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Unwort 13. Januar, 2023

Posted by Rika in aktuell.
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Heute muss man sich hüten, bestimmte Ausdrücke in der Öffentlichkeit zu gebrauchen, man könnte sonst leicht in eine Schublade sortiert werden, in der man sich keinesfalls wiederfinden möchte.

Was aber beim Gebrauch von Ausdrücken, die unter Kuratel gestellt wurden, für die Privatsphäre lediglich unangenehme Folgen haben könnte, wäre für Berufsschreiber, Moderatoren oder andere Öffentlichkeitsarbeiter hochgradig gefährlich, könnten sie sich doch allzu schnell eine Existenz gefährdende Abmahnung oder Schlimmeres einhandeln. Die Missachtung der Empfehlung einer selbsternannten Elite, um nicht zu sagen „Sprachschutz-Abteilung“, käme einem selbst verschuldeten Berufsverbot gleich. Bei Politikern wäre es definitiv das Ende der Karriere, bei der heutzutage die Meinung oder Haltung wichtiger ist als Wissen, Können oder Leistung.

Die Marburger „S.A.“ hat aber gar nicht unsere schöne Sprache im Auge, vielmehr geht es ihr um die mit „Sprache verbundene oder geäußerte Haltung“. Es ist die von den Marburgern assoziierte „falsche Haltung“ der Sprachnutzer, die ein Wort zu einem völlig normalen Gebrauchswort oder zu einem Unwort macht.

Wer im gerade angefangenen Jahr immer noch von „Klimaterrorist“ redet, hat die falsche Haltung.

Denn mit dem Ausdruck „Klimaterrorist“ die aktiven und /oder gewaltsamen Proteste der Klimakämpfer zu bezeichnen, offenbart nicht etwas die „falsche Haltung“ der Streiter, die sich auf Straßen festkleben, den Verkehr behindern oder im Kampf ums Klima mit Steinen, Molotowcocktails oder Exkrementen gegen Polizisten vorgehen, nein, der Ausdruck „Klimaterrorist“, von denjenigen genutzt, die nicht als Fan Greta Thunbergs oder Luisa Neubauer angesehen werden können, aber sich kritisch zu gewaltsamen Protesten der Klimaaktivisten äußern, zeigt, dass diese User auf der vollkommen falschen Seite stehen und darum mit allen Mitteln mundtot gemacht werden müssen. Da man ihnen aber nicht grundlos das Schreiben verbieten kann, muss man die entsprechenden Ausdrücke, die einer richtigen Haltung widersprechen, verbieten, zumindest aber so deutlich kritisieren und propagandistisch negativ überhöhen, dass ein Moderator oder Autor / Journalist, der seinen gut dotierten Job behalten will, es sich hundertmal überlegt, ob er im unerlaubten Jargon weiterhin reden oder schreiben will.

Im Gegensatz zu berufsmäßigen Schreibern habe ich es vergleichsweise gut. Ich bin zwar auch nicht begeistert darüber, mich in Schubladen einsortiert vorzufinden, in die ich mich freiwillig niemals selber einordnen würde, aber weder hängt mein Seelenleben noch mein Auskommen davon ab, ob und wie ich der „S.A.“ angepasst rede oder hier im Blögchen schreibe.

Und so werde ich auch in Zukunft von Klimaterroristen sprechen, wenn Menschen in Ausdruck und Tat Gewalt ausüben in ihrem vermeintlich guten Kampf ums Klima. Ich halte zum Beispiel Greta und Luisa für Klimaterroristen, die mit ihrer Panikmache eine ganze Generation in Angst und Schrecken versetzt und damit zu völlig irrationalen Reaktionen veranlasst haben. (Gleiches gilt auch für verschiedene Vertreter der Partei, die mit der Sonnenblume wirbt, und uns mit ihren Plänen und Maßnahmen in steinzeitliche / mittelalterliche Verhältnisse zurückbefördern wollen und werden, sofern wir ihnen nicht Einhalt gebieten.)

Statt sich den klimatischen Veränderungen mit sinnvollen Maßnahmen anzupassen, wird mit aller propagandistischen Macht an der rein virtuellen Schraube gedreht, das 1.5° oder 2.0°-Ziel zu erreichen, koste es, was es wolle. Machen wir uns doch nichts vor, es wird der Weltbevölkerung nicht gelingen, das „Klima“ zu beherrschen. Das Klima beherrscht seit ewigen Zeiten uns, die Menschen, und wird das in alle Ewigkeit, zumindest aber solange diese Erde besteht, auch weiterhin tun. Wir Menschen haben gelernt, das Feuer zu hüten, feste Behausungen gegen die Unbillen des Wetters zu bauen, Landwirtschaft zu betreiben, die den Hunger beseitigt, Technologien einzusetzen, die unsere Körperkräfte schonen und damit dazu beitragen, unsere Lebenszeit zu verlängern. Wir haben Krankheitserreger entdeckt und Abhilfe dagegen entwickelt, wir erkunden den Mond und das Planetensystem, können unfassbar schnell reisen und noch schneller Nachrichten in nahezu jeden Teil der Welt (außerhalb der Netzlöcher Deutschlands) senden.

Wovor sollte uns grauen?

Davor, dass unsere Kreativität, mit der wir bisher auf Herausforderungen reagierten, versagt? Und damit meine ich nicht die Kreativität in Form von Steuerabgaben auf CO2, die zwar nicht das CO2 selbst reduzieren, aber angeblich unsere Luftverpestung und Klimaschändung mit CO2 gegenüber den Nicht-Industrieländern gerechter sein lässt.

Ach, was rege ich mich noch auf. Es ist vergebliche Liebesmüh.

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Übrigens, das hatte ich bisher noch nicht erwähnt, es gab auch früher schon „Unwörter“, nur wurden die nicht von den „Sprachschutzabteilungen“ ausgerufen, es waren damals Mütter und Väter, Omas und Opas, Tanten und Onkel und die Lehrer an den Schulen, die gewisse Wörter unter den Bann stellten.

Das Wort Schei… gehörte definitiv dazu. Im Kindergarten wurde einem der Mund mit Seife ausgewaschen, wenn man dieses ungehörige Wort in den Mund nahm. Mein Vetter Achim und ich waren kreativ, wir sagten einfach „Scheibe“ oder Scheibenkleister oder Scheibenhonig, jeder wusste, was gemeint war, aber das Unwort wurde nicht ausgesprochen.

Es gibt immer noch eine Menge Wörter, die auf dem Index der zwar nicht verbotenen, aber dennoch nicht gern gehörten Worte stehen, früher rechnete man sie der „Gossensprache“ zu, und natürlich hatte niemand, der etwas auf sich hielt, diese Worte öffentlich in Gebrauch. Klar, auch das hatte und hat etwas mit „Haltung“ zu tun, nämlich mit Ästhetik, Feingefühl, Schönheit der Sprache, aber nichts mit einer von wenigen, uns allen aufgezwungenen „Haltung“ in Fragen der Klima- und sonstigen Politik.

Bemühen wir uns um die Schönheit unserer Sprache – zu der auch das Wort „Klimaterrorist“ gehören darf, weil es in verkürzter Form etwas beschreibt, was mit „sie verüben Terror für das Klima“ doch ebenso zutreffend wie umständlich ausgedrückt würde.


Und auch dies noch:

Ich nehme allerdings den Einwand ernst, dass bei dem heute beinahe schon inflationär genutzten Wort „Terror“ und mit dem Ausdruck „Klimaterrorist“ die Gefahr einhergeht, „Terror“ und „Terrorismus“ insgesamt zu verharmlosen.

Ich halte alle Formen des aktiven und gewaltsamen Kampfes zur „Klimarettung“ keinesfalls für harmlos und damit auch nicht für gerechtfertigt.

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Fremdgesteuert…. 10. Januar, 2023

Posted by Rika in aktuell.
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Sie haben es nun auch in meine Tageszeitung geschafft, besser gesagt, meine Tageszeitung bietet ihnen die große Bühne für das große Wäschewaschen und die Welt schaut staunend zu, wie ein bisher beliebter Mensch immer weiter seinen Niedergang betreibt und alle dafür verantwortlich macht, nur selber nicht das geringste Einsehen zeigt, an der ganzen Misere – durchaus auch schuldhaft – im höchsten Maße beteiligt zu sein und nun die Folgen tragen zu müssen. Wobei an dieser Stelle gesagt werden muss, dass es sich finanziell durchaus gelohnt hat, an die Öffentlichkeit zu gehen, wirkt doch die schmutzige Wäsche, mit vielen Millionen Dollar „gewaschen“, beinahe penibel gereinigt – jedenfalls was die Offenlegung der Schuldigen betrifft, die ja nach Meinung des Waschsaloninhabers nur bei den bösen Medien und Verwandten zu suchen sind.

Sie wollen angeblich eine Versöhnung herbeiführen und tun alles dafür, dass genau das nicht passieren kann.

Ihrem Beispiel und Vorbild in der Offenlegung von Streit und Konflikten und in der damit verbundenen Verbreitung von Hass und Häme folgend, soll die Welt ein besserer Ort werden.

