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Das Urteil zum Tuch …. 13. März, 2015

Posted by Rika in gesellschaft, Kinder - Famile, migration, schule - kinder.
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mag juristisch völlig richtig  und gut begründet sein, es geht dennoch in die falsche Richtung.

Im Iran, in Afghanistan, in der Türkei vor Erdogan, in vielen Ländern gab es einmal  Zeiten, in denen muslimische  Frauen sich ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit frei bewegen konnten. Erst die rigide Auslegung des Koran unter den Mullahs in Iran, den Taliban in Afgahanistan und die Kehrtwende unter Erdogan in der Türkei zwangen Frauen dort unter die Tücher. (Wobei in  der Türkei „das Kopftuch“ meiner Wahrnehmung nach in großen Städten von prozentual weniger muslimischen Frauen getragen wird als in den größeren Städten hierzulande.

Warum sollen Frauen in unserem aufgeklärten Deutschland aber diesem Zwang ausgesetzt sein – und sage mir niemand, dass es gar keinen Zwang gebe   (Die Schule in Neu-Ulm lässt grüßen aus der Ferne!) Und was ist von den Muslimas zu halten, die das Ding demonstrare ad oculi spazieren führen, nicht weil sie besonders fromm sind, sondern weil sie sich ganz bewusst von der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft abgrenzen und abwenden wollen. Das alles wird von dem Urteil  aber in Zukunft abgedeckt. Den Preis bezahlen die Mädchen und Frauen, die aus den alten Traditionen ausbrechen wollen und nicht dürfen und denen muslimische, Kopftuch tragende Lehrerinnen künftig als „Vorbild“ vor die Nase gesetzt werden.

Das macht mich fassungslos.

Und noch etwas ärgert mich zutiefst:

Die Ausführung dieses Urteils bleibt doch an den Leuten an der untersten Stelle der Verantwortlichkeit  hängen, an den Schulleitern, die nun auch noch darüber entscheiden müssen, ob der Schulfriede durch eine Kopftuch tragende Lehrerin gestört wird oder nicht.

Ich sehe es schon vor meinem geistigen Auge: Lehrerzimmer einer mittelgroßen Grundschule, 18 Frauen, 3 Männer….  Zwei der Frauen beschließen aufgrund des Urteils, das Kopftuch nun auch außerhalb des „Reli“ zu tragen… 3 Kolleginnen ist das gänzlich egal, 4 sind pikiert, 4 weitere stimmen jubelnd zu und der Rest mag sich nicht äußern, um nicht als rassitisch, islamophob oder unkollegial zu gelten. Die Männer finden Haare zwar auch attraktiver als Tuch, halten aber die Klappe…  Die Zustimmung in der Elternschaft ist dürftig, die Ablehnung größer und das Murren hebt an. Unter den Schülerinnen nimmt das gegenseitige das Mobbing zu…

Nun soll die Schulleitung es richten…. als hätte die nicht schon genug an der Backe!

Nein, dieses Urteil ist zwar (vermutlich)   juristisch einwandfrei, aber pädagogisch vollkommen unsinnig.  Wer aber ist für Schule zuständig?

Richtig, Pädagogen sind es , Lehrerinnen, Lehrer und im besonders günstigen Fall auch  weitere pädagogische Fachkräfte, Sozialpädaginnen*** und Sozialpädagogen, Erzieherinnen, Erzieher.

Ihnen erweist  man mit diesem Urteil einen Bärendienst.

———————————————————————-

***Eine der Klägerinnen ist Sozialpädagogin, in unseren Medien ist aber wieder einmal ungenau berichtend von „zwei Lehrerinnen“ die Rede, wobei ich noch nicht ganz genau nachgelesen habe, ob das Urteil nur für die angestellten Personen gilt (die Klägerinnen waren nicht Beamtinnen) oder für alle im Schuldienst arbeitenden weiblichen Personen.

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Kommentare»

1. Paul - 14. März, 2015

Hallo Rika,
für mich hat dieses Urteil noch ein anderes Geschmäckle.

Zunächst gab es mal das christliche Abendland.
Mit der Aufklärung begann die Entchristlichung, die sich linear bis heute fortsetzt.
Wulff’s: „Der Islam gehört zu Deutschland“, ist für mich der Beginn der Islamisierung Europas, die sich Schritt für Schritt fortsetzen wird. Das Kopftuchurteil ist wieder ein kleiner Schritt.
Ich glaube nicht daran, dass dieser Prozess umkehrbar ist. Er lässt sich verlangsamen, aber nicht stoppen und schon garnicht umkehren.

Es scheint eine Gesetzmäßigkeit zu sein, dass junge Religionen dynamischer sind, als alte. Auch das Christentum hat mal als jüngere Religion die älteren Religionen aus Mitteleuropa vertrieben.

Das ist wohl der Lauf der Zeit.
Froh bin ich, dass ich das alles nicht mehr erleben werde.

