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Es ist nicht das Wetter…. 17. September, 2022

Posted by Rika in aktuell.
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Es ist nicht das Wetter, das mich frösteln lässt.

Zwar ist es kühl auf der Wiese, der Wind ist stark und beinahe stürmisch, graue Wolken bedecken den ganzen Himmel und immer wieder kommt es zu heftigen Schauern, aber ich muss mich ja nicht draußen aufhalten und gegen die Kühle im Haus kann ich mich wappnen – mit warmer Kleidung und mit dem Feuer, das ich gegen Abend im Kaminofen entzünden werde, wenn langsam auch alle Aktivitäten im Haus zur Ruhe kommen.

Es ist auch nicht die Aussicht auf die Arbeit und Bürokratie, um den Schaden im Wiesenhaus zu beheben, die mich frösteln lässt. Damit kann ich umgehen, das kriegen wir hin. Wir sind sozusagen „sturmerprobt“.

Es sind die Nachrichten, die mich selbst in der Abgeschiedenheit unserer kleinen Siedlung hinter dem Deich erreichen, obwohl ich Nachrichten nur noch in homöopathischer Dosierung aufnehme und alle Sendungen meide, die meine Ängste schüren und meinen Blutdruck in die Höhe treiben könnten.

Manche der Schreckensmeldungen erreichen mich eben doch.

Ich bin ziemlich irritiert, wie tiefenentspannt viele Menschen zu sein scheinen, die mit gleichmütiger Gelassenheit all diese Ankündigungen an sich abperlen lassen, die uns eigentlich in höchste Alarmbereitschaft versetzen müssten.

Als Beispiel sei der folgende Bericht genannt, den man unter diesem Link lesen kann:

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/energie-mangel-viele-chemiefirmen-stoppen-die-produktion-18321698.html?GEPC=s13

Daraus zitiere ich einige Passagen

„In der Chemieindustrie macht sich Angst breit. „Wir haben lange davor gewarnt, dass Produktion stillgelegt wird und Unternehmen ganz aussteigen. Und genau das findet jetzt statt“, sagt Wolfgang Große Entrup. Der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) schildert die Lage im Gespräch mit der F.A.Z. dramatisch. Vor allem im Mittelstand stünden Unternehmen mit dem Rücken zur Wand. „Wir haben sehr viele, die schreien buchstäblich um Hilfe.“

Dabei geht es nicht nur um die Gaspreise, obwohl diese ein riesiges Problem darstellen. Neben den enormen Energiepreisen, sind es weitere Faktoren, die ursächlich mit dem Ukraine-Krieg und den Sanktionen zusammenhängen und die der Industrie das Leben schwer machen – und damit natürlich auch allen Menschen, die durch ihre Arbeitsplätze direkt davon betroffen sind. So heißt es in dem Bericht weiter:

„Nach Große Entrups Worten beginnen jetzt Wertschöpfungsketten zu reißen. Ammoniak, Harnstoff, Adblue, Salzsäure, Vorprodukte für die Pharmaindustrie, selbst Basischemikalien würden schon knapp. „Die Zusammenhänge werden offensichtlich und klar“. Trotzdem werde die Lage in der Politik noch immer unterschätzt. Es gebe viel Aktionismus, viele Kommissionen, aber die nötigen Hilfen kämen nicht an. Und vieles, was versprochen worden sei, etwa der unbürokratische „Fuel Swap“, der Unternehmen ermöglicht, ihren Betrieb kurzfristig auf Öl umzustellen, funktioniere noch nicht.“

