dass die Christen in Syrien lieber an einem Despoten festhalten, als die Revolution zu unterstützen und damit unwägbare neue Machtverhältnisse in Kauf nehmen zu müssen, die für sie, nach allem, was sie in den Nachbarstaaten beobachten, mit hoher Wahrscheinlichkeit  nicht gut sein werden?

Um hier gar kein Missverständnis aufkommen zu lassen:  Ich teile diese Haltung ausdrücklich nicht, aber ich kann sie verstehen.  Ich verurteile die grausamen Übergriffe gegen die eigene Bevölkerung und den erbarmungslosen Kampf um die Macht, den Assad führt.

Ich bin unbedingt dafür, dass die Staatengemeinschaft Assad und sein Regime ächtet und Maßnahmen berät, dem blutigen Treiben Einhalt zu gebieten und Reformen in Syrien zu ermöglichen.

Doch angesichts der berechtigten Angst der Christen in Syrien vor einer ungewissen Zukunft denke ich genauso entschieden, dass die Christen in den demokratischen Gesellschaften dieser Welt sich hinter die Christen in Syrien (und natürlich auch in Irak, Ägypten und all den anderen Ländern) stellen müssen und  den Weltkirchenrat und die UN auffordern sollten  dafür zu sorgen, dass Christen in Ländern mit überwiegend muslimischer Bevölkerung und mit Regierungen, die sich am Islam orientieren, stärker geschützt werden, dass ihr Recht auf freie Religionsausübung gewährt wird und sie nicht länger dem Druck staatlicher Repression und religiöser Willkür durch die Mehrheitsreligion ausgesetzt sind.

 

 

 

 

 

 

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Kommentare»

1. boxi - 18. August, 2011

sie sagen es selber, es ist was wie in ägypten. wie groß war damals der aufschrei, als israel sich eher zurückgehalten hat mit rücktrittsforderungen.

ich kann beide seiten gut verstehen, trotzdem kann ich die duldung eines derartigen verbrechers nicht unterstützen. sonst müsste ich auch ganz schnell ganz andere verbrecher dulden.

trotzdem ist es schwierig und wohl auch eher eine frage der moral / philosophie. getreu dem motto darf / kann man leid miteinander aufwiegen. ich hab darauf keine 100% zufriedenstellende antwort.

2. Joachim - 20. August, 2011

Das Schicksal der irakischen Christen lässt das Schlimmste für Syrien und Ägypten befürchten.

Als einfache Bürger sind wir machtlos, sollten aber wenigstens die Verdrehungen unserer Medien nicht einfach widerspruchslos hinnehmen. Schon die im Libanon während des Bürgerkriegs wurden die Christen dort oft als ‚Falangisten‘, also Faschisten, denunziert.

Wir haben in Deutschland wenigstens die Möglichkeit, darauf hinzuweisen, daß die Christen in Syrien und Ägypten Schutz brauchen und daher nicht offen gegen Assad oder die ägyptische Militärdiktatur Stellung beziehen können.

Wir können das durch Leserbriefe, Blogs und offensives Auftreten bei unseren Kirchenoberen tun.


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