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Etikettenschwindel? 14. Februar, 2013

Posted by Rika in araber-"palästinenser", aus meinem kramladen, israel.
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Neulich bekam ich von einer lieben Freundin eine kurze Mitteilung samt Einladung zu einem Vortrag in dem idyllischen Städtchen Barsinghausen. Die Freundin und ich stehen in einem, sagen wir mal, kreativen Dialog zum Thema Israel – Palästina.

Wir sind nun gar nicht einer Meinung, aber weil wir uns mögen und gegenseitig schätzen, halten wir diese Diskrepanz aus.

Der Vortrag wird von Mark Braverman, USA, gehalten und scheint sich sehr an den Inhalt seines Buches (das ich noch nicht gelesen habe) anzulehnen:

„Verhängnisvolle Scham – Israels Politik und das Schweigen der Christen“

Der Untertitel ist gleichzeitig das Thema des Vortrags.

Als Brief und Einladung hier eintrudelten hatte ich wenig Zeit mich mit beidem zu beschäftigen. Das habe ich inzwischen etappenweise getan.  Dumpf erinnerte ich mich, in irgendeinem Zusammenhang schon mal über Mark Braverman gelesen zu haben und das Suchmaschinchen half mir mit Informationen.

Eine heftige Erkältung zwang mich ins Bett, Braverman und sein Vortrag mussten warten, der Papst trat zurück und in Deutschland war Rosenmontag…. keine Zeit für die „verhängnisvolle Scham“, dafür ein weiterer Betttag…

Heute nun fiel mir der Flyer wieder in die Hände mit folgendem Ankündigungstext:

„…  Als der Psychologe 2006 erstmals Ostjerusalem und die Westbank besucht, erlebt er die brutale Realität der israelischen Besatzung als diametralen Widerspruch zu seinem jüdischen Selbstverständnis. Braverman erkennt,

‚…auf welch fatale Weise sich in Israel die religiösen Traditionen des Bundes, der Auserwählung und der Landverheißung mit einem nationalistischen Eroberungsprojekt verbunden haben‘*

Er fragt:

– Wieso kann sich Israel ungestraft über elementare Menschenrechte und internationales Recht hinwegsetzen?

– Warum dulden Israels Verbündete seine aggressive Siedlungspolitik, die jede Friedensperspektive zunichte macht?

– Warum schweigen die Christen des Westens und ihre Kirchen zu dem schreienden Unrecht, das den Palästinensern unter israelischer Besatzung tagtäglich widerfährt?

Bravermans Erkenntnis:

Indem Christen nach Auschwitz die Idee, das Christentum habe das Judentum als Gottesvolk abgelöst, zu recht revidiert haben, sind sie in eine andere Falle geraten. Denn in der Anerkennung des bleibenden Bundes Gottes mit seinem Volk Israel machen sich christliche Theologen auch die Idee der Landverheißung zu eigen – und werden so stumm gegen das Unrecht.‘*

Die mit * markierten Stellen sind, so sagt es  der Flyer, Zitat vom Klappentext    des Buches. (Die „grün“ markierten Textzeilen habe ich wörtlich übernommen.)

Eine so einseitig kritische Themenvorgabe hat mich dazu gebracht zu fragen, WER hinter dieser Veranstaltung steht.

Das „Bücherhaus am Thie“ wird als Veranstalter genannt  und das „Integrative Forum Hannover e.V“.

„Integratives Forum Hannover“?  „Ist es ein Wesensmerkmal für integratives Verhalten“, so habe ich mich gefragt, „gleich in der Ankündigung einer Veranstaltung einseitige  Schuldzuweisungen in Form von Fragestellungen  einzubringen?“

NEIN!

Das entspricht  – zumindest meinem Verständnis nach – nicht dem, was „integrativ“ sein will.