Der arme Mann, er glaubt, sich endlich aus allen Zwängen befreit zu haben und ist in die größte Falle getappt, die das Leben einem Mann zu bieten hat, der blind vor Liebe nur seinen hormongesteuerten Impulsen folgt. Die Venusfalle ist zugeschnappt.

Die Schauspielerin hat die Hosen an, bestimmt das Drehbuch und das Sagen, führt die Regie und lässt das Männlein tanzen.

Es wird nicht gut ausgehen für die Kämpfer gegen eine tausendjährige Tradition. Diese mag einige Kratzer und Schrammen davontragen und sich möglicherweise marginal-kleine Korrekturen auferlegen, aber die Verlierer dieses unappetitlichen öffentlichen Dreinschlagens sind die Schläger aus dem sonnigen Kalifornien und nicht die Geschlagenen diesseits des Atlantiks.

Was endlich das Fremdgesteuert sein beenden sollte, offenbart doch nur, dass der arme Prinz von einer Fremdsteuerung in die nächste geraten ist und dabei einen Verlust hinnehmen muss, den er vermutlich vorher niemals auf der Rechnung hatte.

Die Frage ist, wie lange die Schauspielerin noch Spaß an ihrem Drama hat…. und welches Drehbuch kommt dann?

(So, damit habe ich mich auch dem Tratsch und Klatsch ergeben, der schon seit Wochen kaum noch zu übersehen war. Aber damit soll es auch genug sein. Noch mehr von meiner Aufmerksamkeit haben die Wäschewascher wirklich nicht verdient.)

Fremde Feder … zum Tode Benedikts XVI. 3. Januar, 2023

Posted by Rika in aktuell.
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Ohne weiteren Kommentar stelle ich hier den großartigen Text ein, den Chaim Noll zum Todes Benedikts XVI. geschrieben hat:

Revolution der Rückkehr – Papst Benedikt XVI. und die Juden

Als Kardinal Joseph Ratzinger zum Papst gewählt wurde, galt diese Personalie in der deutschen Presse vielfach als „umstritten“. Vielleicht ist es anlässlich seines Todes hilfreich, an sein Verhältnis zu den Juden zu erinnern.            

Wenn der helle Rauch aufsteigt, zum Zeichen, dass sich das Konklave der Kardinäle auf einen neuen Papst geeinigt hat, laufen die Römer auf dem Petersplatz zusammen, heute wie seit Jahrhunderten. Und nun war es dieser, il tedesco, der Deutsche. C’è un attimo di silenzio di troppo, nella piazza…schrieb eine italienische Zeitung: Unten auf dem Platz, bei Bekanntwerden der Nachricht, sei ein Augenblick des Schweigens zu viel gewesen.

Dies die feine italienische Art, jene Verblüffung zu beschreiben, die große Überraschung oder, wie man im Deutschen sagt, das „ungläubige Staunen“, das offenbar einen Augenblick lang über dem Platz gelegen hatte. Für das Staunen der Römer gab es zunächst einen historischen Grund: Selten in der Geschichte der Päpste sind Nicht-Italiener auf den Heiligen Stuhl gelangt, und nun gleich zwei hintereinander. 1978 der Pole Karol Wojtyla, der erste Ausländer seit Hadrian VI., seit rund vierhundertfünfzig Jahren also, und jetzt sein Nachfolger Josef Ratzinger, ein deutscher Kardinal. Poi l’applauso, certo. Abbiamo il Papa, viva il Papa. Viva questo Papa, viva Benedetto sedicesimo, il tedesco.

Anderswo hatte das Erstaunen andere Gründe, und die Medien, die Sprachrohre jener unwägbaren, unbeirrbaren, dennoch oft irrenden Kraft, die sich „öffentliche Meinung“ nennt, fanden drastischere Worte. Dabei ist erstaunlich, wie verschieden die Beurteilungen des neuen Pontifex ausfallen, von unverhohlener Begeisterung bis zu Beleidigungen. Es werde schwer sein, diesen Papst zu lieben, erklärte ein brasilianischer Befreiungs-Theologe sofort nach der Wahl, während die Mailänder Zeitung Corriere della Sera seine große Beliebtheit voraussagte: Sarà un Papa amato.

Kardinal Joseph Ratzinger, seit fast fünfundzwanzig Jahren Präfekt der Glaubenskongregation und Präsident der Theologenkommission der katholischen Kirche, galt als „konservativer Chefdenker“ des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. Bereits dieser hatte – trotz seiner weltweiten Popularität – manche liberale Hoffnung enttäuscht. Erst recht nun der Mann, der als federführend bei den grundlegenden vatikanischen Erklärungen der letzten zwei Jahrzehnte gilt, etwa bei dem 1992 veröffentlichten Katechismus der Katholischen Kirche oder dem viel kritisierten päpstlichen Papier Dominus Jesus aus dem Jahre 2000. Oft hätten Ratzingers Entscheidungen den „Geist des Verbohrten geatmet“, schrieb ein deutscher Journalist, Ratzinger sei ein „Betonkopf“, ein anderer, und die Pariser Zeitung Libération bezeichnete ihn als „Panzerfahrzeug Gottes“. Der Zürcher Tages-Anzeiger – alte Ängste vor der katholischen Kirche ausspielend  – nannte ihn einen „Großinquisitor“. In Anlehnung an kommunistische Propagandasprache verurteilten ihn der Londoner Independent oder die dänische Zeitung Politiken als „reaktionäre Gestalt“. „Vielen Katholiken und Christen“, so der Berliner Tagesspiegel, „läuft beim Namen Ratzinger wegen seiner harten Art ein eiskalter Schauer über den Rücken.“

Die negativen Stimmen kommen vor allem aus Europa, genauer aus Mittel- und Nordeuropa. Dort gibt es Kirchenaustritte in alarmierender Zahl, eine zunehmende Abwendung vom Christentum, einen spürbaren Verlust an Tradition und historischem Bewusstsein, zugleich scheint ein verbohrter Euro-Zentrismus viele Mitteleuropäer an der Einsicht zu hindern, dass die Welt nicht nur aus Mitteleuropa besteht. Schon eine ost-europäische Stimme, die ungarische Zeitung Magyar Nemzet, wertete den neuen Papst vollkommen anders:  „Die Botschaft des Heiligen Geistes an das Konklave war: Lasst uns die Kirche panzern, denn wir dürfen Europa nicht aufgeben.“

Ich zitiere diese Stimmen als Außenstehender, der weder in Europa lebt noch irgendeiner Richtung christlichen Glaubens angehört. Israel, das Land, in dem ich lebe, war eins der wenigen weltweit, in dem die Wahl Kardinal Ratzingers zum neuen Papst mit fast ungetrübter Zustimmung begrüßt wurde. Seine Mitgliedschaft in der Hitlerjugend – für europäischen Zeitungen Grund zu bedrohlichen Schlagzeilen – wurde in israelischen Medien nur kurz, eher pflichtschuldig, unter Hinweis auf die Unmündigkeit des Knaben abgehandelt. Dafür gab es ausgiebige Würdigungen der Verdienste des Kardinals und Theologen bei der christlich-jüdischen Annäherung und der Anerkennung des Staates Israel durch den Vatikan. Bekannte Rabbiner und der Vorsitzende des jüdischen Weltkongresses erklärten Ratzingers Wahl für „good news“. Man möchte von einem Paradoxon sprechen: ein in der eigenen Heimat als „Reaktionär“ und „Großinquisitor“ bezeichneter Theologe genießt weitreichende Sympathien im jüdischen Staat und bei jüdischen Organisationen in aller Welt.

Die diplomatische Anerkennung des jüdischen Staates durch den Vatikan erfolgte 1993. Dahinter stand mehr als politische Vernunft angesichts der wachsenden Stärke und Bedeutung des Staates Israel in der mittelöstlichen Region und in der Welt. Tiefe theologische Arbeit ging in diesem Fall der diplomatischen voraus: es galt zweitausend Jahre Zerwürfnis zu überwinden, Jahrhunderte währende Fehlurteile der Kirche gegenüber dem Judentum, Jahrhunderte christlichen Judenhasses und christlicher Judenverfolgung. Die Heilung des aus der Antike stammenden Bruches der Kirche mit dem Judentum war, unter Ratzingers ständiger Beratung, das wohl wichtigste theologische Projekt im Pontifikat seines Vorgängers Johannes Paul II. Die von Kardinal Cassidy geleitete Vatikanische Kommission für die Beziehungen zum Judentum veröffentlichte 1994 ihr mea culpa für das Versagen der Kirche im Holocaust. Die Erklärung wies darauf hin, dass dieses Versagen aus der langen Tradition des christlichen Judenhasses erwachsen und tief in der Kirchengeschichte verwurzelt war.

