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„Opfer der Gesellschaft“ – ungeordnete Gedanken… 26. März, 2012

Posted by Rika in familie, gesellschaft, Kinder - Famile.
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Schnell, unüberprüft und nur aus dem Augenblick heraus aufgeschrieben:

Was ist eigentlich ein OPFER?

War das ursprünglich nicht etwas, was „man“ einem höheren Wesen als Dank für etwas oder als Verstärkung einer Bitte für etwas  darbrachte aus dem eigenen Besitz – Feldfrüchte, Tiere, Gold und Edelsteine, gar Menschen?

Mir fallen spontan die wunderbaren Erzählungen aus der griechischen Mythologie ein, ständig wird geopfert – und eben auch Menschen. Opferkulte gibt es überall auf der Welt, in allen Erdteilen, allen Kulturen.

Auch die Bibel berichtet von opfernden Menschen: Kain und Abel brachten GOTT ihr Opfer dar, Kain, so steht geschrieben, war ein Ackerbauer und opferte Feldfrüchte, Abel als Viehzüchter opferte ein Erstlingstier seiner Herde.  Wir wissen nicht genau, warum GOTT Kains Opfer ablehnte, das von Abel aber „ansah“,   es wird nicht wirklich mitgeteilt.  Die Kriterien wonach ein Opfer von GOTT angesehen wird  oder nicht, bleiben im Dunkeln, allenfalls  die Antwort GOTTES auf Kains begreiflichen „Zorn“, wie die Bibel sagt, könnte uns spekulieren lassen, dass mit Kains Haltung etwas nicht so ganz in Ordnung war: „Und der HERR sprach zu Kain: „Warum bist du zornig und warum hat sich dein Gesicht gesenkt? Ist es nicht so, wenn du recht tust, erhebt es sich. Wenn du aber nicht recht tust, lagert Sünde vor der Tür. Und nach dir wird ihr Verlangen sein, du aber sollst über sie herrschen.““

Das aber ist schwer verdauliche Kost und genau daran scheitert Kain.

Wir aber können  vermutlich nachvollziehen, dass sich Kain ungerecht behandelt fühlte und auf seinen Bruder so eifersüchtig wurde, dass er zum Äußersten griff, um die erfahrene Demütigung zu „verarbeiten“: Kain tötete seinen Bruder Abel.

Er konnte „dem Verlangen der Sünde“ nicht widerstehen, nicht über sie herrschen.

Weniger „biblisch gesprochen“ kann das doch bedeuten, dass Menschen immer in der Versuchung stehen, dem Drang nach einer schnellen (Los)Lösung ihrer intensiven negativen Gefühlen sofort nachzugehen, koste es, was es wolle, Hauptsache, „mir geht es  wieder gut“ – wobei  das Ergebnis oftmals schlimmer ist, als der ursprüngliche Frust und der Katzenjammer darauf nicht ausbleibt, auch wenn er oft erst sehr viel später folgt.

„Du aber sollst über sie herrschen!“

Das ist ein hoher Anspruch an das Menschsein und nur die wenigsten werden ihm gerecht, wenn überhaupt.

(Exkurs: Für Christen ist es Jesus, der wohl als einziger dem Anspruch GOTTES vollkommen gerecht wurde und es ist das große Paradox dieses „Gerechtseins“, dass Jesus damit auch das vollkommene „Opfer“ war. Und noch größer und unbegreiflicher erscheint dieses Paradox des  „Opfer“, wenn man genau weiß, dass GOTT seinem „Volk Israel“  Menschenopfer ausdrücklich verboten hatte!)

Zurück zu: „Du aber sollst über sie, die Sünde,  herrschen.“

Wir haben uns angewöhnt, das Unmögliche dieser Forderung als Selbstverständlichkeit zu erachten und in ihrer „offensichtlichen Nichterfüllbarkeit“ quasi  eine Entschuldigung für alle die bösen Taten zu sehen, die keinen „besonderen Anlass“ haben und darum  nicht anders als mit dieser Formel zu erklären sind.  Wenn Journalisten schreiben, dass der Mörder von Toulouse „ein Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse sei“, sagen sie nichts anderes als: „Er konnte sich gar nicht anders verhalten, als er es getan hat.“  Er ist ein OPFER des hohen Anspruchs an ihn  und „ein Opfer der Gesellschaft“, die diesen Anspruch an ihn stellte, ohne dafür zu sorgen, dass er ihm gerecht werden konnte.

