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Hospizarbeit…. 26. Mai, 2015

Posted by Rika in familie, gesellschaft, hilfe!.
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Gestern war ich zum ersten Mal nach einem Jahr wieder in dem Hospiz in Bad Münder.

Das ganze Haus und seine Umgebung atmet die Schönheit, Fülle und den Wohlklang des Lebens –  und doch ist die Bestimmung dieses Ortes das Sterben.

Schwerstkranke verbringen hier die letzten Wochen und als Sterbende die letzten Tage und Stunden ihres Lebens  –    liebevoll, aufmerksam, ruhig und professionell gepflegt. Ihrer Würde, ihren Wünschen und ihrem Willen wird aufmerksam und achtsam begegnet. Keine Hektik, kein erkennbar organisatorisches MUSS,  kein Zwang für die Gäste*, einer Verordnung oder Vorschrift entsprechen zu müssen. Keine festgelegte Besuchszeit für Angehörige und Freunde, kein Gefühl  für die Besucher, ein Störenfried des ordentlichen Ablaufs zu sein.  Alles wird den Sterbenden und ihren Bedürfnissen untergeordnet.

Das  Haus ist hell, freundlich, klar und einladend  gestaltet – und zugleich zweckmäßig und praktisch für diejenigen, die dort Pflege, Versorgung und Betreuung leisten. Neben den hauptberuflich Pflegenden helfen Ehrenamtliche im Hospizdienst. Sie besuchen auf Wunsch und nach Absprache die Gäste*, deren Angehörige in größerer Entfernung wohnen und / oder durch Beruf und Familie nur wenig Zeit haben, die Sterbenden zu begleiten.

Und auch die Besucher, die Angehörigen und Freunde werden einbezogen in diese fürsorgliche Welt der Betreung….   Getränke stehen bereit – Wasser, Saft, Tee, Kaffee -, Gebäck, ein kleiner Imbiss, Obst.  Im Foyer laden Sessel zum Verweilen ein, Bücher bieten Ablenkung, leise Musik trägt zur Entspannung  bei. Im Raum der Stille findet man Ruhe und  Angebote zu Meditation.  Im Sommer ermöglicht  die Terrasse den weiten Blick in die Landschaft, kann man im gepflegten Garten ein wenig herum spazieren, den Vögeln zuhören, auf einer Bank ruhen…

Und so dient das Haus zugleich den Lebenden, den Angehörigen nämlich, die  nicht zu dem schmerzhaften Prozess des Abschiednehmens auch noch die Bürde der Pflege  tragen und  ertragen müssen.

So ganz anders war mein Erlebnis am Tag zuvor.

Im Rahmen meiner ehrenamtlichen Mitarbeit im ambulanten Hospizdienst begleite ich seit Februar eine alte Dame in einem großen Pflegeheim. Auch das Haus macht (zunächst) einen freundlichen und gepflegten Gesamteindruck. Auch in diesem Haus werden die  Menschen in aller Regel auch sterben.  Auch in diesem Haus werden Menschen gepflegt.

Das Zimmer der alten Dame  ist klein und wenig freundlich eingerichtet. Das Pflegebett dominiert den Raum, die drei privaten Einrichtungsgegenstände bieten einer eher trostlosen als anheimelnden Anblick. Familienbilder hängen halbschief in einem Bilderrahmen, dessen zersplittertes Glas davon zeugt, dass er wohl vor nicht allzu langer Zeit heruntergefallen sein muss und dann einfach so wieder an die Wand gehängt wurde.  Der Ferseher – ein riesiger Flachbildschirm – dudelt fast immer wenn ich komme, irgendeine schreckliche Trashsendung wie „Shoppingqueen“ oder „Restaurantretter“ läuft, aber die alte Dame kann von der Position in ihrem Bett aus das Bild gar nicht sehen, ist nur diesem unerträglichem Geschwätz ausgesetzt („Damit sie sich nicht so allein fühlt“, wie man mir gleich zu Anfang meines Besuchsdienstes mitteilte.)! Mein Versuch, einen anderen weniger trashigen Sender zu finden, schlug fehl…. woran auch immer es liegen mag. Vielleicht sind alle Zimmer an die hauseigene Sateliten-Versorgung angeschlossen?  Und natürlich stelle ich das Ding aus, wenn ich die alte Dame besuche.

Am Pfingstsonntag war sie sehr schwach. Sie atmete kaum noch, reagierte nicht auf mich und nahm mich wohl auch gar nicht wahr. So setzte ich mich nur still an ihr Bett und streichelte ganz sacht ihren Arm, ihre Hand.

Plötzlich wird mit einem lauten Knall die Tür aufgestoßen. Die Pflegerin kommt ins Zimmer. Reißt – ohne Rücksicht darauf, dass ich als familienfremde Besucherin am Bett sitze –  die Bettdecke von der alten Dame (die darunter nicht bekleidet ist!), fährt das Kopfteil des Bettes runter und zerrt die arme Frau an den Schulter so weit an das obere Bettende, bis diese fast mit dem Kopf oben anstößt. Dann macht sie sich an der alten Dame zu schaffen….

Ich habe mich sofort mit dem Aufdecken   beinahe fluchtartig in die äußerste Ecke  des kleinen Zimmers verzogen –  irgendwie unfähig, etwas gegen dieses Tun zu unternehmen.   Die Pflegerin hat  kein Wort an mich gerichtet und mich auch nicht gebeten, vorübergehend den Raum zu verlassen (so habe ich es im Hospiz in Bad Münder erlebt und so bin ich es auch gewohnt von der Pflegeeinrichtung, in der meine Eltern bis zu ihrem Tod lebten!) Die alte Dame ist immer noch nicht vollständig wach.  Es sieht so aus, als wolle die Pflegerin ihr das Essen anreichen  eintrichtern. Das kann ich nicht auch noch ertragen, nehme meine Sachen und verabschiede mich von der alten Dame und auch von der Pflegerin. Die wünscht mir „Frohe Pfingsten“….

Ich wollte keinen Aufstand machen, denn das wäre es geworden, wenn ich auch nur ein kleines Wort gesagt hätte, so entsetzt war ich und gleichzeitig so wütend.

Natürlich weiß ich, dass die Pflegekräfte über das Maß ihrer körperlichen und psychischen Belastbarkeit hinaus gefordert und damit auch ausgebeutet werden, zumal an einem Sonntag, wenn ohnehin nicht alle eigentlich  nötigen Kräfte im Dienst sind. Ich weiß auch, dass es nicht böser Wille ist, der die Pflegerin derart rabiat zu Werke gehen lässt. Mir schien sie wie in einem Tunnel zu sein, nur auf die anstehende „Arbeit“ konzentriert und eben nicht auf den „Menschen“, der da vor ihr hilflos im Bett lag.

Und dennoch:

So geht es nicht!  Das geht gar nicht! So möchte ich nicht behandelt werden. So möchte ich nicht enden!

Ich will und werde die Pflegerin trotzdem nicht anschwärzen, denn auch sie ist ein „hilfloser Mensch“. Hilflos einem System ausgeliefert, das wir „Pflege“ nennen, das diesen Namen aber nicht verdient hat. Ich werde  Kontakt aufnehmen zu einer Vertrauensperson, die die geschilderte Situation als „generelles Problem“ ansprechen kann, um vielleicht doch wenig Änderung zu erreichen.  Denn dieser würdelose Umgang mit pflegebedürftigen Alten ist ein  generelles Problem. Das wurde mir während der mehr als zwei Jahre  bewusst, in denen ich meine Eltern mehrmals wöchentlich in der Pflegeeinrichtung besucht hatte. Und auch in diesem Heim, in dem ich  die alte Dame zweimal wöchentlich besuche , hatte ich schon einmal erlebt, dass eine Pflegerin ohne anzuklopfen mit Schwung ins Zimmer kam und dann ganz entsetzt war, als sie mich am Bett vorfand. „Normalerweise klopfe ich immer an!“ sagte sie mir. Ich würde ihr gerne glauben…. aber, aber, aber!

„HERR, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden!“ heißt es in einem Text der Bibel (Psalm 90,12)

Selbst wenn man nicht fromm ist und keinerlei Gedanken  an die Ewigkeit oder die Auferstehung verschwenden will  und deshalb „klug werden möchte“, so sollte das Diesseits doch Anlass genug sein, über den Satz gründlich nachzudenken.

Wir alle müssen sterben. Die meisten von uns möchten aber auch alt werden. Und ganz sicher möchte  niemand als hilfloser Kranker oder hilfloser Alter unter würdelosen Umständen vegetieren und erbärmlich sterben.

So will ich diesen Satz ergänzen: Hilf uns HERR, barmherzig zu werden mit den Alten, Schwachen und Kranken und für sie gut zu sorgen, wie es der Würde ihres Menschseins entspricht.

Und etwas drastischer als Appell an uns alle formuliert:

Setzen wir uns massiv dafür ein, dass die hilfsbedürftigen Menschen unter uns anständig versorgt werden.

ANSTÄNDIG !    –   Als Menschen und nicht als Sachen, die man irgendwie noch halbwegs in Ordnung hält! (Manch Oldtimer wird liebevoller versorgt und umhegt als der alte Opa, dem der Oldtimer mal gehört haben mag….)

Es kostet uns was…. finanziell und ideell.

Was sind „wir“ uns wert wenn wir mal sterben?

Alle Hospize sind auf Spenden angewiesen:

Hospiz Bad Münder

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Kommentare»

1. Tamara - 26. Mai, 2015

Es ist immer wieder schlimm, solche Schilderungen zu hören. Es macht mich traurig. Erst vor ein paar Wochen hat mir ein Bekannter ähnliches aus der Altenpflege berichtet. Jeder Mensch hat ein Recht auf Würde, im Pflegebereich wird das oft vergessen. Sicherlich hängt das oft mit Überlastung des Personals zusammen, aber das ändert nichts daran, dass Jeder selbst entscheidet, wie er mit dem Patienten umgeht. Es gibt wirklich viel zu tun, vieles sollte sich ändern, damit Patienten (ob alt, behindert oder sterbend) würdevoll, respektvoll und menschlich behandelt werden. Wir dürfen nicht vergessen: Heute sind es „die anderen“, morgen betrifft es uns.
Danke für deine Erzählung!

Liebe Grüße,
Tamara

2. Paul - 27. Mai, 2015

Liebe Rika,
vielen Dank für Deinen mich sehr berührenden Beitrag.
Auch ich sehe schon das Licht am Ende des Tunnels und es wird jeden Tag größer und heller.

Haben nicht die Geburt und das Heranwachsen eines Menschen viel Ähnlichkeit mit dem Altern und Sterben? Nur eben in umgekehrter Reihenfolge. So wie zu Beginn des Lebens die Fähigkeiten und die Kontrolle über die Körperfunktionen zunehmen, so nehmen sie am Ende des Lebens ab.
Jeder der gesehen oder erlebt hat welche Behaglichkeit beim Säugling, selbst beim Neugeborenen durch die körperliche Berührung ausgelöst wird, möchte gerne auch in der körperlichen Nähe eines Anderen sterben. Mir geht es jedenfalls so. Nichts wäre für mich schlimmer als einsam sterben zu müssen.
Deshalb bete ich immer um eine selige Sterbestunde.

Herzlich, Rika


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