Bei der Annäherung des päpstlichen Staates an den der Juden ging es um mehr als ein mea culpa wegen Auschwitz. Die Wurzeln des christlichen Anti-Semitismus reichen viel tiefer, viel weiter zurück. Sie reichen in frühes kirchliches Selbstverständnis, mindestens bis zur Passa-Homilie des Bischofs Melito von Sardis, geschrieben um 150 christlicher Zeit, in der „die Juden“ zum ersten Mal offen als Christusmörder bezeichnet wurden, obwohl Melito und anderen frühchristlichen Judenfeinden bekannt war, dass nur der römische Prokurator von Judäa Todesurteile verhängen und nur die römische Behörde sie vollstrecken konnte. Der einflussreiche christlich-römische Philosoph Laktantius folgte der Unwahrheit zwei Jahrhunderte später in seinem Standardwerk Divinae Institutiones, wodurch sie ins lateinische Schrifttum einging. Ambrosius von Mailand im vierten Jahrhundert, die Kirchenväter Johannes Chrysostomos (Homiliae adversus Iudaeos) oder Augustinus (Tractatus adversus Iudaeos) kennzeichnen weitere Etappen der Kirche auf dem abschüssigen Weg in Judenhass und Verfolgung des Volkes Jesu. Hinzu kamen tendenziöse Übersetzungen auslegbarer Stellen im Neuen Testament (Matthäus 27, 25, Titus 1,10-11 u.a.), die der Entstellung den Anschein des Unvermeidlichen gaben. „Sagen wir es direkt“, schrieb der Theologe und Papyros-Forscher Carsten Peter Thiede, „Übersetzungen und Ausleger, die sich darauf stützten, haben hier Schuld auf sich geladen.“

Christlicher Judenhass verfestigte sich durch die Jahrhunderte zu einem scheinbar unerlässlichen Bestandteil christlicher Weltsicht. Auch Reformatoren wie Luther, bei allem Widerstand gegen die katholische Kirche, übernahm ihn fast unbesehen. Gelegentlich versuchten Theologen, einige Male sogar Päpste, das verhängnisvolle Stereotyp zu brechen. Pius II. war ein Freund der Juden, Martin V. erließ nicht weniger als fünf Bullen zu ihrem Schutz. Sixtus V. sicherte sie 1587 durch die Bulle Christiana Pietas. Doch es blieb bei einzelnen Initiativen, nicht wirklich durch theologische Grundsatzarbeit untermauert, immer wieder durch Rückfälle zunichte gemacht. Papst Leo XII. konnte die römischen Juden im 19.Jahrhundert erneut ins Ghetto verbannen, noch Pius IX., einige Jahrzehnte später, fiel in die alten Vorurteile zurück.

Wie tief der unsinnige Hass auf das Volk, dem Jesus angehörte, dem Christentum geschadet hat, enthüllte das 20. Jahrhundert, das die offiziellen Kirchen unfähig sah, dem beispiellosen Verbrechen der europäischen Judenvernichtung entgegenzutreten: aus eigener Verstrickung heraus, aus eigener Mitschuld an der theologischen und psychologischen Vorbereitung des Ungeheuerlichen. Die europäischen Kirchen verloren ihre Glaubwürdigkeit als Institutionen, die für die Wahrung des Humanen einstehen müssen, gerade in Tagen des gewalttätigen Angriffs gegen die Menschlichkeit. Unmittelbar auf diese Schwäche folgte ihr Niedergang in vielen europäischen Ländern. Es ist offenkundig, dass hier ein Zusammenhang besteht: zwischen der Mitschuld, dem Verlust an Glaubwürdigkeit und der Einbuße an Bedeutung im heutigen geistigen Leben Europas. Ein Ausweg aus der Misere führte nur über Gewissenserforschung und das Eingeständnis eigener Schuld. Und tiefer noch: über das Bloßlegen der bis in die Antike reichenden Wurzeln christlicher Feindseligkeit gegenüber dem Volk der Juden.

Zu den tiefsten Denkern auf diesem Gebiet gehört seit langem der deutsche Theologe Josef Ratzinger. Vielleicht hat der Umstand, dass er ein Deutscher ist, daran wesentlichen Anteil. „Man könnte seine Sensitivität auf diesem Gebiet, entstanden aus der Gewissenserforschung eines in Deutschland Geborenen, mit der seines Vorgängers Johannes Paul II. vergleichen, der in Polen geboren wurde, einem der ‚Opferländer’ Nazi-Deutschlands“, schrieb die amerikanische Journalistin Lisa Palmieri-Billig in Rom. „Der frühere und der künftige Papst scheinen verbunden durch ihre gemeinsamen persönlichen Erinnerungen an die Verbrechen des Holocaust.“

Dies war vermutlich nur die äußerste Schicht einer viel intensiveren geistigen Nähe zwischen dem verstorbenen polnischen Papst und seinem Berater in theologischen Fragen, dem deutschen Kardinal. Um die tiefen Ursachen des katholischen Judenhasses zu durchschauen, muss man – so paradox es klingen mag – ein konservativer Denker sein. Kardinal Ratzinger hat 1990 in einem Interview den nucleus christlicher Judenfeindschaft bloßgelegt. Er sprach über seine Bemühungen, „die alten legalistischen Interpretationen der Schrift zu überwinden, die typisch sind für sogenannte liberale katholische Kreise, und die Jesus als jemanden porträtieren, der die pharisäische Interpretation der Schrift gebrochen hätte.“

In der Tat beginnt das christliche „Problem“ mit dem Judentum bei der Frage, ob Jesus ein pharisäischer Schriftgelehrter war, eingebettet in das rabbinische Judentum seiner Zeit, oder ob er mit der Tradition des Judentums gebrochen hat und sich gegen sie wandte, wie gerade moderne und linke Theologen behaupten. Ratzinger, als Konservativer, besteht auf einer „grundsätzlichen Kontinuität“ zwischen dem Alten und dem Neuen Testament. Er sieht eine niemals unterbrochene Traditionslinie allen Denkens und Glaubens, das sich christlich nennt, aus dem Judentum heraus, aus dem mosaischen Gesetz, dem biblischen Wertekanon der Humanität.

Es gab Perioden in der Geschichte der katholischen Kirche, in denen energische, zum Teil gewaltsame Versuche unternommen wurden, das „Alte Testament“ vom Christentum abzutrennen, als etwas Reaktionäres, die Entwicklung Hemmendes, von Jesus selbst Verworfenes. Die Auslegung moderner Theologen, Jesus sei ein „Revolutionär“ gewesen, ein Rebell gegen die ihn prägende Überlieferung und pharisäische Tradition, hat solche Versuche begünstigt. Die Evangelien geben dazu keine Handhabe: sie porträtieren den Schriftgelehrten Jeshua oder Jesus als Anhänger des rabbinischen Lernhauses, aus dem er hervorging, vermutlich des Hauses Hillel, genauer von dessen Enkel Rabbi Gamliel, der, wie im Neuen Testament überliefert, auch Paulus’ Lehrer war. In diesem streng schriftgetreuen Sinn soll der neue Katechismus der katholischen Kirche, veröffentlicht in den neunziger Jahren, die Position zum Judentum grundlegend klären. Der entscheidende Gedanke ist, wie Kardinal Ratzinger betonte, „dass ohne das Alte Testament, ohne Kontakt zu einem unsterblichen, alles überdauernden Judentum, das Christentum seinen eigenen Ursprüngen nicht treu sein kann“.

Der Theologe Ratzinger erweist sich als einfühlsamer Psychologe: die Identitätskrise des europäischen Christentums im 20.Jahrhunderts entstand, seiner Diagnose nach, nicht zuletzt aus einem gestörten Verhältnis zur eigenen Herkunft, den eigenen Wurzeln. Die Wurzeln des Christentums liegen im Judentum. Eine das Judentum verleugnende, womöglich hassende Kirche kann nicht gedeihen, nicht überzeugen. Sie kann, mit diesem inneren Defekt, der Unmenschlichkeit nicht wehren, ihre Botschaft nicht mehr glaubhaft erfüllen, nicht mehr wirksam in die Tat umsetzen. Es ist eine für manchen Christen schmerzliche Diagnose. Sie beinhaltet das Eingeständnis, aus einer anderen, älteren Religion hervorgegangen und dieser – als der Quelle eigener Identität – für immer verpflichtet zu sein. Seit jeher gab es Christen, denen dieses Eingeständnis unerträglich war. Doch die Krise der europäischen Kirchen im 20.Jahrhundert gibt Ratzinger Recht.

