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Die Macht der Worte und Bilder… 10. Juni, 2022

Posted by Rika in aktuell.
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Dieser Macht der Worte und Bilder kann man sich kaum noch entziehen. Und das scheint auch so gewollt.

Ich hatte vor ein paar Tagen die Gelegenheit, mich mit einer Französin zu unterhalten, die schon seit vielen Jahren in Deutschland lebt, sehr gut die Sprache beherrscht, aber nach wie vor auch französische Nachrichtensendungen sieht. Natürlich kamen wir auch auf den Krieg in der Ukraine zu sprechen, das bleibt in diesen Wochen selbst bei privaten Treffen mit einem gänzlich anderen Charakter und Thema gar nicht aus. Und ebenso natürlich kommt bei diesem Thema auch die Art und Weise zur Sprache, wie in den Medien berichtet wird. Meine Gesprächspartnerin machte mich auf einen sehr entscheidenden Unterschied zwischen der deutschen und der französischen Berichterstattung aufmerksam: In Frankreich verzichtet man auf die „Schockmomente“, die von den Bildern der Zerstörung oder denen der Leichen in den Straßen ausgehen können.

In Deutschland sind es aber gerade diese Momente, die die Nachrichten prägen. Und wenn es keine „blutigen“ Bilder zu zeigen gibt, müssen die Worte „blutig“ sein, um die entsprechenden Assoziationen und damit auch die (erwünschte ?) Wirkung auszulösen:

„Im Osten der Ukraine setzen russische Truppen ihre Angriffe in der schwer umkämpften Stadt Sjewjerodonezk fort. „Das muss ein unglaubliches Blutbad sein. Täglich würden 100 ukrainische Soldaten sterben“, so ZDF-Reporter Johannes Hano.“

https://www.zdf.de/nachrichten/zdf-mittagsmagazin/russland-ukraine-krieg-sjewjerodonezk-odessa-100.html

Welche Vorstellungen von einer kriegerischen Auseinandersetzung haben die Menschen heutzutage in diesem Land?

Seit dem 8. Mai 1945 sind wir von keiner Kriegshandlung auf deutschem Boden mehr bedroht. Es fallen keine Bomben mehr, wir hören keinen Artilleriebeschuss, wir sehen nicht einmal mehr die Trümmer, die der Krieg hinterlassen hat, allenfalls stehen noch – wie in Hannover – ausgebrannte Kirchen zur Erinnerung und als Mahnmal GEGEN den Krieg in den sonst so fein aufgeräumten Städten.

Wir treffen auch keine „JUNGEN Kriegsveteranen“ mehr (sieht man von den kriegsversehrten Heimkehrern aus Afghanistan ab), denen ich noch in meiner Kindheit täglich begegnete, Männer, denen der Arm oder ein Bein fehlte, die als „Blinde“ erkennbar waren. Erinnert sich eigentlich noch jemand an die Hörspielreihen, die von „Kriegsblinden“ ausgezeichnet waren? Auch das gehörte zu meiner Kindheit.

Die Suchmeldungen des Roten Kreuzes, die wöchentlich im Anschluss an die Nachrichten im Radio verlesen wurden, Angehörige suchten verzweifelt nach einem Lebenszeichen ihrer so bitter vermissten Väter, Männer, Söhne, Freunde – und nach ganzen Familien.

Wann waren Kriege je „saubere Operationen“, die keine „blutigen Opfer“ forderten? Opfer vor allem an jungen Männern, die als Soldaten zum Kriegsdienst eingezogen worden waren und an den Fronten des Krieges zu Millionen abgeschlachtet wurden – das Wort „Kanonenfutter“ war damals allgegenwärtig. Man wusste doch, was in den Schützengräben, bei offener Feldschlacht oder im Häuserkampf geschah.

Ich sehe das Bild noch vor mir – Bundeskanzler Kohl steht Hand in Hand mit seinem französischen Amtskollegen Mitterand vor einem Gebeinhaus mit den Gebeinen von mehr als 700000 SIEBENHUNDERTTAUSEND getöteten Soldaten, die allein in der Schlacht von Verdun umkamen.

Ich kenne die Bilder von Soldatenfriedhöfen mit den schier endlos scheinenden Reihen von Gräbern junger Männer.

Gestern erst – im Spartensender ZDF-Info – ging es spät abends um das Ende des Dritten Reiches, die Aufnahmen zeigten das zerstörte, zerschossene, zerbombte Berlin.

In den Trümmern der zerbombten Häuser starben auch damals schon Zivilisten. Es ist nicht neu, dass Zivilpersonen in die Kampfzone geraten und sterben oder bei Bombenangriffen getötet werden.

Es sind diese Erinnerungen, diese Bilder, Filme und Erzählungen meiner Großväter, meines Vaters, meiner Onkel, meiner Mutter, Großmutter und Tanten, die tief in meiner Seele verankert sind und die mich immer und immer wieder nach einer politischen Lösung des Ukraine-Krieges fragen lassen.

Haben denn diejenigen, die so vehement und immer drängender und lauter das Eintreten in den Krieg durch die Lieferung schwerster Waffen fordern, niemals von den „Blutopfern“ gehört oder gelesen, die zu allen Zeiten in den Kriegen aller Zeiten in unvorstellbarer Größenordnung erbracht wurden?

Wie kann man denn noch einem Präsidenten zustimmen, der immer mehr junge Männer in die Schlacht schickt, wohl wissend, dass es ein Ende mit Schrecken geben wird, weil die militärischen Aussichten, Russland entscheidend zu schlagen, zu besiegen, selbst bei sofortiger Lieferung schwerer Waffen höchst ungewiss sind.

Wie kann man eine Atommacht mit Panzern oder Panzerhaubitzen in die Knie zwingen wollen?

Das kommt doch einem angesagten Selbstmord gleich.

Unsere Kriegsberichterstatter in der Ukraine sollten das wissen.

Sie sollten DAS und nicht die nur zögerliche Lieferung deutscher Tötungsmaschinen in den Fokus ihrer Berichte stellen.

Oder glaubt irgendein Mensch, der den vielen Aussagen über Putins Ziele mit der Ukraine folgt, der Herr im Kreml ließe sich von seinem Vorhaben abbringen, weil er Verluste an Waffen und Soldaten in den immer weiter ausgefochtenen Kämpfen hinnehmen müsste? Er wird nicht nachgeben. Auch wenn Annalena Baerbock sagt, die Ukraine müsse siegen und Scholz beteuert, einen Diktatfrieden dürfe es nicht geben.

So wird der blutige Krieg weiter und weiter gehen, junge Männer werden als Kanonenfutter ihr Leben verlieren und Zivilisten zwischen den Fronten und in den Trümmern ihrer Städte sterben.

Ist das wirklich der Preis, den auch wir zu zahlen bereit sind?

Kostet dieser Krieg nicht schon viel zu viel an Leben?

Wäre einem Ende mit Gebietsverlusten zuzustimmen nicht allemal besser, als weitere Blutopfer zu erbringen?



Ich halte trotz allem fest an der Vorstellung, dass es einen anderen Weg geben muss, diesen Krieg zu beenden, als den, ihn mit Waffen bis zur völligen Zerstörung des Landes und der Vernichtung von Leben immer weiter auszufechten.


Möchte jemand wirklich ein Szenario verantworten, in dem die NATO-Staaten in den Krieg Russlands eingreifen, um die Ukraine von der russischen Invasion zu befreien, wie weiland die Alliierten gemeinsam gegen Deutschland kämpften und den Krieg damit beendeten? Zu welchem unvorstellbar großen Preis würde das geschehen?

Das aber, so will es mir scheinen, ist die heimliche Spekulation all derjenigen, die ihre Forderungen immer machtvoller vertreten.

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