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Was waren das für Zeiten…. 29. August, 2017

Posted by Rika in aus meinem kramladen.
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als man nämlich die Uhr nach den vorbeifahrenden Zügen stellen konnte …. pünktlich auf die Minute.

Die Bahn – damals, in meiner Kindheit und Jugend – fuhr nicht nur bei jedem Wetter, sie war zu nahezu 99,9 % auf die Sekunde genau an ihrem Bestimmungsort. Ich habe oftmals als damalige „Fahrschülerin“ (so hießen die auswärtigen Schüler in der Schule) darauf gehofft, dass der Zug Verspätung haben möge und zwar eine gründliche und ordentliche Verspätung, damit ich eine Mathe- oder Lateinarbeit nicht mitschreiben konnte. Ich hoffte IMMER vergeblich.

Wie seit 31 Jahren   machte sich auch in diesem Jahr unsere Volleyballgruppe (bestehend aus Aktiven und Fans) mit dem sinnigen Namen „VC Grapbsch“  auf den Weg in ein gemeinsames  Wochenende. Die schöne Hansestadt Wismar war unser diesjähriges Ziel. Schon im Februar liefen die Vorbereitungen an. Zwei aus unserem Kreis organisierten die Fahrt, nahmen Kontakt zu Reisebüro und „Deutsche Bahn“ auf, buchten Hotel, Stadtführung, Bötchenfahrt, Gasthaus für  das abendliche Festmenü und eben auch die Bahnreise. Unsere Organisatoren können auf eine langjährige Erfahrung zurückblicken,  sind gewieft und durchaus vertraut mit plötzlich notwendigen Veränderungen in der Planung. Was sie – und wir mit ihnen –  aber in diesem Jahr erlebten, spottet jeder Beschreibung.

Eine knappe Woche vor Reiseantritt teilte die Bahn mit, die Rückreise müsse anders als gebucht verlaufen, da dringend notwendige Umbauten in einem Bahnhof die Fahrt über diese Strecke nicht möglich machen würde. Großzügig buchte die Bahn uns auf einen früher fahrenden Zug um mit den Reservierungen, die unsere Reiseleiter für die eigentliche Rückfahrt vorgenommen hatten. Nun ja, dann mussten wir die Bötchenfahrt durch die Wismarer Hafenwelten eben ein bisschen früher antreten… so what.  (Den Liebsten freute die frühere Rückfahrt, konnte er doch das erste Heimspiel der 96er in Hannover von Anfang an erleben, Beginn 18.00 h!)

Gut gelaunt und mit allen nötigen Reiseutensilien versehen trafen wir uns an Gleis 7 auf dem Hannoverschen Hauptbahnhof. Einigermaßen pünktlich rollte der IC ein, wir nahmen unsere reservierten Plätze ein. Zwei Geschäftsleute mussten dafür das Feld räumen, gaben es aber erst frei, nachdem sie die Bestätigung der Reservierung gelesen hatten. Später entdeckte einer unsere Mitfahrer, dass die Reservierung dieser beiden Plätze wie von Zauberhand an weit entfernt liegenden Fensterplätzen angebracht worden war…. Ein Schelm, der Böses dabei denkt 😉 .

An einem Freitagnachmittag von Hannover nach Wismar zu kommen, liebe Leute, ist nicht ganz einfach. Es gibt nämlich gar keinen durchgehenden Zug. Und so war Umsteigen angesagt: In Lüneburg, in Büchen, in Schwerin. Macht nichts. Zwar sind wir bis auf drei junge Hüpfer schon gut jenseits der 60 – um nicht zu sagen,  mehrheitlich jenseits der 70 -, aber doch so sportlich,  dass das  Rollen und Schleppen  der Taschen und Trolleys über lange Gänge und treppauf und treppab eher als Fitnessübung angesehen werden kann.

Mit einer netten Gruppe gemeinsam  im Zug zu reisen ist einfach wunderbar. Wir haben alle unsere kleinen „Aufgaben“ den Proviant betreffend, denn eine gute Wegzehrung bei einer stundenlangen Fahrt muss einfach sein! Und so delektierten wir uns an Häppchen und Käse, kleinen Buletten, Baguette, Nüssen,  Schokolade, Schlehentrunk und dem Gewächs des Weinstocks (dies natürlich in Maßen, das versteht sich von selbst ♥).

Glücklicherweise hatten wir unser Mahl schon auf dem Streckenabschnitt Hannover-Lüneburg genossen, denn im weiteren Verlauf der Reise war die Zeit für die jeweils zurück zu legende Etappe deutlich kürzer. Für unsere letzte Teilstrecke ab Schwerin fehlte zudem die Reservierung, was dem Gruppenhandeln  nicht unbedingt zuträglich ist.

Der Zug hielt an jedem kleinen Bahnhof …. Mecklenburg ist ein schönes Land….

Kurz vor dem Einlaufen in den Schweriner Hauptbahnhof machte uns der Bahnsprecher in seiner Durchsage nicht nur auf die Ausstiegsseite (beim nächsten Halt befindet sich der Ausstieg in Fahrtrichtung rechts / links) aufmerksam, er wies zudem darauf hin, dass der Zug in Schwerin endete und Schienenersatzverkehr (welch wunderbares Wort!) die Weiterfahrt sichern werde.