Der verstorbene Papst Johannes Paul II., unter Ratzingers theologischer Beratung, ging den entscheidenden Schritt. Er bekannte sich, wohl als erster Papst in der Geschichte, zur umstrittenen „Erwähltheit“ des jüdischen Volkes. Bei seinem Besuch in Israel 1994 erklärte Ratzinger, warum für Christen die Anerkennung dieser Erwähltheit zwingend sei. „Das Volk Israel“, sagte er, „hat immer und ganz zu recht seine Überzeugung bewahrt, das ‚erwählte Volk’ zu sein. Denn es war unser Einziger Gott, der diese Wahl getroffen hat, im Kontext eines universalen Plans, wie wir im Alten Testament gesehen haben.“

Und er fügte eine Aussage über die Rabbiner hinzu, wohl gleichfalls einzigartig in der Geschichte der römischen Kirche: „Aber die Tatsache ihrer Erwähltheit hat die Rabbiner der Antike oder des Mittelalters oder, mehr noch, der heutigen Zeit, nicht daran gehindert zu glauben, dass Gott zugleich seine Liebe allen Menschen zuteil werden lässt.“ Auch diese Erklärung ist revolutionär in der Geschichte der Kirche, die den Rabbinern fast unisono gerade die Fähigkeit abgesprochen hat: ihren Gott mit anderen zu teilen, offen zu sein, universal gesinnt, auf das Wohl der gesamten Menschheit bedacht. Die Rabbiner galten der Kirche als eifersüchtige Hüter des jüdischen Gottes, ihr Denken als partikularistisch, zurückgeblieben, von Enge und Introvertiertheit bestimmt, und daher – im Unterschied zum römisch-christlichen Konzept – als außerstande, universellen Ansprüchen gerecht zu werden. Anders sah es der Theologe Ratzinger: im Erwähltheits-Bewusstsein der Juden argwöhnt er nicht – wie viele christliche Theologen bis heute – Arroganz, Dünkel oder sonst eine separatistische Attitüde, die das rabbinische Judentum daran hindert, sich zu öffnen und für die „Meinung der Mehrheit“ zugänglich zu werden, sondern göttliche Zuweisung, ein auferlegtes fatum, das der davon Betroffene, ob er will oder nicht, annehmen muss, und mit ihm alle, die sich zu diesem Gott bekennen.

Der neuralgische Punkt im Verhältnis der Christen zu den Juden liegt wiederum tiefer, liegt seit jeher, seit frühestem christlichen Selbstgefühl, in der Nicht-Anerkennung der Person Jesus als Messias, auf griechisch Chrestos, durch das Judentum. Hieran entzündete sich die Rhetorik einiger Sprecher, Briefschreiber und Überlieferer im Neuen Testament, Juden zumeist, später von christlichen Autoren und Kirchenvätern. Dabei sei nicht vergessen, dass Jesus’ erste, früheste Anhängerschaft durchweg aus Juden bestand, und dass es eben gerade viele Juden waren, die in ihm den Messias oder Chrestos sahen. Dass dir Sadduzäer und Tempelpriester dagegen Stimmung machten und beim ohnehin durch Jesu Auftreten gereizten römischen Statthalter ein offenes Ohr fanden, hat wiederum christliche Judengegner über Jahrhunderte zu einer pauschalen Verurteilung „der Juden“ verführt. Man kann von einer inner-jüdischen Spaltung sprechen, von einem inner-jüdischen Streit, ausgelöst durch den umstrittenen Schriftgelehrten und Wunderheiler Jesus, und die entscheidende Streitfrage war, ob man in ihm mehr sah als einen Schriftgelehrten und Heiler, ob man in ihm den von Gott Gesalbten sah, eben den Chrestos oder Messias.

Ratzinger vertrat auch hierzu eine für einen katholischen Theologen verblüffend neuartige Sicht. Er hat sie nicht für sich behalten, sondern schriftlich niedergelegt, in seiner Einleitung zu einem der maßgeblichen Papiere der Päpstlichen Bibel-Kommission, der er seit 1981 vorstand. Rabbi David Rosen, von jüdischer Seite an den Vorbereitungen zur Eröffnung diplomatischer Beziehungen zwischen dem Vatikan und Israel beteiligt, erinnert sich, wie er Kardinal Ratzinger einst auf die Bedeutung dieses Dokuments ansprach, das Jahrhunderten christlicher Judenfeindschaft den Boden entzieht, und wie Ratzinger darüber in ein „breites Lächeln“ ausgebrochen sei. „Er argumentierte“, erklärte Rabbi Rosen, „dass diese Haltung (die Nichtanerkennung Jesu als Messias – Ch.N.) gleichfalls Bestandteil des göttlichen Plans sei, und der Umstand, dass die Juden Jesus nicht akzeptierten, nicht als ein Akt gesehen werden dürfe, Gott zurückzuweisen, sondern als Teil von Gottes Plan, die Welt daran zu erinnern, dass Frieden und allgemeine Erlösung der Menschheit noch fern sind.“ Erstaunt fügte Rosen hinzu: „Das ist verblüffend. Er nahm etwas, das seit Jahrhunderten als einer der Hauptgründe für die Verdammung des Judentums und des jüdischen Volkes hergehalten hatte, und verwandelte es in etwas von positiver theologischer Bedeutung.“

Israel Singer, der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, ist der Meinung, dass Kardinal Ratzinger „der Mann (sei), der für Papst Johannes Pauls II. Entscheidung, Beziehungen mit Israel aufzunehmen, die theologische Untermauerung lieferte. Er löste das eigentliche Problem, die zweitausend Jahre alte theologische Frage. So veränderte er in den letzten zwanzig Jahren die zweitausend Jahre währenden Beziehungen zwischen Juden und Christen grundlegend.“

Von den heutigen Juden, vor allem denen in Israel, gewann Ratzinger sein eigenes authentisches Bild, das seinen traditionsbewussten Ansatz einer Wertschätzung dieses Volkes bestätigte. In den Jahren vor der Aufnahme diplomatischer Beziehungen machte er einige stille Besuche in Israel. 1994 nahm er an der internationalen Konferenz „Religious Leadership in a Secular Society“ in Jerusalem teil. Bei dieser Gelegenheit betonte er öffentlich die besondere Bedeutung einer Annäherung zwischen der katholischen Kirche und Israel: „Die Geschichte der Beziehungen zwischen Israel und dem Christentum ist voller Blut und Tränen. Nach Auschwitz darf die Mission der Versöhnung und Anerkennung nicht länger aufgeschoben werden.“

Doch auch hier reichte dieses Mannes gedanklicher Ansatz tiefer. Auschwitz, so singulär dieses Verbrechen in der Geschichte dastehen mag, war wiederum nur Ausbruch von etwas viel Älterem und Tieferen. Die amtliche Bezeichnung für „Auschwitz“ war „Endlösung der Judenfrage“, und „Endlösung der Judenfrage“ hieß, dass europäische, christliche Gesellschaften immer noch mit einer „ungelösten Judenfrage“ laborierten, fast zweitausend Jahre nach Christus. Sie hatte sich zu einem monströsen Problem entwickelt und war längst keine „Judenfrage“ mehr, sondern zunehmend eine Selbst-Infragestellung christlicher Gesellschaften. Sie war Herd einer Krankheit des Christentums, einer Selbstzerstörung von innen. Angesichts des Holocaust hatte sich die alte „Judenfrage“ zugespitzt: zu einem Humanität und Christentum bedrohenden Phänomen.

Von jüdischer Seite wurde mit der Gründung des neuen jüdischen Staates eine positive Lösung der „Judenfrage“ begonnen. Zugleich stellt die Rückkehr des verstreuten Volkes in die alt-neue Heimat wiederum ein theologisches Problem für viele Christen dar. Für die Kirchen war „Israel“ über Jahrhunderte nicht mehr das Volk der Juden, sondern die weltweite Gemeinde der Christen. Wenn Rabbiner und Pfarrer in den letzten zweitausend Jahren vom „Volk Israel“ oder von „Israel“ sprachen, meinten sie zwei verschiedene, einander ausschließende Menschengruppen. Auch an diesen heiklen Punkt wagte sich der Theologe Ratzinger heran, wissend, dass er für ein jüdisch-christliches Miteinander von Morgen entscheidend ist.

Befragt, ob der neue Staat Israel eine besondere Bedeutung für das Christentum hätte, erklärte er: „Ich denke ja, ohne damit voreilig theologische Schlüsse ziehen zu wollen, denn der israelische Staat entstand aus säkularem Denken heraus und ist selbst ein säkularer Staat. Aber dieses Geschehen hat große religiöse Bedeutung, denn dieses Volk ist nicht einfach ein Volk wie andere. Sie haben stets die Verbindung zu ihrer großen Geschichte gehalten, und deshalb finden sie sich heute wieder im Heiligen Land, dem Heiligen Land der Geschichte aller drei monotheistischen Religionen. Darin liegt selbstverständlich eine Botschaft für Christen.“

Ratzinger vertrat die These einer besonderen Rolle Israels unter den Völkern, er nannte als den für diese Besonderheit entscheidenden Grund: Israels auffallende Geschichtsverbundenheit, eine konservativ-kreative Haltung, aus der heraus, in einem gottgegebenen Augenblick, plötzlich ein großes Neues entsteht. Der spätere Papst erkannte das Revolutionäre in der Rückbesinnung, in der gedanklichen Rückkehr zur historischen Herkunft, zur spirituellen Quelle. Eine Kirche der Zukunft, davon war er überzeugt, findet diese Quelle im Judentum.

Nachtrag 2022: Es gibt viele verschiedene Sichtweisen auf Papst Benedikt XVI., auf den Theologen Josef Ratzinger, sein Wirken und sein Werk. Er wird auch jetzt wieder scharf kritisiert, gerade von Seiten deutscher Christen. „Der Streit um Benedikts Erbe beginnt“, verkündete das deutsche Leitmedium Spiegel schon einen Tag nach seinem Tod. Umso mehr fällt auf, dass auch diesmal von jüdischer Seite eine der dankbarsten Würdigungen kommt.