Ich habe lange Zeit genauso gedacht – und manchmal denke ich auch heute noch so.

Aber meine Einstellung änderte sich langsam:

Ich habe 17 Jahre lang an einer Sonderschule / Förderschule für verhaltensgestörte Kinder und Jugendliche gearbeitet. Alle diese Kinder können mühelos als „Opfer“ ihrer Lebensbedingungen betrachtet werden – die schwierigen Sozialisationsbedingungen, die heillos zerstrittene Familie, die vollkommen überforderte, allein erziehende Mutter, der prügelnde Vater, der Alkoholmissbrauch der Eltern, die mangelnde Fürsorge und Liebe und ungefähr 150 weitere Faktoren, die ein Kind stören, zerstören können. Das ist furchtbar und schrecklich und grausam.

Aber ist wirklich die Gesellschaft dafür verantwortlich, wenn Kinder, Jugendliche, Erwachsene auch  an den minimalsten Anforderungen, die an sie gestellt werden, scheitern?

Gibt es nicht auch das ganz individuelle, sehr persönliche Versagen, das vielleicht „nur“ darin besteht, dass eine Mutter es nicht fertig bringt, morgens mit ihrem Kind um 6.ooUhr aufzustehen, ihm ein Frühstück zu machen, dafür zu sorgen, dass es im Winter warm genug angezogen ist und außerdem etwas zu Essen für den langen Schultag hat? Wäre es denn zuviel verlangt, soviel Initiative von einer Mutter zu erwarten und vielleicht auch noch ein freundliches Wort für den Tag? Ist die Gesellschaft dafür verantwortlich, wenn eine Frau nicht einmal das fertig bringt, und es wohlmöglich trotz intensiver und vom Staat finanzierter sozialpädagogischen Familienhilfe nicht schafft?

Ist die Gesellschaft dafür verantwortlich zu machen, dass junge ledige Mütter fünf Kinder von drei verschiedenen Vätern in die Welt setzen, obwohl sie mit einem Kind schon völlig überfordert wären?

Trägt die Gesellschaft die Verantwortung, wenn Väter sinnlos ihre Kinder verprügeln, nur weil ihnen irgendeine Kleinigkeit auf den Wecker geht oder sie in volltrunkenem Zustand gerade niemanden sonst haben, an dem sie ihr Aggressionspotential ablassen können? Versagt die Gesellschaft wenn ein Mann an 4 Tagen der Woche verspätet zur Arbeit kommt und darum Stress mit seinem Chef hat? Hat die Gesellschaft Schuld daran, wenn ein Mann „seine Alte mit der Brut“ sitzen lässt (verzeiht mir den Ausdruck, er gehört zu den harmlosesten, die ich in dem Zusammenhang je von den Betroffenen selbst  gehört habe!!!!)?

Wo bleibt die persönliche Verantwortung?

Nicht jeder Mensch, der von seinem Vater geprügelt wurde, wird selber zum Prügelvater oder gar zum Kriminellen, aber natürlich ist die Gefahr groß, dass sich diese „Erziehungsmethode“ als Tradition fortsetzt. (Sarrazin lässt übrigens schön grüßen!)

Ist wirklich die Gesellschaft verantwortlich für das Desaster in so vielen Familien?

Und wenn ja, welche Möglichkeiten hat die Gesellschaft, Vätern, Müttern, Kindern unter die Arme zu greifen, mehr, als sie es schon tut?

Nehmen wir den  – hier zwar, aber ansonsten leider eben nicht nur  –   hypothetischen Fall einer 23-jährigen jungen Frau, die ihr viertes Kind erwartet, Vater namentlich nicht bekannt. Das Jugendamt (der allgemeine soziale Dienst) ist eingeschaltet, die ambulante Familienhilfe kommt drei mal in der Woche, berät und hilft. Aber die junge Mutter ist für die Hilfe wenig aufgeschlossen, die Situation in der Familie wird kritisch, der ASD befürchtet eine Kindeswohlgefährdung und entzieht der Mutter das Sorgerecht. Die Kinder kommen in eine Pflegefamilie.   „Nein“, schreit die Mutter, „das lasse ich nicht zu!“ und sie findet tatsächlich eine frauenfreundliche Unterstützerinnengruppe, die gegen die Kindesentnahme Sturm läuft.

Dennn merke:  Jede Frau hat ein Recht auf ein Kind  – es können auch gerne ein paar mehr sein.

Die „Sache“ geht wieder vor Gericht (es muss übrigens immer ein Gericht entscheiden, wenn ein Kind aus der Familie genommen wird!), das Gericht erkennt trotzt umfangreicher Berichterstattung von Seiten der Familienhelferin und des ASD keinen Grund, der Frau die Kinder dauerhaft weg zu nehmen…. Das Elend vor Ort geht weiter.

Schuld der Gesellschaft?

Wie würden Sie entscheiden?

Ich kenne Dutzende Fälle, die dem oben geschilderten Beispiel entsprechen oder es sogar noch toppen.

Muss eine Familie, die sich nicht einmal 1 Kind „leisten kann“ – und ich meine nicht einmal oder  ausschließlich die finanzielle Situation! – fortwährend weitere Kinder kriegen? Ist das die Sache der Gesellschaft?

„Nein“, sagt die Gesellschaft, und das mit Recht!  Die Zeiten, in denen Menschen zwangssterilisiert wurden, weil sie nicht dem Idealbild eines „deutschen Menschen“ entsprachen, ist,  Dank sei GOTT, vorbei.

„Die Gesellschaft“ – und das sind schließlich WIR ALLE – muss sich auch darauf verlassen können, dass jeder Einzelne seinen Aufgaben und seiner Verantwortung nachkommt, würden wir das nicht tun, müssten wir, um alle Missstände zu vermeiden,  Menschen, die ihr Leben nicht geregelt kriegen,  entmündigen, sie unter ständige Vormundschaft und Beobachtung stellen oder in Einrichtungen gesondert „betreuen“,  sie wegsperren.

Das können wir nicht wollen.

Und deshalb müssen wir es ertragen, dass Menschen nicht unseren Erwartungen an ein gesellschaftliches und verantwortliches Handeln entsprechen, wir müssen es mit aller Ohnmacht hinnehmen, dass Menschen trotz aller Hilfe und Unterstützung ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen und dass sie am Ende nicht nur ihre traurigen Verhältnisse an ihre Kinder weitergeben, sondern auch gewalttätig und kriminell werden.

Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen, dass es unzählige Hilfen durch unzählige engagierte Menschen für Leute gibt, die es selber nicht mehr schaffen, ihr Leben allein zu meistern und leider muss ich hinzufügen, dass viele der Helfer sich fühlen wie „der Ritter von der traurigen Gestalt“, der gegen Windmühlenflügel kämpfte und scheiterte…

Wir*** kennen unsere „Windmühlen“, aber wir können sie nicht abstellen. Also werden wir es weiter (vergeblich) mit den Missständen aufnehmen, die wir vorfinden, werden versuchen und dabei unser Bestes geben, denjenigen zu helfen, die Hilfe dringend brauchen.

Aber eines kann ich wirklich nicht mehr hören, wenn einer sagt:

„Die Gesellschaft ist schuld!“    oder  „Er ist ein Opfer der Gesellschaft!“

………………………………………………………………………………………………………………………………….

***  „WIR“

Ich denke dabei an meine wunderbaren Kolleginnen und Kollegen an meiner alten Förderschule, die sich so sehr mühen um die Kinder und Jugendlichen…

Ich denke an die vielen, vielen Verantwortlichen in den Jugend- und Sozialämtern…

Ich denke an Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertagesstätten und Horten ….

Ich denke an die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter an „der Basis“…

Ich denke an hunderte Pflegefamilien, die Kinder zu sich nehmen und an

die vielen, vielen stationären Einrichtungen der Jugendhilfe, in denen die Kinder und Jugendlichen betreut werden, die durch alle anderen Raster gefallen sind…

Ich denke an die vielen Ehrenamtlichen, die sich um sozial Benachteiligte kümmern…

Ich denke an die Angebote von freien Trägern, die Jugendlichen eine Chance zur Berufstätigkeit verschaffen…

Ich denke an die Arbeit der Drogenberatungsstellen

Ich denke an die Mitarbeiter in Asylanten- und Flüchtlingswohnheimen…

Ich denke an Suppenküchen und Tafeln* an Kirchen und Wohlfahrtsverbände, an Caritas und Diakonie

Und … und …. und….

……….

*Dabei fällt mir ein Schüler ein, der so stolz war auf seinen Vater, der jahrelang vergeblich einen neuen Job gesucht hatte, aber immer noch arbeitslos war. Sein Vater engagierte sich bei einer „Tafel“, er, der selber mittellos und auf Hilfe angewiesen war, half anderen – unentgeldlich! Ja, der Junge war stolz auf seinen Vater, ZU RECHT!!!

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Kommentare»

1. Paul - 26. März, 2012

Habe Deine Ausführungen sehr aufmerksam gelesen. Du berichtest aus einer Welt, die mir weitgehend verschlossen ist.

Ich lasse mal bei meinen Überlegungen die Menschen, die aus einer krankheitsbedingten Situation kommen außen vor. Kann auch nicht beurteilen, ob für diese Menschen und ihre Angehörigen genug getan wird. Sicherlich nicht, denn wie will man „genug“ definieren. Gemessen an unseren wirtschaftlichen Möglichkeiten, wird sehr viel getan. Als Außensteheder und nicht Betroffener meine ich, dass entsprechend den gegebenen Möglichkeiten die Gesellschaft ihrer Fürsorgeverpflichtung weitgehend nachkommt.

Es ist immer eine Gradwanderung. Fürsorge erzeugt auch eine Anspruchshaltung und kann sogar die Handlunsfähigkeit und -willigkeit lähmen. Bei der Entwicklungshilfe wurden bittere Erfahrungen gemacht.

Jetzt zu diesem Mörder. In ihm kann ich kein „Opfer der Gesellschaft“ sehen. Für mich gilt der Grundsatz: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“
Wenn ich mich dauerhaft in einen fremden Kulturkreis begebe, dann muss ich mich integrieren. Nicht assimilieren!
Wenn ich dann, wie hier geschehen, meine Grundsätze ausleben will, dann werde ich zum Verbrecher! Dieses Verbrechen kann auch durch die Agehörigen, die ihn als Helden feiern, nicht „geheiligt“ werden. Die Angehörigen werden dadurch zu „Mittätern“, d.h. sie werden mitschuldig.

Die Formung des Menschen durch die gesellschaftliche Situation wird von den Kommunisten sehr hoch angesetzt. Auch jetzt weißt man immer wieder auf diesen Umstand hin, wenn man statistisch feststellt, dass Kinder von Akademikern häufiger Akademiker werden als Kinder von „Arbeitern“. Sicherlich ist schon an der Prägung durch das Lebensumfeld etwas dran. Aber es ist nicht zwingend, weil wir nun mal das einzige vernunftbegabte Lebewesen sind, dass einen Freien Willen hat. Man muss ihn nur auch anwenden.

Das Beispiel des ehrenamtlichen Helfers bei der „Tafel“ ist dafür ein gutes Beispiel. Dieser Junge ist zu recht auf seinen Vater stolz.
Ein befreundeter Pfarrer in Marzahn, dem „Brennpunkt“ in Berlin, der mit seiner Gemeinde ebenfalls eine „Tafel“ betreibt, erzählt immer wieder mit leuchtenden Augen von solchen ehrenamtlichen Helfern. Und das sind garnicht so wenige die da helfen.
Für mich ist es immer ermutigend davon zu hören.
Das sind für mich die „Helden des Alltags“ die „ihr Glück in die eigenen Hände nehmen“.
Leider wird darüber viel zu wenig berichtet.

Gerade eben kommt mir eine Idee.
Es gibt die Sendung „Leute heute“, die von den „Schönen und Reichen“ berichtet.
Wie wäre es denn, wenn das Fernsehen eine ähnliche Rubrik einrichten würde und an einem festen Sendeplatz über diese „Hässlichen und Armen“ (bezeichne ich so, nur um im „Bild“ zu bleiben) berichten würde?
Verdient hätten sie es jedenfalls!


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