Das stand aber so nicht auf unserem Plan!

„Zur Weiterfahrt nach Wismar steht ein Bus auf dem Bahnhofsvorplatz bereit!“

Unseren Reiseleitern verschlug es die Sprache, hatten sie sich doch nach der Information über die geänderte Rückfahrt ausdrücklich bei der Bahn erkundigt, ob die Hinfahrt wie geplant  vonstatten gehen werde. „Sie wird“, hatte man ihnen zugesichert.

Der Zug war voll besetzt und wir konnten uns gut vorstellen, dass außer uns noch weitere Personen die Absicht hatten, nach Wismar oder Rostock weiter zu fahren…

Hektik auf dem Bahnsteig und noch größere an der Bushaltestelle.

Ein einziger Bus stand dort!  Mehr als hundert Menschen drängten sich vor den geöffneten Türen  und alle Leute führten mehr oder weniger sperrige Gepäckstücke mit, die nach dem Entern des Buses schnell den Gang verstopften… Geschiebe und Geschrei….  ein weiterer Bus fuhr vor, was aber Chaos und Gemenge eher noch größer werden ließ, wollten doch einige gegen die Drängelei der Einsteigenden den Bus wieder verlassen, um Platz im anderen zu finden, denn natürlich gab es nicht für alle Reisende genug Sitzplätze und die Aussicht, die Fahrt stehend zu bewältigen, war alles andere als verlockend…

Endlich ebbte das Getöse ein wenig ab, der Bus setzte sich in Bewegung und so etwas wie gemeinsamer Galgenhumor machte sich trotz drangvoller Enge  breit…  Witzeleien und Spott über die „perfekte Organisation“ und bei jedem Stopp an jedem Bahnhof, den der Zug angefahren hätte,  rief irgendjemand in die Menge: „Der Ausstieg beim nächsten Halt befindet sich in Fahrtrichtung rechts!“ Die Örtchen sind klein und die Straßen dorthin schmal und eng, an einer Stelle nicht mehr als ein Feldweg, so dass ein entgegen kommendes Fahrzeug rückwärts  bis zur nächsten Ausweichmöglichkeit fahren musste, um dem Bus Platz zu machen.

Endlich erreichten wir Wismar.

An der Bushaltestelle vor dem Bahnhof machte ein relativ unscheinbarer Aushang darauf aufmerksam, dass auf der Strecke zwischen Wismar und Schwerin am Sonntag „Schienenersatzverkehr“ eingerichtet sei.

Das stand auch nicht auf dem Plan den die Bahn für die Rückfahrt ausgegeben hatte!

11.57 h sollte am Sonntag „unser Bus“ zurück nach Schwerin abfahren. Damit war klar, dass wir wohl auf die Hafenrundfahrt verzichten müssten. Vom Hafen zum Hotel, in dem freundlicherweise unser Gepäck bis zur endgültigen Abreise aufbewahrt werden konnte und von da zum Bahnhof, das war in der vorgegebenen Zeit nicht zu schaffen.  Für den Sonntagmorgen also Plan B.

Ein ruhiger Freitagabend brachte den versöhnlichen Ausklang nach dem Chaos der Anreise und der Samstag verlief wie geplant.

Was soll ich sagen, Wismar ist wunderschön… eine beeindruckende Stadt, die ihren mittelalterlichen Stadtkern bewahrt hat und deren Häuser dank zahlreicher Stiftungen und Fördermittel ansehnlich renoviert und schmuck anzusehen sind.  Und dann die Kirchen…

Staunend standen wir in den hohen gotischen Gotteshäusern, Zeichen von Größe und Wohlstand der alten Hansestadt. Wer von uns wusste schon, dass die Nikolaikirche ein so hohes Kirchenschiff hat, dass es deutschlandweit nur von dem des Kölner Doms, des Ulmer Münsters und dem der Backsteingotik zugehörenden höchsten Kirche im Ostseeraum  – der Marienkirche in Lübeck –  übertroffen wird? Die Kirche Sankt Georg wird nach dem beinahe endgültigen Verfall durch das Bombardement im Zweiten Weltkrieg und der völligen Verwahrlosung zur DDR-Zeit erst seit rund 20 Jahren wieder instand gesetzt. Von der Aussichtsplattform aus hat man einen phantastischen Blick auf Wismar und den Hafen…  Von Sankt Marien steht nur noch der gewaltige Turm, eine einfache wenige Meter hohe Mauer ist auf den einstigen Grundmauern errichtet und zeugt von den gewaltigen Ausmaßen der im Krieg schwer beschädigten Kirche, die in den frühen DDR-Jahren endgültig gesprengt wurde ….  Wie so viele Gotteshäuser in der streng atheistisch ausgerichteten und regierten DDR. Die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Zwangssäkularisierung sind bis heute spürbar…. der Osten Deutschland ist weitgehend gottlos gemacht worden. Die wenigen bekennenden Christen hatten es zu DDR-Zeiten schwer – und viele Kirchengemeinden leiden immer noch darunter, dass die Mitgliederzahlen klein bleiben.