Die Lage wird von der Politik wohl auch deshalb immer noch unterschätzt, weil der Wirtschaftsminister ein studierter Schöngeist ist, der zwar wunderbar fein gedrechselte Reden abliefern kann und das Volk mit seinen märchenhaften Umschreibungen der eigentlich rauen Wirklichkeit einlullt und in den Schlaf der Ahnungslosen versetzt und der Kanzler ihn gewähren lässt, vermutlich um das komplizierte Zweckbündnis seiner Regierung nicht zu gefährden, in dem auch Herr Lindner als Finanzminister ein gewichtiges Wort mitzureden hat. Ganz abgesehen von den jeweiligen Rücksichtnahmen, die jede Partei auf ihre Wählerschaft nehmen muss, um die Garanten für die Wiederwahl bei Laune zu halten. Irgendwann, so fürchte ich, wird das Spiel nicht mehr aufrecht zu halten sein und die Strategie wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Es ist aber ein Irrtum zu denken, mit der CDU an der Spitze ließen sich die Probleme leichter lösen. Wenn man sieht, wie vehement allein Frau von der Leyen die weitere Unterstützung der Ukraine mit Geld und Waffen fordert, kann von einer Abkehr der bisherigen „Kriegspolitik“ der EU und einer möglichen Regierung unter Merz doch gar nicht die Rede sein.

Noch viel weniger, wenn man die Beteiligung der Grünen in Betracht ziehen muss, wehren die sich doch mit allen rhetorischen Mitteln gegen eine Forderung, die der Verband der chemischen Industrie erhebt:

„Der Branchenverband will sich diesen Montag mit seinem dramatischen Appell und einem ganzen Forderungskatalog nach Berlin wenden. Um Zeit zu gewinnen und die Strompreise zu dämpfen müssen nach seinen Vorstellung zunächst alle Kraftwerke ans Netz. Auch die bestehenden Kohle- und Atomkraftwerke. Auch wenn ein kurzfristiges Überschreiten des nationalen CO-2-Budgets nicht zu vermeiden sei, wie Große Entrup sagt.“

Weder wird die Grüne Basis dem Weiterlaufen der Atomkraftwerke zustimmen, noch werden sie vorübergehend die Schritte zur Bewältigung der Klimakrise verlangsamen oder ganz einstellen, zumal die sanfte Deindustrialisierung, wie sie „Grünen Visionären“ vorschwebt, ein Kernpunkt „Grüner Politik“ ist, die auf dem Umweg über die Ukrainekrise so ganz nebenbei und quasi unter dem Radar läuft.

Es ist nicht anzunehmen, dass Grüne Politiker sich des Hilferufs der Industrie entgegenkommend annehmen werden, das Zähneknirschen, sollten sie tatsächlich auf die Bedenken eingehen, ist doch deutlich zu hören.

Die Bedenken und der Ruf nach Hilfe aber werden laut und lauter:

„In Not geratene Versorger sollen nach dem Willen des VCI mit einer Beteiligung des Staates „zielgerichtet und temporär“ gestützt werden. Die angekündigte Strompreisbremse für den Basisverbrauch müsse auf industrielle Verbraucher ausgedehnt werden. Das schon beschlossene Energiekostendämpfungsprogramm sollte zudem verlängert und auf den Mittelstand angepasst werden. Betreiber von Chemieparks – Kern der Chemieproduktion in Deutschland – würden davon aktuell nicht profitieren.

Wie teuer die Hilfsmaßnahmen würden, darüber könne man heute nur spekulieren, sagt Groß Entrup. Klar sei aber, dass die Politik Unternehmen und Wertschöpfungsketten nur „von vorne“ retten könne. „Das Geld wird der Staat sowieso ausgeben müssen. Besser jetzt in die Struktur als nächstes Jahr zur Finanzierung der Arbeitslosigkeit.“

Die Aussichten auf die nächsten Wochen und Monate sind mindestens so grau wie die Wolken über der Wiese. Dabei ist es nur der Notruf einer Sparte, den ich hier aufgegriffen habe. Von kleinen mittelständischen Betrieben anderer Branchen ist hier nicht die Rede, auch nicht von den Familien, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten, von Alten mit schmaler Rente oder Menschen mit geringem Einkommen.

Das alles lässt mich frösteln. Leider helfen dagegen weder dicke Pullover noch warme Socken…. und selbst mein Gottvertrauen könnte langfristig auf die Probe gestellt werden… jedenfalls was den irdischen Teil betrifft, der ja noch mein Dasein bestimmt, so sehr die Aussicht auf den Himmel auch tröstlich ist.

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