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Am Ziel… 2. Juni, 2014

Posted by Rika in christsein und glaube, meditatives.
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Als mich im Januar des vergangenen Jahres meine ehemalige*** Kollegin und gute Freundin anrief und ganz unverblümt und „ohne Gewese“ zu mir sagte: „Rika, ich habe Krebs!“,  war es ein fürchterlicher Schock. Uns beiden war ziemlich schnell klar, dass die Zeit, die ihr noch blieb, nicht nach Jahren zu berechnen sein würde. Es folgten die üblichen Prozeduren, Chemo, Bluttransfusionen, Operation, Bestrahlung und wieder Chemo. Wir waren in einem sehr engen Austausch über Leben, Tod und Hoffnung  –  nicht die Hoffnung auf Heilung, die war von vornherein nahezu ausgeschlossen, weil bereits sehr viele Metastasen den Körper geradezu geflutet hatten.

Nein, die Hoffnung auf das Leben nach dem Tod, auf die Ewigkeit in Gottes Herrlichkeit war unser Thema – bis zuletzt. Sie fürchtete sich nicht vor dem Ende ihrer irdischen Existenz, denn, so formulierte sie es immer wieder, „ich weiß doch, wohin ich gehe.“ Sie war traurig darüber, ihrem Mann, ihrer Mutter, der Familie und Freunden die Trauer über ihren frühen Tod  nicht ersparen zu können.

Im Spätsommer besuchte ich sie in ihrer Reha. Eine strahlende X begrüßte mich, wir unternahmen eine lange Autotour im nordhessischen Bergland – für eine Wanderung reichten ihre Kräfte nicht. Im Herbst nahm sie mit reduzierter Stundenzahl ihre Arbeit an ihrer geliebten Schule wieder auf. X war eine begnadete Lehrerin, eine, die mit Lust und Leidenschaft ihren Beruf ausübte, die die Kinder und Jugendlichen liebte, eine, die ihnen mit aufmerksamer Achtsamkeit, Liebe und Konsequenz begegnete. Eine sachkundige und freundliche Kollegin, engagiert  und zuverlässig.

Sie war glücklich!

An ihrem Geburtstag gegen Ende des Herbstes überraschte ich sie in der Schule – ich hatte ein kleines Geschenk für sie und wollte sie auf einen Kaffee in unserem früheren „Lieblingsrestaurant“ einladen. Ich traf eine tieftraurige und weinende Freundin an. Es war der Tag, an dem sie ihrem Schulleiter mitteilen musste, dass sie wieder vor einem langen Krankenhausaufenthalt stand und wohl nie wieder in die Schule zurückkehren würde. Wir redeten lange miteinander – und nach dem Gespräch mit dem Schulleiter tranken wir auch unseren Kaffee …. Es war fast wie in alten Zeiten, wir klönten über dies und das, lachten miteinander, und waren uns doch der Situation ganz und gar bewusst.

Sie machte sich Sorgen, ob nach der Bestrahlung des Kopfes ihr Wesen unverändert sein und auch ihr Glaube und ihre Einstellung nicht verändert sein würde. ich versprach ihr, sie an alles zu erinnern, das ihr wichtig war, sollte sie es vergessen oder nicht mehr präsent haben.

Die Intervalle zwischen meinen Besuchen bei ihr wurden Anfang dieses Jahres kürzer. Wir saßen in ihrem Esszimmer an dem schönen großen Tisch und redeten über dies und das, die Modalitäten ihrer Beerdigung zum Beispiel und dass sie zum Sterben in ein Hospiz gehen wollte und der Mai oder Juni doch eigentlich schöne Monate dafür seien.   Und nach wie vor redeten wir über die Hoffnung, von der sie getragen wurde.  Sie las viel im Neuen Testament, lernte  „ihren Paulus“ ganz neu kennen, entdeckte den „Kollegen“, den Lehrer in seinen Briefen. Das Johannesevangelium wurde ihr immer wichtiger, ebenso der 23. Psalm, in ihm fand sie so etwas wie den persönlichen Leitgedanken ihres Lebens, den sie Vers für Vers durchdrang. Bei meinem letzten Besuch in ihrem Haus meinte ich zu ihr, jetzt sei sie beim letzten Vers angekommen. „Nein, Rika!“ protestierte sie. „Ich lebe doch noch hier auf der Erde!“

Dem musste ich zustimmen.

Vor zwei Wochen rief sie mich an, sie war ins Hospiz gekommen (damit hatte ich ’noch‘ nicht gerechnet)  und bat mich zu ihr zu kommen. Ich fuhr sofort zu ihr. Sie war noch immer so voller Freude, trotz der schweren Krankheit. Von da an besuchte ich sie täglich für einige Stunden. Ich las ihr vor, betete für sie, wir hörten an den ersten Tagen noch gemeinsam Musik. Sie wurde immer schwächer, hatte Mühe, sich noch auf ein Gespräch zu konzentrieren. So saß ich nur an ihrem Bett, hielt ihre Hand oder streichelte sie leise, betete still für sie.

Zu Beginn der vergangenen Woche ist sie gestorben, friedlich.

„Und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar!“

Ich danke für ihr Leben, ihre Freundschaft, ihre Hilfe ihr Sein.

 

………………………………………………

*** „ehemalig“ deshalb, weil ich seit 4 Jahren im Ruhestand bin.

Mit großer Dankbarkeit und Achtung vor der Arbeit, die sie tun, denke ich an die Mitarbeiter des Hospiz.

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Kommentare»

1. Paul - 3. Juni, 2014

Liebe Rika,
ich schäme mich nicht, Dir zu gestehen, dass Dein Bericht mich zu Tränen gerührt hat. Danke.
Ja, so möchte ich auch einmal sterben.
Gott gewähre mir die Gnade einer seligen Sterbestunde, für die ich sehr oft bete.

Der HERR gebe Deiner Freundin die Ewige Ruhe und das Ewige Licht leuchte Ihr. HERR lass Sie ruhen in Frieden. Amen

Herzlich, Paul

2. Rika - 4. Juni, 2014

Ach, Paul!
Danke für deinen Kommentar.
Solange ich bei ihr war und an ihrem Bett saß, war ich ganz ruhig … die Tränen kamen im Auto, zu Hause, nachts…
Ja, so möchte ich auch sterben können – jetzt bin ich so gewiss, dass ich einmal zu Gott gehe und ich hoffe, dass mir das bis zuletzt die große Gewissheit bleibt.


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