Herzlich, Paul

2. Rika - 14. März, 2015

Bei chrismon hat Eduard Knopp so kommentiert:

Zeitzeichen: http://chrismon.evangelisch.de/artikel/2015/ein-beitrag-zum-religionsfrieden-30987

Daraus dieses (lange) Zitat:
“Das neue Kopftuchurteil beruht auf einer unhinterfragten, fragwürdigen Prämisse: Der Koran schreibe das Kopftuchtragen vor. So pauschal hat es die (deutsche) Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB), die vom Religionsministerium in Ankara finanziell und personell abhängig ist, dem Gericht mitgeteilt: Es gebe ein klares religiöses Gebot „definitiver Qualität“ für alle Frauen, ein Kopftuch zu tragen (zitiert in Ziffer 74 des Gerichtsbeschlusses). Da wundert es einen nicht, dass muslimische Schülerinnnen, die kein Kopftuch tragen, von ihren Mitschülerinnen als ungläubig kritisiert werden. Diese Kritik trifft, wie Beispiele aus Frankfurt am Main zeigen, nicht zuletzt die alevitischen Muslime, die keine Kopftuchpflicht kennen und genau dies auch dem Verfassungsgericht mitgeteilt haben (Ziffer 68).

Richtig ist: Allenfalls ein Teil der muslimischen Welt kennt ein Kopftuchgebot. Doch diese Haltung übernehmen eins zu eins die Richter als Grundlage ihres Beschlusses. Ob das Kopftuch religiös vorgeschrieben ist, darf das Bundesverfassungsgericht tatsächlich nicht entscheiden. Denn was Inhalt ihrer Religion ist, das können nur die Religionsgemeinschaften selbst festlegen. Es wäre unerträglich, wenn Richter den Religionsgemeinschaften erklären würden, was zu glauben ist. Aber dadurch, dass sie das strittige Kopftuchgebot in ihr Urteil einbauen, übernehmen sie es zugleich auch wieder.

Als Theologe und Journalist darf man durchaus zugespitzter formulieren als ein Verfassungsrichter. Und deshalb muss ich sagen: Wenn die Klägerinnen, eine Lehrerin und eine Sozialarbeiterin einer Schule, behaupten, dass sich die Kopftuchpflicht aus dem Koran herleitet, dann sind bereits große Zweifel an ihrer theologischen Bildung angebracht – vor allem an ihrer Bereitschaft, historisch-kritisch zu arbeiten, das heißt Textquellen auch kritisch zu interpretieren. Sie stellen damit die wissenschaftliche und methodische Basis, auf der unsere europäische Bildung und ihre eigene Lehrerausbildung ruhen, grundsätzlich in Frage. Die Richter machen es sich erstaunlich einfach, wenn sie von einem “imperativen religiösen Bedeckungsgebot” sprechen. Die Kläger hätten “substantiiert” dargelegt, dass es hier um eine Frage der Religionsfreiheit nach Artikel 4 des Grundgesetzes gehe. Wenn die Richter das nun übernehmen, urteilen sie eben doch in religiöse Fragen hinein. Wie anders wollten sie sonst festlegen, was eine “substantielle Begründung” ist?”
……
und weiter:
“uristisch mag nach dem Richterspruch nun einiges geklärt sein, pädagogisch, politisch und religiös aber nicht. Verhoben haben sich die Richter vor allem in diesem Punkt: Sie argumentieren, das Kopftuch der Lehrerin sei als solches keine Einflussnahme auf die Schüler/innen, diese käme erst, wenn sie verbal für ihre Position oder ihren Glauben werben. Wie naiv ist denn das? Ist Kommunikation nicht mehr als Worte? Schon einmal davon gehört, dass auch Bilder eine Wirkung erzeugen – zum Teil eine stärkere als Worte? Dass Schülerinnen Lehrerinnen imitieren? Dass muslimische Eltern ihre kleine Tochter, die noch nicht geschlechtsreif sind, mit Kopftuch in die fünfte Klasse einer Schule schicken, weil sie es von der Lehrerin vorgemacht bekommen? Wer fragt denn nach der Religionsfreiheit dieser jungen Schülerinnen? Und warum sitzen in Mittelstufenklassen Schülerinnen, die ihren Lehrerinnen erklären, sie wollten eigentlich kein Kopftuch tragen, würden aber von ihren Familien dazu aufgefordert?

Im Norden von Frankfurt am Main kam eine Mittelstufenschülerin, die von ihrer Familie zum Kopftuchtragen gezwungen wurde, erst nach einem Aufenthalt in einem psychiatrischen Krankenhaus wieder zu sich – und danach ohne Kopftuch zurück in die Schule…”
…..

und weiter heisst es: ”

Interessant ist das Minderheitenvotum zweier Karlsruher Verfassungsrichter (Ziffer 11): Die Betroffenheit, die Wirkung auf Eltern und Schüler seien in dem Gerichtsbeschluss „nicht realitätsgerecht“ bewertet. Es gebe nämlich ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis der Schüler von den Lehrern und Pädagogen. Schüler seien den religiösen Bekundungen in der Schule weitaus stärker ausgesetzt als gegenüber solchen im gesellschaftlichen Alltag. Das sind Bemerkungen, die man im Hauptduktus des Beschlusses schmerzhaft vermisst.”

und so schließt der Kommentar:

“Man kann den Karlsruher Verfassungsrichtern keinen Vorwurf daraus machen, dass sie sich in den engen Bahnen der juristischen Würdigung bewegt haben, dabei die sozialen und pädagogischen Folgen ihrer Entscheidung aber grandios übersehen. Es ist ein formal sauberer, rein legalistischer Beschluss – weitgehend frei von pädagogischer, sozialer und theologischer Sachkenntnis. Aber ist es die Stärke dieses Rechtssystems, dass es die Ebenen nicht vermischt. Ob dieser Gerichtsbeschluss zum Schulfrieden beiträgt, das steht in den Sternen.”

Dem schließe ich mich an.


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