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Wie oft denn noch? 7. Oktober, 2022

Posted by Rika in aktuell.
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Ich kann es einfach nicht mehr hören oder lesen!

Wie oft denn noch müssen wir ohnmächtig Sätze wie diesen zur Kenntnis nehmen:

Wer Juden angreift, greift auch uns an!

Das ist heute als Überschrift in dem Hannover-Teil der HAZ zu lesen, die sich dabei offensichtlich auf den katholischen Bischof von Hildesheim, Heiner Willmer bezieht. (Seite 17 der Printausgabe der HAZ vom 7. Oktober 2022)

Wie schon so oft in den letzten Jahren kennt die verbale Solidarität nach einem Anschlag auf die jüdische Gemeinschaft keine Grenzen, diese, die Grenzen nämlich, werden eher in dem Nichtstun offenbar, das regelmäßig auf die zunächst geäußerte Betroffenheit folgt.

Wie immer nach Anschlägen auf jüdische Einrichtungen in Deutschland oder bei offen zutage tretendem Antisemitismus – wie zuletzt bei der DOCUMENTA in Kassel – ist die aufgeschreckte politische und auch religiöse Elite des Landes schnell mit dieser sehr spezifischen Betroffenheitslyrik zur Stelle, man zeigt sich entsetzt, geschockt, fassungslos, bekundet seine Solidarität mit „jüdischen Menschen“ (wie es heute in der HAZ zu lesen war), betont treuherzig, „die gesamte Gesellschaft sei gefordert, sich gegen Antisemitismus einzusetzen“ so der Vertreter der Schura. Und doch lässt man – = viele Personen des öffentlichen Lebens, die sich gegen Antisemitismus aussprechen, gemeinhin die vielen geäußerten verbalen Angriffe gegen Juden (insbesondere gegen Israel) folgenlos geschehen.

„Es kann nicht sein, dass Menschen, die sich an Gott wenden, mit Steinen beworfen werden“ erklärt Stadtsuperintendent Rainer Müller-Brandes, und hat damit wieder so eine typische Wischiwaschi-Erklärung abgegeben, in der alle Menschen enthalten sind, „die sich an Gott wenden“.

Er hat ja im Prinzip recht mit dieser Aussage. Es kann in der Tat nicht sein, dass Gottesdienstbesucher mit Steinen beworfen werden, ob nun auf dem Weg zum Gottesdienst oder während des Gebets im Gotteshaus. Aber die Frage muss doch gestellt werden, welche anderen „Menschen, die sich an Gott wenden“, wurden in letzter Zeit mit Steinen beworfen? Ich bin noch nie einem Steinewerfer im Bannkreis meiner christlichen Gemeinde begegnet, weiß aber natürlich und habe es schon sehr oft persönlich miterlebt, dass vor jüdischen Einrichtungen die Polizei zum Schutz der Beter eines Gottesdienstes oder der Besucher besonderer Veranstaltungen aufzieht, aufziehen MUSS, sollte man besser sagen. Ich gehe davon aus, dass das auch am Gottesdienst zu Yom Kippur vor dem Eingang der Synagoge so war, warum und wie es aber dennoch zum Angriff auf die Synagoge und die Gottesdienstteilnehmer kommen konnte, ist nach wie vor unklar.

Eines wird doch ganz deutlich: Solange jüdisches Leben in Deutschland unter Schutz gestellt werden muss, ist der Antisemitismus immer noch allgegenwärtig, stark und virulent. Und es ist, neben dieser Notwendigkeit des Schutzes, ein Armutszeugnis sondergleichen, dass die versprochenen Schutzmaßnahmen, die nach den Vorkommnissen an Yom Kippur in Halle auch den jüdischen Gemeinden in Hannover zugesagt wurden, bis heute nicht zustande gekommen sind.

Das macht mich müde und wütend zugleich. Solange schon stehen diese Bitten und Forderungen als absolute Notwendigkeit im Raum, und so viele Monate und Jahre ist nichts geschehen. Dafür hören und lesen wir wieder die von Betroffenheit triefenden Bekenntnisse, die zum „Kampf gegen den Antisemitismus“ auffordern.

Da passt doch ein Artikel beinahe perfekt in den gewiss nicht so vorhersehbaren zeitlichen Zusammenhang, den ich bei Audiator entdeckte und der sich mit einem typisch deutschen Phänomen beschäftigt.

Hier kann man ihn nachlesen: https://www.audiatur-online.ch/2022/10/05/deutsch-bauen-in-palaestina/

Denn auch das gehört zum Gesamtbild des Antisemitismus, der so verheerende Züge trägt und in dessen Gefolge es auch in Hannover nach Aussage des Oberbürgermeisters Belit Onay „jeden Tag antisemitsiche Vorfälle“ gebe und der darum ergänzt: „Es ist wichtig zu zeigen, dass wir an der Seite der Gemeinde stehen“.

Ebenso wichtig, sage ich mit bitterem Unterton, wie es auch deutsche Diplomaten und Politiker immer beteuern: „Wir stehen an der Seite Israels“, um dann eilig ihre Aufwartung Herrn Abbas in Ramallah zu machen.

Etwas sarkastisch – und dem eigentlichen üblen Anlass wohl nicht geziemend – könnte ich darauf hinweisen, dass ein eiserner standfester Pfosten (eines Schutzzaunes) vermutlich hilfreicher und sinnvoller ist, als die verbale Beteuerung des „an der Seite stehen“… ob nun an der Seite der Gemeinde oder an der Seite Israels.

Am 9. November werden dann wieder Kränze an den Orten der von den deutschen „Volksgenossen“ im Tausendjährigenreich zerstörten Synagogen niedergelegt und Reden von „nie wieder“ gehalten. Wir sind ja inzwischen richtig gut darin, um zerstörte Synagogen und tote Juden zu trauern… Nur mit den lebenden Juden hier und anderswo tun wir uns schwer.

Mehr Informationen zum Geschehen in Hannover gibt es hier und hier

Siehe in dem Zusammenhang auch diesen alten Beitrag: https://himmelunderde.wordpress.com/2019/02/05/eine-zeremonie-der-schande/

Kommentare»

1. Georg B. Mrozek - 7. Oktober, 2022

Der importierte Antisemitismus bleibt stets unerwähnt. Wie soll man ein Problem angehen, wenn man dessen Ursachen nicht benennt oder nicht benennen darf? Ministerin Faeser hat ja sogar den diesbezüglichen Arbeitskreis in ihrem Ministerium aufgelöst. Wäre ich böse, würde ich annehmen, dass solche Vorfälle gar nicht mal so ungerne gesehen werden, lenken sie doch prima von den eigentlichen Problemen ab und bieten gleichzeitig Munition, um gegen alles rechts des linken Zeitgeistes als Nazis vorgehen zu können.

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2. Rika - 7. Oktober, 2022

Muslimischer Antisemitismus ist eine so heiße Kartoffel, dass niemand, der politisch etwas werden will, sie auch nur anzurühren wagt, es wären nämlich nicht nur die Finger, die verbrennen…. die Karriere wäre praktisch auf der Stelle beendet. Warum aber Bischöfe und christliche Würdenträger nicht mutig aufstehen, kann ich nicht nur mutmaßen…. aber das ist ein so weites Thema, dass es diesen Kommentar total sprengen würde.
Egal ob die Bischöfe auf dem Tempelberg ihr Kreuz ablegen oder Franziskus sich in einer großen Moschee gen Mekka verneigt, es ist ein Kreuz mit dem Bekennermut der Christen, ein Kreuz, das sie leider nicht auf sich nehmen, trotz der Empfehlung ihres Namensgebers, Christus, der seine Nachfolger dazu aufrief, ihr jeweiliges Kreuz zu tragen…
Nach meinem Verständnis gehört dazu auch die Auseinandersetzung mit dem Islam und die Absage an das beliebte Mantra: Wir glauben doch alle an den gleichen / selben Gott.
Tun wir nicht.
Man muss nur das apostolische Glaubensbekenntnis lesen und das, was der Koran zur Dreieinigkeit Gottes, zum Tode Jesu und seiner Auferstehung sagt.

Natürlich spielt es allen in die Hände, die die Gefahr für unsere Gesellschaft und speziell für die jüdische Community ausschließlich „rechts“ verorten und ganz gepflegt die Grünen mit ihrer BDS-affinen Politik ebenso ausklammern, wie den alten Antisemitismus der Linken. Claudia Roth hat dafür in der DOCUMENTA-Affäre ein „wunderbares“ Zeugnis abgelegt. Viel zu spät musste sie einlenken. Beschämend.

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3. Georg B. Mrozek - 8. Oktober, 2022

Das mit dem Verzicht aufs Kreuz der beiden satten Kirchenfunktionäre ist in der Tat nach meinen Eindrücken aus dem persönlichen Umfeld wohl der Moment, der den Stein massenweiser Kirchenaustritte so richtig ins Rollen gebracht hat. Wozu braucht jemand eine Kirche, deren Chefs ihren Glauben verleugnen? Völlig nutzlos wären die. Gleichzeitig sehe ich hier im lokalen Umfeld, wie die Kirchengemeinden freier Kirchen wachsen, neue Häuser beziehen usw.. Also das Christentum scheint gar nicht zu verschwinden, sondern nur die beiden großen Kirchen werden bedeutungslos. Eigentlich ist das sogar ein erfreuliches Zeichen. Sogar ich als Agnostiker empfinde diese Entwicklung als sehr wohltuend. Denn auch für einen Atheisten mit christlichen Wurzeln (ich war jahrelang als Jugendlicher Messdiener) ist das Christentum Teil seiner Psyche, bleiben die christlichen Werte, die ich sehr schätze, die aber eben nichts mit den Amtskirchen zu tun haben, Teil des eigenen Lebens. Jesus lebt, würde ich behaupten, er zeigt sich überall.

Wie du sagst, das ist allerdings ein weites Feld, für das etliche Einträge nicht ausreichten.

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4. Rika - 10. Oktober, 2022

„Teil des eigenen Lebens. Jesus lebt, würde ich behaupten, er zeigt sich überall.“
Amen

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