jump to navigation

Übertrieben…? 17. Oktober, 2013

Posted by Rika in aus meinem kramladen, gesellschaft, meine persönliche presseschau.
Tags: , , , , , ,
trackback

Ich erinnere mich nur noch vage:

Auf der großen Wiese an der Lenne standen „Zirkuswagen“ und die Menschen, die in ihnen wohnten und mit ihnen unterwegs waren, sahen etwas anders aus als die Bewohner meines Heimatstädtchens, zumindest  die Frauen. Sie trugen weite, lange, bunte Röcke, malerisch schöne Blusen, Kopftücher, Schmuck. Für mich als Kind waren sie schön und fremd zugleich – Zigeuner.

Die  Einheimischen schienen die Fremden mit Argwohn zu betrachten und den Männern und Frauen, die an der Wohnungstür klingelten und ihre Dienste als Scherenschleifer oder Wahrsagerin anboten, begegnete man mit Misstrauen. „Sie stehlen“, hieß es in der Nachbarschaft. Aber ich kannte niemanden, der wirklich bestohlen worden war.

Ich – Jahrgang 49 –  wusste als Kind noch nicht, was die Deutschen den Zigeunern während der Herrschaft des Tausendjährigenreiches angetan hatten, dass man sie als „minderwertig“ verunglimpft, in Lager gesteckt und zu Hunderttausenden in den Tod getrieben hatte. Und ich weiß auch heute nicht, ob meine Familie bereits damals davon wusste…  angeblich hatte ‚man‘  ja auch nichts von der Ermordung der Juden gewusst, ihre „Umsiedlung“ aber schon „irgendwie“ mitbekommen, jedoch der Propagandalüge geglaubt und sich auch nicht dem Furor der „Reichskristallnacht“ in den Weg gestellt… aus Angst!?

In meiner Kindheit hatte ich ein sehr verklärendes und romantisches Bild vom „Zigeunerleben“, das einerseits mit den realen Bildern vom Lager auf der Lennewiese in Einklang war, zum anderen durch Erzählungen und Lieder gezeichnet wurde (Lieder wie: „Lustig ist das Zigeunerleben…“, das wir gerne sangen)   oder Melodien aus der  Operette „Der Zigeunerbaron“, die damals im -Radio zu hören waren.

Vom Schrecken, den die Zigeuner durchleiden mussten, hatte ich keine Ahnung. Davon erfuhr ich erst sehr viel später. Als Jugendliche begann ich, angeregt nicht etwa durch aufklärenden Unterricht an der Schule, sondern durch den Roman „Exodus“ von Leon Uris, nachzufragen, was mit den Juden passiert war, und ob die geliebten Großeltern, die Verwandten, Vater und Mutter, Freunde der Eltern etwas gewusst hatten von der Ungeheuerlichkeit, die die Deutschen zu verantworten, ja, die sie tatkräftig durchgeführt hatten. Nicht eine Minute allerdings wäre es mir in den Sinn gekommen, dass die Menschen meiner Umgebung selber …. Nein, und nochmals nein! Ich war erleichtert, dass sie nicht an den Verfolgungen und Morden beteiligt waren, aber ich machte ihnen zum Vorwurf, dass sie nicht dagegen angegangen waren. Viel später erst wuchs in mir die erschreckende Erkenntnis, dass ich mir meiner selbst aber gar nicht so sicher sein konnte, eine entschiedene Widerstandskämpferin gewesen zu sein, wie ich es ursprünglich als Selbstverständlichkeit angenommen hatte.

