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München 1972 5. September, 2022

Posted by Rika in aktuell.
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In Erinnerung an das Verbrechen, das vor 50 Jahren vor aller Augen in München geschah.

Ich war seit den Spielen von Rom, 1960, eine glühende Anhängerin „Olympias“, wie ich – und viele andere – den Begriff „Olympische Spiele“ verkürzte.

Natürlich hing ich auch bei „unseren“ Spielen in München vor dem Fernsehgerät, wann immer es der Beruf zuließ. Auch wenn der Apparat mir nur schwarz-weiß-Bilder lieferte, dass die Spiele bunt waren und unbeschwert-fröhlich, das bekam ich natürlich mit und ich freute mich darüber.

Wie schlagartig und auf welch fürchterliche Weise Buntheit und Fröhlichkeit vorbei waren, muss ich hier sicher nicht ausführlich darstellen, ebenso wenig das Entsetzen, dass sich mir sofort einstellt, die Trauer, die Anteilnahme mit den getöteten Israelis und ihren Angehörigen.

Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass dieser furchtbare Terror gegen Juden in Deutschland während der Olympischen Spiele überhaupt möglich sein könnte. Mit dieser Einschätzung stand ich ganz offenbar nicht allein. Auch die für die allgemeine Sicherheit der Sportler insgesamt zuständigen Stellen hatten offensichtlich den arabischen Terror nicht auf dem Schirm.

Ein sträfliches Versagen der Sicherheitsbehörden, wie wir heute wissen – und wie man es auch 1972 hätte wissen müssen, zumindest aber wissen können, gab es doch bereits in allen Jahren in Israel brutale Anschläge gegen die israelische Bevölkerung durch arabische Kämpfer der PLO, hatte es Entführungen von Flugzeugen durch die Anhänger der FATAH und ihrer Terroristen gegeben. (siehe hier)

Ich muss das jetzt nicht weiter ausführen. Vielmehr möchte ich auf einen Artikel hinweisen, den Michael Wolffsohn im Tagesspiegel veröffentlichte:

Olympia-Attentat von München 1972 Deutschland hat versagt – und macht bis heute Fehler in der Israelpolitik

Der palästinensische Terror bei Olympia am 5. September 1972 zeigte: Deutschlands Umgang mit Israel war problematisch. Und er ist es noch. Ein Gastbeitrag. Michael Wolffsohn

Herr Wolffsohn leitet seinen Artikel so ein:

Bundesdeutschlands Versagen am 5. September 1972 im Kampf gegen den Terrorismus hatte historische Ursachen. Nicht nur gegen den palästinensischen Terrorismus, denn dieser kooperierte eng mit der deutschen RAF und anderen westeuropäischen sowie japanischen Linksterroristen. Auch mit Rechtsterroristen.

Das deutsche Versagen hatte sozusagen Methode, geschichtsbedingt. Markiert sei hier der „Historische Ort“ von Olympia 1972 bezüglich der deutsch-israelischen Beziehungen.“

Deutschlands Verhalten am und seit dem 5. September 1972 war der sichtbare Beginn bundesdeutscher Selbstamnestierung gegenüber Israel und Juden, ja, vom Holocaust. Parteiübergreifend wird es bis heute ganz anders verkauft: Israels Sicherheit sei deutsche Staatsräson.“

Der Vorwurf wiegt nicht nur schwer, er macht vielmehr die schwerwiegende Verfehlung deutscher Israel-Politik deutlich. Michael Wolffsohn fährt fort:

In dauerhafte, vollmundige, realitätsleere Wortform wurde diese „Garantie“ im März 2008 von Angela Merkel vor Israels Parlament gegossen. Dabei konnte und kann Deutschland – Folge der jahrzehntelangen Vernachlässigung der inneren und äußeren Sicherheit – weder die eigene Sicherheit noch die eines anderen Staates garantieren.“

Im Rückblick auf München schreibt er:

Als rundum erneuertes, heiteres, lebenspralles Deutschland wollte sich die Bonner Republik 1972 präsentieren. Bayerische Liberalität statt Preußentum. Widerstandskämpfer Willy Brandt statt Massenmörder Adolf Hitler. Nicht Bund deutscher Mädel, sondern das deutsche „Fräuleinwunder“, personifiziert von fröhlichen Olympia-Hostessen. Neu-Deutschland als Anti-Alt-Deutschland.

