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Zurück zum Sonntagsbraten… 23. August, 2019

Posted by Rika in aktuell, gesellschaft, meine persönliche presseschau, politik, presse.
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Die morgendliche Lektüre meiner Tageszeitung – von mir meistens liebevoll als „Käseblättchen“ tituliert – ließ mir nach kürzester Zeit den Kopf schwirren und den Kamm schwellen. (Ausgabe vom 23. August 2019)

Gleich auf der ersten Seite wurde mir vollmundig und in großen weißen Lettern auf schwarzem Grund die alles entscheidende Frage gestellt: „Wie retten wir die Welt?“  Junge Leute gehen auch in Hannover wieder für den Klima- und Umweltschutz auf die Straße, wird berichtet und weiter: „Die Politik reagiert, auf Bundesebene wie in der Stadt. Aber reicht das?“

Wie das auf „Bundesebene“ aussieht illustrieren die Seiten 2 und 3. Ein großer grüner Mittelbalken macht klar, wes Geistes Kind zukünftig alle im Bund sein müssen und die dort gestellte  Frage „Wer hat die grünste Idee?“ spitzt die Forderung nach grüner Gesinnung und Handlung noch einmal zu. Abgebildet über dem schönen grünen Balken sind unsere Lieblingsbundespolitiker, die grüne AKK, die grüne A.M., zwei grüne Gestalten, die ich auf Anhieb nicht erkenne (große Bildungslücke, ich gebe es zu), der grüne Kobold Annalena, der grüne Olaf aus dem schönen Hamburg, der grüne Söder-Bayer, der grüne Robert aus dem hohen Norden, der grüne alte Maier und last, but not least, Katja, die Grüne der Roten.

Und ober- wie unterhalb des grünen Balkens kurze Statements, die mit einer plakativ-knackigen Zeile eingeleitet werden, Beispiel: „Fleischverzicht ist Klimaschutz“ oder „Kohleausstieg – so schnell wie möglich“,  begleitet von der schönen Behauptung „CO2-Steuer – schwierig aber wirkungsvoll“. Allerdings wird auch ein kleiner Schluck Wasser in den schönen grünen Wein gegossen, etwa unter den Titeln „E-Autos rechnen sich nur auf Strecke“,  „E-Roller – eine schlechte Klimabilanz“ und „Plastiktütenverbot ist eher symbolisch“.

Da – alle Leute, die hier öfter mal vorbei schauen und lesen, werden es mir auf der Stelle glauben – war ich ob der kostenlosen Propaganda für ein grünes Utopia schon restlos bedient. Übrigens, kostenlos ist die Propaganda nur für die oben abgebildeten Politiker und ihre Parteien, ich muss für die Gehirnwäsche ja bezahlen – mit geballter Faust, die möge man mir nachsehen.  Auf Seite 8 bekomme ich zu lesen, dass ein Bauer seine Parkinson-Erkrankung mit Pestiziden begründet und als Berufskrankheit anerkannt haben möchte, und natürlich darf der diskrete Hinweis auf Glyphosat nicht fehlen. Der Landwirt hat mein Mitgefühl, Parkinson ist eine ziemlich unangenehme Erkrankung und damit treibt man keinen Spott, ich auch nicht.

Auf der Seite 17 meines Käseblättchens geht es auch – natürlich – um Klimaschutz. Drei hübsche junge Menschen „sagen was ist“, nämlich:

Klimaschutz fängt vor der Haustür an!“

Ich denke angesichts dieser Überschrift im Stillen: „Wieso denn VOR der Haustür, warum nicht in der Wohnung?“ ***  Aber nun gut, schauen wir nach was vor der Haustür geändert werden muss:

Forderung 1: Autos raus aus der Innenstadt  (Das kann nur jungen Hüpfern einfallen, die noch agil und fit genug sind für lange Fahrradfahrten und unbequeme Stehplätze in den Öffis…   Denn Hannover ist ja gemeint und ist ‚Innenstadt‘ nur innerhalb des „Ring“ angesiedelt also  rund um die Oper, den Bahnhof,  die Georgstraße und gehört die Lister Meile und die Marienstraße auch noch dazu oder liegen die  schon außerhalb? Und was ist mit dem ach so angesagten und modern-urbanen Linden?)

Forderung 2: Billiger Ökostrom für alle (Wo soll der denn für alle herkommen ? frage ich mich)

Forderung 3: Klimaschutz vor Denkmalschutz (Ganz egal,  schlussfolgere ich aus dem Text, wie hässlich und verhunzend die geforderten energetischen Maßnahmen an historischen Fassaden , wie sinnvoll oder unsinnig aufgebrachte Solar- und Fotovoltanlagen auch sein mögen, die Hauptsache ist, dass das Klima geschützt wird. „Wer schütz die Menschen vor den Klimaschützern?“, möchte ich da fragen.)

Forderung 4: Landwirtschaft auf Bio umstellen (dazu gleich mehr)

Forderung 5: Über Klimakrise informieren. (In ganz Hannover sollen die Menschen besser […] informiert werden und mitreden dürfen“ heißt es. Mitreden dürfen aber nur die, vermute ich, die die Klimakrise für die größte Krise der Gegenwart halten. „Die jungen Leute wissen da oft schon sehr viel mehr über das Thema […] bei älteren sei das nicht immer der Fall..“

Kann es sein, denke ich, dass ältere sich nicht mehr so leicht ins Bockshorn jagen lassen? Schließlich haben Alte und Ältere von Geburt an schon viele Krisen überstanden, von den zerstörten Städte nach dem Krieg und natürlich dem Krieg selbst an, über die dann erfolgte Teilung Deutschlands, die  Luftbrücke für Berlin und über die Aufstände 1953 in Berlin, 1956 in Ungarn, 1968 in Prag,    dazwischen lag die Kubakrise –  immer verbunden mit der Angst, es könne wieder zu einem Krieg kommen,  es folgte die massive Aufrüstung der gegnerischen Kräfte aus NATO und Warschauer Pakt –  der  Nato-Doppelbeschluss zur Hochzeit des „Kalten Krieges“ mit der Bedrohung eines Atomkrieges und diese Bedrohung war sehr real und lag nicht irgendwie in der Ferne von 30 Jahren oder dergleichen.  Darüber hinaus erlebten wir die großen Nöte, die das Medikament  Contergan über viele Familien brachte. Die unheimliche Krankheit Aids versetzte uns in Schrecken. Wir sorgten uns um Waldsterben und Ozonloch. Stürme und Überschwemmungen erforderten größten Einsatz!

Mein Jahrgang (und älter) hat schon Erfahrung mit Krisen und auch mit den Propagandisten der Zukunftsängste. So leicht lassen wir uns nicht mehr verschaukeln und ich kriege eher die Krise, wenn ich in den Norden fahre und Windradwälder meinen Weg säumen und ich vor lauter Maisfeldern nicht mehr sehen kann, was außer diesen rechts und links der Straßen zu sehen wäre, wären sie nicht da. Ich kenne allerdings „Ältere“, die dem Klimawandel samt Wahn mit Sorge entgegen sehen und bereit sind für das Klima Opfer zu bringen.)

Zu allen genannten Forderungen von 1 – 5 werden diesen  die jeweiligen realen Situationen gegenüber gestellt, vermutlich um den Forderungen noch mehr Nachdruck zu verleihen, denn die Realität, so ist den Texten zu entnehmen, sieht oftmals trübe aus  – und die Darstellung dessen was trübe aussieht,  macht ja auch Sinn, denn fordern kann man nur etwas, was noch nicht da ist, bzw. noch unvollkommen ist und darum geändert werden muss.

Kommen wir nun zurück auf die Forderung 4

Ich zitiere: „Die klassische Landwirtschaft in der Region soll, so fordern die Schüler und Studenten, bis 2025 auf ökologische Landwirtschaft umgestellt werden. Alle Kantinen, auf die die Stadt Einfluss habe, sollten ab sofort nur noch regionale, saisonale, ökologische und tierproduktarme Gerichte anbieten. „Wir müssen zurück zum Sonntagsbraten, den es nur einmal in der Woche gab“, sagt Simon, „zu viel Fleisch ist schädlich.“ Zitatende.

Ähnlich wie „Innenstadt“ muss bei dieser Forderung dringend „Region“ näher definiert werden. Ich zum Beispiel wohne am östlichen Rand der Stadt auf dem Dorf.

In meinem Dorf sind nur noch 4 oder 5 Bauern aktiv. Auf den Feldern rings um unser Dorf wachsen  Mais, Rapps, Gerste, Weizen, aber auch Zuckerrüben und Kartoffeln in geringerem Maß. Der Mais wird entweder der Biogasanlage zugeführt oder dient als Silage für die Tiermast, die aber nicht in meinem Dorf betrieben wird. Rapps liefert Öl, aber vermutlich nicht nur für die Lebensmittelindustrie, die Gerste landet vielleicht – und das wäre den Studenten vermutlich neben Kartoffeln, Weizenbrot und Zucker   noch am ehesten als „Gericht“ zuzumuten – in einer von Hannovers Brauereien und wird zu Bier veredelt. In meiner unmittelbaren Umgebung wird auf landwirtschaftlichen Flächen gar kein Gemüse angebaut. In der Umgebung von Uetze aber – einem kleinen Ort am äußersten östlichen Rand der „Region Hannover“ –  ist das Zwiebelparadies Niedersachsens, und wartet mit einer alljährlich gekürten Zwiebelkönigin auf. Und natürlich gibt es in unserer Gegend auch den berühmten Burgdorfer Spargel. Der Nienburger Spargel gehört schon nicht mehr in die Region Hannover. In den südlichen Bereichen dieser engen Region sind auch Erdbeerfelder anzutreffen und etliche Obstplantagen.  Das Suchmaschinchen, das ich nach Gemüsebauern in der Region Hannover  befragte, verweist mich lediglich auf Bauernmärkte und Hofläden in denen frisches Obst und Gemüse, sowie Eier, Milch und Fleisch in Bioqualität angeboten werden. Da werden sogar frische Alpenprodukte wie „Heumilch“ angepriesen… (Ich will ja nicht kleinlich sein, gemessen an den Herkunftsländern von Ananas, Kaffee, Reis, Kakao, Bananen, Papaya  oder Bambussprossen, liegen die Alpen ja durchaus noch regionsnah…)

Fast noch größere Schwierigkeiten als ‚regional‘ wird man mit ’saisonal‘ haben. Nicht umsonst wurden die deutschen Soldaten von Briten und Amerikanern „Krauts“ genannt. Was, bitteschön, wächst denn ’saisonal‘ bei uns im Winter außer Rosenkohl, Porree, Grünkohl und eventuell auch Nüsschen – also Feldsalat? Natürlich kann man manches Sommergemüse auch bunkern, meistens geschieht das in Tiefkühltruhen, die den Stromverbrauch eines Haushalts nicht unerheblich belasten. Oder man nutzt die alte Methode des Einkochens – der Energieverbrauch ist dann aber auch entsprechen. Früher haben viele Leute noch durch Milchsäurebakterien Lebensmittel konserviert, Sauerkraut ist z.B. so ein Produkt der Konservierung. Also mit der saisonalen Verköstigung aus der Region wird man im Winter schon Schwierigkeiten haben, wenn man nicht auf Tiefkühlkost oder Konserven zurückgreifen kann oder will. Und ganz egal ob Gurken, Tomaten, Paprika, Blumenkohl, Spinat, Zucchini und Auberginen, das alles wächst im Winter schon mal gar nicht in unserer Region.

Fasst man ‚Region‘ aber nur etwas weiter als Hannover ‚und umzu‘ und rechnet halb oder ganz Niedersachsen dazu, ergibt sich ein ähnliches Bild für den Mais, die Kartoffeln, das Getreide und die Rüben, und was Gemüse betrifft, findet man jede Menge an Kohl – Grünkohl vor allem, weshalb das ja auch eine Grünkohlkönigin respektive König  erforderlich macht.  Vor allem aber ist Niedersachsen berühmt und leider auch berüchtigt für die vielen Schweinemastbetriebe, deren Gülleproduktion auf den Feldern landet und das Grundwasser versaut. So gesehen ist die Forderung nach weniger Schweinefleisch durchaus nicht ganz falsch.

Ich wage daher ganz entschieden zu bezweifeln, dass sich Schüler und Studenten mit den landwirtschaftlichen Produkten der Region  wirklich vertraut gemacht haben, auf die sie in Zukunft die Sicherung der Kantinen- und Mensaessen bauen wollen.

Offenbar schwante auch den Redakteuren meines geliebten Käseblättchens, dass die Forderung Nr. 4 wohl kaum umzusetzen sein wird, ergab doch ihre Recherche, dass selbst die der Stadt gehörenden Ackerflächen nicht für den ökologischen Landbau genutzt werden, weil die Böden, so die Landwirte, das einfach nicht hergeben. Und eine Glashauslandwirtschaft wie in den Niederlanden, der wir Kopfsalat, Tomaten, Gurken, Paprika, Auberginen und ähnliche  Gemüsesorten zu jeder Jahreszeit verdanken, findet sich nicht in ausreichend großem Stil, um Hannover ‚und umzu‘ damit ausreichend beliefern zu können – und Glashauslandwirtschaft, sprich Gewächshäuser, geben in Sachen Umwelt- und Klimaschutz ohnehin ihre ganz eigenen Probleme auf.

Was den Sonntagsbraten angeht, der in Zukunft unseren wöchentlichen Bedarf an Proteinen vermutlich nur noch ergänzen kann, habe ich durchaus nichts dagegen einzuwenden. Ich habe es schon immer für sinnvoll erachtet, im Ernährungsplan für die Woche nicht jeden Tag Fleisch anzubieten, auch Eierspeisen, Fisch oder „nur“ Gemüse erscheinen mir eine vernünftige wöchentliche Mischung im Mensaplan und auch im privaten Haushalt  zu gewährleisten.

Allerdings geht meine heimliche Vermutung dahin, dass  die jungen Klimaschützer gut  dem saisonalen Essen aus der Region in Mensa und Kantine entsagen können, wenn sie nur weiterhin  Besuche bei den netten Fastfood-Anbietern machen dürfen, denn auf die würden sie wohl  nur ungern verzichten – und die Betreiber der „modernen Garküchen“ kochen gewiss ganz und gar nicht „regional-saisonal“, egal ob es sich um Burger, Hamburger, Sushi oder vegane Wraps  handeln mag.

Und noch etwas liegt mir auf dem Herzen: Oftmals wird der Verzicht auf Schweinefleisch mit Rücksichtnahme auf die armen Tiere gefordert, verbunden mit der Empfehlung, statt des ungesunden Schweinefleischs doch lieber Geflügel zu verspeisen.    Und da stellt sich mir die Frage, wie viel mehr an Tieren leiden werden, will man die nach Kilogramm oder gar Tonnen berechnete Menge an Fleisch statt durch Schweinemast durch Puten- und Hähnchenmast erreichen, selbst wenn wir uns dem „zurück zum Sonntagsbraten“ anschließen und unseren Fleischkonsum deutlich drosseln…?

Also, liebe Schüler und Studenten, die ihr so hervorragende Vorschläge macht, schwingt euch auf die Fahrräder, stattet den Landwirten in der Region einen Besuch ab, fahrt mit offenen Augen durch Niedersachsen und dann, so denke ich , überarbeitet ihr zumindest diesen Punkt eurer Forderungen noch einmal sehr gründlich.

Und nicht vergessen, Fleischgerichte nur noch an Sonn- und Feiertagen…. nicht mogeln bei den Mcs und anderen…


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*** Liebe junge Freunde, ich meine mit dem „Klimaschutz in euren Wohnungen“ nicht einmal die Einschränkung in der Benutzung oder gar die völlige  Herausnahme der diversen Geräte zum Abspielen von Musik, DVD oder Spielen, denn ich sehe ein, dass der Umgang mit den modernen  Kommunikationsmittel so wenig zurück zu drehen ist in die Zeiten vor Fernsehen, Telefon und Internet, wie Ebbe  und  Flut zu beeinflussen sind.  Aber klamottentechnisch könnte man doch was machen. Ihr seid doch aus dem Alter heraus, in dem man beinahe jeden Monat neue Schuhe oder Sweater und T-Shirts braucht, weil ihr so schnell gewachsen seid, auch der Verschleiß an Hosen lässt doch jenseits des Sandkastenalters deutlich nach. Öl- und Schmierstoffe in der täglichen Körperpflege können meistens auch deutlich reduziert werden, ebenso der nicht unerhebliche Wasserverbrauch durch ausdauernde Duschorgien,  und man muss auch nicht gegen den Wind stinken … äh, duften. Auf euer Mobiliar habt ihr ja vermutlich nur bedingt Einfluss, aber selbst zertifizierte Edelhölzer aus ganz, ganz weit entfernt liegenden Klimazonen sind in letzter Konsequenz nicht klimaneutral, weder im Anbau, noch im Transport, und selbst die preiswerten Angebote aus dem blau-gelben Möbelhaus halten vermutlich bei näherer Betrachtung auch kaum den Forderungen stand klimaneutral zu sein. Kunststoffbeutel sind ja verpönt, aber muss man wirklich „to go Becher“ horten? Klar, Omas alte Thermosflasche ist megauncool — ich weiß. Also, bevor ihr zur Rettung der Welt auf die Straße geht, guckt euch erst mal bei euch im Haus und in der Wohnung um.

Und, ja, ihr habt vermutlich Recht damit, meine Argumente bescheuert zu finden. Klimakatastrophentechnisch sind sie das vielleicht sogar, aber ich will ja auch nicht die Welt oder unseren Planeten retten….  zur Rettung der Natur und Umwelt leiste ich gerne auch weiterhin meinen Beitrag, einfach dadurch, dass ich nichts unnötig verschwende, jedenfalls gebe ich mir Mühe…. auch wenn ich natürlich die eine oder andere unsinnige Verhaltensweise nur ungern aufgeben würde, aber die muss ich hier ja nicht an die große Glocke hängen.

 

 

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