Neben der unglaublich großen Zahl getöteter Juden, war die der getöteten Zigeuner eher „klein“ und so war der Fokus meiner Aufmerksamkeit auch nicht gleich intensiv auf sie gerichtet. Ich schäme mich, dass ich das so benenne, es klingt so schrecklich zynisch, aber es entspricht meiner damaligen „Wirklichkeit“, wobei ich überhaupt nicht zynisch mit der Tatsache der Verfolgung an sich umging!   Erst spät, bei der Gedenkfeier zur Befreiung des KZ Bergen-Belsen im Frühjahr 1995, bei der ich anwesend war, wurde mir die Tragödie der Sinti und Roma überdeutlich bewusst. Und ich fand es absolut richtig, dass der diskriminierende Begriff „Zigeuner“ weitgehend aus dem Sprachgebrauch (vor allem in den Berichten der Zeitzeugen) und der Berichterstattung heute verbannt wurde. Ich finde es immer noch richtig, dass die hier lebenden Sinti und Roma, auch ihrem Selbstverständnis entsprechend als Sinti und Roma in Zeitungen und Publikationen so genannt werden. Das steht außer Frage, zumal in vielen Bevölkerungsteilen „Zigeuner“ immer noch diskriminierend gemeint und gebraucht wird.

Aber nicht nur!

Denn immer noch gibt es das verklärend-romantisierende Bild des „Zigeuners“, der frei und selbstbestimmt lebt, und es gibt so etwas wie eine leise Sehnsucht nach dem freien und lebensfrohen „Zigeunerleben“. Mögen wir nicht „Zigeunermusik“ mit ihrer wunderbaren Melodik, die zwischen ausgelassener Fröhlichkeit und sentimentaler Traurigkeit hin und her schwingt, ist nicht auch die Lust an Camping Ausdruck dieser Sehnsucht nach „zigeunerhafter Freiheit“?  Ich weiß genau, dass ich nur einen winzigen Aspekt damit anspreche und das Leben der Sinti und Roma alles andere als „zigeunerhaft leicht“ ist. Aber es ist der Aspekt, der seit jeher positiv besetzt ist, wenn man an „Zigeuner“ denkt, der in den meisten Menschen positive Emotionen auslöst und nicht Abgrenzung, Misstrauen oder Vorbehalte, der Teil, in dem wir uns wiederfinden in unserer Sehnsucht nach Leben.

Dieses positive Moment findet sich auch in einem sehr profanen und zugleich lebensnotwendigen Bereich unseres täglichen Lebens wieder, beim Genuss und Essen nämlich. Keine Grillparty ohne „Zigeunersoße“, die die Assoziationen purer Lebenslust bedient und kaum eine Speisekarte in einem gut-bürgerlichen Restaurant, in dem es kein „Zigeunerschnitzel“ gibt. Und ich wage zu behaupten, dass niemand, der Zigeunersoße oder Zigeunerschnitzel genießt, dies mit einem abwertenden Vorurteil tut. Eher ist das Gegenteil der Fall.

Das sehen aber viele Menschen ganz anders. Sie sehen in der Bezeichnung „Zigeuner“ eine wertende Diskriminierung, selbst in Verbindung mit so etwas Positivem, wie genussvollem Essen.

In Hannover hat darum der Rat der Stadt entschieden, dass zukünftig das Schnitzel mit dem bisherigen, aber diskriminierenden Namen, nicht mehr auf den Speiseplänen der städtischen Kantinen erscheinen darf. Sinti und Roma, befürworten das Verbot, so ist in der HAZ zu lesen, weil sie schon seit langem dafür kämpfen, dass der Begriff „Zigeuner“ aus dem Sprachgebrauch verschwindet.

Ich kann das verstehen, weil damit die Hoffnung verbunden ist, dass mit dem Verschwinden des Begriffs  auch die Diskriminierung „verschwindet“. Ich fürchte aber, dass das ein Trugschluss ist, erst recht in einer Zeit, in der nach dem Beitritt Rumäniens und Bulgariens zur EU vermehrt „Roma“ nach Deutschland kommen, um für sich und ihre Familien bessere Lebensbedingungen zu erarbeiten, dabei aber einigen Kommunen und  Behörden zunächst  Kopfzerbrechen bereiten und damit wieder einer Diskriminierung einer Bevölkerungsgruppe Tor und Tür geöffnet scheint.

