jump to navigation

Von Milchkannen und Fortschritt… 26. November, 2018

Posted by Rika in aktuell, aus meinem kramladen, gesellschaft, medien, politik.
Tags: , , , ,
add a comment

Unsere Bundesbildungsministerin ließ neulich verlauten, dass ein schnelles Internet nicht an jeder Milchkanne notwendig sei…

Ich fühlte mich angesichts dieser Aussage an einen alten Spruch meines Vaters erinnert, der nämlich Bezug nehmend auf den Bahnverkehr zwischen Münster und Gronau (damals noch an der Grenze zu Holland gelegen, mit Betonung auf Grenze, die damals noch deutlich gekennzeichnet und gesichert war) seufzend erklärte, die Eisenbahn  hielte an jeder Milchkanne, was das schnelle Fortkommen überaus erschwerte, ja, extrem verlangsamte, gleichsam also verunmöglichte.

Vermutlich hat auch die Ministerin einen ähnlich lautenden Seufzer vernommen, stammt sie doch  – wie ich gelesen habe – aus dem schönen Münsterland, da halten offenbar nicht nur die  Nahverkehrszüge immer noch an jeder Milchkanne, da hält man auch ansonsten wenig von Geschwindigkeit und Beschleunigung. Anders kann ich mir das Statement einer „Bildungsministerin“ von „Internet nicht für jede Milchkanne“ nun wirklich nicht erklären.

Vielleicht, so vermute ich, reicht es der Ministerin ja vollkommen aus, zwischen dem beschaulichen Münster und dem umtriebigen Berlin im Dienstwagen samt eingebautem Telefon zu pendeln und auf Reisen ansonsten zu verzichten,  so dass sie überhaupt noch niemals in die Situation gekommen ist, unterwegs mal kurz ein dringendes Gespräch via Handy führen zu müssen.

Vielleicht geht es der Ministerin ja auch so wie der Kanzlerin, die vor noch nicht allzu langer Zeit treuherzig meinte, das Internet sei Neuland, das es noch zu entdecken gelte und mit dem umzugehen man noch lernen müsse….

Die Kanzlerin hat keine Kinder, sonst hätte sie gewusst, dass schon vor vielen, vielen  Jahren viele, viele Kinder – so auch unsere – ihren Eltern, denen die Schreibmaschine als Hilfsmittel zur schnellen Erstellung von Schriften aller Art noch ausreichte, ständig in den Ohren lagen doch endlich, endlich einen PC anzuschaffen. Die lieben Kleinen wollten damit allerdings weder Texte verfassen noch wirklich Hausaufgaben erledigen – wie sie argumentativ vorbrachten -, sondern surfen und spielen. So jedenfalls kamen wir Anfang der 90er Jahre zum ersten PC, der dann ziemlich bald ans Netz gebracht wurde… (Auch zu meiner Freude, wie ich gerne zugebe!) Und wir standen beileibe nicht an der Spitze der Bewegung hin zu  Internet und weltweiter Kommunikation.

Was die Milchkannen angeht, an denen „Internet nicht von Nöten“ sei, dazu habe ich in diesem Jahr ganz vorzügliche Erfahrungen machen können:

Im Mai war ich in Israel. Es war eine wunderbare Reise. Und wunderbar war es für mich auch, dass ich meine Familie und Freunde so unmittelbar daran teilnehmen lassen konnte. In Israel gibt es nämlich das  Milchkannenprinzip. Praktisch an jedem möglichen Standort für Milchkannen – aber eigentlich überall – hat man ein gut funktionierendes Netz und im Reisebus sogar allen Fahrgästen zur Verfügung stehendes freies  W-Lan, was die Kosten für die schnelle Übertragung von „guckt mal wo ich gerade bin“ ganz erheblich drückt.

Vermutlich ungleich mehr Kühe als in Israel und somit auch  Milchkannen  hat man in Südtirol und Österreich.

In diesen schönen Ländern war ich im August.

Und was soll ich sagen? Selbst im hintersten Zipfel des imponierenden Rosengarten (weltberühmtes Massiv der Dolomiten) hat man Zugang zum „guckt mal wo ich gerade bin Internet“. Die beiden Jüngsten klettern – die Familie kriegt ein Bildchen, wir bewundern die Aussicht auf der Marmolada – der Freundin, die gerade im fernen Jerusalem weilt, wird ein Bild geschickt. Wie wollen wissen, was es mit einem Berg auf sich hat? Google gibt Auskunft, via Internet selbstredend. Und da wir im europäischen Ausland sind, kostet es nicht mehr als daheim. Fein!

Bilder von Milchkannen habe ich allerdings nicht in die Heimat oder in die Ferne gepostet… hätte ich ahnen können, dass die Bildungsministerin von Internet und Milchkannen reden würde, dann, ja dann hätte ich mit Sicherheit auch ein solches Bild gemacht, quasi  „ad oculus demonstrare“.

Jeder Urlaub geht einmal zu Ende. Und so machten wir uns auf die Heimreise. Vom schönen  Südtirol durchs nicht minder schöne Österreich  über den Fernpass Richtung Heimat …  Überall Zugang zum Netz, was auch wirklich gut war, konnte doch der Jüngste sein Smartphone als Wegbeschreiber und Routenberechner zum Einsatz bringen und ich die Langeweile des Mitfahrens  (die Strecke kenne ich inzwischen in- und auswendig)  mit Surfen in den bekannten Netzwerken überbrücken, denn schließlich kann man sich nicht unentwegt über dies und das „im Gespräch versprudeln“, wie es Eugen Roth wohl ausdrücken würde.

Dann erreichten wir die nicht mehr als solche erkennbare Grenze zwischen Österreich und Deutschland. Freie Fahrt. Keine Kontrolle.

KEIN INTERNET!!!

HURRA, wir sind wieder in Deutschland.

