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In der Ruhe fehlt die Kraft… 24. April, 2021

Posted by Rika in aktuell.
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Es war sehr lange, viel zu lange ruhig bei „himmel und erde“… und ich frage mich selber, wieso.

Es wäre zu einfach zu sagen, Corona sei dafür verantwortlich, denn die alleinige Verantwortliche für diesen Blog bin ich selbst. Und dennoch liegt etwas Wahres darin, anzunehmen, dass die Ruhe hier im Blog auch mit Corona zu tun hat.

Tag für Tag stürmen Nachrichten auf mich ein, ich lese in der Zeitung und im Internet zum Thema „Corona“, werde mit den Inzidenzzahlen beglückt, mit Stellungnahmen prominenter Politiker und Wissenschaftler, lese abstruse Kommentare von Leuten, die man getrost unter „Querdenker“ sortieren kann, höre die absonderlichsten Meinungen und weiß am Ende kaum noch wirklich Bescheid. Aber das, Bescheid zu wissen, ist doch das eigentliche Motiv, möglichst viele verschiedene Informationen zu sammeln und einzuordnen in das eigene Bezugssystem des Denkens und Begreifens.

Abgesehen von den wirklich rein medizinisch-wissenschaftlichen Fakten, deren Darstellung ich einfach nur für wahr halten muss, weil ich sie ja selber gar nicht nachprüfen kann, bilde ich mir ein, selber gut verstanden zu haben, was, wie und warum in Sachen Corona notwendig ist oder vonseiten der Regierung als notwendig erklärt wird. Das bedeutet aber keinesfalls, dass ich mit allen Entscheidungen einverstanden oder gar glücklich bin.

Dieses Gefühl oder gar die Überzeugung, nicht einverstanden sein zu können mit den Maßnahmen, die die Regierung beschließt, müssen wohl auch die Akteure gehabt haben, die unter dem Hashtag „allesdichtmachen“ ihren Widerspruch öffentlich gemacht haben – und damit prompt heftige Reaktionen auslösten, die gleichfalls Widerspruch für die Akteure und sogar offene Forderungen des Berufsverbotes für namentlich genannte Schauspieler enthielten.

Wenn ein äußerst prominenter Schauspieler sich an der Aktion beteiligt, läuft er Gefahr, auch zum „personifizierten Symbol“ derselben zu werden und die Anteilnahme – in Form größten Zuspruchs wie größtmöglichen geballten Zorns – des geneigten Publikums auf sich zu ziehen. Dass dies Jan Josef Liefers traf, ist darum kaum verwunderlich. Niemand käme doch auf die Idee, einen der C- oder D-Promis aufs Korn der öffentlichen Kritik zu nehmen, was kümmert mich das wenig intelligente Geschwätz eines Schauspielers, dessen Namen ich nicht einmal kenne? Aber Liefers, den „kenne“ ich, nicht persönlich natürlich, nur „vom Fernsehen“ und da vor allem in der Person des irritierend arroganten Rechtsmediziners Prof. Dr. Karl-Friedrich Boerne im „Tatort Münster“, der immer Recht und immer das letzte Wort haben will. (Ich liebe den Münster Tatort – und auch den nervenden Egomanen Boerne, obwohl ich im wahren Leben solche Typen überhaupt nicht ausstehen kann…. ja, ich weiß, das ist ein Widerspruch in sich!)

#allesdichtmachen soll, so las ich, von einem Mann initiiert worden sein, der von Anbeginn der Pandemie an mit kritischen, um nicht zu sagen, verleugnenden Aussprüchen zu Corona öffentliche Aufmerksamkeit erlangen wollte.

Nun also diese Aktion.

Man kann ihm eine gewisse Meisterleistung sicher nicht absprechen, dafür mehr oder weniger bekannte Schauspieler gewonnen zu haben, den Schauspielern aber eben sowenig den Vorwurf ersparen, nicht geprüft zu haben, wem man da auf den Leim gegangen war, mit wem man sich in ein unordentliches Bett gelegt hatte

Niemand wird die Frustration und Sorge der Schauspieler um Arbeit, Auskommen und Zukunft NICHT verstehen können. Zu lange schon ruhen Theater, Opern, Varietés, Lesungen und mögliche Arbeiten im Dauerlockdown. Das nimmt jede Energie, lähmt für die meisten Künstler bei Bühne und Film Kreativität, Lebensfreude und Selbstwertgefühl. In der aufgezwungenen Ruhe liegt eben kaum oder gar keine Kraft.

So mag es nicht verwundern, dass nach den neuerlichen Beschlüssen der Bundesregierung zur Verschärfung des Lockdowns die Aufforderung zu kreativem Protest für viele Künstler wie gerufen kam. Ich habe nur sehr wenige Protest-Videos gesehen, als ich auf die Aktion aufmerksam wurde, waren die Aufnahmen schon aus dem Netz genommen und nur einzelne noch abrufbar. Es lässt sich aber aus den kritischen und heftigen Kommentaren schließen, dass nicht jeder Schauspieler auch ein begnadeter Drehbuchschreiber ist, schon gar nicht, wenn es um pointierte, sarkastisch dargebrachte Kritik geht. Manche der Videos, so ist zu vermuten, waren nicht nur schlecht gemacht, sondern zudem auch noch strunzdumm und somit alles andere als eine Aufforderung zum nachdenklichen Protest.

Aus #allesdichtmachen wurde so ein „seid ihr noch ganz dicht?“

Habt ihr sie noch alle, in dieser Form Kritik zu üben an den Maßnahmen, die ja nicht nur Schauspieler betreffen. Jeden Tag lesen wir von den Problemen der „kleinen Geschäftsleute“, den Selbstständigen, den Künstlern insgesamt, den Restaurantbetreibern, Köchen und Bediensteten in den Gastronomie- und Beherbergungsbetrieben. Wir sehen die Tourismusbranche am Boden, den Eisbudenbetreiber in allen Feriengebieten der Republik, den Fischbrötchenverkäufer an der Küste, die Pensionswirte, die keine Gäste mehr aufnehmen dürfen, selbst Campingplatzbetreiber sind trotz ihres großen Frischluftareals ohnmächtig untätig – sie alle leiden an und unter den Maßnahmen.

Und wir leiden mit ihnen.

Von Schülern und Lehrer, Erziehern und Kitakindern will ich gar nicht erst reden, auch nicht von den vielen Eltern, die es irgendwie schaffen müssen, Arbeit und Heimschule miteinander zu vereinbaren, die Kinder bei Laune zu halten und selbst nicht Geduld und Kraft zu verlieren.

Aber deutlich hinweisen will ich auf die Angehörigen der an Corona Verstorbenen, auf die Genesenden, die immer noch mit den Langzeitfolgen kämpfen, auf die schweren Fälle auf den Intensivstationen, um deren Leben Pfleger und Ärzte Tag und Nacht kämpfen, auf die Alten in den Seniorenheimen und die Menschen, die sich um sie kümmern.

Ich bin Ulrike Herrmann, eine ganz normale Frau und frage euch Schauspieler und Selbstdarsteller:

Seid ihr eigentlich noch ganz dicht?

Und ich fordere euch auf, endlich dicht zu werden oder dichtzumachen, ganz im Sinne der bekannten Formel, wonach jemand, der sich unsinnig verhält, nicht ganz dicht sei! Nutzt euren Verstand, euer Denkvermögen und euer Talent. Arbeitet daran, die Lage für alle erträglicher zu machen. Es gibt sie doch, die Künstler, die wunderbare Aktionen anbieten, die Lust und Freude verbreiten, uns staunen lassen über ihren Einfaltsreichtum zur Bewältigung ihrer persönlichen wie der allgemeinen Krise. Und wenn ihr schon Kritik üben wollt, dann doch nicht mit einem selbstgefälligen Filmchen, das zudem vollkommen einseitig nur dem eigenen Jammer dient und mitnichten dazu beitragen kann, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu fördern.

Wir alle miteinander sind betroffen von den Auswirkungen eines tückischen Virus – wir kommen nur heil durch diese Zeit, wenn wir uns solidarisch verhalten und dazu gehört auch, dass wir uns an die beschlossenen Maßnahmen halten, selbst wenn sie uns persönlich an vielen Stellen unzumutbar und unlogisch erscheinen mögen. Wir können nur gemeinsam gewinnen – und hoffen, dass wir durch die Impfung endlich wieder ein „normales Leben“ führen können.

Dann aber, wenn wir es überstanden haben, dann sollten wir die zur Rechenschaft ziehen, die durch ihr Nichthandeln – ob nun in der Regierung oder bei den Querdenkern – den Prozess zur Überwindung der Pandemie unnötig verlangsamt und das Leid der Opfer unnötig gesteigert haben.

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