Kann man ein Problem aus der Welt schaffen, indem man  sprachliche Umbenennungen vornimmt? Ändert man die Einstellungen von Menschen gegenüber anderen dadurch, dass man die Begrifflichkeit ändert?

Könnte man dann vielleicht auch „Juden“ umbenennen, um so dem immer noch und schon wieder vermehrt auftretenden Antisemitismus entgegen zu treten? (Wie man ja an der so beliebten Kritik an „Israel“, die hierzulande synonym für gegen „jüdisch“ oder „Jude sein“ herhalten muss, erkennen kann, macht eine wie auch immer gestaltete  Umbenennung wohl wenig Sinn…. )

In Hannover jedenfalls glaubt man an den Erfolg der Umbenennung – jedenfalls in den Amtsstuben. Leserbriefe zu der Berichterstattung in meiner Zeitung lassen aber auch ganz andere Vermutungen zu… und

wie man hier nachlesen kann, schlägt die „kreative Auseinandersetzung“ mit der Umbenennungsstrategie schon hohe Wellen:

Schnitzel mit dem verbotenen Namen“

Eigentlich sollte es nur ein kleiner Scherz sein. In der Kantine des niedersächsischen Sozialministeriums, das auch für Integration zuständig ist, gibt es an diesem Donnerstag laut Speiseplan „Schnitzel mit dem verbotenen Namen“.

Ist es vielleicht doch eher übertriebene  Rücksichtnahme, wenn aus der „Zigeunersoße“ die Balkansoße wird oder werden soll?

Ich bin ein bisschen ratlos….

NACHTRAG:

Diesen Text habe ich erst heute (18. 10.) gelesen. Er verdeutlicht, warum trotz aller romantischen Vorstellungen der Begriff „Zigeuner“ diskriminierend ist: „Warum ich das nicht mehr hören will.

Und so liest man in der  „Gegenrede“.

Advertisements

Kommentare»

1. Theolunke - 17. Oktober, 2013

Du sprichst hier ganz wichtige Dinge an – ich habe auch schon öfter eher hilflos darüber nachgedacht, ob eine „politisch korrekte Sprache“ tatsächlich die Probleme der Diskriminierung lösen – wie ja oft gehofft wird. Das Problem sitzt aber doch eher NICHT in der Sprache sondern tief drin im Menschen! Das „Andere“, das „Fremde“ wird immer skeptisch gesehen und tendenziell abgelehnt! „Zigeuner“ und vor allem das, was man mit diesem Begriff verbindet, scheint uns fremd, vielleicht auch unheimlich … auch wenn der Begriff nicht nur negativ besetzt ist, so ist es doch die Angst vor dem Unbekannten, die der Nährboden für Diskriminierung ist! Da müsste man eigentlich ansetzen …

Die Verbannung von Begriffen aus dem Sprachgebrauch ist nichts weiter als „Symtombekämpfung“ die das Problem nicht löst! Befürchte ich …

2. Rika - 17. Oktober, 2013

Vermutlich, so denke ich, sind immer noch die rassistischen Verleumdungen der Nazizeit wirksam, wenn es um „negative“ Vorurteile geht. Japaner, zum Beispiel, müssten uns doch mindestens genauso fremd vorkommen, aber die Berührungsängste gegenüber Japanern gehen doch nahezu gegen Null. Selbst China, das doch jahrelang als Menschen verachtendes kommunistisches Regime in den Medien präsent war, gilt eher als exostisch-geheimnisvoll, denn als bedrohlich – von den heutigen wirtschaftlichen Problemen mal abgesehen.
Es ist doch vor allem die „Wertschätzung“, bzw. eben „Unwertschätzung“, die die Nazis den „Fremden“, bzw. denen, die sie als Fremde ansahen, angedeihen ließen, die bis heute unsere Vor-Urteile beeinflussen. Das ändern wir aber nicht durch Umbenennungen. Leider!
Trotzdem ist es wichtig, mit Begriffen sorgfältig umzugehen….