Doch zurück zur „Bahn“.

Vermutlich ist es nur der  Umsicht unserer Reiseorganisatoren  zu verdanken, dass wir in Schwerin ohne Hektik unsere Weiterfahrt über Hamburg nach Hannover antreten konnten.

Wer Erfahrung mit Gruppen hat  – und ich rede hier nicht von Kindern oder Schulklassen -, der weiß, dass man die Herrschaften ständig antreiben muss, will man zum festgesetzten Zeitpunkt pünktlich irgendwo sein.  Eingedenk dieser Erfahrung blies die Reiseleitung sehr, sehr früh zum Aufbruch vom Hotel. Wir hätten gut 20 Minuten am Bahnhof Zeit gehabt um auf den Bus zu warten.  Zu unserer großen Überraschung kam der Bus aber bereits nach nur wenigen Minuten. Auf unsere Frage „nach Schwerin“ folgte ein eindeutiges „Ja“!  Frohgemut stiegen wir ein… diesmal ohne Gerangel um einen Sitzplatz. Der freundlich Busfahrer erzählte unserer Reiseleitung, er habe den Weg nach Wismar so zügig zurückgelegt, dass er schon vor der festgelegten Zeit den Bahnhof erreicht habe und deshalb sei er eben auch früher als angegeben wieder weitergefahren.

Da bleibt einem doch der Mund offen!

Was, so fragten wir uns, machen nun die armen Menschen, die sich darauf verlassen haben, dass der Bus 11.57  h in Wismar abfährt? Die Frage ging auch an den Busfahrer, der in aller Seelenruhe meinte, dann müssten sie eben den Bus eine Stunde später nehmen.

Ist das zu fassen?

Dank der unvorhergesehen frühen Ankunftszeit in Schwerin, konnten wir noch ein wenig die Stadt erkunden…  und den Drachenbootrennen auf dem Pfaffenteich zuschauen.

Pünktlich fand sich die ganze Gesellschaft im Banhof zur Weiterfahrt nach Hamburg ein. Der Zug stand schon am Gleis bereit. Wir nahmen unsere reservierten Plätze in Beschlag….   dann die Durchsage:

„Die Abfahrt des Zuges verzögert sich, da  auf den Schienenersatzverkehr (Bus) aus Rostock gewartet werden muss und der Lokführer, der den Zug fahren soll, in diesem Bus sitzt!“

Vermutlich, so spekulierten wir, wäre der Lokführer pünktlich gewesen, hätte er nämlich den Bus gekriegt, der fahrplanmäßig in Wismar abfahren sollte…. just der, mit dem wir 20 Minuten früher losgefahren waren. Der arme Lokführer hatte auf den nächsten Bus warten müssen…. und kam so zu spät in Schwerin an.

DAS liebe Leute, wäre in den Zeiten der guten alten Bundesbahn nie und nimmer passiert…. da saßen noch Beamte in Führungsstäben, Fahrkartenausgaben und Lokomotiven, ließen Fahrdienstleiter die Züge zur richtigen Zeit abfahren  und keiner wäre auf die Idee gekommen, eigenmächtig irgendetwas zu verändern. Auf deutsche Beamte war halt Verlass 😉  !

Die Zeiten haben sich geändert….  aber nicht alle von uns konnten die Veränderung so mir nichts dir nichts mitmachen. In vielen Köpfen schlummern noch die Ermahnungen der preußischen Tugenden von Pünktlichkeit, Ordnung  und  Pflichterfüllung und die damit verbundene Erwartung an ein funktionierendes öffentliches Verkehrsmittel und sie sehnen sich nach der guten alten Zeit ….

Manche von uns vergessen dabei, dass es diese „Tugenden“ waren, die die gigantische Maschinerie der Nazis zur europäischen Judenvernichtung erst möglich machte.

So gesehen ist ein bisschen Chaos bei der Bahn geradezu ein beruhigendes  Indiz für die Verfassung eines Gemeinwesens, in dem preußische Tugenden nicht mehr die Hauptsache im Leben sind…

Wobei ich aber doch darauf hoffe, dass Busse und Bahnen nicht VOR der angegebenen Zeit losfahren, weil ich zu den Menschen gehöre, die immer auf den letzten Drücker….. na, Ihr wisst schon!

 

Der Meinige und Liebste freute sich über den Sieg der 96er gegen Schalke… die Partie endete 1 : 0    ! 🙂

 

 

 

 

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Kommentare»

1. Unverhoffte Begegnung…. | himmel und erde - 29. August, 2017

[…] zwar nicht oft, aber doch manchmal kommt, besonders dann, wenn alle anderen Umstände ein bisschen chaotisch […]

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2. Aus Rikas Küchenkabinett – Logik ist ein schweres Ding… | himmel und erde - 8. November, 2018

[…] Garage, aber sei’s drum. Es wird schon. Viele Millionen Autofahrer verstopfen die wenigen  funktionsfähigen Bahnen und  Busse und lernen sich so ganz neu und auch viel besser […]

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