Merke also: Du weisst, dass du wieder in Deutschland bist, wenn dein Zugang zum Internet nicht funktioniert, du nicht in jeder Ecke, ach, was sag ich, wenn du NICHT bei der Fahrt über die  weltberühmten Autobahnen  deines schönen Heimatlandes mit dem Handy überall telefonieren kannst, von Internetzugang gar nicht erst zu reden. (In meinem Lieblingsferienort an der Nordsee muss man an manchen Tagen auf den Deich gehen, um ein „Netz“ zu haben…. tja, moderne Zeiten!)

Nun bin ich ja längst im Ruhestand. Ich bin beruflich überhaupt nicht mehr auf den Zugang zum Internet angewiesen, von daher wird mein Beispiel etwas hinken, mag auch die Frau Ministerin nicht ganz ohne Berechtigung einwenden, dass Internet sei nicht zum Vergnügen da.

Aber es ist für die Bevölkerung im Allgemeinen und für die Berufstätigen im Besonderen so etwas, wie vor gut 500 Jahren die „Taxis-Post“ für die Menschen der damaligen Zeit. Die Thurn und Taxis verdienten sich eine goldene Nase, sorgten aber auch für die reibunslose Zustellung…

Reibungslose Zustellung der Post ist heute leider auch nicht mehr gegeben, seit nämlich nicht mehr pflichtbewusste Beamte den Postdienst betreiben die noch  Recht und Ordnung per Amtseid verpflichtet waren.

Die Zeiten ändern sich.

Die Bahn ist nicht mehr zuverlässiges Transportmittel, nach der man ihrer Pünktlichkeit wegen die Uhr stellen konnte,  selbst wenn sie an jeder Milchkanne hielt.

Dass aber eine Ministerin von heute glaubt, die Zukunft mit Hilfe uralter Kommunikationsmittel gewinnen zu können, das hätte ich mir nicht träumen lassen.

Nicht als Bildungsministerin.

Nicht im Land der Dichter, Denker und Ingenieure.

Nicht in Deutschland, nicht bei uns.

 

 

Kein „himmlischer Vater“ mehr in der Kirche ? 20. November, 2018

Posted by Rika in aktuell, christsein und glaube, islam.
Tags: , , ,
add a comment

Kein automatischer Alternativtext verfügbar.

Bei facebook entdeckte ich diese schöne Werbung für die Spurensuche nach dem Gemeinsamen.

Ist dieses „Allah unser“  analog zu „Vater unser“ zu verstehen?

Es ist wirklich ehrenhaft – und ich meine das kein bisschen ironisch  –  Brücken zum Anderen zu bauen, nicht das Trennende zu betonen, sondern das Gemeinsame zu suchen.

Aber doch bitte so, dass man das Kind nicht gleich mit dem Bade ausschüttet.

Was ich damit sagen will?

Zu den zentralen Aussagen Jesu über „Gott“, wenn nicht gar zu „der“ zentralen Aussage gehört das Gebet, das er uns gelehrt hat.

Bei Matthäus lesen wir die Anleitung Jesu zum Gebet: „Wenn du aber betest, so geh in deine Kammer, und nachdem du deine Tür geschlossen hast, bete zu deinem Vater, der im verborgenen ist. Und dein Vater, der im Verborgenen sieht , wird dir vergelten. Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die von den Nationen; denn sie meinen um ihres vielen Redens willen gehört zu werden. Seid ihnen nicht gleich! Denn euer Vater weiß, was ihr benötigt, ehe ihr darum bittet. Betet ihr nun so: Unser Vater, der du in den Himmeln bist, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben; und führe uns nicht in Versuchtung, sondern errette uns von dem Bösen.“ Siehe Matthäus 6, 6 – 13 (Elberfelder Übersetzung)

 

Der Evangelist Lukas beschreibt die Szene so: „Und es geschah, als er an einem Ort war und betete, da sprach , als er aufhörte, einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Er sprach aber zu ihnen:  Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, unser nötiges Brot gib uns täglich; und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir selbst vergeben jedem der uns schuldig ist; und führe uns nicht in Versuchung.“   Siehe Lukas,11, 1 – 4 (Elberfelder Übersetzung)

 

Eine vergleichbare Anredung Allahs mit „Vater“ oder eine vergleichbare Anleitung zum Gebet weist der Koran nicht nach. Im Gegenteil, Allah mit Vater anzureden wird ausdrücklich von den hohen Geistlichen des Islam nicht erlaubt:

Ist es erlaubt, zu Allah zu sagen: Du bist mein Vater?

Inhalt der Antwort

Alles Lob gehört Allah.

Es ist nicht erlaubt zu Allah zu sagen: „Du bist mein Vater“, weil in dieser Aussage etwas Falsches erwähnt wird und in ihr ist die Trennung zwischen dem Weg der Muwahhidun (Monotheisten) und darin ist ein Vergleich zu den Juden und Christen.

So sagen die Juden in ihren Gebet: „Lieber Gott, oh unser Vater, du bist unser Vater und Erretter.“

Aus dem Buch „Hidayat al Hajara“ (Seite 138)

Und bei den Christen: „Bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid eures Vater im Himmel.“ Matthäus 5:44

Das richtigste, was der Diener über Allah, Erhaben sei Er, sagen kann ist, Ihn mit Seinen schönsten Namen und Seinen höchsten Eigenschaften zu lobpreisen.

 

 

Und Allahs Prophet Jesus (Allahs Frieden auf ihm) sagte: „Und gewiß, Allah ist mein Herr und euer Herr; so dient Ihm. Das ist ein gerader Weg.“ Surah Maryam 19:36

Es gehört sich also nicht für den Muslim, von dem Weg der Propheten abzuweichen und den Weg der Juden und Christen zu folgen und den Feinden Allahs in ihren Aussagen nachzuahmen.

Und Allah weiß es am besten.

Quelle:

Und mehr will ich dazu eigentlich gar nicht sagen. Nur so viel, wer als Christ sein Eigenes gering achtet, ja es sogar dem Anderen zuliebe verändert, wird keine Brücke zum Anderen bauen. Er wird vielmehr verhindern, dass der Andere verstehen lernt, was uns Christen wichtig und wesentlich ist.

Hätte das Plakat nicht sehr viel einfacher „Unser Allah – unser Gott“ ? fragen können?

 

 

 

 

Die hohe Kunst der Selbstdarstellung…. 12. November, 2018

Posted by Rika in gesellschaft, medien, meine persönliche presseschau, politik.
Tags: , , , , ,
add a comment

… als unverzichtbares Stilmittel in der Politik Angela Merkels.

Die Kanzlerin ist angezählt. Ihre Regierung holpert und stolpert mehr schlecht als recht seit der Bildung der großen Koalition. Keine gute „Performance“ sei das gewesen, mäkelte Andrea Nahles an  dem unglücklichen Verlauf der in Chemnitz ausgelösten „Maaßen-Krise“ und ihrer Regelung.

Nun aber dieses wunderbare Bild….

 

 

„Ein Bild fürs tumbe Volk“, dachte ich, als ich dieses zu Herzen gehende Foto zum ersten Mal sah  –   und zollte der Kanzlerin zum x-ten Mal Respekt für ihre großartige schauspielerische Leistung, mit der sie das Volk immer wieder überrascht – nein,  eigentlich muss „überrumpelt“ geschrieben werden.

Immer, wenn die Kanzlerin unerquickliche Wahrheiten oder Forderungen wie „ihr müsst das jetzt schaffen“, verbrämt als „wir schaffen das“ verbreitet, setzt sie ihr süßestes und unschuldigstes Kleinmädchengesicht auf, so wie es vor ihr wohl nur die für   ihren Seelchenblick  berühmte Schauspielerin  Maria Schell zu Wege brachte. Ein Minenspiel der Kanzlerin,  das jeweils im stärksten Kontrast zur eigentlichen, verbal vermittelten Botschaft steht.

Ich vermute, dass beinahe ALLE , Frauen wie Männer gleichermaßen auf diesen unschuldigen Engelsblick hereinfallen und augenblicklich jeden Gedanken an Kritik oder gar Angriff fahren lassen.
Es ist ihr Trick, sich als die demütig-dienende, uneitel-freundliche Frau aus dem Volk zu präsentieren, der Trick, der ihren kalten Machtanspruch vergessen und übersehen lässt. Wer kann – beim Anblick dieser Unschuldsmine – schon an politisches Kalkül, an Machtbessenheit und Ränkespiele denken?

Aber genau das ist es doch, was die Kanzlerin seit dem damaligen Antritt vor mehr als einem Vierteljahrhundert als „Kohls Mädchen“ gnadenlos und strategisch geschickt umsetzt. Macht, Macht, Macht – mit der sie Gegenspieler auskontert und ihre „alternativlose Politik“ (Energiewende, Griechenlandrettung, Flüchtlingskrise, Klimarettung,  Migrationspakt) nicht zum Wohle des Volkes umsetzt. Ich weiß natürlich, dass die persönliche  Macht unbedingt dazu gehört, will man „Politik machen“. Hat man Schröder seiner offen zur Schau getragenen Macht – „Basta“ ist das Stichwort – heftig kritisiert, so bleibt die Kritik an Merkels Alternativlosigkeit weitgehend aus.   Es ist deshalb der so gut „verborgene Machtanspruch“, der mich schon seit mehreren Jahren und zunehmend irritiert, weil er unerkannt zu großem Schaden führen kann.


Darum ein „Bravo, Frau Kanzlerin, eine bessere Performance gab es nie in der deutschen Politik!“


Performance – nicht der Inhalt zählt, die Darstellung ist alles.

 


Ganz unabhängig von meiner kritischen Bildbetrachtung, bin ich unendlich dankbar dafür, dass die Völker Europas nach dem grauenvollen Morden und Schlachten des Ersten Weltkriegs und dem noch unfassbar brutaleren Schrecken  des Zweiten Weltkriegs gemeinsam über den Gräbern der Gefallenen trauern und sich erinnern können – in der Hoffnung auf eine gute gemeinsame und friedliche Zukunft in Freiheit.

——————————————————————————————————————————

 

Bei Achgut liest man dies: Merkels Backfisch-Offensive

 

 

 

 

 

 

 

Die unerträgliche Arroganz des Herbert Grönemeyer… 10. November, 2018

Posted by Rika in aktuell, flüchtlinge, gesellschaft.
Tags: , , , , , ,
2 comments

… hat mich heute ziemlich irritiert.

„Ich halte die Flüchtlingssituation für einen Glücksfall. Weil wir endlich wieder gefordert werden, Engagement zu zeigen.“

So die Aussage des großen Barden, verewigt mit seinem Konterfei, gefunden habe ich es bei facebook.

 

„„Ach, wie gut, daß es die Flüchtlingskrise gibt, so können wir zeigen, wie gut wir sind und wie sehr wir uns engagieren können“, sagt ein in London lebender Millionär und Steuerflüchtling. Wie niederträchtig, selbstsüchtig und gemein muss man sein, um eine humanitäre Katastrophe als Glücksfall zu bezeichnen? ( @[626142051:2048:Matteo Gesualdo Corvaja])“

Da auf dem Foto als Quelle zusätzlich die faz angegeben ist und auch das Logo der ARD deutlich erkennbar in der rechten unteren Ecke prangt, gehe ich davon aus, dass es sich nicht um ein Fake handelt.

Lieber Herr Grönemeyer,

ich vermute, dass Sie aus Ihrem übergroßen finanziellen Schatz großzügig spenden und finde das auch wirklich toll. Ihr Statement hingegen ist eine bodenlose Beleidigung.

Wie? werden Sie vielleicht nachfragen.

„Weil wir endlich wieder gefordert werden, Engagement zu zeigen.“

Vielleicht sind sie ja mit den Gegebenheiten in Deutschland nicht mehr sehr vertraut und darum kommen sie zu dieser überaus arroganten Einschätzung. Wissen Sie denn nicht, dass in deutschen Vereinen, Kirchengemeinden, in Krankenhäusern, Hospizeinrichtungen, Selbsthilfegruppen, Sportvereinen jede Woche Tausende und Tausende von Menschen ehrenamtlich unterwegs sind, sich einbringen, also  „Engagement zeigen“.

Ohne diese vielen, vielen Ehrenamtlichen würde unser gesellschaftliches Miteinander nämlich gar nicht funktionieren. DAS ist es doch, was unser Gemeinwesen bisher ausmacht in  Städten und Dörfern, sich einbringen und mithelfen auf allen möglichen Ebenen und Schauplätzen.

Gestern, am 9. November,  war ich zum Beispiel mit meinem Mann in unserer Nachbarstadt. Da gibt es eine Gruppe die sich dafür einsetzt die Vergangenheit nicht im „Vergessen“ versinken zu lassen. Menschen, Frauen und Männer engagieren sich, stellen eine Gedenkveranstaltung auf die Beine, haben dafür in Archiven nachgeforscht, Bilder aus  der Vergangenheit gesucht und digitalisiert und so in einem eindrucksvollen Vortrag den von den Nationalsozialisten ermordeten Juden der Stadt ein Gesicht  gegeben und sie wieder in die Mitte der Gesellschaft  geholt. Und da gehören sie hin.

Meine Tageszeitung informierte über mehrere dieser Gedenkveranstaltungen. Glauben Sie, lieber Herr Grönemeyer, dass kleine Orte dafür hochbezahlte Eventmanager einstellen? Nein, sie bewerkstelligen das mit „Bordmitteln“, wie wir unsere (zusätzliche und nicht bezahlte) Arbeit    immer dann an meiner Schule nannten, wenn von Außen, von der Stadt, dem Ministerium, dem  Staat keine Hilfe zu erwarten war, wir aber für unsere Schüler etwas Positives organisieren wollten.

Apropos Schule. Wissen Sie eigentlich, wie viele Eltern sich im Bereich Schule ehrenamtlich engagieren, in den Klassen- und Schulelternräten,  für Schul- und Klassenfeiern, sogar   bei anstehenden Renovierungsarbeiten? Das gilt im Übrigen auch für die meisten „Kindergarteneltern“.

Woche für Woche stehen Fußballtrainer mit den Kleinen von der F-Jugend bis zu den älteren Kindern auf dem Fußballfeld – zumeist ehrenamtlich oder für ein kleines Entgeld, das mehr eine Anerkennung, denn eine wirklich „Bezahlung“ ist.  Freiwillige organisieren in den Sportvereinen das Kinderturen, die Herzsportgruppe, das Tischtennistraining oder die Leichtathletik, um nur einige der Sparten zu nennen, die der Sprotverein meines Dorfes anbietet.

Und das hat alles gar nichts mit Flüchtlingen zu tun.

Das war schon immer so.

Keine Freiwillige Feuerwehr käme ohne dieses Engagement aus, keine „Rote-Kreuz-Gruppe“ bei den Blutspendeaktionen und auch kein  THW bei den vielen Einsätzen, die die Ehrenamtlichen überall dort  leisten, wo sie gebraucht werden – und das weltweit.   Im Sommer gäbe es an Stränden und  Baggerseen keine lebensrettende Aufsicht  ohne die freiwilligen Helfer von der DLRG.

„Blaue Engel“ übernehmen in Kliniken freiwillige Dienst für die Versorgung der Patienten mit den Dingen, für die die professionellen Pflegekräfte gar keine Zeit mehr haben… sie organisieren praktische Hilfe für die, die keine Angehörigen in der Nähe haben.

In Hospizen und ambulanten Hospizdiensten engagieren sich eigens dafür ausgebildete Freiwillige. Kirchengemeinden organisieren Besuchsdienste für Alte und Kranke oder Fahrdienste für diejenigen, die nicht mehr zu Fuß, mit Öffis oder einem eigenen Auto die Kirche zu Gottesdiensten erreichen können.

Ich könnte die Aufzählung noch ellenlang fortsetzen…

UND DA REDEN SIE VON ENDLICH WIEDER ENGAGEMENT ZEIGEN?

 

Von der völlig empathielosen Aussage, „Ich halte die Flüchtlingssituation für einen Glücksfall“ gar nicht erst zu reden.

WIE kann man es für einen Glücksfall halten, dass Menschen auf der Flucht sind? Haben Sie denn überhaupt nicht nachgedacht?

FLUCHT IST KEIN GLÜCK!

Für niemanden auf der Welt.

Flucht ist Unglück, Leid, Angst, Sorge, Not, Schmerz, Verlust.

Sie sind doch ein Meister Ihrer eigenen Songtexte. Wie kann Ihnen so eine furchtbare  Textzeile passieren?

Selbst wenn Sie meinten, es sei toll, dass sich so viele Menschen für Flüchtlinge engagieren, ist Ihre Aussage völlig unpassend und daneben.

Natürlich ist es toll und ein Segen, dass so viele Menschen sich eingebracht haben und immer noch einbringen, damit das „Wir schaffen das“ der Kanzlerin nichts ins Leere laufen musste. Es ist großartig, dass Menschen in den Notünterkünften helfen, sich für die Begleitung der Flüchtlinge bei notwendigen Behördengängen engagieren, Sprachunterricht erteilen, Bekleidung in eigens dafür eingerichteten Ausgabestellen weitergeben, Kinder betreuen und Jugendlichen in vielerlei Weise das Einleben in Deutschland erleichtern.

Aber die Fluchtsituation ist dennoch kein „Glücksfall“.

„Glück“ kann man es allenfalls nennen, dass es in Deutschland immer schon Menschen gab und immer noch gibt, die sich aus religiöser und / oder humaner  Einstellung  einsetzen für andere.

Und vergessen sollte man auch diejenigen nicht, die immer wieder und nicht nur in aktuellen  Katastrophenfällen Geld spenden, um zu helfen.  Kaum eine Einrichtung    – von Rotem Kreuz, über ASB, Miserio oder Diakonischen Werk –   könnte ohne die vielen freiwilligen Spenden weiter arbeiten.

Dafür können und dürfen wir dankbar sein.

Ihre seltsamen Sprüche, lieber Herr Grönemeyer,  brauchen wir aber nicht.

———————————————————————————————————————————

(Die ständige Wiederholung der Begriffe „Engagement“ und „engagieren“ ist volle Absicht und nicht etwa mangelnde alternative Ausdrucksmöglichkeit! ♥ )

 

 

9. november 2018 9. November, 2018

Posted by Rika in aktuell.
add a comment

9. november…

novembergrau und leise ist der tag

birgt stille klage über mord und not

doch ruhige freude auch

wie kann man es ertragen

der einheit  und des tobens  zu gedenken

kann man es wirklich wagen

 

und  auch das morgen scheint nicht rosenrot

 

 

 

 

 

Gedenkstätte Yad Vashem

Hier nur zwei der vielen großen Tafeln, die an die zerstörten jüdischen Gemeinden erinnern…. ich habe sie ausgewählt von vielen, weil sie meinem heutigen Lebensbereich um Hannover und meiner Heimat im Sauerland entsprechen.

 

 

Aus Rikas Küchenkabinett – Logik ist ein schweres Ding… 8. November, 2018

Posted by Rika in aktuell, aus meinem kramladen, gesellschaft, politik.
Tags: , , , , , , , ,
4 comments

Ich stehe in meiner Küche und sollte eigentlich kochen, aber ich denke bloß so vor mich hin…

Über diesen Artikel, den ich heute bei Achgut gelesen habe : „Sachpolitik? Die irre Demontage der Autoindustrie (1)“

Ich mache mir schon länger Gedanken über die Vereinbarkeit, bzw. Unvereinbarkeit von Wohlstand einerseits und Rückbesinnung auf die Natur andererseits. Wie soll das zusammen gehen? Wie funktionieren?

Ich gehöre zu der Generation der „die Gnade der späten Geburt“ zuteil wurde, d.h. die Schrecken des Krieges habe ich überhaupt nicht mitbekommen –  da gab es mich noch nicht – und ich war auch noch zu klein, um die mageren Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik bewusst zu erleben. Mir ging es gut. Meine Eltern, Großeltern und auch der Rest der Familie gaben mir das Gefühl von Geborgenheit und einem guten Auskommen, auch wenn das Gehalt des Vaters schmal und die erste eigene Wohnung der Eltern winzig war (nach 3jährigem Zusammenwohnen mit den Großeltern und zwei Tanten in der großelterlichen Wohnung).

Es ging aufwärts mit uns allen in der Familie, die Wohnungen wurden mehr und größer, Luxusgüter wie Kühlschrank, Gasherd, Waschmaschine und , man höre und staune, auch Fernseher wurden (später) angeschafft. Einer der Onkel hatte gar ein Motorrad, ein anderer in den frühen 60er Jahren sogar einen Dienstwagen… und ein dritter war stolzer Besitzer eines Käfers. Der Erwerb dieses absoluten Luxus gelang meinen Eltern Anfang der  70er Jahre. War das toll.

Seitdem gehört das Auto auch zu meinem Leben. Käfer, Golf, Passat, waren in den folgenden Jahren „unsere“ bevorzugten fahrbaren Untersetzer, jetzt fahren wir (der Liebste und ich) Skoda und betreiben nach Jahren der „Zwei Autos“ nun innerfamiliäres Car-Sharing. Es funktioniert ganz gut, zumal wir als Ruheständler nicht unbedingt jeder ein Auto benötigen.

Und so wird uns das Schreckensszenario, das sich vor meinem inneren Auge abspielt, wohl auch nicht gar so hart treffen.

Aber alle diejenigen, die jetzt noch so unbekümmert jung und lebenslustig sind und gar nicht bemerken, was sich da für die Zukunft auftut, die wird es treffen.

Kommt es wirklich so, wie in dem Artikel beschrieben, bedeutet das nicht nur den Verlust an mobiler Flexibilität, der wäre ja irgendwie noch zu verkraften, nein, es bedeutet auch den Verlust an Arbeitsplätzen für Hundertausende. Denn machen wir uns doch nichts vor, werden keine Diesel und Benziner für den privaten Gebrauch mehr fabriziert, stehen also die Bänder still (nicht weil der Arbeiter es will, um an einen alten Slogan der Gewerkschaft zu erinnern), müssten unglaublich viele Menschen anderweitig Arbeit finden. Denn der Bau von E-Autos, so ließ ich mir von einem Experten erklären, verlangt nur ein Bruchteil der Arbeitsplätze, die jetzt für die Verbrenner gebraucht werden. Aber wo wären die erforderlichen Arbeitsplätze zu finden? Mit noch mehr Nagelstudios und Tattoo-Salons wird man die Wirtschaftskraft Deutschlands kaum erhalten – ganz abgesehen davon, dass Menschen ohne Arbeit meistens auch ohne ausreichendes Einkommen sind und für Nagelstudio, Tattoo oder  Daddelbuden ohnehin keine Geld haben. Hinzu kommt noch, dass wir ja jährlich viele Migranten aufzunehmen haben, auch sie müssen doch einen Arbeitsplatz bekommen, lägen sie doch sonst den Sozialsystemen auf der Tasche.

Schon heute jammern die Wirtschaftsweisen, dass immer weniger Junge immer mehr Alte via Rente mitversorgen müssen… nach der Stilllegung der Autoindustrie wohl auch noch immer mehr Arbeitslose…

Und sage jetzt niemand, all die vielen Verbrenner würden dann eben durch E-Autos ersetzt werden.

Energie ist das Geheimnis und der Knackpunkt.

Wenn alle Verbrenner durch E-Autos ersetzt werden, muss für diese Autos auch die nötige Energie bereit gestellt werden.

Aber wir wollen ja nach Willen der Grünen und der Regierung aus der Kohleverstromung aussteigen, wie ja auch demnächst das allerletzte AKW vom Netz gehen wird.  Sonne und Wind sollen es zukünftig richten. Doch schon heute ist klar, dass aktuell die so erzeugte Energie nicht ausreicht, um den gegenwärtigen Bedarf tatsächlich zu sichern.

Frage:  Wie soll dann die ZUSÄTZLICH von den E-Autos benötigte Energie in ausreichendem Maße sicher gestellt werden?

Ganz Schlaue – und die findet man vor allen Dingen in der grünen Fraktion – erzählen uns darum von der goldenen Zukunft ganz ohne persönlichen Fahruntersatz (in Form eines Autos). Man teilt sich die Kisten. Geht klar.

Und fährt Bus und Bahn.  Geht vermutlich nicht klar.

Das Schienennetz der Bahn ist unzureichend ausgebaut für alle die vielen Leute, die dann Bahn fahren müssten, weil sie ja kein individuelles Automobil mehr besitzen. Der öffentliche Nahverkehr ist verdammt teuer (entschuldigt bitte den Ausdruck)…. vielleicht wird sich das ja ändern oder die Rechnung geht so: was wir bisher an Anschaffung, Steuern, Versicherungen und Benzingeld fürs Auto ausgegeben haben, fließt jetzt eben in die Öffis, die sind zwar nicht ganz so  bequem und auch nicht so zuverlässig bereit wie mein Auto in der Garage, aber sei’s drum. Es wird schon. Viele Millionen Autofahrer verstopfen die wenigen  funktionsfähigen Bahnen und  Busse und lernen sich so ganz neu und auch viel besser kennen.

Und dann ist da noch das Problem mit den Brücken! Tunnel und Brücken sind marode oder werden es bald sein, umso mehr, wenn deutlich mehr Züge fahren müssen. (Die Züge brauchen übrigens auch elektrische Energie, will ich nur mal schnell noch einfügen in mein goldenes Zukunftsbild.)

Viele andere Fragen müssten auch noch in dieses Bild eingefügt werden, es würde den Rahmen meiner kleinen Glosse sprengen, darum lass ich es bei diesem einzigen Aspekt „Automobilindustrie“ bewenden.

Das Fazit, das Gerd Held in Bezug auf den zu erwartenden Niedergang dieser Industrie zieht, liest sich so:

Der Angriff auf den Diesel ist nur der erste Schlag. Da der Benzinmotor bei einer vergleichbaren Steigerung der Grenzwerte ebenfalls nicht haltbar ist und die Alternative E-Mobil weder sozial bezahlbar noch ökologisch verträglich ist, läuft der Schlag gegen den Diesel auf einen Schlag gegen das Automobil selbst hinaus. Am Ende der jetzt ablaufenden Kettenreaktion wird das Auto nur noch als exklusives Gut vorhanden sein. Der motorisierte Individualverkehr wird zum Privileg werden.

 

Ich stehe also in meiner Küche und denke so vor mich hin und frage mich und Euch, die Ihr hier lest, wie soll das also gehen mit dem gleichzieitigen  Verzicht auf  Kohle, Gas  und  Kernkraft als sichere Ernergieversorgung  und damit auch auf so Vieles, was bisher so selbstverständlich für uns war: Sichere Arbeitsplätze, hohe Mobilität, ausreichende Energie, gutes Ein- und Auskommen.

Hat die Regierung einen geheimen Plan wie wir das schaffen sollen?

 

 

 

 

Ich habs dann einfach mal geklaut. 7. November, 2018

Posted by Rika in aktuell, gesellschaft, medien, meine persönliche presseschau, politik, presse.
Tags: , , , , ,
add a comment
„Das kann höchstens ein Anfang sein“: 65 000 Besucher beim „Wir sind mehr“-Konzert in Chemnitz im September.
„Das kann höchstens ein Anfang sein“: 65 000 Besucher beim „Wir sind mehr“-Konzert in Chemnitz im September.

Chemnitz

Eigentlich wirkt Jan Gorkow nicht so, als müsse man Angst um ihn haben. Er ist 1,94 Meter groß, besitzt einen imposant massigen Körper, trägt Vollbart und kurze Hosen, auch bei Herbstwetter. „Freiheit und Hoffnung“ hat er auf eines seiner stämmigen Beine tätowieren lassen. Der 31-jährige Punksänger aus Mecklenburg-Vorpommern strahlt allein durch seine Statur eigentlich eine deutliche Botschaft aus: Man sollte sich besser nicht mit ihm anlegen.

Und doch ist es genau das, wofür Gorkow es mittlerweile auch außerhalb der Musikszene zu erstaunlicher Berühmtheit gebracht hat: Gorkow legt sich gerne an. Vor allem mit Rechtspopulisten, mit Neonazis und mit dem, was manche Wutbürger nennen. Und die wiederum legen sich gern mit ihm an. Gorkow und seine Band mit dem schrägen Namen Feine Sahne Fischfilet sind etwas, von dem man schon gar nicht mehr vermutete, dass es so etwas noch gäbe: Musiker, die mit wütenden Texten und politischer Botschaft nicht nur einen Konzertsaal in Wallung bringen können, sondern auch den ganz großen Politikbetrieb.

„Scheißzecke aus Vorpommern“
„Scheißzecke aus Vorpommern“: Christoph Sell (l) und Jan „Monchi“ Gorkow von der Band „Feine Sahne Fischfilet“.Quelle: dpa

Wenn die Band ein Konzert gibt, gibt es nicht selten Proteste von AfD-Anhängern. Beleidigungen, Beschimpfungen, Hunderte Morddrohungen seien für ihn, der „Scheißzecke aus Vorpommern“, wie er sich selbst nennt, nichts Besonderes mehr. Schon vor zehn Jahren hätten Nazis Aufkleber drucken lassen mit seinem Konterfei – mit gespaltenem Schädel. „Klar“, sagt er, „man hat auch Angst. Aber die Angst darf einen nicht lähmen.“

Feine Sahne Fischfilet ist ein Phänomen. Kaum eine Band tauchte in den vergangenen Monaten so oft in den Nachrichten auf wie die ostdeutsche Punkband. Gorkow hat schon Interviews in der „Tagesschau“ gegeben. Dabei werden die wenigsten Zuschauer ihre Musik je gehört haben.

Je erfolgreicher und bedrohlicher AfD, Pegida und andere rechte Strömungen werden, so scheint es, desto mehr Bedeutung kommt auch dieser Band aus dem Norden Mecklenburg-Vorpommerns zu. Eine Art Gegengewicht zum gängigen Klischee von den Rechten im Osten Deutschlands. Tote-Hosen-Sänger Campino, immerhin so etwas wie der Altvater des politischen Deutschpunks, sagt: „Sie sind ein lebendes Beispiel dafür, dass man Haltung bewahren kann, auch wenn man sich in einem schwierigen Umfeld bewegt und die Zeiten härter werden.“

Tatsächlich hat die Aufmerksamkeit für Feine Sahne Fischfilet viel mit ihrem Umfeld zu tun. Gorkow und seine Band wollen den Rechten in ihrer Heimat Mecklenburg-Vorpommern nicht das Feld überlassen. Sie wohnen weiterhin in ihren Dörfern – trotz Top-Ten-Charts-Platzierungen, „Tatort“-Soundtrack und neuerdings auch MTV-Music-Awards-Nominierung. Immer wieder spielt Feine Sahne Fischfilet Konzerte auch in den Dörfern im Osten, wo die AfD führende politische Kraft ist. Sie kämpfen um ihre Heimat, obwohl sie ihr eigentlich längst entwachsen sind. Und sie ecken an. Auf mehreren Seiten.

„Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass so ein Konzert höchstens ein Anfang sein kann“: Konzert gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Chemnitz am 3. September. Quelle: epd

Ein Montag in Chemnitz im September. Acht Tage sind seit der tödlichen Messerattacke dreier Asylbewerber auf Daniel H. vergangen, sieben seit der Demonstration „gegen Ausländerfeindlichkeit“ voll Hass, Hetze und Hitlergrüßen auf offener Straße. Zehntausende haben sich vor der Johanniskirche versammelt, immer mehr strömen herbei, die Bühne wirkt winzig, selbst Gorkow verschwindet fast neben den riesigen Lautsprechern. Das auf Bannern gedruckte Motto „Wir sind mehr“ ist kaum erkennbar, so gut gefüllt ist der Platz, 65 000 Menschen jubeln ihnen zu. Als Musiker kann man eigentlich nicht viel mehr erreichen. Das Erste, was Gorkow an diesem Abend ins Mikro sagt, ist: „Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass das nicht alles sein kann. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass so ein Konzert höchstens ein Anfang sein kann. Und dass verdammt noch mal mehr Menschen den Arsch hochzubekommen haben.“

Polarisierung und Provokation

Es sind Sätze, wie sie immer wieder auf Konzerten von Feine Sahne Fischfilet fallen. Keine pausenfüllenden Moderationen, sondern Ansagen, irgendwo zwischen Haltung, Härte und – das mag erst auf den zweiten Blick deutlich werden – auch Herz. „Wenn alle mutlos sind, halten wir uns fest, komm, schlag zurück – denn Angst frisst Seele auf“, singt Gorkow. Er sagt, er singe es für die, „die dann noch die Fresse aufmachen, wenn es was auf die Fresse gab“.

Sie selbst folgen diesem Motto konsequent. Nachdem Politiker der AfD und auch der CDU in Sachsen-Anhalt gegen einen Feine-Sahne-Fischfilet-Auftritt im Rahmen der „ZDF@Bauhaus“-Reihe protestiert hatten, und das Konzert daraufhin aus Angst vor vermeintlich linksradikalen Ausschreitungen abgesagt wurde, gaben sie nicht klein bei. Gorkow bezeichnete die Absage durch das Bauhaus als „auf vielen Ebenen erbärmlich“. Ein Konzert in Dessau gab es dennoch: am Deinstagabend – im ausverkauften Brauhaus statt wie geplant im Bauhaus. Organisiert hat es Feine Sahne Fischfilet in Eigenregie.

Punk, Polarisierung, Provokation – die Band selbst ist längst zum Politikum geworden – spätestens seit sie durch das Staatsoberhaupt zum Streitthema im Berliner Politikbetrieb wurde. Nachdem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Chemnitzer Veranstaltung gegen rechts auf seiner öffentlichen Facebook-Seite geteilt hatte, kam Kritik von allen Seiten. CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer (die, wie sich später herausstellte, selbst 2016 ein Festival besuchte, auf dem die Band auftrat) sagte in einem Interview: „Das, was wir wollen, ist, unsere Demokratie und unseren Rechtsstaat gegen rechts zu schützen. Und wenn man das dann mit denen von links tut, die genau in der gleichen Art und Weise auf Polizeibeamte verbal einprügeln (…), dann halte ich das für mehr alskritisch.“ (Annegret Kamp-Karrenbauer)

Gefahr für die Jugend?

Doch was stimmt denn nun? Sind die Mitglieder von Feine Sahne Fischfilet die Kämpfer gegen die Radikalisierung und den Hass? Oder sind sie selbst die Bösewichter – linksradikal, extremistisch, eine Gefahr für die Jugend, immerhin einst vom Verfassungsschutz beobachtet?

Wer Feine Sahne Fischfilet besser verstehen will, muss sich Jan Gorkows Leben erzählen lassen. Es ist weniger eine Musikerbiografie als vielmehr ein Lehrstück über Jugendkultur in der ostdeutschen Provinz.

Gorkow, von seinen Fans und Freunden nur „Monchi“ genannt, ist 31 Jahre alt, früherer Hansa-Rostock-Ultra, Sohn einer Zahnärztin und eines Bauunternehmers. Er stammt aus Jarmen, Provinz im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Ein 3000-Einwohner-Kaff, aus dem täglich einmal ein Bus Richtung Stadt rausführt. Monchi war schon immer größer, breiter und lauter als die anderen. Schon als Kind habe er selten geschlafen, „er war wie an einen Akku angeschlossen, immer auf Power“, sagen seine Eltern in der Kinodokumentation „Wildes Herz“, die Schauspieler Charly Hübner kürzlich über ihn gedreht hat.