„Im Namen aller Bürger Israels sende ich mein tiefempfundenes Beileid aus Anlass des Ablebens von Papst Benedikt XVI,“ schrieb Israels Premierminister Netanyahu in einer an die „christliche Welt“ gerichteten Erklärung am Todestag. „Er war ein großer geistiger Anreger und fühlte sich ganz der historischen Wiederannäherung zwischen der Kirche und den Juden verpflichtet (…) In meinem Treffen mit ihm (2009 in Jerusalem) hörte ich ihn voller Wärme über das gemeinsame Erbe von Christen- und Judentum sprechen und über die Werte, die dieses Erbe der gesamten Menschheit hinterlassen hat. Wir gedenken seiner als eines treuen Freundes Israels und aller Juden.“

Das Alte im Neuen… 2. Januar, 2023

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Wenn die Jahre einander folgen, wird in der Regel eine winzige Zäsur eingefügt, obwohl die Zeit natürlich unerbittlich fortschreitet und es nicht einmal eine Millisekunde Pause gibt zwischen 24.00 und 0.00 Uhr. Die Zeit ist vollkommen identisch, nur dass wir mit 24.00 Uhr den alten Tag beschließen und gleichzeitig mit 0.00Uhr den neuen Tag beginnen.

So ist auch der Übergang von einem Jahr zum nächsten nur ein Punkt in der Einteilung von Tagen, Stunden, Minuten und Sekunden. Sonst nichts.

Es gibt aber natürlich eine Festlegung, die für neue Erdenbürger wichtig ist: Wird der kleine neue Mensch 2 Sekunden vor 24 Uhr geboren, gehört er noch dem alten Jahr an, der Neuling, der im gleichen Klinikum nur 4 Sekunden nach ihm zur Welt kommt, wird dem nächsten Jahrgang angehören.

Aber das ist ein anderes Thema.

Auch wenn wir das neue Jahr mit guten Vorsätzen beginnen, manche Dinge ändern sich – außer in unseren Wünschen – nie.

Zu den Dingen, die sich niemals ändern, gehört, so deprimierend das auch immer sein mag, die zuverlässige Enttäuschung, die die Redakteure des Magazins ‚Der Spiegel‘ und viele andere Journalisten in weniger bedeutenden Blättchen all denen bereiten, die darauf hoffen, dass die Lästermäuler der Lohnschreiber zumindest angesichts des Todes einer bemerkenswerten Persönlichkeit der Gegenwart einfach mal schweigen, wenigstens schweigen für die Zeit, die zwischen dem Ableben und der Beisetzung liegt. Aber nicht einmal das bringen sie fertig, die Inquisitoren der Neuzeit, die akribisch auflisten, was in ihren Augen verdammungswürdig am Leben des Verstorbenen ist und dabei allzu leicht das vergessen, was auf der Positivliste zu vermerken wäre. Sie schaffen es einfach nicht, das Gute und nur das Gute mitzuteilen, getreu dem uralten Grundsatz „de mortuis nihil nisi bene – über Tote nur Gutes“.

Als ich die ersten Nachrichten zum Todes des emeritierten Papstes, Benedikt XVI., las, wurde durch die Autoren der Berichte jedem positiven Gedanken sogleich die negative „Kurskorrektur“ hinzugefügt.

Ich muss gestehen, dass mich das ziemlich sprachlos gemacht hat.

Auch die HAZ konnte sich nicht dazu durchringen, die Todesmeldung auf Seite 1 einfach nur als Nachricht über das Ableben eines sehr bemerkenswerten Menschen mitzuteilen, sie schreibt vielmehr:

Abschied voller Widersprüche

Er war der erste deutsche Papst seit Jahrhunderten. Doch vielen blieb Benedikt XVI. fremd. In seinem Testament bittet der verstorbene Theologe um Verzeihung für seine Fehler. Kritiker halten das für zu spät.“

Für mich, die dem Papsttum aufgrund meiner freikirchlichen Sozialisation eher skeptisch bis kritisch gegenüber steht, war ausgerechnet dieser „deutsche Papst“ ein Lichtblick des Glaubens, ein Rufer in der Wüste des zunehmend gottloser werdenden, einst christlichen Abendlandes, einer, der zutiefst durchdrungen war von der Liebe zu Jesus Christus. Das hat mich immer beeindruckt. Benedikt der XVI. faszinierte mich durch sein Bekenntnis zu Christus. Aber das, so vermute ich, war ausgerechnet das, was ihm viele seiner Kritiker vorhielten, sie sahen in dem Bischof von Rom nicht den „Hirten“, als der Petrus einst von Jesus selbst eingesetzt wurde, mit dem Auftrag, „weide meine Lämmer“, sondern sie erwarteten von einem der profiliertesten Theologen der Gegenwart einen gewieften Verwaltungsfachmann der Firma „katholische Kirche“. Das aber war der Papst vermutlich auch seinem eigenen Selbstverständnis nach nicht. Die Erneuerung, die ihm am Herzen lag, so habe ich ihn verstanden, galt nicht in erster Linie den kirchlichen Strukturen, sie galt der Hinwendung zu Gott, der neuerlichen Ausrichtung auf Gottes Geist und Willen. Unter diese Maxime war meiner Meinung nach auch die viel kritisierte „Regensburger Rede“ einzuordnen, die so dringend nötige Rückbesinnung auf das, was Christsein und Glaube an Christus eigentlich ausmacht, auf die Basis, ohne die alles nichts ist.

Das haben auch damals schon seine Kritiker nicht verstanden – und so verwundert es eigentlich nicht, dass sie auch diese Rede wieder hervorheben als einen Fehler des Papstes, der nicht hätte passieren dürfen.

Es hat mich damals bekümmert, als Benedetto zurücktrat – vermutlich auch, weil seine Kritiker ihm das Leben schwer und schwerer gemacht hatten und er dem Druck nicht mehr standhalten konnte.

Heute will ich nur von dem Segen reden, den dieser Papst all sein Leben lang an seine „Lämmer“ weitergab, die er, getreu dem Auftrag Jesu, in unterschiedlichen Zeiten und in seinen verschiedenen Verantwortungsbereichen „weidete“.

Menschen machen Fehler, davon ist niemand ausgenommen. Auch Priester, Bischöfe und Päpste nicht.

Heute und in diesen Tagen sollte der Segen im Blickpunkt stehen, der durch Benedikt der Welt zuteilwurde.

Möge auch sein Andenken ein Segen sein und fortwirken zur neuen Belebung des Glaubens an Gott, den Schöpfer, Gott, den Vater, Gott, den Sohn und Gott, den Heiligen Geist.


Diesen Beitrag Peter Hahnes möchte ich allen Lesern ans Herz legen.

Lesenswert auch dieser Beitrag: https://www.tichyseinblick.de/meinungen/benedikt-seewald-nachruf/

Ebenfalls dieser: https://www.achgut.com/artikel/benedikt_xvi._denker_beter_jahrhundert_theologe

Sehr gut ist dieser Text: https://www.achgut.com/artikel/revolution_der_rueckkehr_papst_benedikt_xvi._und_die_juden

Abschied und Ausblick 30. Dezember, 2022

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Ich habe im zurückliegenden Jahr über viele Themen geschrieben, die mir unter die Nase gekommen sind und zu denen ich meinen Senf unbedingt dazu geben wollte. Manchmal war ich dabei wenige kompromissbereit, oftmals hart an der Grenze zur Unfreundlichkeit, wenn es um Personen ging, nicht immer war ich dabei ganz gerecht, manchmal ohne Taktgefühl, manchmal habe ich es nicht für notwendig erachtet, tiefer zu schürfen und habe dabei einer Person Unrecht zugefügt…

In einer allgemeinen „Entschuldigung“ generell zu sagen, es tue mir leid, hielt ich aber für eine Mogelpackung.

Wenn ich aber in einer konkreten Situation hier im Austausch mit einer Person heftig oder gar beleidigend geworden bin und das nicht aufgegriffen oder geklärt wurde, möchte ich mich wirklich dafür bei der Person entschuldigen.

So will ich dieses Jahr nicht im Zorn oder Ärger verabschieden, auch wenn Vieles mich zum Zorn gereizt hat oder mir Ärger bereitete – politische Entscheidungen, die mir bis heute unverständlich und falsch erscheinen, Themensetzung, die mir ob ihrer Zudringlichkeit zunehmendes Unbehagen verursachten, Zustände, die mich kopfschüttelnd zurückließen.

Ich möchte das Gute im Gedächtnis behalten, das dieses Jahr mir zukommen ließ. Dafür bin ich dankbar, das will ich erinnern und auch weitersagen.

Es soll kein frommes Anhängsel sein, wenn ich betone, dass ich meinen Dank natürlich auch an Gott richte. Was wäre ich ohne die Zuversicht, Gott als meine Hilfe, meine Zuflucht und mein Heil an meiner Seite zu wissen – trotz meiner Verfehlungen in diesem Jahr.

