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Das Leben auskosten…. 9. Dezember, 2014

Posted by Rika in christsein und glaube, gesellschaft, meditatives.
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… bis zum letzten Atemzug!

Für Leute, die noch ‚im vollen Saft stehen‘ hat dieser Satz vermutlich eine gänzlich andere Bedeutung als die, über die ich schreiben möchte.

In diesem Jahr ist meine Freundin gestorben …

Sie hat das Leben geliebt, ihre Familie, ihren Mann, ihren Beruf, ihre Schüler, ihre Freunde und Kollegen und Karlchen, ihren Hund. Die Krankheit war ihr Feind, so hat sie es manchmal gesagt, nicht aber der Tod.  Das Sterben war für sie der Übergang in ein neues, anderes, ewiges  Leben, auf das sie sich freute, obwohl sie ihr geliebtes irdisches Leben dafür aufgeben musste. Zu keinem Zeitpunkt hat sie auch nur im Ansatz mit dem Gedanken gespielt, das, ihr irdisches  Leben, durch einen gewaltsamen Eingriff selber zu beenden.

„Nein, Rika!“, hat sie sehr entschieden gesagt, „Das ist nicht der richtige Weg!“  Und sie hat dieses Nein durchaus sehr grundsätzlich und nicht nur für das eigene Ende gemeint.

Daran musste ich heute denken, als ich im Besprechungszimmer des ambulanten Hospiz-Dienstes saß und mit der Leiterin sehr ausführlich über meine Motivation und  Einstellung redete, die mich vor nun beinahe 4 Jahren  veranlasst hatte, an einem Kurs für ehrenamtliche  Mitarbeiter  in der Hospiz-Arbeit teilzunehmen. (Mit dem heutigen Gespräch beginnt meine ehrenamtliche Mitarbeit in dem oben genannten Dienst.) Damals lag das Sterben meiner Eltern noch nicht so lange  zurück und ich hatte bei der Begleitung meiner Eltern gemerkt, dass ich vor der Fremdheit des Sterbens keine Angst hatte, nicht davor zurückschreckte. Das mag daran liegen, dass ich selbst noch relativ jung mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert wurde und ich mich aufgrund dieser Erfahrung selber sehr intensiv mit dem Sterben und den damit verbundenen Fragen auseinander gesetzt hatte.  In dem Kurs zur Sterbebegleitung wurden diese eigenen Anteile ebenso thematisiert, wie die Fragen des  Umgangs und der Kommunikation mit den Betroffenen, den Sterbenden und den Angehörigen. Ausführlich wurden wir mit den Belangen der Hospiz-Arbeit ebenso vertraut gemacht, wie mit den Möglichkeiten und Grenzen der Palliativ-Versorgung schwerst kranker Patienten.  Immer und immer wieder ging es um die Würde des Menschen angesichts des Todes und darum, wie das Leben bis zum buchstäblich letzten Atemzug  lebenswert bleibt.

Der Schwerpunkt liegt auf dem Wert, den das Leben eines Menschen (bis zuletzt) hat und auf der Wertschätzung, die dem Sterbenden bis zuletzt zuteil wird durch die, die ihn begleiten – unabhängig davon, ob und wie der betroffene Mensch sich  den  Fragen nach dem Sinn und Ende  des Lebens gestellt hat oder nicht. Wie begegne ich Fragen und Ängsten, wie nehme ich den sterbenden Menschen wahr,  und bin ich mir immer dessen bewusst, dass meine Begleitung wirklich „nur“ eine Begleitung und keine Leitung oder gar Anleitung zum Sterben ist und der Sterbende  selbst letztlich  derjenige ist, der Takt und Rhythmus vorgibt, nach dem ich mich richte, selbst dann noch, wenn keine bewussten „Anweisungen“ mehr an mich gerichtet werden (können)!?

Für mich bedeutet das auch, sehr bewusst den Tod als den Schlusspunkt des irdischen Lebens zu akzeptieren.

Das, den Tod als Schlusspunkt des irdischen Lebens akzeptieren,  tun sicherlich auch diejenigen, die meinen, sie müssten ihrem Leben selbst ein Ende setzen, weil sie befürchten, dem möglichen Schrecken des eigentlichen Endes nicht gewachsen zu sein. In der derzeitigen öffentlichen Debatte um die aktive Sterbehilfe geht es ja nicht darum, dem Tod auszuweichen – der ist so unausweichlich, wie nichts sonst auf dieser Welt -, es geht darum, das Ende selbst bestimmen zu können, weil der Gedanke, es – besser gesagt, das „WIE“ – nicht ertragen zu können, ein unaussprechlicher Schrecken ist.

Diesem angsterfüllten Schrecken vor dem „WIE“  zu begegnen ist meiner Auffassung nach die eigentliche und  sehr wesentliche Aufgabe der öffentlichen Debatte um Sterben und Sterbehilfe.  Statt nach gesetzlichen Wegen der legalisierten Tötung von Todkranken zu fragen, sollte wir verstärkt danach fragen, wie wir das Sterben in Würde erleichtern können und was wir tun können, um noch mehr als bisher die palliative Versorgung Schwerstkranker sicher zu stellen. Diese Aspekte werden meiner Wahrnehmung nach viel zu wenig beachtet – und / oder „lediglich“ im Hinblick auf die Finanzierbarkeit  diskutiert.