3. Paul - 17. Oktober, 2013

Von obrigkeitlich verordneten Sprachregelungen halte ich nichts. Von ihrer Nutzlosigkeit bin ich überzeugt. In mir erzeugen sie nur Widerspruch, weil sie mich an DDR-Gepflogenheiten erinnern. Was wurde da nicht alles gesprachregelt?
Das Bewusstsein der Menschen wurde dadurch jedenfalls nicht beeinflusst.
Ach so, beim Bäcker verlange ich immer noch Amerikaner?
Weiß nicht mal, ob man das darf?

LG Paul

4. Paul - 17. Oktober, 2013

Noch etwas. Ist mir gerade eingefallen.

Von den Nazis wurden die Juden systematisch verfolgt, mit dem Ziel sie im Herrschaftsbereich des Nationalsozialismus vollständig auszurotten.
Dazu gab es eine gezielte Strategie und organisatorische Maßnahmen.

Viele andere Bevölkerungsgruppen wurden auch verfolgt. Dazu gehörten die Zigeuner, die Homosexuellen, alle Regimegegner.
Habe aber noch nichts davon gehört, dass es gezielte Verfolgungen mit der Absicht sie auszurotten bei Zigeunern und Schwulen gab.
Weshalb reklamieren diese Gruppen eigentlich, dass sie ebenso verfolgt wurden wie die Juden?
Zwischen der Bestrebung die Juden auszurotten und der Verfolgung und Vernichtung von Zigeunern und Schwulen lagen Welten.
Weshalb versuchen letztere mit den Juden gleichgesetzt zu werden?

Ist mir soeben eingefallen und ich wollte es nur „loswerden“.

Herzlich, Paul

5. Rika - 18. Oktober, 2013

Paul,
ich muss dir sehr entschieden entgegen halten, dass diese „Gruppen“, wie du sagst, das nicht für sich „reklamieren“, sie waren tatsächlich von den gleichen mörderischen Absichten betroffen, wie die Juden. (Jedenfalls was die „Zigeuner“ betraf!)

Als „unwertes Leben“ sollten sie „ausgerottet“ werden. Es war die gleiche fürchterliche Denkweise, die hinter den Morden stand.

Die Endphase des Krieges verhinderte die komplette Umsetzung des Plans. Wir können nur danken, dass den Nazis auf diese Weise das Handwerk gelegt wurde… Wir Christen wären wohl die nächsten gewesen, wenn auch nicht aus „rassischen“ Gründen oder aufgrund ähnlicher Denkmuster.

http://www.br.de/themen/bayern/inhalt/geschichte/sinti-roma-verfolgung-vernichtung100.html
http://www.sinti-roma-bayern.de/Geschichte_index6.htm
http://www.taz.de/!104158/

http://www.lpb-bw.de/publikationen/sinti/sinti6.htm

6. Paul - 19. Oktober, 2013

Danke, liebe Rika,
ich habe etwas dazu gelernt.
Bisher ist mir entgangen, dass die Verfolgung der Zigeuner genauso systematisch erfolgt ist, wie die der Juden. Ist bei mir, vielleicht auch wegen der, verglichen mit der Zahl der vernichteten Juden, kleinen Zahl der Zigeuner, etwas unter gegangen.
Sicherlich hat auch die Kennzeichnung der Juden mit dem gelben Stern und die öffentlich Verlautbarung judenfreier Gebiete ein übriges dazu beigetragen.

Vielen Dank für die Links.

LG, Paul

7. Rika - 19. Oktober, 2013

Lieber Paul,
„Da nich für“ … wie wir Norddeutschen gerne sagen… 🙂
Es zeigt sich durch Dein Beispiel – und bei mir war es ja ähnlich -, dass die Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Morde noch lange nicht genug bekannt und beschrieben ist.
Umso wichtiger, dass es immer noch Menschen – Opfer zumeist – gibt, die darüber authentische berichten können. und wir, die wir vieles, aber längst nicht alles wissen, immer auf der Matte stehen, wenn Dinge vertuscht werden oder aus Unkenntnis falsch dargestellt werden.
In diesem Sinne liebe Grüße !


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: