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Eigentlich mag ich es gar nicht… 11. Juni, 2022

Posted by Rika in aktuell.
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… wenn man mich kurz nach dem ersten Schluck Kaffee schon mit Vorschlägen für die Gestaltung des Tages überfällt… wobei ja jedem klar ist, der mich und meine Familienumstände kennt, dass mit „man“ kein anderer als der Liebste gemeint sein kann.

Normalerweise nimmt er auf meine morgendliche Unentschlossenheit Rücksicht und rückt erst mit seinen Plänen heraus, wenn ich nach der 2. Tasse Kaffee auch die Lektüre der Tageszeitung und das darin enthaltene Rätsel erfolgreich absolviert habe. (Die journalistischen Kunstwerke zur aktuellen Politik erspare ich mir meistens so kurz nach dem Frühstück… es könnte nämlich ….)

Heute nun wartete der Liebste nicht mit der Bekanntgabe seiner heimlichen Pläne. Er erklärte kurz und bündig, die Zeitung könnten wir später studieren, das Wetter sei sehr schön, er wolle in den Wald und ich solle mit.

Was sonst mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lauten Protest ausgelöst hätte, klang mir aber gleichzeitig so entschieden wie einladend, dass ich dem Plan augenblicklich zustimmte.

Wald hört sich doch gut an. Wald bin ich seit meiner frühsten Kindheit gewohnt! In den Wäldern meiner sauerländischen Heimat ging mein Großvater mit mir spazieren als ich gerade laufen konnte, fanden die sonntäglichen „nach-dem-Gottesdienst-Wanderungen“ mit der ganzen, zumindest aber der halben Großfamilie

Kurze Unterbrechung: Ich saß in tiefem samstäglichen Frieden auf der Terrasse, um diesen kleinen Text zu schreiben… da geht bei dem „gar nicht so netten Nachbarn“ von nebenan ein Höllenlärm los. Mit irgendeinem Gerät malträtiert er nicht nur seine Wiese oder Büsche, sondern vor allen Dingen meine Ohren und unterbricht meinen Erzählfluss auf höchst unanständige Weise. WER – außer diesem Kerl – mäht abends um 18.25 an einem Samstag mit lautem Getöse seine Wiese, noch dazu mit einem Trimmer, wie ich durch den Blick aus dem Dachfenster feststellen konnte?!? Nun sitze ich an meinem Schreibtisch und der Lärm wird ein bisschen durch das Fenster gedämpft.

Wo war ich stehen geblieben? Beim Waldspaziergang der Großfamilie, wobei unter „Großfamilie“ meine Eltern, mein Bruder, Omma und Oppa, und mindestens eine weitere Familie aus der Geschwisterreihe meiner Mutter zu verstehen ist und natürlich die „Lieblingstante Hertha“. Im Sommer wurden Himbeeren und Heidelbeeren gesammelt, es roch wunderbar nach Tannen oder dem feuchten Laub unter den hohen Buchen, wir Kinder spielten manchmal an einem der Bäche, stauten das Wasser auf oder ließen Stöckchen schwimmen und im Winter stapften wir durch den Schnee.

Wald und Waldspaziergänge gehören zu meiner frühen Sozialisation, sind gewissermaßen Teil meiner Identität, auch wenn ich freiwillig heutzutage nur noch höchst selten im Wald spazieren gehe, was vermutlich auch daran liegt, dass ich Spaziergänge im Flachlandwald immer schon langweilig fand.

„Lass uns zu Almut fahren!“, war darum mein Vorschlag an den Liebsten, dem er auch sofort zustimmte. Almut, meine viel zu früh verstorbene Freundin, ruht im Ruheforst im Deister, einem wunderbaren Wald mit hohen Buchen, Eichen, Eschen, gut begehbaren Wegen und an einem Berghang gelegen.

Als wir in Bredenbeck ankommen, zeigen eine große Zahl geparkter Autos und Gruppen von Menschen in Trauerkleidung an, dass wohl eine Urnenbeisetzung zeitnah stattfinden wird.

Also beschließen wir, den kurzen Weg bis zur Gaststätte Steinkrug zu gehen und uns dort neu zu entscheiden, wie wir weiterlaufen wollen. Nach meinem Beinbruch sind meine Wanderfähigkeiten ohnehin begrenzt, eine längere Strecke können wir uns nicht vornehmen. („Länger“ ist relativ!)

Der Weg ist für mich gut zu gehen, nach kurzer Zeit kommen wir an die Unterführung der Schnellstraße Hannover-Springe. Dort hat sich ein Mensch an einer der Wände mit einem Statement zur Verweigerung der Corona-Schutzimpfung verewigt… man solle sich schämen, steht da, seine Kinder der Gefahr des Impfens auszusetzen, auch die Vorgabe für das Tragen einer FFP2-Maske scheint für ihn vom Teufel zu sein… Leute gibt es … Ich fasse es nicht.

Eine Hinweistafel am Steinkrug mit der Wanderkarte des Gebiets macht uns klar, dass es gut sei, ein kleines Stück den Weg, den wir gekommen waren, zurückzugehen und uns dann doch links zu halten, um in den weitläufigen Ruheforst zu kommen.

So kommen wir an ein umfriedetes Areal, an den alten Friedhof der Familie der Freiherren Knigge. Durch ein schmiedeeisernes Tor treten wir ein… betrachten die Grabreihen, lesen die Inschriften auf den Grabsteinen, von denen manche schon verwittert sind. Ein Stein berührt mich ganz besonders:

„HIER RUHEN IN GOTT UNSERE HEISSGELIEBTEN UNVERGESSLICHEN KINDER“

Aus dem Text erfahren wir, dass die Tochter Adele im Dienst des Roten Kreuzes 1915 starb, der Sohn Jobst als Leutnant gefallen ist. Und ich werde auf diese stille Weise daran erinnert, was Krieg anrichtet an Leid und Schmerz, damals und heute …. und Eltern um ihre Kinder weinen.

Wir setzen uns auf unsere mitgeführten Hocker und lassen die Ruhe des Friedhofs auf uns wirken …

…bevor wir auf einem schmalen Pfad in den Ruheforst selbst gelangen.

Eine Bank unter hohen Buchen lädt uns zu einer weiteren Rast ein… wir hatten Bücher mitgenommen und sitzen nun und lesen, eingehüllt in den Frieden des Waldes …

„Hierher sollten wir mit den Enkeln einen Ausflug machen“, überlegen wir. Geschichte, Natur, die Endlichkeit des Lebens… sie können es schon verstehen.

In einem großen Bogen laufen wir nach dieser wunderbaren Pause durch den Ruheforst zurück zum Auto. Bei Almut sind wir diesmal nicht vorbeigegangen, wir sahen die große Beerdigungsgesellschaft in ihrer Nähe und wollten nicht stören.

Seit ein paar Jahren ist ein Feld in unmittelbar neben dem Friedwald mit vielen Reihen seltsamer Büsche bepflanzt. Daran wachsen „Kamtschatka-Beeren“, wir kommen mit einem jungen Mann ins Gespräch, der die Beeren pflückt und an einem kleinen Stand zum Verkauf anbietet …. nicht ohne vorher zu probieren, gehen wir auf das Angebot ein. Die Beeren ähneln Heidelbeeren, sind aber eher bohnenförmig statt rund, weniger süß, aber aromatisch und fruchtig. Wir nehmen eine Schale mit nach Hause, und  ich bereite sie mit Quark, Sahne und Erdbeeren zu einem leckeren Nachmittagsessen zu.

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Zu Hause habe ich das Suchmaschinchen betätigt und mich mit der Familie derer aus dem Hause Knigge beschäftigt.  Es lohnt sich, mehr über diese alte Familie zu erfahren als nur bei „Knigge, dem Buch des guten Benehmens“ stehenzubleiben.

https://de.wikipedia.org/wiki/Knigge_(Adelsgeschlecht)

https://www.freiherr-knigge.de/

https://www.rnd.de/promis/moritz-freiherr-knigge-der-nachfahre-des-beruhmten-autors-R45K5P3FFJDMJFTMMB6KEBKKZU.html

Wie gut, dass der Liebste heute so ultimativ zum Waldspaziergang bat… und ich keine Ausflüchte machte.

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