Denn machen wir uns nichts vor: Es kostet die Gesellschaft sehr, sehr viel weniger, den Einzelnen das Mittel zu finanzieren, das  den eigenen Tod herbeiführt, als dafür zu sorgen, dass jeder das Leben in Würde und ohne Schmerzen bis zum letzten Atemzug auskosten kann.

Schieben wir die Sterbenden nicht ab!

Nötigen wir sie nicht, ihrem Leben selbst mit Hilfe von Medikamenten ein Ende zu setzen, indem wir sie allein der Angst vor einem bitteren Ende überlassen.

Und für die, die glauben, dass der Tod nicht das Ende, sondern der Übergang in eine neue ewige Wirklichkeit ist, gilt bis heute das Wort des Apostel Paulus:

„Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn. “  Philipper 1,21

Meine Eltern und meine Freundin sind in diesem Bewusstsein gestorben….

Das wünsche ich mir auch.

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Kommentare»

1. Jutta Grimm - 9. Dezember, 2014

Ja,Rika,ich habe aus den gleichen Gründen wie du keine Angst vor dem Tod- obwohl ich natürlich nicht weiss, ob das denn auch so sein wird, wenn es wirklich einmal Ernst werden wird………
Aber- dem Staat wird es aus finanziellen Gründen nicht möglich sein, die Würde des Einzelnen bis zum Ende zu sichern und von privater Seite können auch nicht alle erfasst werden,die Hilfe nötig hätten.
Wenn dann aber jemand für sich beschließt, sein Ende selbst zu bestimmen,dann finde ich, dass man ihm nicht auch noch juristische Hürden in den Weg legen sollte.Und man sollte Ärzte nicht kriminalisieren, die einem Sterbenden helfen wollen……
Jutta

2. Paul - 9. Dezember, 2014

Liebe Rika,
Gottes Segen für Deine Hospizarbeit. ER gebe Dir Kraft und Stärke, die rechte Tat und das rechte Wort.
Meine Gebete werden Dich begleiten.

Habe gerade erlebt, wie es dem 52jährigen Sohn einer befreundeten Familie gegeben wurde im Frieden zu gehen, nachdem er lange Zeit sehr verbittert war und nicht los lassen konnte.

Früher habe ich nicht verstanden, dass man um eine selige Sterbestunde beten kann. Jetzt bete ich selber um die Gnade in Frieden sterben zu dürfen.

Vielleicht kannst Du ab und an über Deine Arbeit berichten?

Dir und den Deinen Gottes Gnade und eine Gesegnete Weihnacht,
Paul

3. Rika - 10. Dezember, 2014

Jutta, ich verstehe Deine Einwände und kann sie nachvollziehen.
Sie machen das Dilemma deutlich, in dem wir uns befinden: Um in einzelnen Fällen „aktive Hilfe zur Selbsttötung“ leisten zu können, müsste das Gesetz geändert werden, um Ärzte und Angehörige eben nicht zusätzlich zu den psychologischen Problemen, die so eine „Hilfe“ ganz sicher auch bedeuten kann, zu kriminalisieren.
ABER: Ich traue den Menschen einfach nicht zu, mit der begrenzen Freigabe auch in Zukunft wirklich ethisch und moralisch umgehen zu können. Das macht doch das Beispiel der Änderung des § 218 deutlich, Schwangerschaftsabbrüche, einst auch als letzte Möglichkeit zur Abwehr von psychischen (im NOtfall medizinischen) Schäden für Mutter und Kind gedacht, sind längst zu einer Art „Verhütungsmethode“ geworden, die pränatale Diagnostik führt dazu, dass als nicht „lebenswertes Leben“ angesehene Föten, die nicht der „Norm eines einwandfrei gesunden Kindes“ entsprechen, selbst in der weit fortgeschrittenen Schwangerschaft noch abgetrieben – getötet – werden. Wer bestimmt in Zukunft, was lebenswert ist und was nicht? Und können Alte und Kranke dann nicht auch sehr leicht mit dem Attribut „nicht lebens- und erhaltenswert“ (weil zu teuer in der Behandlung) genötigt werden, ihrem Leben ein Ende zu setzen?
Das sind meine Befürchtungen.
Vor Jahren sah ich einen sehr ergreifenden und guten japanischen Film, der genau diese Thematik aufgriff: Eine alte Frau wird ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter zur Last. Man sieht, wie sich die Situation zuspitzt und sich die unheilvolle Dynamik dramatisch steigert. Schließlich trägt der Sohn seine alte Mutter zu einem Stelle an einem „heiligen Berg“, legt sie dort im Freien ab und verlässt sie. Es ist Winter, hoher Schnee und Kälte, die alte Frau stirbt. Der Sohn wird mit den Folgen seines Tuns nicht fertig…
Man muss nicht unbedingt die unheilvolle Nazi-Vergangenheit bemühen, um die Folgen einer Gesetzesänderung mit Sorge zu betrachten….

Helfende Ärzte zu kriminalisieren ist sicher nicht im Sinne einer ethisch-moralischen Grundhaltung…..
wie gesagt, ich sehe das Dilemma, bin aber dennoch gegen die ungebremste Freigabe der aktiven Hilfe bei der „Selbst“-Tötung.

4. Rika - 10. Dezember, 2014

Danke für Deine guten Wünsche, lieber Paul.
Auch Dir und Deiner Familie eine weiterhin gesegnete Zeit des Advent und alles Gute!


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