Die Welt war erleichtert – endlich ein normales Deutschland. Wahr ist, dass jenes Neu-Deutschland 1972 noch lange nicht so neu war wie es nach innen und außen schien und auch im Rückblick immer noch verklärend scheint. 1972 war die Bonner Republik ein Sowohl-als-auch-Deutschland, sowohl Neu- Anti-NS- als auch Alt-NS-Deutsch. Sozusagen ein Zwitter.“

Dass nicht nur das Sommermärchen in Wirklichkeit kein Märchen war, sondern auch die märchenhafte Verklärung deutscher Nachkriegspolitik mit der Wirklichkeit, die in der Vergangenheit lag, nicht übereinstimmte, machen diese Aussagen deutlich:

Ein Blick aufs politische Personal beweist diese These. Das politische Märchen besagt: Die Regierung Brandt/Scheel wäre NS-frei gewesen. Das hatte am 24. November 1969 Brandt-Intimus und Kanzleramtsstaatssekretär Egon Bahr Israels Botschafter Ben Nathan verkündet. Deshalb werde man Israel gegenüber frei von Schuldgefühlen auftreten. Dass Bahr diesbezüglich „keine Komplexe“ hatte, versteht sich aufgrund seiner jüdischen Mutter und Großmutter von selbst.

Doch wer weiß um die bei ihnen gar nicht so harmlose NSDAP-Mitgliedschaft der SPD-Minister Karl Schiller, Horst Ehmke und Erhard Eppler sowie der FDP-Minister Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher und Josef Ertl? Noch mehr Braun gab es auf der Bundesländer-Ebene. Vom SPD-Blechtrommler Günter Grass und Helmut Schmidts Schriftsteller-Freund Siegfried Lenz ganz zu schweigen.

Als nichtdeutscher, von Alt- und Neudeutschland hofierter zentraler Akteur trat 1972 als personelle Brücke zu 1936 der amerikanische IOC- Präsident Avery Brundage auf. Ihm hatten es Hitler und die Seinen zu verdanken, dass trotz zahlreicher Bedenken die olympischen Winter- und Sommerspiele im nationalsozialistischen Deutschland stattfanden. „The games must go on“ verlangte Brundage 1972 am Tag nach dem palästinensischen Terrorakt. Das honorierte bei der Schlussfeier Amts-Deutschland auf der Stadiontafel ausdrücklich. „Thank you, Avery Brundage.““

Wie bitter, wie unsagbar furchtbar dieses „Thank you“ tatsächlich war und bis heute ist, macht folgende Beschreibung der Versäumnisse deutlich:

„Seit 1969 hatte es auch in Deutschland wiederholte Warnungen vor und Erfahrungen mit palästinensischem Terror gegeben. Sie wurden in den Wind geschlagen. Scharfe Sicherheitsmaßnahmen, wozu? Nahost, Palästinenserterror? Weit weg! Im neuen, friedlichen, seit 1970 auch ostpolitisch versöhnten Bundesdeutschland könne und werde es keine Terrorakte geben, träumte man in Bonn und Bayern. Bis 2022 blieb Deutschland ein Träumerland. Auch mit Putins Krieg und Gaserpressung hatte Deutschlands Politik, von Ausnahmen abgesehen, nicht gerechnet – Unfähigkeit zum realistischen, strategischen Denken, überparteilich.“

Und in unsäglicher Arroganz und grotesker Selbstüberschätzung der deutschen Behörden kam es zum nächsten Fehler, wie Michael Wolffsohn darstellt:

Dann der Ernst- und Notfall am 5. September 1972. Das antiterrorerfahrene Israel bot Hilfe an. Systematisch und teils hochnäsig wiesen Bonn (SPD/FDP) und München (CSU) das Angebot zurück. Den herbeifliegenden Mossad-Chef ließ man zwei Stunden über München kreisen, um sein Eingreifen ohne Eklat zu verhindern. Nach seiner Landung wollte der Israeli helfen. Nein danke, hieß es, einen Bruch deutscher Souveränität lasse man nicht zu. Wer wollte sie brechen?“

Altbekannte Stereotype deutschen Antisemitismus wurden sichtbar, wie Herr Wolffsohn deutlich macht:

Wollten etwa „die“ Juden Deutschland bevormunden? Zumindest diese alt- und neudeutschen Töne „hört“ man bei der Lektüre der relevanten Dokumente heraus.“

Auch die israelische Reaktion und Einschätzung vermittlet der Autor:

srael tobte und warnte: Die Palästinenser würden sicher die drei überlebenden, in Bayern inhaftierten Terroristen freipressen.

