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Ist das Kunst… 20. Juni, 2022

Posted by Rika in aktuell.
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…. oder kann das weg?

Ich bin mir nicht ganz sicher, wer diese schöne Frage zum ersten Mal gestellt hat, aber ich ertappe mich oft dabei, dass ich zumindest den ersten Teil der Frage immer wieder mal beim Betrachten dessen stelle, was mir als „Kunst“ vorgestellt wird. Ich bin halt eher der Typ „Banause“, jemand, der nicht über Kunst akademisch reden kann, bei dem aber das Kunstwerk eine tiefe Berührung auslöst durch das, was „ich“ Ästhetik nennen möchte, also das Zusammenspiel von Form, Farbe und Motiv in einer Ausführung, die wahrhafte „Kunstfertigkeit“ erfordert, eine Fertigkeit, die mir nicht zu eigen ist und deshalb grenzenlose Bewunderung auslöst.

Mit diesem Begriff von „Kunst“ liege ich aber ganz sicher vollkommen daneben von dem, wie Künstler und Kunstschaffende selbst den Begriff „Kunst“ füllen.

Dieses Banausentum hat es mir schon immer ziemlich schwer gemacht, die Kunstwerke, die bei der Documenta in Kassel gezeigt werden, angemessen zu würdigen. Ich hätte zwar niemals gesagt, dass das „weg kann“, aber doch meine Zweifel angemeldet, ob es Kunst sei oder Kram oder eine, meine Sinne in unangenehmer Weise strapazierende, Provokation. Dass Kunst auch provozieren kann, will, darf oder sogar muss, stelle ich gar nicht in Abrede, aber wenn außer „Provokation“ nichts, aber auch gar nichts zu erkennen ist, was „ich“ mit Kunst assoziieren und in Verbindung bringen kann, ist es einfach nur ein unüberwindliches Ärgernis, das mich auch nicht zu irgendeinem sinnvollen Gespräch anregen würde. Es ließe mich zetern wie ein Rohrspatz … wem wäre damit gedient?

Diese lange Vorrede ist notwendig, um klarzustellen, dass es mir in der aufregenden Frage, ob die Documenta in diesem Jahr antisemitische Tendenzen aufweise oder nicht, nicht oder nur am Rande um die ausgestellten Exponate oder die angesagten Aktionen geht. Hierin halte ich mich doch an den allgemeinen Begriff von der Freiheit der Kunst, selbst dann, wenn in geschmackloser Weise „künstlerisch“ politische Themen dargestellt werden, wobei ich aber die Einschränkung machen muss und will, dass Darstellungen von Juden, die man in den Zeiten des Tausenjährigenreiches in den Ausgaben des „Stürmer“ finden konnte und die auch heute wieder zur Verunglimpfung von Juden oder Israel gezeigt werden, nicht mehr unter „künstlerische Freiheit“ fallen, sondern mit den Begriffen Diffamierung, Entwürdigung, Verächtlichmachung belegt werden, kurz mit dem einem Wort „antisemitisch“ charakterisiert werden müssen.

Es sind – von der Ausnahme der Kunstwerke mit „Stürmer-Qualität“nicht (nur) die Exponate oder die politisch motivierten Aktionen, die mich bewegen, es ist vielmehr die „Auswahl“ der Künstler, die bei der Documenta ausstellen dürfen / können oder eben nicht.

Wenn – nach Angabe des Kuratoriums – der Schwerpunkt auf die Interaktion zwischen der vernachlässigten „südlichen Welt“ und der des westlichen Kulturbereichs gelegt und damit verstärkt ermöglicht werden soll und man darum Künstler aus „Palästina“, nicht aber aus Israel zu Wort kommen lässt, ja Israel ausdrücklich als teilnehmendes Land ausklammert, aber als „Kunstobjekt“ in einseitiger und anklagender Weise darstellt, so geht doch diese Vorgehensweise erkennbar an der Intension eines „integralen Charakters der Documenta“ vorbei. Vielmehr erinnert diese ausdrückliche Nichtbeachtung israelischer Kunst und Künstler auf fatale Weise an die BDS-Bewegung, die doch nur dem einen Ziel dient, Israel als jüdischen Staat zu delegitimieren. BDS, das hat der Bundestag vor einiger Zeit sehr klargelegt, trägt aber alle Züge antisemitischen Gedankenguts und Handels und ist darum in Deutschland geächtet .

Dieser ausdrückliche Beschluss des Bundestages hat aber merkwürdigerweise für die (deutschen) Macher der Documenta gar keine Rolle gespielt, das indonesische Kollektiv kannte möglicherweise diesen Beschluss nicht oder hat sich – trotz der Kenntnis – eigensinnig darüber hinweggesetzt.

Die Rede des Bundespräsidenten zur Eröffnung der Documenta zielte aber genau auf diesem Tatbestand:

Die Weigerung, israelischen Künstlern die Teilnahme in Kassel zu ermöglichen, käme einer Delegitimierung des Staates Israels, einer Weigerung, das Existenzrecht Israels anzuerkennen, gleich, etwas, das Deutschland so nicht hinnehmen könne.

Ich stimme an diesem Punkt Herrn Steinmeier zu.

Heute erschien im Kulturteil der HAZ ein Interview mit dem Direktor des Sprengel-Museums, Reinhard Spieler, der nach eigenen Angaben „explizit antisemitische Kunstwerke“ nicht habe wahrnehmen können, es seien lediglich einige Werke ausgestellt, in denen die Lebensbedingungen von Palästinensern kritisiert werde, nur eine einzige Arbeit zeige Israel als Aggressor – mit dem Titel „Guernica Gaza“, womit die Anspielung auf Picassos Werk „Guernica“ gegeben sei, mit dem Picasso gegen die Nazis protestiert habe.

Herr Spieler findet jedoch kein Wort darüber, dass Gaza von der Hamas regiert wird, die in ihrer Charta die vollständige Vernichtung Israels fordert und ihren Kampf so lange fortführen will, bis dieses Ziel erreicht sei. Vielmehr bedauert der Direktor, dass Steinmeier sich nicht vor seiner Rede über die Bilder informiert habe, ein Rundgang „hätte ihn davon überzeugt, dass die Ausstellung einen integrativen Charakter hat, dass Antisemitismus überhaupt kein Thema der Ausstellung ist.“ Quelle: HAZ, Ausgabe 20. Juni 2022, Seite 23, Kultur & Leben, „Ein bisschen Kinderbastelgruppe“)

Vermutlich hat sich auch Herr Spieler nicht ausdrücklich und ausführlich mit dem Gegenstand seiner Kritik auseinandergesetzt, der Rede des Bundespräsidenten nämlich, sonst hätte ihm doch auffallen müssen, dass im Fokus der Kritik an der Ausstellung nicht die Bilder stehen, sondern der von dem indonesischen Kollektiv gewollte Boykott israelischer Kunst und Künstler.

Herr Spieler klagt dagegen: „Es ist wirklich sehr unglücklich, dass der Documenta jetzt eine Debatte aufgezwängt wird, die am eigentlichen Thema völlig vorbei geht. Jeder kann und soll nun gerne genau hinschauen, ob Werke wirklich antisemitisch oder diskriminierend sind. Ich konnte diesen Eindruck definitiv nicht wahrnehmen.“(siehe oben genannte Quelle)

Wie will man etwas wahrnehmen, was nicht vorhanden ist… wie macht man die LEERSTELLE sichtbar, das FEHLEN israelischer Künstler? Und wie sehr zeigt diese Aussage die naive Borniertheit eines Direktors eines Museums für zeitgenössische Kunst? Herr Spieler macht auf bemerkenswerte Weise den blinden Fleck in der Debatte um die diesjährige Documenta deutlich. Wenn keine, dem „Stürmer“ ähnliche, Produkte und Pamphlete zu erkennen sind, kann es Antisemitismus nicht geben.

Erbärmlicher kann „Politik in der Kunst“ nicht argumentieren oder agitieren… wie es auch dem Statement der Staatssekretärin Claudia Roths zu BDS-Documenta anzumerken ist. Siehe diesen Artikel

Lesenswerte Berichte zum gleichen Thema finden sich u.a. hier hier hier hier hier

hier

Dass etliche Medien und „Medienschaffende“ keinerlei Antisemitismus erkennen können und Steinmeier kritisieren, kann eigentlich nur diejenigen verwundern, die vor dem latent vorhandenen Antisemitismus dieser Blätter und Kritiker in den letzten Jahren gekonnt die Augen verschlossen haben.

NACHKLAPP um 20.25h

Inzwischen haben die Verantwortlichen der Documenta einsehen müssen, dass es tatsächlich antisemitische Darstellungen in Kassel gibt. Frau Roth fordert die Entfernung eines Banners mit eindeutig antisemitischer Bildsprache. https://www.tagesschau.de/kultur/documenta-antisemitismus-roth-101.html

NACHTRAG, 21. 6. 2022

https://www.hessenschau.de/kultur/nach-antisemitismus-vorwuerfen-umstrittenes-documenta-banner-mit-stoff-verhuellt,antisemitisches-banner-documenta-100.html

Zitat: „“Wir sind traurig darüber, dass Details dieses Banners anders verstanden werden als ihr ursprünglicher Zweck“, hieß es in der Mitteilung weiter. Den Grund für die entstandene Empörung sehen die Künstler vor allem in der deutschen Vergangenheit. „Als Zeichen des Respekts und mit großem Bedauern decken wir die entsprechende Arbeit ab, die in diesem speziellen Kontext in Deutschland als beleidigend empfunden wird“, heißt es: „Das Werk wird nun zu einem Denkmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs in diesem Moment.““

Den Grund für die entstandene Empörung sehen die Künstler vor allem in der deutschen Vergangenheit.

Nochmals: Es ist nicht die „deutsche Vergangenheit“, die hier die entscheidende Rolle spielt, es ist der weltweit virulente Antisemitismus, dem entschieden entgegengetreten werden muss.

Wenn die Künstler einen Dialog anstreben, sollten sie darauf verzichten, in unangemessener und provozierender Weise ein Land aus diesem Dialog auszuklammern – Israel, und dieses Land zum Gegenstand ihrer „Kritischen Kunst“ zu machen.

Kommentare»

1. heplev - 20. Juni, 2022

Ich habe eine eigentlich recht einfache Erklärung, was Kunst ist:
Ein Werk (Buch, Bild, Skulptur, Theaterstück), das berührt und mir „in den Bauch geht“.
Wenn es erst noch erklärt werden muss, dann ist es keine Kunst.

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nouseforislam - 20. Juni, 2022

Vieles von dem, was auf der aktuellen Documenta präsentiert wird, ist in Form gegossener Aktivismus über Gender, Klima, Antirassismus oder Kolonialismus und hat mit Kunst soviel zu tun wie ein Pinguin mit dem Fliegen.

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2. Rika - 21. Juni, 2022

Ich habe in meinem Beitrag ausdrücklich darauf verzichtet, das Problemfeld „Islam“ zu berücksichtigen, aber natürlich ist es bedeutsam, dass das indonesische Künstlerkollektiv zu diesem religiösen Kulturkreis gehört.
Indonesien gehört zu den schärfsten Widersachern Israels.
Das hätten die Documenta-Macher eigentlich bedenken und dem indonesischen Kollektiv entsprechende Informationen und / oder Vorgaben mit auf den Weg geben müssen – rechtliche Grundlagen zu Antisemitismus, BDS, Judentum, Israel.
Die Naivität, mit der der Bereich vollkommen ausgeblendet wurde, macht mich sprachlos.

Gefällt 1 Person

TortugaDorada - 22. Juni, 2022

Schreiben Sie das aus eigener Ansehung der d19; waren Sie denn schon dort und haben sich „alles“ angeschaut? Oder stammt die Meinung eher aus den Medien, aus Rezensionen, Berichten, Kommentaren, … ?

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3. Rika - 23. Juni, 2022

„Schreiben Sie das aus eigener Ansehung der d19;“
(Sie meinen vermutlich d15)

Nun, ich antworte einfach aus meiner Sicht, auch wenn ich nicht angesprochen bin:

Spielt es eine Rolle, ob man dort gewesen ist oder „nur“ die Ankündigungen gelesen hat?
In Bezug auf Antisemitismus hat es wenig genützt, dass man Bilder palästinensischer Kunstschaffender sah oder eben nicht. Die Presse (nicht alle Vertreter, aber doch sehr viele) verriss die Rede des Bundespräsidenten, obwohl er mit seinen Ausführungen richtig lag, wie sich nun zeigt, wobei ich wieder betone, dass für mich nicht die Kunstwerke an sich eine entscheidende Rolle spielen, sondern die Tatsache des Boykotts israelischer Kunst und Künstler die klare Botschaft des Antisemitismus enthält.

Wenn es außer dem Krieg in der Ukraine „DIE“ aktuellen Themen nicht nur in der Kunstszene, sondern im gesamten gesellschaftlichen Diskurs gibt, dann sind es Gender, Klima, Rassismus, Kolonialismus – BLM. Die Reihenfolge ist je nach dramatischer Zuspitzung durch die Berichterstattung austauschbar.
Um das auch nur zu ahnen, muss ich nicht einmal die Absichtserklärungen der Macher lesen….
Übrigens war die Documenta schon immer stolz darauf, mit ihrer Ausstellungsstrategie auch politisch am Puls der Zeit zu sein. Und das ist ganz gewiss auch diesmal der Fall. Um das bestätigt zu bekommen, muss ich mich nicht nach Kassel bewegen…. und werde es der Documenta wegen auch nicht tun… ich werde alte Freunde in Kassel besuchen und am Friedrichsplatz ein Eis essen.

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nouseforislam - 23. Juni, 2022

Ich war nicht auf der Documenta, habe ich auch nie behauptet. Ich war auf der Ende der 70er, die ich recht interessant fand. Ich habe mir meine Meinung aufgrund ds von Ihnen gebildet, u. a. auch TTT. Aber es scheint ja so zu sein, dass viele von denen, die da waren, nicht genau hingeguckt haben. Abgesehen davon: Ich habe weder den Koran noch Hitlers „Mein Kampf“ gelesen und von den 120 Tagen von Sodom die ersten 20 oder 30 Seiten. Manchmal reicht das aus, um sich ein Urteil darüber zu bilden, dass man es mit Schund zu tun hat.

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