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Der arme Herr Wulff… 12. Januar, 2012

Posted by Rika in aus meinem kramladen, gesellschaft.
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Endlich, endlich hatte er es geschafft.

Er gehörte dazu, zu den Großen und Wichtigen dieser Welt – na, sagen wir, Niedersachsens und des Umlands.

Ministerpräsident war er geworden –   nach zwei vergeblichen Anläufen und,   das behaupte ich keck, weil Gabriel so größenwahnsinnig war, sich für unschlagbar zu halten und einen entsprechend miserablen Wahlkampf gemacht und die ehrbaren Leute in Niedersachsen zunehmend durch seine schier grenzenlose „Ich-bin-der-Größte-Haltung“ nachhaltig verprellt hatte.

Der nette junge Mann mit dem freundlichen Gesicht – immer höflich, immer korrekt, kein Wässcherchen trübend – stand an der Spitze der Regierung seines Landes.

Es dauerte nicht lange und neue „Freunde“ stellten sich ein, bekannte und weniger (öffentlich wirksame) bekannte Personen aus Handel und Wandel. Bauunternehmer, Versicherungsbosse, Finanzjongleure – einflussreiche Männer eben, die es für angebracht hielten, einen MP als „Freund“ zu haben.

Freunde, das wissen wir alle und halten es wohl genauso, helfen sich gegenseitig, machen sich kleine Geschenke, erfreuen einander durch nette und selbstverständlich völlig zweckfreie Gefälligkeiten – allenfalls, dass ich während der Abwesenheit meiner nachbarlichen Freunde deren Haus und Postkasten hüte und dabei selbstredend davon ausgehen, dass sie das bei meiner Abwesenheit genauso tun werden. Im Sommer ist es ein bisschen lästiger, weil dann auch noch die Gartenpflege, sprich, das Blumengießen dazu kommen. Aber was tut man nicht alles für gute Freunde!

Das haben sich sicher auch die netten Herren gedacht, die den netten Herrn Wulff einluden, in ihren repräsentativen Villen die Flitterwochen und andere Urlaube zu verbringen, unentgeldlich oder vielleicht auch zum Selbstkostenpreis.

Das kenne ich auch.

Unsere Freunde haben uns jahrelang ihr Ferienhaus zum „Selbstkostenpreis“ überlassen, was nichts anderes war, als eine sehr kleine finanzielle Beteiligung an Strom-, Wasser- und Gaskosten. Dafür war und bin ich ihnen sehr dankbar und habe ihre Gastfreundschaft immer sehr genossen. Bei meinen Freunden war und bin ich sicher, dass sie dieses Angebot um meiner (unserer) selbst willen machten, verfügten wir doch über keinerlei Einfluss auf Handel und Wandel, den sie sich zum Vorteil hätten machen können.

Und das eben unterscheidet die Freunde des netten-armen Herrn Wulff von meinen Freunden.

Einem Bürger wie mir ist es nur schwer vorstellbar, dass jemand, der „sein Geld“  mit der angeblichen oder tatsächlichen Geldmaximierung anderer Leute Geld macht, indem er dafür horrende Provisionen kassiert, dass so jemand NICHT auf eine ministerpräsidiale Gegenleistung abzielt, zumal der (ehemalige) Herr der Geldvermehrungsanlage AWD ja auch schon ein enger „Freund“ des Herrn Schröder war.

Nachtigall, oh, Nachtigall!

Überhaupt ist das mit den Amigos so eine Sache und hätte der nette-arme Herr Wulff sich ein Beispiel an dem ehemaligen Ministerpräsidenten des großen südlichen Bundeslandes genommen, wäre er vielleicht nicht zum gemeinsamen Kochen in das Feriendomizil des begüterten „Freundes“ gereist und hätte stattdessen eine kleine bescheidene und bezahlbare Finca auf der Deutschlen Lieblingsinsel gemietet oder eine hübsche Ferienwohnung in der Toscana  oder wäre, wie Reinhard May, zum Urlauben nach Baltrum gefahren…

Hätte, wenn und aber bringt aber nicht weiter.

Das weiß auch der Herr Wulff und deshalb klammert er sich eisern an die Überzeugung, dass Freunde bei Freunden Urlaub machen dürfen und können und natürlich auch bei Freunden Geld (sehr viel Geld) leihen können.

Wohl dem, der so reiche Freunde hat, die mal eben so locker 500000 Euro für ein Eigenheim auf den Küchentisch legen können. Wobei aus dem „Wohl“ ja nun ein „Wehe“ zu werden scheint, denn die Sache mit dem Freundeskredit schien oder scheint nicht ganz koscher zu sein. Das Gespenst der Bestechlichkeit im Amt schwebt deutlich über dem Präsidenten, der als Minister-präsident eben auch unter das niedersächsische Ministergesetz fällt, das solche seltsamen Geschäftsverbindungen ganz eindeutig untersagt.

Ich meine, wenn ein einfacher Beamter im Finanzamt nicht mal zu Weihnachten oder Ostern eine Flasche billigen Rotweins annehmen darf, um sich nicht der Bestechlichkeit anheim zu  geben, wieviel weniger sollte dann ein Ministerpräsident, der ja ungleich mehr Macht und Einfluss hat als ein einfacher Beamter im Finanzamt, Präsente entgegennehmen dürfen. Und ein privater Kredit oder die Vermittlung eines überaus günstigen Kredits zum Erwerb eines Eigenheimes ist doch nichts anderes als ein Geschenk, jedenfalls dürfte die Ersparnis bei den Zinsen sehr viel mehr ausmachen, als der Finanzbeamte für den Rotwein bezahlen müsste, wenn er die Flasche selber kaufen würde, die ihm ein netter Mensch schenken wollte.

So gesehen verstehe ich als einfacher Bürger nicht, dass der Herr Wulff immer noch glaubt, es sei alles in Ordnung und nur die Taktik des Eingestehens sei ihm etwas aus dem Ruder gelaufen oder die bösen Medien (Medien sind wirklich von grundauf böse wenn es um das Aufdecken von kleinen, unsauberen Geheimnissen geht!!!) wären Schuld an der ganzen Affäre.

Nein, niemand anderes ist Schuld, als der nette Herr Wulff, dem es nicht reichte, Ministerpräsident zu sein, der auch dazu gehören wollte zu den Schönen und Reichen und irgendwie mithalten musste oder wollte und doch nicht konnte und darum verführbar war mit schönen Reisen und teuren Feriendomizilen und all dem Luxus, der ihm entgegengebracht wurde als „Freund“.

Vielleicht nimmt er sich ja doch noch ein Beispiel an einer aus Hannover, der das Amt – die Würde des Amtes – wichtiger war, als daran kleben zu bleiben. Oder er macht es wie der Freiherr aus dem Bayrischen, er tritt mit Würde und Pathos zurück, taucht eine Weile in Amerika  unter (das hat die Dame aus Hannover auch gemacht) und betritt alsdann geläutert und mit neuem Ansehen erneut die Weltbühne von Niedersachen oder Großburgwedel ….

Nur bleiben, bleiben sollte er nicht in Berlin.

Denn Reden halten kann er auch nicht!

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Kommentare»

1. Paul - 12. Januar, 2012

Hallo Rika,
ein sehr guter Kommentar. So sehe ich das auch.
Das wäre an sich schon schlimm genug. Habe jedoch den Eindruck als wenn es in „diesen Kreisen“ schon selbstverständlich ist derartige Annehmlichkeiten in Anspruch zu nehmen.
Etwa nach dem Motto meiner Oma, die immer sagte: „Junge, dumm ist wer gibt, aber dümmer wer nicht nimmt.“

Anders kann ich mir jedenfalls das Folgeverhalten des Herrn Wulff nicht erklären. Was hat ihn geritten, als er versucht hat direkt auf die Presse Einfluss zu nehemn?
Für mich ist das der Skandal nach dem Skandal. Verhehlen möchte ich nicht, dass er schwerer für mich wiegt, weil dies ein Versuch der direkten Beeinflussung der Meinungs- und Pressefreiheit ist.

2. Rika - 18. Januar, 2012

Herr Wulff kommt einfach so nett daher, da glaubt man nicht, wie „anders“ er auch sein kann.
Eine frühere Kollegin berichtete schon vor einigen Jahren über ihre eigenen negativen Erfahrungen mit Christian Wulff, als dieser noch nicht Ministerpräsident war, aber auf dem Weg dorthin nicht eben zimperlich mit seinen politischen „Freunden“, Gegnern in den eigenen Reihen, müsste es eigentlich heißen, umging.

Dass er die politischen Gegner aus den anderen Fraktionen nicht schonte und dabei wenig Rücksicht auf deren „wir-sind-alle-nur-Menschen-Fehler“ nahm, lässt sich hier gut nachlesen:

http://www.cicero.de/berliner-republik/christian-wulff-bundespraesident-moral-niedersachsen-wahrheit-ausgeblendet/48040


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