Vom Ultra zum Punk

Zunächst floß Monchis Energie in den Fußball, als Kind ging er mit den Eltern ins Stadion, als Teenager mit den Ultras, dritte Halbzeiten inklusive. „Eine Zeit lang wusste man nicht, wo es mit ihm hinführt“, sagt die Mutter. „Er war immer vorne mit dabei“, sagt der Ex-Ultra-Kumpel. Mit 14 holten seine Eltern ihn aus dem Gewahrsam in Dortmund ab, weil er einen Polizisten angespuckt haben soll. Mit 19 bekam er zwei Jahre auf Bewährung, weil er einen leeren Streifenwagen angezündet hat. „Abgefuckte Zeit, hat mich krass geprägt“, sagt Monchi heute.

Dass der Junge mal Musik macht, hätten seine Eltern nicht gedacht, nicht einmal Monchi selbst. Die Band gründete sich gegen Ende der Schulzeit vor mehr als zehn Jahren, mehr als Zeitvertreib. In einer Gegend geprägt von alten und neuen Nazis, von den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen früher und den Rekordergebnissen der AfD heute. Vor allem rechtsradikale Musik von Landser fand unter den Jugendlichen in ostdeutschen Dörfern Anklang.

Und weil Feine Sahne Fischfilet zunächst unverfängliche Songs über Saufen und Feiern sang, kamen die – damals noch leicht erkennbaren – Glatzköpfe in Springerstiefeln auch zu ihren Auftritten. „Irgendwann musst du dich dann entscheiden, sonst vereinnahmen sie dich, du muss dich positionieren“, sagte Gitarrist Christoph Sell mal in einem Interview. Und die Jungs begannen, sich zu positionieren – in Songtexten, auf Demonstrationen, mit eigenen Aktionen. Und zwar gegen die Rechten. Aber auch massiv gegen die Polizei: „Wir stellen uns in einem Trupp zusammen / Und schicken den Mob dann auf euch rauf! / Die Bullenhelme, die sollen fliegen / Eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein!“, heißt es in dem Lied „Staatsgewalt“ von 2009.

Sie überspannten den Bogen, sie stießen an Grenzen, auch an rechtsstaatliche. Von vielen Texten des 2009 erschienen Debütalbums „Backstage mit Freunden“ distanziert sich die Band heute. Die Platte wurde zwar nicht indiziert, brachte sie aber auf den Schirm des Verfassungsschutzes Mecklenburg-Vorpommerns, wegen einer „explizit antistaatlichen Haltung“. Über die „planmäßig angelegte Beobachtung in exakten Zeiträumen von 2011 bis 2013“ wird Gorkow erst im Nachhinein in einem Brief von der Behörde informiert: „Die polizeilichen Maßnahmen sind abgeschlossen. Mit freundlichen Grüßen.“

Verfassungsschutz beobachtete

„Wir sind keine Unschuldslämmer“, sagt Gorkow heute. „Aber wenn der Verfassungsschutz mehr über uns allein zu berichten weiß als über alle rechtsradikalen Bands, die es in Mecklenburg-Vorpommern gibt, dann ist das das Allerletzte.“ Seit 2015 wird die Band nicht mehr im Verfassungsschutzbericht erwähnt – im gleichen Jahr stellt Innenminister Lorenz Caffier (CDU) im Landtag fest: „Das größte Pro­blem ist der Rechtsextremismus.“ Die Zahl der rechtsextrem motivierten Straftaten sei von landesweit 642 im Jahr 2014 auf 952 im Jahr 2015 gestiegen.

„Keinen Plan B“: Feine Sahne Fischfilet im ausverkauften Ostseestadion. Quelle: OVE ARSCHOLL

Der Ton der Band bleibt auch danach rau, die Polizei ihr Feindbild. „Helme warten auf Kommando / Knüppel schlagen Köpfe ein / Wasser peitscht sie durch die Straßen / Niemand muss Bulle sein!“, singen sie 2015 in „Wut“ – ein Text, den ein Bundespräsident nicht gutheißen kann. „Natürlich wird in Texten bewusst schwarz-weiß gemalt“, sagt Gorkow. Aber wenn jede linke Blockade bei Nazi-Aufmärschen mit Wasserwerfen von der Polizei angegriffen oder durchgeprügelt werde, habe man oft das Gefühl von Hilflosigkeit, sagt er. Und eben: Wut.

Nehmen sie es in Kauf, wenn Wut in Gewalt umschlägt? Tatsächlich macht man es sich wohl zu einfach, in der Band eine reine linksradikale Krawalltruppe zu sehen.

Landtagswahl 2016 in Mecklenburg-Vorpommern. Feine Sahne Fischfilet geht auf Wahlkampftour: „Noch nicht komplett im Arsch – Zusammenhalten gegen Rechtsruck“. Sie plakatieren und organisieren, es gibt Vorträge und Konzerte in Gegenden, wo nur noch NPD und AfD um die besten Plätze für Wahlplakate streiten. Es war Gorkow, der darauf drang, so etwas durchzuziehen. Er ist jemand, der keiner Konfrontation aus dem Weg geht – früher körperlich, heute politisch. Dafür macht er sich stets selbst ein Bild. 2016 war er mit der Hilfsorganisation MV für Kobane in Syrien, kürzlich mit der Seenotrettung Mare Liberum im Flüchtlingslager auf Lesbos.

Die Bühne ist Ventil und politische Plattform zugleich. Pogen auf Partypunk mit Trompeten und Politik. Er sei kein Sänger und habe von Musik keine Ahnung, sagt Gorkow. Dafür ist es allerdings sehr erfolgreich. Ihr neues Album „Sturm & Dreck“ stieg auf Platz drei der deutschen Charts ein. Ab Donnerstag spielt Feine Sahne Fischfilet ihre bisher größte Tour, 7000 Menschen allein in Düsseldorf, ausverkauft. Ob mit alldem ein Traum in Erfüllung geht? „Nö“, sagt Monchi, „den hatte ich nie. Aber auch keinen Plan B.“

Von Julia Rathcke


Möge sich jeder seine eigenen Gedanken machen…

%d Bloggern gefällt das: