jump to navigation

Grenzland…. 3. Oktober, 2016

Posted by Rika in aus meinem kramladen, gesellschaft.
Tags: , , ,
trackback

In den 70er Jahren arbeitete ich als Fachlehrerin an einer „Sonderschule“****   in Nordhessen, der  Liebste an einer Bildungseinrichtung  in Göttingen.

Göttingen – diese wunderbar junge, alte Universitätsstadt,  von Heine  in seiner „Harzreise“ folgendermaßen geschmäht :

„Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh; welche vier Stände doch nichts weniger als streng geschieden sind. Der Viehstand ist der bedeutendste. Die Namen aller Studenten und aller ordentlichen und unordentlichen Professoren hier herzuzählen, wäre zu weitläufig; auch sind mir in diesem Augenblick nicht alle Studentennamen im Gedächtnisse, und unter den Professoren sind manche, die noch gar keinen Namen haben. Die Zahl der Göttinger Philister muß sehr groß sein, wie Sand, oder besser gesagt, wie Kot am Meer; wahrlich, wenn ich sie des Morgens, mit ihren schmutzigen Gesichtern und weißen Rechnungen, vor den Pforten des akademischen Gerichtes aufgepflanzt sah, so mochte ich kaum begreifen, wie Gott nur so viel Lumpenpack erschaffen konnte.“  (Quelle)

Nichtsdestotrotz entschieden wir uns, die gemeinsame Wohnung in Göttingen zu errichten, schienen uns die diversen Studentenkneipen, Schenken, Theater, Kinos und Kellerclubs doch mehr Möglichkeiten der Freizeitgestaltung zu bieten, als ein nordhessisches Dorf mit ähnlich großem Viehbestand wie von Heine in Göttingen ausgemacht.

Und so fuhr ich jeden Morgen in das kleine Dorf am Fuße des Hohen Meissners und passierte dabei die Stelle meiner Fahrstrecke, an der die innerdeutsche Grenze in weniger als 400 Meter Entfernung verlief:

Wachtürme….  stets frisch gepflügter breiter Streifen …. Grenzzaun….

Im Werratal der „Zweiburgenblick“ Ludwigstein und Hanstein …. nur ein Steinwurf weit auseinander und doch unerreichbar die eine Burg – der Ludwigstein –  für sie, die Ossis. Für uns Wessis bestand immerhin die Möglichkeit,  nach der  1972 ausgehandelten „Verkehrseinbarung“  im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs  das Land hinter der Grenze zu besuchen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es uns auch möglich gewesen wären, Burg Hanstein zu erreichen, da die Burg ja im noch strenger gesicherten unmittelbaren Grenzbereich lag, der auch für DDR-Bürger nur mit einer Sondergenehmigung zu befahren war.

Das Unbehagen angesichts der Grenze hat mich in all den Jahren nie verlassen.

Dann brachen wir unsere Zelte in Göttingen ab und zogen etwas weiter nordwärts . Die Grenze war für mich nun  nicht mehr täglich sichtbar, aber dennoch immer präsent, hatten wir doch Freunde in Berlin und  Verwandte im DDR-Land.  Transit-Abkommen und Besuchserleichterungen ermöglichten die relativ ungestörte „Durchreise“  nach Berlin  –  sieht man davon ab, dass die Kontrolle am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn höchst unangenehm sein konnte, wenn man  verbotenes Schriftgut mit sich führte –  und man für  die Besuche bei den Lieben  beispielsweise die Weihnachtsgeschenke hübsch verpackt hatte und die kontrollierenden DDR-Grenzer den Inhalt der Päckchen genauer unter die Lupe nehmen wollten….

Und dann passierte das Wunder.

Der Fernseher lief noch und eigentlich war ich auch  schon im „Zubettgehmodus“, als ich mit ungläubigem Staunen die Bilder vom Grenzübergang in Berlin sah….   Die Mauer war noch nicht „weg“, aber sie hatte ein Loch. Ungeplant und unbeabsichtigt und nicht wieder verschließbar.

In den Tagen darauf gingen wir mit den Kinder auf eine nahegelegene Brücke über die A2 zum „Trabbi-Winken“. Welch eine grenzenlose Begeisterung für die vielen, vielen Menschen, die die Gelegenheit nutzten in den Westen zu fahren und mit ihren Trabbis auf der Autobahn unterwegs waren, mit abgeklappten wedelnden Scheibenwischern….  Das ist mir unvergessen.

Ebenso die Debatten darüber, wie es nun weitergehen sollte mit der BRD und der DDR.