So geschehen am 29. Oktober 1972. Palästinensische Gesinnungsgenossen entführten eine Lufthansa-Maschine. Die drei in Bayern inhaftierten Terroristen wurden von Deutschland in Windeseile freigelassenen. Die Attentäter gingen fröhlich im libyschen Tripolis von Bord.

Alle Indizien deuten darauf hin, dass diese Entführung von der SPD/FDP-Bundesregierung und der bayerischen CSU-Landesregierung mit den Palästinensern vorab gemeinsam orchestriert wurde.

Trotzdem bat Israels Ministerpräsidenten Golda Meir im Juni 1973 den „Genossen Willy“, dem ägyptischen Präsidenten Sadat ihren Friedensvorschlag zu überbringen. Brandt versprach’s – und tat nichts. Am 6. Oktober 1973 begannen Ägypten und Syrien den Jom-Kippur-Krieg gegen Israel.

Nach wenigen Tagen hing Israels Existenz am seidenen Faden. Die USA wollten dem bedrohten Judenstaat Waffennachschub aus und über Deutschland liefern. Kommt nicht infrage, hieß es. Terror, München 1972. Krieg, Nahost 1973. Beide Male ließ Deutschland Israel im Stich.“

Es ist eine furchtbare Realität, die sich da offenbart. Und sie setzt sich bis heute fort, wie M. Wolffsohn schreibt:

Ebenso von 1977 bis 1979/82 unter Helmut Schmidts und Genschers SPD/FDP Koalition im israelisch-ägyptischen Friedensprozess. Anders als in seinen Erinnerungen geschildert, hat Schmidt diese bahnbrechende Initiative mächtig torpediert, dafür aber deutsche Panzer an das israelfeindliche Saudi-Arabien liefern wollen.

Anders die Kohl-Genscher-Koalition von CDU/CSU und FDP. Sie war willig, aber unfähig, illegale Hilfen deutscher Unternehmen bei der chemischen und technischen Aufrüstung des neuen starken Mannes gegen Israel zu unterbinden: Iraks Saddam Hussein. Anfang 1991, im Zweiten Golfkrieg, schlugen irakische Raketen in Israel ein. Tief betroffen bewilligte Deutschland daraufhin dem jüdischen Staat großzügige Hilfen bei Kauf und Lieferung atomwaffenfähiger deutscher U-Boote.

Sie sollten (und können noch heute) Israel ermöglichen, im Fall der atomaren Fälle einen nuklearen Zweitschlag auszuführen. Stopp der Lieferung, hieß es dann unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer (SPD und Grüne). Während der Kanzler und spätere Freund Putins seine Israel-Abneigung nie verhehlte, bemühte sich Außenminister Joschka Fischer zartwortreich um gute Stimmung zwischen Berlin und Jerusalem.

Die Ampel setzt den falschen Kurs fort

Verbal folgte Angela Merkel Fischers Beispiel. Mit ihrer Sicherheits-“garantie“ für Israel übertraf sie die einstige Grünen-Ikone sogar. Mehr noch, unter ihrer Regie stimmten die wechselnden Koalitionspartner SPD und FDP auch der subventionierten Lieferung deutscher Korvetten an Israel zum Schutz seiner Gasförderanlagen im Ost-Mittelmeer zu.

Aber höchst initiativ und mehr als nur gezwungenermaßen auch dem Atomabkommen mit dem Iran, das Israel als existenzielle Bedrohung betrachtet.

Trotz netter Worte in oder nach Israel setzt die Ampelkoalition diesen aus israelischer Sicht lebensbedrohlichen Kurs fort. Zu Recht oder nicht? Das ist nicht die Frage. Fest steht: Seit Olympia 1972 hat sich Deutschland von Israels Existenzsicherheit aus fehlendem Willen, Können oder beidem abgekoppelt. Allen gegenteiligen Bekundungen zum Trotz. „Normalität“ eben.“

Soweit der Artikel zum Gedenken an das Münchener Verbrechen.

Und wie schon zu allen Gedenkreden an den Gedenktagen zum Holocaust, so auch hier:

Ich kann diese Reden unserer Politiker, die vor Betroffenheit und eigenener Ergriffenheit triefen, nicht mehr ertragen und halte sie für pure Heuchelei, solange dem Terror, den Drohungen des Iran, den Arabern und Palästinensern nicht mit einer klaren Ansage seitens der deutschen Regierung begegnet wird, in der Art, wie ich sie hier fordere:

ISRAEL IST EIN JÜDISCHER STAAT OHNE WENN UND ABER!

Wer Israel angreift, seine Sicherheit gefährdet, es bedroht oder seine Existenz delegitimiert, wird von der deutschen Regierung zur Rechenschaft gezogen. Das gilt auch für deutsche Politiker oder deren Sympathisanten, die via NGOs und BDS Israel bekämpfen.

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Kommentare»

1. Georg B. Mrozek - 6. September, 2022

Dazu passt auch die gerade beschlossene Auflösung des „Expertenkreises Politischer Islamismus“ im Innenministerium. Frau Faeser führt die Linie deutscher Inkompetenz – oder je nach Sichtweise, der Doppelstandards, wennꞌs um die Bewertung islamistischer Äußerungen und den daraus resultierenden Handlungsweisen geht, munter fort.

https://reitschuster.de/post/cancel-kultur-neu-gedacht-regierung-cancelt-islamismus/

Linke Kritiker sagen, das eine habe nichts mit dem anderen zu tun. Die PLO oder beispielsweise die kurdische PKK habe schließlich nichts mit den Mullahs aus Teheran oder den afghanischen Taliban zu tun. All die Fanatiker seien untereinander spinnefeind und man dürfe daher nicht alles aus islamischen Ländern in einen Topf werfen. Das stimmt natürlich, doch die umfassende Klammer gemeinsamer Werte, die nur durch Ab- bzw. Ausgrenzung Anderer (Ungläubiger) überhaupt erst greift, ist Kern der Weltreligion Islam. Der Antisemitismus ist ihr einendes Element. Hass auf andere als ein gruppen- oder indentitätsstiftender Pfeiler eines Gebäudes – eine solches Haus, eine solche Religion darf man eigentlich niemals aus den Augen verlieren.

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2. Rika - 6. September, 2022

„die umfassende Klammer gemeinsamer Werte, die nur durch Ab- bzw. Ausgrenzung Anderer (Ungläubiger) überhaupt erst greift, ist Kern der Weltreligion Islam. Der Antisemitismus ist ihr einendes Element. Hass auf andere als ein gruppen- oder indentitätsstiftender Pfeiler eines Gebäudes – eine solches Haus, eine solche Religion darf man eigentlich niemals aus den Augen verlieren.“

Das sehe ich ganz genauso.
Aber solange mit den Mullahs gekungelt und den Saudis Geschäfte gemacht werden, sogenannte Islamwissenschaftler-und-innen ihren Senf ungeprüft verbreiten dürfen und dieser als die einzige Wahrheit verstanden wird – siehe Mouhanad Khorchide – und selbst die Kirchen begeistert das Gemeinsame, anstelle des „Eigenen“ von den Kanzeln verkünden, wird es hier keine kritische Distanz zur Ummah geben. Zu befürchten ist doch, dass sich „München“ jederzeit wiederholen kann, „Breitscheidplatz“ kein singuläres Ereignis darstellt, und wir damit rechnen müssen, ähnliche Verhältnisse wie in Frankreich zu bekommen, die Ansätze sind doch schon sichtbar.
Ich schreibe mir die Finger wund und verbrenne mir den Mund – schon seit Jahren, und bin vermutlich längst in der Schublade „islamophob“ gelandet.

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