Die Befragung des kleinen Suchmaschinchens  führte auf diese Seite: if-hannover.net

Klickt man am linken Seitenrand „unsere idee“ an, wird man schnell feststellen, dass es nicht nur um Bienchen geht (wie auf der aktuellen Seite des if), heißt es doch dort:

Frieden in der Gesellschaft und zwischenstaatlich war immer unser Anliegen. 
Die Zerstörungen, die die Zivilgesellschaften im Libanon 2006 traf, und in Gaza zum Jahreswechsel 2008-9, haben uns die Mitverantwortung aller Demokraten deutlich gemacht. Wir haben deshalb die Zusammenarbeit gesucht mit der Friedensbewegung in Israel und mir der jüdischen Friedensbewegung in Deutschland und weltweit.“ (und mit diesen      Freunden, aber das schreiben sie nicht!)

Ah ja! Dementsprechend häufig hat man sich des Nahen Ostens angenommen…

So war auch Peter Bingel, seines Zeichens Theologe und Schulleiter  und   Palästina-Israel-Zeitung-Experte   Vortragender vor dieser ehrenwerten Gesellschaft. Seine Schrift „Lesen Juden und Christen dieselbe Bibel“ kann man eigentlich nur als  antijüdisches Pamphlet bezeichnen und steht damit in gleicher Reihe wie die üble Schmähschrift des Herrn Vollmer, die im deutschen Pfarrerblatt erschienen ist.

Allerdings hat es im  Laufe der Jahre, so kann man es dem Veranstaltungskalender entnehmen, auch viele andere interessante Themen und interessante Referenten gegeben… deshalb würde mein Mann  vermutlich sagen, dass ich wieder statt der Mücke einen Elefanten sehe, denn schließlich bietet das Forum ja ganz wichtige  Vorträge an, beispielsweise kann man sich über die Abdeckung der Mülldeponie in Hannover-Lahe informieren lassen…

NACHTRAG:

Ich habe per Suchmaschine  Kommentare zu Bravermans Buch gefunden, die geradezu euphorisch seinen Thesen zustimmen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob alle Kommentatoren das Buch auch tatsächlich gelesen haben! Sie eint  eine Gemeinsamkeit: Israel steht am Pranger und dank Mark Braverman  werden nun „endlich“ auch die Christen belehrt und aufgerufen, einen Seitenwechsel vorzunehmen. Nicht mehr an der Seite Israels, sondern an der Seite „Palästinas und der Palästinenser“ zu stehen, so scheint es Braverman zu fordern. Das Existenzrechts Israels  wird infrage gestellt und einem binationalen Staat (mit arabisch-muslimischer Mehrheit) das Wort geredet. Braverman ruft zum Boykott israelischer Produkte auf, weil, wie ich es den Kommentaren entnehme, so der Apartheit und Besatzung entgegen getreten werden kann.

Eine Ausnahme unter all den lobend-zustimmenden Texten macht der der Pastorin Hanna Lehming:

Ernstes Thema – quälend inkompetente Behandlung“

ist ihre Stellungnahme zu Bravermans Buch überschrieben. Auch Frau Lehming verschließt keineswegs die Augen vor der konfliktreichen Situation in Israel und den Gebieten, das macht ihre Kritik an Bravermans „Schambuch“ so glaubwürdig.

Ebenfalls kritisch äußert sich Elisabeth Hausen bei Israelnetz zu Buch und Autor:  Undifferenzierter Appell

Sehr lesenswert ist auch diese Stellungnahme: Nein, keine Rückkehr zum Antijudaismus!

Wie gesagt, ich habe das Buch nicht gelesen und kann deshalb dazu auch keine eigene Stellungnahme abgeben. Ich kann mich aber angesichts der Informationen mittels Suchmaschine des Eindrucks nicht erwehren, dass Herr Braverman gerade in Deutschland auf offene Häuser, Türen und Ohren trifft – gerade bei Christen –  sich „neu“ mit Israel zu  befassen, nämlich im Geiste des (altbekannten) Antijudaismus im neuen Gewand der Israelkritik,  wie er mit seinem Aufruf zum Boykott  israelischer  jüdischer   Produkte eindrucksvoll vorführt:

Zitat:  „Es muss schlimm sein für Deutsche zu sagen: Kauft nicht bei Juden!. Aber es ist ein überfälliges Projekt. Ihr werdet beschimpft werden, aber es geht nicht ums jüdische Volk, sondern um Jesus. Wir müssen Israel von der Apartheid retten. Das ist unsere Aufgabe.“   Quelle: Offene Kirche Württemberg

(Dass ein amerikanischer Jude Jesus retten möchte, empfinde ich dann schon fast wieder ‚lustig‘, wobei mir  doch das Lachen im Halse stecken bleibt angesichts seiner Rede von dem „palästinensischen Juden Jesus“. Niemand hat zu Lebzeiten Jesu von „Palästina“ geredet.    Nur weil Bethlehem von den „Palästinensern“ als seit den Tagen der Urväter „palästinensisches Land“ reklamiert wird, ist Jesus vermutlich nach Braverman „palästinensischer Jude“, so kann man die Geschichte auch umbiegen, bis sie ins eigene Bild passt!)

Bravermans Buch gibt den antijüdischen / antiisraelischen Tendenzen nicht nur bei den Christen Nahrung und Auftrieb. Und mehr noch als sein Buch sind es die vielen „Lesungen“ auf Einladung der unterschiedlichsten Gruppen von Kirchengemeinden bis zu Muslimorganisationen, die die antiisraelische Stimmung in Deutschland befördern, denn wie man unschwer dem Internet entnehmen kann, hatte er schon im vergangenen Jahr großen Zulauf und verging kaum ein Tag seit Beginn des neuen Jahres, an dem er seine Botschaft nicht unters gläubige Volk brachte und auch die Termine bis Ende März stehen bereits fest. (Siehe zu den antijüdischen / antiisraelischen Tendenzen der Christen die Jerusalemer Erklärung!)

Und etwas zynisch-sarkastisch könnte ich jetzt sagen: Den Verlag, den Buchhandel und den Autor wird es freuen, dass nicht nur die Israelkritiker in diesem Land zunehmen, sondern auch die Gewinne aus Verkauf und Lesung – oder sollte Herr Braverman so uneigennützig sein und seinen Gewinn den „notleidenden Leuten von Gaza“ spenden….?

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Kommentare»

1. Paul - 14. Februar, 2013

Liebe Rika, sicherlich hat Dein Mann recht und es handelt sich tatsächlich um eine Mücke.

Aber, wer ist gefährlicher? Der Elefant oder die Mücke?

Den Elefanten kann man schon von Weitem sehen. Die Mücke bemerkt man oft erst, wenn es schon zu spät ist. Ach so: welche Krankheit verbreitet der Elefant?
Die von Dir aufgestöberte Mücke verbreitet Desinformation, die genauso schlimm ist wie eine Krankheit.

Wenn ich dann noch lese, wer die Mitveranstalter sind:“ Ada-und-Theodor-Lessing-VHS Hannover; Amnesty International Hannover, Evangelische Regional- und Stadtakademie im Sprengel Hannover; Gesellschaft für christlich jüdische Zusammenarbeit Hannover, Marktkirchengemeinde Hannover; Palästina Initiative Hannover“, dann weiß ich, dass dies wirklich der Wolf im Schafspelz ist.

Besonders erschüttert bin ich über die Gesellschaft für christlich jüdische Zusammenarbeit.

Nein, das ist kein offen und ehrlich daher kommender Elefant, als solcher auch leicht zu erkennen, sondern die heimtückische die Krankheit der Desinformation verbreitende „Mücke“.

Liebe Rika, bleibe weiter wachsam.
Herzlich, Paul


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