Zum Tag der Einführung der Einheitswährung waren wir mit den Kindern  im Nordhessischen, überquerten die Werra auf einer neu errichteten Notbrücke und feierten mit den Bewohnern des Dorfes am anderen Ufer den „Untergang der Ostmark“, d.h., wir wurden eingeladen zu Brause, Bier und Wein.  Die Leute hatten die Getränke mit ihren  letzten (?)  Beständen der „Ostwährung“ erworben.

Im vorigen Jahr bin ich aus nostalgischen Gründen meine alte Schulfahrstrecke  von Göttingen ins Hessische abgefahren….

Wo verlief die Grenze? Wo standen die Wachtürme, wo der Zaun?

Mit größter Selbstverständlichkeit fahren wir heute durch Deutschland, von Hannover nach Leipzig, von Göttingen nach Eisennach, und von Ost nach West.

Die inneren Grenzen gibt es nicht mehr, die Schrecken der Teilung sind überwunden. Wir Wessis und Ossis sind uns erst näher gekommen und dann nahe geworden.

Grund zur Freude.

Grund zu Dankbarkeit.

Grund genug auch zu feiern… dieses unerwartete Geschenk der Einheit.

Wir sollten  uns das nicht vermiesen lassen – nicht durch Schreihälse und Protestierer aus rechten wie linken Lagern,  nicht von Meinungsüberwachern und Mundtotmachern seitens der Regierung und / oder der Medien.

Die Freiheit, und ganz speziell die Meinungsfreiheit,   die wir alle genießen und auf die wir uns alle berufen können, gilt unteilbar für „gute“ und „schlechte“ Ansichten ….

Das Grundgesetz gilt allen Menschen dieses Staates und ist für alle bindend – ohne Ausnahme…

„Gott“ – so heißt es in der Bibel –    „läßt die Sonne aufgehen über   Bösen und Guten und läßt es regnen über Gerechten und Ungerechten“.

(Matthäus 5, 45   –  Verse 46 und 47  nicht zu vergessen)

 

 

 

*** Der Begriff „Sonderschule“ wurde durch die Bezeichnung „Förderschule“ ersetzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements

Kommentare»

1. Paul - 3. Oktober, 2016

Danke liebe Rika,
Du hast mir, wie so oft „aus der Seele geschrieben“.

Was für mich am meisten gezählt hat und auch immer noch zählt, ist die Meinungsfreiheit.

Natürlich kann ich mit einem Messer ein Brot schneiden und auch einen Menschen erstechen. Aber soll deshalb das Messer abgeschafft werden?

So ist es auch mit der Meinungsfreiheit. Jeder kann sie im Rahmen der Gesetze gebrauchen wie er es für richtig hält. Das tue ich auch. Wenn mir die Meinung eines anderen nicht gefällt, dann kann ich ihm widersprechen. Aber verbieten? Nein.

Herzliche Grüße, Paul

PS:
Der Tapfere im Nirgendwo hat gerade eine ganze Serie von an ihn gerichteten Hassmails rezitiert und damit einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ich muss gestehen: Habe mir zwei angehört, dann ging das nicht mehr. Ich halte sowas nicht aus. Bin eben ein Sensibelchen. Denn Rest habe ich nur noch quer gelesen. Mehr ging nicht. Aber verbieten? Das bringt doch auch nichts. Allerdings bin ich der Meinung, dass die Verfasser nicht wirklich so denken, sondern nur gezielt provozieren wollen. Denn so kann m.E. ein normaler Mensch nicht denken. Früher haben diese Menschen in öffentlichen Toiletten an die Wand geschrieben. Jetzt benutzen sie die neuen Medien.

2. Rika - 3. Oktober, 2016

Ja, lieber Paul, ich stimme Dir zu.
Der Tapfere hat viele gute Texte geschrieben, die ich immer mit Gewinn lese… auch wenn sie manchmal ganz schön hart sind.
Mit Verunglimpfungen und Anfeindungen müssen alle Menschen rechnen, die ihre Meinung veröffentlichen, der Tapfere hat auch darüber geschrieben. Wenn es aber um Morddrohungen geht, endet die Freiheit der freien Rede.

Meinungsfreieheit hört da auf, wo offen zu Gewalt, zu Mord und Totschlag aufgerufen wird und dafür haben wir Gesetze, Staatsanwälte und Gerichte.

3. Rika - 3. Oktober, 2016
4. caruso - 4. Oktober, 2016

Liebe Rika, Du hast es wieder einmal sehr schön beschrieben. Und ja,
laßt euch den Tag der Einheit nicht vermiesen. Dafür ist er zu wichtig,
zu bedeutungsvoll. Für mein Gefühl hat erst an diesem denkwürdigen Tag der Zweite Weltkrieg geendet. So.
lg Dir und Deiner l. Familie
caruso


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: