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Sind wir wirklich so bunt, weltoffen und demokratisch? 27. September, 2017

Posted by Rika in aus meinem kramladen, gesellschaft, politik.
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Dieses öffentlich an Herrn Gauland adressierte Bekenntnis fand ich bei facebook…. eine mir sehr liebe Person hatte es weiter gegeben.

 

 

Bild könnte enthalten: eine oder mehrere Personen und Text

(Urheber des „Plakats“ ist laut facebook Sven Reitis)

Der Text ist doch wirklich gut  – oder?

Oder eben bei weiteren Nachdenken darüber doch nicht ganz so gut  wie es zunächst den Anschein hat?

„Alter Mann!“

Es fängt  damit an, dass der Schreiber dieser Zeilen entweder sich selbst oder den „alten Mann“,  den Adressaten (und unausgesprochen nicht nur alle ‚alten‘ Männer, die sich ähnlich politisch  äußern) ausnimmt aus einer Gemeinschaft, die wir bisher „Volk“ nannten.

Ich kann  aber auch  darüber spekulieren, ob der Begriff „Volk“ an sich schon ein Ausschlusskriterium ist oder als solches hier gebraucht wird, erinnert „Volk“ doch zu sehr an das „deutsche Volk“, das in der Vergangenheit zu eng und zu sehr mit „Führer“ liiert war und solche Assoziationen heute einfach nicht mehr wachgerufen werden sollten …   von „Volk“ ist man in Deutschland heute wohl wieder  zu leicht und zu schnell bei „völkisch“, und das war vor 1945 eine wichtige Vokabel, die in den Reden über Recht, „Rasse“ und Wesen  der Deutschen nicht fehlen durfte.

Dies Deutschland der Rassegesetze und völkischen Beobachter ist aber nicht einfach so mir nichts dir nichts untergegangen, wie weiland die Titanic unterging, nachdem sie einen Eisberg gerammt hatte, dies Deutschland, das einen Krieg angezettelt und sich aus purem Hass und Antisemitismus  die Vernichtung der Juden auf die Fahne geschrieben hatte, ist  niedergekämpft und niedergerungen worden unter dem Einsatz und Opfer millionenfachen Lebens russischer, englischer, amerikanischer, französischer Soldaten und ihrer Verbündeten aus nahezu allen Ländern der zivilisierten Welt.

Nein, Deutschland ist nicht „untergegangen“.

Es ist schon ein gewaltiger Unterschied ob man unverschuldet untergeht oder in einem harten und von deutscher Seite erbittert geführten Krieg („Wollt ihr den totalen Krieg?“ –  „JAAAAA!!!“) besiegt wird.

Deutschland wurde – Dank sei Gott – besiegt und damit wurde auch der politischen Macht der  bösartigen, grausamen und menschenverachtenden Ideologie des Faschismus das Ende bereitet.  Im Westen Deutschlands erlernten die Deutschen durch mehr oder weniger starken Druck der Siegermächte demokratische Strukturen, der Osten hingegen wurde formal von der Sowjetunion für „antifaschistisch“ erklärt und ächzte noch Jahrzehnte unter dem „Demokratie“ genannten real existierenden Sozialismus/Kommunismus sowjetischer Prägung,  mit Hilfe der Stasi wurde die „richtige politische Einstellung“ überwacht, Abweichler von der Norm weggesperrt  und alle Bürger durch den „antifaschistischen Schutzwall“ eingesperrt!

Aber glaubt der Schreiber der obigen Zeilen wirklich, dass „sein Deutschland“  mit dieser Vergangenheit nichts zu tun hat, dass er sich so mir nichts dir nichts  distanzieren kann von dem was Deutschland war und er nun in einem „neuen Deutschland“ fröhlich und bar jeder Geschichte leben kann?  Ist dieser seltsamen Vorstellung seine Zuordnung   „dein Deutschland“ geschuldet, das im nicht näher definierten Gegensatz zu „seinem“ oder gar „unserem“ Deutschland steht?

„Mein Deutschland ist bunt, weltoffen und demokratisch“.

Ist das so?

Und besteht das schöne neue, bunte Deutschland dann nur aus Schwarz, Gelb, Rot, Grün und Dunkelrot?  Ist „Blau“dann plötzlich keine Farbe mehr, sondern nur noch ein unappetitlicher Zustand, zum Kotzen, wie nach einer durchzechten Nacht? (By the way, nach der Farbenlehre ist BLAU unverzichtbar, will man GRÜN erhalten…  und wenn man mit den Farben im Farbkasten spielt und Rot und Grün kräftig zusammenrührt und mit etwas Schwarz anreichert, ergibt es ein sattes Braun )

Gilt weltoffen nur noch  noch für Leute mit der rechten – ähh – richtigen Gesinnung und wer bestimmt die? Oder meint „weltoffen“ eine Einladung an alle Menschen und Völker dieser schönen Welt, aber den Ausschluss Herrn Gaulands und seiner Partei und aller Menschen, die die AfD gewählt haben?

Und was ist heute demokratisch?  Ist es demokratisch, nur noch eine politische Meinung zuzulassen und sorgsam darauf zu achten, dass niemand den Boden der grünrotschwarzgelbtiefroten Gemeinschaftsideologie verlässt? Hat das Grundgesetz noch Gültigkeit, das allen NICHT verbotenen Parteien das Recht einräumt, sich an freien, demokratischen und geheimen Wahlen zu beteiligen und vor allem allen wahlberechtigten Bürgern das Recht zuspricht, in geheimer Wahl ihren politischen Willen zum Ausdruck zu bringen, indem sie einer Partei und/oder einer Person ihre Stimme geben?

Wäre es so, dass in der politischen Farbenlehre nur noch rotgrüngelbschwarztiefrot zählte, Weltoffenheit nur noch den neu zu uns Kommenden gelte aber den Abweichlern von der Farbenlehre nicht mehr und Wahlen nur noch ein Ergebnis haben dürften, nämlich das derjenigen, sie sich selber für bunt, weltoffen und demokratisch halten und alle verachtend ausgrenzen, die nicht sind wie sie, dann, ja dann würde ich den Untergang Deutschlands beklagen, eines freien Deutschlands nämlich , das sich seiner Vergangenheit bewusst ist und DESHALB so demokratisch ist wie nie zuvor.

Bei Facebook, dem ich das „Plakat“ und damit auch dieses kleine Gedankenspiel verdanke, habe ich folgende Kommentare abgegeben. Sie stelle ich hier unverändert ein, auch wenn sie etwas holperig daherkommen:

 

A:  Vielleicht sollte man wieder „mehr Demokratie wagen“, wie es einst der große Willy Brandt seiner Partei und allen deutschen Bürgern nahelegte. Mich hat das damals tief beeindruckt. Ich war jung und politisch interessiert. Inzwischen bin ich alt geworden, aber Politik interessiert mich immer noch. Allerdings bin ich bekümmert darüber, wie wenig Zutrauen so viele Leute noch in demokratische Prozesse haben und es macht mich fassungslos, mit welchem Hass und welcher Häme Menschen ausgegrenzt werden, die nicht dem „modernen Bild“ eines uniformen Staatsgedanken entsprechen. Ich entdeckte diesen Text und stelle ihn hier ein, er gibt all das wieder, was mich in der Diskussion um Rechts und Links bewegt, denn das sollten wir doch nicht vergessen: Die Linke fußt auf dem Unrecht der SED – oder besser gesagt, des Kommunismus, der viel Elend über die Menschen gebracht hat – unsere „Oma Gifhorn“ könnte ein Lied davon singen. Aber das spielt in den Medien so gut wie keine Rolle. Schon mal darüber nachgedacht, warum das so ist?

Hier nun der Text: „

»So ganz begreife ich euer Problem nicht. Es wurde mit der AfD eine Partei gewählt, die rechte Positionen besetzt, so wie wir mit den Linken und den Grünen Parteien haben, die linke Positionen besetzen. Es empören sich alle so, als hätte man der AfD die absolute Mehrheit überlassen. Die Wahl der AfD war für alle, die das stetige Abdriften der Politik nach links beenden wollen, reine Notwehr.

Natürlich gibt es bei der AfD auch extreme Rechte, aber eine Demokratie muss auch die vertragen können, sonst wäre es keine Demokratie. Wieviele der Brandflaschenwerfer aus Hamburg waren wohl Linke oder Grüne? Das war doch auch ziemlich extrem und da wird nicht so ein Aufstand gemacht. Wer eine Politik der Mitte möchte, muss auch manchmal ein Steinchen auf die rechte Seite der Waagschale legen.

Als Demokrat bin ich entsetzt, was hier im Land seit einiger Zeit abgeht. 13% haben die AfD gewählt, nicht weil sie wieder Konzentrationslager wollen, nicht weil sie sich wieder einen Führer wünschen, nicht weil sie das dritte Reich wieder aufleben lassen wollen, sondern weil sie einfach die Meinung der Linken in diesem Land nicht teilen.

Die CDU hatte vor 10 Jahren noch überwiegend die gleichen Ansichten wie heute die AfD, aber die Partei ist nach links gewandert und nicht ihre ehemaligen Wähler nach rechts.

Würde man isoliert die Meinung eines Helmut Schmidt zur Flüchtlingsfrage hören, würde man ihn auch als Nazi beschimpfen, denn der war total gegen die Zuwanderung so vieler Moslems. Das SPD-Urgestein Wehner hat schon vor langer Zeit vor unkontrollierter Zuwanderung gewarnt. Selbst die Ansichten der SPD von 1997, würde man heute als Rechts bezeichnen.

Jetzt ist mit der AfD eine Partei mit 13% vertreten, die endlich mal eine ganz andere Meinung hat. Genau das nennt man Demokratie, aber ihr bekommt hier alle Schnappatmung. 

Hört auf, die AfD-Wähler zu beleidigen und zu diffamieren, denn genau das erzeugt Hass, und Hass führt zu Gewalt. Seid Demokraten und akzeptiert, dass es Menschen mit einer anderen Meinung gibt. Teilen müsst ihr diese Meinung nicht. Aber wer es so an Respekt vor Menschen mit anderer Meinung fehlen lässt, darf selbst keinen Respekt erwarten.

Die SPD bezeichnet sich als Partei der Toleranz und sieht sich als das Bollwerk der Demokratie. Irgendwie erkenne ich das nicht. Also kommt wieder runter und reisst euch endlich mal zusammen.«“   Der Autor wollte unerkannt bleiben, heißt es.

 

B: Ach ja, das muss ich noch ergänzen…. ich bin 1980 aus Überzeugung SPD-Mitglied geworden und bin von vielen Frommen dafür verurteilt worden. Ich bin immer noch in der SPD …. auch wenn mich ihre Positionen zur Zeit überhaupt nicht mehr überzeugen, aber wenn alle weglaufen, wenn es Probleme gibt, gibt es niemanden mehr, der für Veränderung aufstehen kann. Und dafür will ich mich einsetzen: Wir müssen wieder mehr Demokratie wagen, denn für mich ist DEMOKRATIE ALTERNATIVLOS, auch wenn unsere Bundeskanzlerin den Begriff „alternativlos“ immer nur für ihre Politik reklamiert, die ich allerdings für außerordentlich alternativbedürftig halte, was nicht gleichbedeutend ist, die AfD zu wählen. Das habe ich nicht getan und werde es auch nicht tun, aber dieser fürchterlichen, hasserfüllten Hetze gegen Menschen, die aus Gründen, die ich nicht kenne und die sie auch nicht öffentlich rechtfertigen müssen, die AfD gewählt haben, werde ich mit allergrößter Entschiedenheit entgegen treten. Nicht weil ich für die AfD bin, sondern weil ich immer noch auf den alten Willy hören will: MEHR DEMOKRATIE WAGEN !!!

C: Macht euch in euren Worten und Taten nicht denen gleich, gegen die ihr antreten wollt, die Welt zu verbessern. Verachtung drängt Menschen ins Abseits, sie verstehen zu wollen, eröffnet die Möglichkeit des Gesprächs, überzeugen kann man sie nur mit dem eigenen Verhalten und der Wahrung der Würde ihres Menschseins —

(Ich verlinke hier nicht auf den urspünglichen Facebookbeitrag, bei dem ich kommentiert habe, weil es die Seite einer anderen Person ist.)

 

In Ergänzung habe ich bei FB auch noch einen Link weitergegeben, der Hinweis soll auch hier nicht fehlen

 

Schlaglichter: Deutschland hat gewählt 

Kommentare»

1. David - 27. September, 2017

Hallo Rika, ich kann nur jedes Deiner Wort dick unterstreichen und auch unterschreiben. Danke dafür.

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2. Paul - 28. September, 2017

Liebe Rika,
ich schließe mich David an.

Eine kleine Anmerkung:

In Jeder Partei gibt es Ränder die Meinungen vertreten, die vom größten Teil der übrigen Parteimitglieder nicht getragen werden.
Das gibt es auch bei der SPD und ich kann mir vorstellen, dass Du diese Randmeinungen auch nicht teilst. Aber deshalb müssen die Parteimitglieder, die diese Meinungen vertreten nicht diffamiert werden.
In Die Linke gibt es ganz absurde Randmeinungen. Die werden in den Medien kaum dargestellt. Das ist bei den übrigen Parteien genau so. Einzig bei der AfD wird eine Ausnahme gemacht: Die Randmeinungen werden so dargestellt, als wenn sie die zentrale Aussage der Partei wären. Das nenne ich unlauter.

Ich halte es genau so wie Du und achte die Meinung Andersdenkender, auch wenn ich in der Diskussion kompromisslos bin.

Herzlich, Paul

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