Ich hoffe, dass ich im kommenden Jahr meinen Zorn besser bändigen kann, dass ich geduldiger werde, ruhiger, freundlicher und liebevoller umgehe mit den Themen und Menschen, denen ich begegne.

Ich wünsche mir mehr Frieden, innerlich wie äußerlich für mich und die Menschen, mit denen ich es im ganz realen Leben und hier in meinem Blog zu tun habe.

Frieden wünsche ich mir für diese Welt, die so zerrissen ist von Not, Leid, Schuld, Versagen und Krieg.

Euch, die Ihr hier ab und zu vorbeischaut und lest, wünsche ich ein gutes Jahr 2023 unter Gottes Schutz und Segen.

Mehr Arbeit für die faulen Säcke… 30. Dezember, 2022

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Erinnert sich noch jemand an die böswillige Formulierung für Deutschlands Lehrer, wie sie ausgerechnet ein SPD-Mann und Kanzler in die Welt posaunte?

Schröder war es, der die Lehrer als „faule Säcke“ bezeichnete und damit dazu beitrug, dem Ansehen eines Berufsstandes, der ohnehin mit einem Imageproblem zu kämpfen hatte (und immer noch hat) schweren Schaden zuzufügen.

Heute Morgen, beim Überfliegen der Nachrichten, die die von mir liebevoll „Käseblättchen“ genannte HAZ lieferte, wollte ich meinen Augen nicht trauen:

Lehrer müssen Schülern bald keine Noten mehr geben“ titelt die HAZ auf Seite 1.

Unsere neue Kultusministerin ohne nennenswerte Berufsausbildung, sieht man von einem begonnenen, aber nicht beendeten Universitätsstudium in „Politik, Deutsche Philologie und Philosophie“ (laut Eigenauskunft) einmal ab, will, wie es in der HAZ heißt, „Notenverzicht nach eigener Aussage ermöglichen, aber nicht anordnen.“ „Wir wollen den Schulen dabei mehr Freiräume geben, wenn sie es wünschen, sagte Hamburg.“

Selbstredend soll das alles natürlich nur zum Wohle der Schüler und Eltern eingeführt werden, weil mit einem Berichtszeugnis genauer die Stärken und Schwächen der Schüler deutlich gemacht werden könnten und Eltern so in die Lage versetzt würden, besser zu wissen, wie sie ihren Kindern helfen könnten, was bei einer „nackten Zensur“ ja nicht ersichtlich und gegeben sei.

Das stimmt natürlich, wenn ich schreibe, „Leon Moritz hat Defizite im Verständnis von Textaufgaben“ ist das ganz sicher aussagekräftiger als die blanke 4 in Mathematik. Allerdings ist mit der Nennung des Problems ja noch nicht die Lösung vorgegeben. Die könnten verantwortungsvolle Eltern jedoch auch im Gespräch mit dem Lehrer erfahren, wenn sie spätestens im Halbjahreszeugnis aus den Noten ersehen können, dass es irgendwelche Defizite gibt. Aber dazu müssten die Eltern ja die Elternsprechtage aufsuchen und sich mit den betreffenden Lehrern unterhalten über die Leistungen des hoffnungsvollen Sprösslings. Sie könnten im Gespräch mit dem Lehrer erfahren, „Ob einem Schüler eher Gedichte oder Sachtexte lägen, ob er Probleme mit der Grammatik oder damit habe, seine Gedanken in Worte zu fassen und wie kreativ er sei..“ Zitatende. Aber Gespräche mit den Lehrern kosten natürlich Zeit, Zeit, die die Eltern nicht haben oder die man ihnen nicht abverlangen will.

Dafür verlagert die Kultusministerin nun das Zeit- und Mehrarbeitsproblem in die Schulen, bzw. Lehrerschaft, die ja ohnehin gebeutelt ist von einem immer noch viel zu großen Personalmangel und dem damit verbundenen Vertretungsunterricht – auch durch fachfremde Lehrkräfte.

Statt mit aller gebotenen Dringlichkeit wieder für mehr Lehramtsstudenten zu werben, um dem jetzt schon abzusehenden Lehrermangel vorzubeugen, der demnächst auf die Schulen zukommt, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in den wohlverdienten Ruhestand gehen, schlägt Frau Hamburg vor, den Arbeitsaufwand der Lehrer deutlich zu erhöhen. Ein „Notenzeugnis“, das selbstverständlich auf den Beobachtungen der Lehrer und den Leistungsnachweisen durch die Schüler beruht, schreibt sich sehr viel schneller als ein Berichtszeugnis, das noch dazu in aller Ausführlichkeit über individuelle Schwächen und Stärken informieren soll und zudem vollkommen vorurteilsfrei formuliert werden muss. „Fünf“ (5) oder „drei“ (3) zu schreiben ist völlig frei von individuellen – positiven wie negativen – Aussagen über den Schüler, aber zu schreiben, „Elisa-Sophie hat Schwierigkeiten, ihre Gedanken in Worte zu fassen, ist aber kreativ bei der Schreibweise komplizierter Wörter“, das hat doch was, da gehen die Gedanken des Lesers der frohen Botschaft spazieren.

Man könne (wolle) mit Berichtszeugnissen den Leistungsdruck vermindern, der auf den Schülern laste, meint Herr Mounajed vom Schulleitungsverband. Damit käme man dem alten Traum vieler Schüler näher, gar keine Leistungsnachweise mehr erbringen zu müssen. Ich gebe zu, ich habe während meiner Schulzeit als Schülerin auch solche Träume gehegt, besonders dann, wenn meine Noten sich bedenklich im unteren Bereich des Spektrums befanden und wenig Aussicht auf einen guten Mittelplatz, geschweige denn auf einen Spitzenplatz bestand. Von der anderen Seite des Lehrerpults aus betrachtete ich diese Träumerei aber eher skeptisch. Ohne Leistungsnachweise zu fordern, das ist leider die Erfahrung aus meinem Lehrerdasein, sind nur sehr wenige Schüler in der Lage, Leistungen freiwillig und aus purer Lust am Lerngegenstand zu erbringen. Ganz sicher gibt es Bereiche in unserem Gesellschaftssystem, in denen das Erbringen einer Leistung rein nach dem Lustprinzip funktioniert. Aber im allgemeinen Getriebe trifft das nicht zu. Da sind es die Sachzwänge in Form der Abhängigkeit von Lohnzahlungen, die das Erbringen einer Leistung erforderlich machen – für die meisten von uns ist das eine reine Selbstverständlichkeit, die wir kaum infrage stellen. Auch das, „Leistung als Selbstverständlichkeit zu erlernen“ gehört zur Bildung dazu, auch dafür ist Schule da, diese Selbstverständlichkeit einzuüben. (Vielen derjenigen, die neu auf unseren Arbeitsmarkt streben, fehlt es genau an dieser Selbstverständlichkeit, die mit Arbeitsplatz und Leistung verbunden ist. Und nein, das ist nicht rassistisch, das ist leider eine immer wieder zu beobachtende Tatsache.)

Diese Selbstverständlichkeit, sich mit einer gegebenen Anforderung auseinanderzusetzen (durch die angesagte Studienordnung beispielsweise) und ihr gerecht zu werden, hat Frau Hamburg im eigenen Leben vermutlich nicht ausreichend gut gelernt, wäre sie sonst vor der Uni und deren Herausforderung in die Politik geflohen, wie leider viel zu viele Politiker vor ihr auch schon (siehe Roth, Joschka Fischer, Göring-Eckhardt, Ricarda Lang, Kevin Kühnert, um nur einige zu nennen, die vom hohen Ross der arbeitenden Bevölkerung Anweisungen erteilen wollen)?

Frau Hamburg glänze während des Wahlkampfs mit dem Vorschlag, man könne ja dem Lehrermangel in den Schulen dadurch abhelfen, dass man beispielsweise Elektriker Versuche durchführen ließ. Auch das eine ganz großartige Idee. Leider geht sie nur an der Schulwirklichkeit der Regelschulen komplett vorbei, denn da geht es neben Lehrplänen und Stundenplänen für viele Klassen und Lehrer so ein ganz kleines bisschen auch um Pädagogik, Methodik, Didaktik, um Theorien und Fähigkeiten, die man sich als Lehramtsstudent erarbeitet und die man nicht durch Politisieren in der grünen Jugend erhält.

Wie kann man einen Menschen zur Kultusministerin und damit für unser Bildungssystem, für Schulen und Tausende Schüler zuständig machen, der selber am Ausbildungssystem der Universität gescheitert ist?

Woher kommst du? 28. Dezember, 2022

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Auf der Seite von Roland Tichy schreibt Mario Thurnes eine wunderbare Geschichte über die Frage nach dem „Woher“, was das mit der eigenen Identität zu tun hat und warum es nicht rassistisch ist, sein „unbekanntes“ Gegenüber genau danach zu fragen: Woher kommst du?

Ich bin in Hohenlimburg geboren, und obwohl Fluss und Bäche dreckig waren von den Einleitungen der Metall verarbeitenden Betriebe an deren Ufern, fast das ganze Tal Tag und Nacht erfüllt war vom Dröhnen der schweren Maschinen in den Fabriken und Betrieben, war es für mich der schönste Ort der Welt. Dort lebten die Menschen, die ich liebte und die mich liebten. Da war ich zu Hause.

Ich war zehn Jahre alt, als es mich ins katholische Münsterland in die Nähe der holländischen Grenze verschlug – gemeinsam mit den Eltern und meinem jüngeren Bruder natürlich. Der Vater hatte dort eine bessere berufliche Perspektive.

Ich war auf der Stelle heimatlos und Außenseiterin. Ich vermisste die Bäche, die Berge und den Fluss, vor allem vermisste ich meine liebsten Menschen, Großeltern, Tanten und Onkel, Vettern und Cousinen.

Mein Bruder und ich waren die einzigen Kinder in der ganzen, kleinen, 3 Klassenräume umfassenden „evangelischen Volksschule“ für alle Schuljahrgänge von 1 bis 8, die einer Freikirche angehörten, im ansonsten von 15000 Katholiken bewohnten Ort, mit 3 Schulen, die ausschließlich katholischen Kindern vorbehalten waren.

Sobald ich in der Schule den Mund aufmachte, weil die Lehrerin eine Frage an mich gestellt hatte, war klar: Die gehört nicht hierher, die ist nicht von hier. Ich war zwar nur 120 km weiter gezogen, aber in eine völlig andere „sprachliche Umgebung“. Mir hörte man die Mischung aus Sauerland und Ruhrgebiet deutlich an – wenn ich heute mit meinen Verwandten in Hohenlimburg telefoniere, höre ich sie immer noch, diese leichte Färbung der Sprache, Vokale, die anders gesprochen werden als in der Gegend, in der ich jetzt wohne, halb verschluckte Konsonanten – wie kann man Garten ohne T sprechen und dennoch wissen, dass der Garten gemeint ist?

Und dann diese bestätigenden Füllwörter wie „woll“ und „wonnich“ (kein Schreibfehler diesmal, es ist nicht „wonnig“ gemeint, sondern die Verkürzung von „wohl nicht“).

Wie bin ich gehänselt worden ob dieser Sprache! Dat kannse dir nich vorstelln.

Als wir ein paar Jahre später – wieder wegen der beruflichen Veränderung des Vaters – vom katholischen Münsterland ins nordhessische Kassel zogen, war es der gleiche sprachliche Schock, nur dass ich inzwischen etwas älter war, mein Sauerland-Ruhrpott-Deutsch im Münsterland, nahe der holländischen Grenze, ein wenig abgeschliffen worden war durch die intensiven Kontakte mit Münsterländern, und ich nun in Kassel eher diejenige war, die entgeistert auf die Sprachmelodie der Nordhessen reagierte, einer Sprache, die sich zudem durch eine – sagen wir mal – eigenartige grammatikalische Konstruktion ihrer Sätze von dem unterschied, was ich bisher an Satzbau und Grammatik gewohnt war. „Es Edith seim Hund“ sollte wohl „Ediths Hund“ bedeuten.

Wieder ein paar Jahre später, an der ersten Schule, an der ich als junge Fachlehrerin mein Berufsleben begann, erlebte ich die Eigenarten des Hessischen in der Abgeschiedenheit der nordhessischen Dörfer im Gebiet des Hohen Meissners, nur 25 km von Kassel entfernt. Manche meiner Schüler konnte ich kaum erstehen, mischten sich doch viele mundartlich geprägte Ausdrücke in ihre Sprache, die ich nie zuvor gehört hatte und die sich mir auch aus dem Zuhören nicht erschlossen.

Jetzt lebe ich im Umland von Hannover, einer Gegend also, von der behauptet wird, hier würde das „reinste Hochdeutsch“ gesprochen. Ich traue dieser Behauptung nicht so ganz… Aber das ist ein anderes Thema.

Immer noch freue ich mich, wenn ich einem Menschen begegne, dessen Sprache vom heimatlichen Klang meiner Kindheit begleitet wird – und oft genug frage ich dann sehr spontan: Wo kommen Sie her? Selten, sehr selten wird mir daraufhin eine dumme Antwort gegeben. Meistens entwickelt sich ein nettes Gespräch zwischen uns, ganz so, wie es auch in dem verlinkten Bericht geschildert wird.

Es wäre doch schade, wenn die Frage nach dem „Woher“ unter Rassismus-Verdacht gestellt würde. Ich glaube nämlich, auch aufgrund meiner eigenen Erfahrung, dass sich die meisten Menschen darüber freuen, wenn sie nach ihrer Herkunft gefragt werden, können sie doch von ihrer Heimat berichten, von denen, die sie liebten und von denen sie geliebt werden.

Das tut gut, lässt das Heimweh weniger werden….

Ich kann aber auch die verstehen, die ihrem äußeren Erscheinungsbild nach nicht als „Bayer“, „Hesse“ oder „Ostfriese“ angesehen und deren Heimat man eher in Afrika oder Japan vermuten würde, wenn sie sich, obwohl in Bayern, Hessen oder Ostfriesland geboren, von dem Fragesteller als „Fremdling“ betrachtet fühlen – und diese (unausgesprochene Zuschreibung) schmerzt. Vielleicht könnten aber diejenigen, die „Rassismus“ rufen, lernen, eine Chance in der Frage zu sehen, für ein Gespräch über das „Woher“ und „wer ich bin“.

Tragen wir nicht alle immer auch die Geschichte unserer Familie, zu der wir gehören, mit uns, mag sie in Hohenlimburg, in der Nähe Odessas (wie bei meiner Schwiegerfamilie) oder sonstwo auf der Welt ihren Ausgangspunkt der Erinnerung haben…

Eine Meldung und der passende Kommentar… 27. Dezember, 2022

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Dies ist die Meldung:

„Die Windenergiebranche rechnet im gesamten Jahr 2022 mit einem Ausbau von 2,3 bis 2,4 Gigawatt. Um Klimaziele zu erreichen, hält Habeck einen Zubau von zehn Gigawatt pro Jahr für notwendig. „Zehn Gigawatt Zubau pro Jahr sind natürlich eine wirklich hohe Zahl“, sagte der Minister. „Das haben wir noch nie geschafft in Deutschland, da waren wir noch nie – und das dauerhaft verstetigt.“ Es gebe eine Reihe von konkreten Regelungen, die Windräder für die Anwohner, die Bürger und die Landkreise attraktiver machten, sagte Habeck.“

Und dies der passende Kommentar:

„Stimmt, Herr Dr. Habeck, das ist eine wirklich hohe Zahl, die eigentlich nur im schwedischen Bullerbü erreicht werden kann. Das glauben Sie nicht? Gerne gehe ich Ihren 3.600 Mitarbeitern im Wirtschafts- und Klimaministerium mal ein bisschen zur Hand, um auszurechnen, was Ihr Plan für die Windradindustrie konkret heißt. 

Nach Ihrer Aussage sollen 10 Gigawatt pro Jahr gebaut werden, das sind 2.000 modernste Windenergie-Onshoreanlagen mit einer Leistung von je 5 Megawatt – „dauerhaft verstetigt“. 

Ein Jahr hat ungefähr 250 Arbeitstage. 

Das bedeutet, dass ab sofort acht (!) Windenenergieanlagen pro Arbeitstag in Deutschland fertiggestellt werden müssen, sonst wird es nichts mit den 10 Gigawatt pro Jahr. 

Damit ein Windkraftwerk auch sicher steht, ist ein entsprechendes Fundament erforderlich. Dies hat einen Durchmesser von 20 bis 30 Meter und eine Tiefe bis zu 4 Meter. In einem Fundament werden etwa 1.300 Kubikmeter Beton und 180 Tonnen Stahl verbaut. Insgesamt hat das Fundament ein Gewicht von 3.500 Tonnen. Bei einer Tiefgründung werden zusätzlich ca. vierzig 15 Meter lange Betonpfeiler in den Boden gerammt.

Das bedeutet auch, das pro Arbeitstag zirka 28.000 Tonnen Stahlbeton für Windradfundamente gegossen werden müssen. Das sind so um die 1300 Beton-Fahrmischer pro Tag, die zu den zu bauenden Fundamenten dieseln. Damit würde rund ein Sechstel der gesamten deutschen Jahres-Zementproduktion ausschließlich für Windradfundamente benötigt. 

Diese Rechnung kann beliebig fortgeführt werden. Es müssen acht 140 Meter hohe Pfeiler gebaut werden – pro Tag. Es müssen 24 gigantische Windradflügel pro Tag herangekarrt und montiert werden… Zum Schluss kommt entweder heraus, dass Herrn Dr. Habecks ehrgeizige Windenergie-Ausbaupläne auf reiner Halluzination beruhen, oder dass der Fachkräftemangel im Bundesministerium für Wirtschaft und Naturschutz angekommen ist. Im schlimmsten Falle gilt beides. Übrigens auch für die FAZ, in der niemand den Unfug bemerkt.“

Und weil der Kommentar so schön ist, erübrigt sich mein eigener.

Einen NACHKLAPP gibt es auch, diesmal vom Autor des verlinkten Beitrags.

Am 27. 12. schreibt Manfred Haferburg bei achgut dies: „Klimawattstunden – jetzt überall

Mutter Erde und himmlischer Vater 27. Dezember, 2022

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Mutter Erde und himmlischer Vater – oder auch ungeordnete Gedanken bei und über „Himmel und Erde“.

Normalerweise bilden Vater und Mutter das, was man früher „Eltern“ nannte.

Dass das heute nicht mehr ganz so gesehen wird, ist dem Zeitgeist geschuldet, der nicht mehr die biologischen Verhältnisse für die „Elternschaft“ als ausschlaggebende Voraussetzung ansieht (für alle, die es in der Schule nicht begriffen haben: Ein Kind entsteht NUR aus dem Zusammenwirken der Eizelle einer biologischen Frau mit der Samenzelle eines biologischen Mannes), sondern der die Übernahme von Verantwortung für Kinder durch ein, zwei (oder mehr?) Personen gleichen oder verschiedenen oder diversen Geschlechts zum wesentlichen Faktum von „Eltern“ ansieht. Ich betone ausdrücklich, dass ich hier keinerlei Wertung vornehme, sondern lediglich die begriffliche Verschiebung früherer Gewissheiten artikuliere.

Früher, wenn ich das so anführen darf, waren die Zuständigkeiten der Eltern nach früherem Verständnis klar geregelt, wie man bei Schiller in dessen „Lied von der Glocke“ so wunderbar nachlesen kann:

„Der Mann muß hinaus
Ins feindliche Leben,
Muß wirken und streben
Und pflanzen und schaffen,
Erlisten, erraffen,
Muß wetten und wagen
Das Glück zu erjagen.
Da strömet herbei die unendliche Gabe,
Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,
Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.
Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen,
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn.“

Auch das trifft ja längst nicht mehr in dieser strengen Aufteilung der Rollen zu. Es gibt Hausmänner, die die Kinder hüten und das Essen kochen, die Wäsche waschen und für Ordnung im Haus sorgen und Polizistinnen oder gar Soldatinnen, die, wenn es darauf ankommt, dem Feind leibhaftig gegenüber stehen – feindlicher als Krieg kann Leben eigentlich nicht sein.

Früher, wenn ich das so sagen darf, waren auch die Rollen für „Mutter Erde“ und „himmlischer Vater“ klar geregelt. „Mutter Erde“ stand für das Irdische, die Natur, war der Ausdruck für die Fruchtbarkeit des Bodens, von der wir alle abhängig waren und sind. Es gab jedoch auch viele Völker im bisherigen Verlauf der Geschichte, die „Mutter Erde“ göttliche Tugenden und Eigenschaften andichteten und darum auch verehrten und anbeteten. „Der himmlische Vater“, wie wir ihn noch kennengelernt haben, auch bekannt aus dem Buch der Bücher als Schöpfer Himmels und der Erde, war mit der Christianisierung des ehemals heidnischen, im dann christlichen, nun aber kaum noch christlichen Abendlandes darüber hinaus für alles zuständig, was Mutter Erde nicht leisten konnte. Ihn riefen die Menschen in größter Not an, baten um Hilfe und Beistand – auch um den Beistand für Mutter Erde, die zwischenzeitlich ihre Fruchtbarkeit immer wieder mal verlor und darum die Menschheit in höchste Gefahr und Not brachte.

Der „himmlische Vater“ war gleichzeitig der Inbegriff für Liebe und Barmherzigkeit und galt als „omnipotenter“ Beherrscher aller nur denkbaren – auch feindlichen – Lebenslagen. Außerdem, und das ist wohl vielen Menschen heutzutage ganz egal oder völlig entgangen, wies er über die irdischen Belange hinaus auf das Ewig-Gültige, das Unerklärliche, auch auf das, was nach dem irdischen Ableben als „himmlische Präsenz“ nicht nur auf den gläubigen Menschen wartete.

Mit dem wachsenden Wissen des Menschen von dem, was die Welt im Innersten wie Äußersten zusammenhält, schwand aber zunehmend der Glaube und das Vertrauen an und in die Omnipotenz des himmlischen Vaters, er wurde mehr und mehr zum „alten weißen Mann mit Bart“ erklärt (und das nicht nur der alten Gemälde wegen, auf denen Gottvater als alt, bärtig und weiß dargestellt wurde), ihm wurde nur noch eine Nebenrolle zugewiesen, allenfalls noch tauglich für good vibrations oder als Seelentröster, wenn es mal wieder „dicke kam“ für den einen oder anderen. Und nachdem nun im neuen Gewand der Erkenntnis (Gender lässt grüßen) alte weiße Männer auch im realen Leben nur noch als Statisten allenfalls geduldet, ihnen aber jegliche Form der Einmischung in die Belange der Gesellschaft untersagt werden, ist es mit der Anerkennung, geschweige denn Verehrung für den „himmlischen Vater“ auch nicht mehr weit her.

Dafür wird „Mutter Erde“, alias „die Natur“ zunehmend mehr zur anbetungswürdigen Götterstatue, die, gleichsam wie in einen Schrein gestellt, vor allen möglichen schrecklichen Gefahren geschützt werden muss. Die größte Gefahr geht ja von uns Menschen und der von uns verursachten Klimaerwärmung aus. Und damit wird es kompliziert: Der omnipotente himmlische Vater ist nicht länger mehr Herr der Schöpfung und damit auch nicht länger zuständig für „Wolken, Luft und Winde“, wie es in einem alten Lied noch besungen wird, nein, WIR sind es, wir Menschen sind zur Rettung der Welt aufgerufen. Mancherorts werden Leitern für die Schöpfung gebaut, Leitern, wie sie vermutlich auch beim Turmbau zu Babel genutzt wurden, um mit dem Turm an den Himmel zu reichen und Gottvater dort persönlich besuchen zu können. Heute darf der „himmlische Vater“, wenn überhaupt, noch rein verbal seinen Segen dazugeben, seine Schöpferkraft ist dank der Schöpfungsleiter nicht mehr notwendigerweise gefragt, wir haben ihn als Herrn SEINER Schöpfung quasi „entmannt“, ihn zum Weichei gemacht, zuständig nur noch für die Streicheleinheiten für die Seele, sofern wir ihn überhaupt noch für existent halten.

In unserer Vorstellung ist die Allmacht des himmlischen Vaters an uns weitergegeben worden, um nicht zu sagen, wir haben ihm die Allmacht entrissen und sind nun selber die Herren der Schöpfung und das selbstredend auch ohne jede Einschränkung. Vielleicht unterliegen Sonne, All und Planetensystem noch nicht ganz unserem Herrschaftsanspruch, aber sind wir nicht auf dem besten Weg, auch in dieser Kleinigkeit zu obsiegen? Es gibt sie doch schon lange, die Überlegungen zur Erforschung des Alls und die dazu gehörenden Forschungs- und Beobachtungssatelliten.

Ganz ehrlich, was sollen wir auf dem Mars oder auf noch weiter entfernt liegenden Planeten? Und dienen die Forschungsflüge zu weit entfernten Gebieten unserer Galaxie nicht auch dazu, dem letzten Geheimnis, das wir bisher mit dem Schöpfergeist Gottes in Verbindung brachten, das Rätsel zu entreißen und den alten, weißen, bärtigen Gottvater endgültig ins Reich der Märchen, zumindest aber in den Ruhestand zu versetzen?

Wäre es nicht angebrachter, mit dem schönen Geld, das für solche Expeditionen und Forschungsreisen ausgegeben wird, den Hunger der Menschen zu bekämpfen, den Kindern Zugang zu einem gut funktionierenden Gesundheitssystem zu verschaffen, ihnen Bildung zukommen zu lassen? Ah, ich vergaß, Bildung ist gefährlich, es kann Menschen übermütig machen, zu Hybris verführen, Machtgelüste im Wissenden entwickeln und ihn in den Wahn verfallen lassen, gleichsam gottgleich zu sein, keinerlei Rechenschaft über sein Tun leisten zu müssen — an Putin lässt sich das gerade gut beobachten, ich meine die Hybris, die allerdings bei manchen Menschen auch ganz ohne Bildung auskommt.

So weit meine ungeordneten Gedanken bei und über Himmel und Erde.

Ich könnte sie weiter und weiter spinnen, man mag dies als mein Plädoyer dafür lesen, neu über „menschliche“ Zuständigkeiten nachzudenken …

N A C H K L A P P

Anders als der „himmlische Vater“, der von uns nichts anderes erwartet, als ihm zu vertrauen, verlangen die Verteidiger von „Mutter Erde“ Opfer, die wir zu erbringen haben. Kurz vor Weihnachten bereiteten sie die Opferverordnung vor, nachlesen kann man das hier: https://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20221212IPR64527/klimaschutz-einigung-uber-ehrgeizigeren-eu-emissionshandel-ets

Freu dich, Erd und Sternenzelt… 24. Dezember, 2022

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Mit einem der schönsten Weihnachtslieder grüße ich alle Menschen, die hier ab und zu lesen und wünsche allen ein frohes und fröhliches Weihnachtsfest, eine gesegnete Zeit.

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